Posts Tagged 'Psychiatrie'

Erschienen

ist der Artikel „Kollege Hannibal Lecter“ von Margit Breuss, Renate Gross, Susanne Maislinger und Wilhelm Kantner-Rumplmair in →“ClinicumNeuorpsy.“

Krimi ohne Mord und ohne Ermittler, jedoch mit Psychiater

Weil das Genre ja stets im Wandel bleiben muss und das gar nicht so leicht ist mit dem immergleichen Personal aus ErmittlerInnen und Opfern und MörderInnen, will ich hier extra drauf hinweisen, dass in Kabelkas Krimi „dünne Haut“ nicht gemordet, nicht geklaut, nicht geraubt, eigentlich fast nichts verbrochen wird. Ein Verbrechen wird vereitelt und eins „geoutet“, zum Aufklären bleibt keins übrig. Der Kommissar ist mit den Nerven am Ende und weilt in einer Psychosomatik. Dass ihn dort die Leichen der Vergangenheit einholen, fällt mehr einer therapeutischen Klärung anheim als einer polizeilichen.

Das wäre an sich schon kurios für einen Krimi, noch kurioser sind aber die Psychiaterfiguren, die so reden, als quelle direkt ein Psychotherapielehrbuch aus ihrem Mund. Das klingt dann so:

Wenn ich Ihre Geschichte höre, Ernst, sehe ich, wie Sie durch die Forderungen und Ansprüche Ihrer Eltern in eine permanente Übererregtheit gedrängt wurden. In eine Art von Aktionismus, der sich – vielleicht auch beruflich bedingt – bis heute ständig gesteigert hat. Wo ihnen jede Entspannung fremd ist und Sie sie deshalb abwehren. Nur wenn Sie aktiv sind, am besten auf einer öffentlichen Plattform, glauben Sie, mit sich selbst deckungsgleich zu sein. Aber merken Sie eigentlich, Ernst, dass Sie mit dieser Haltung dem Leistungsdenken mehr verhaftet sind als mancher Kapitalist, den Sie auf der Kabarettbühne bekämpfen?

Ernst ist übrigens nicht der Kommissar, um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ernst ist von Beruf Wiener Kabarettist, er weilt ebenfalls in besagter Psychosomatik. Sagen wir es so: Wenn meine Studierenden in den Gesprächsführungsseminaren so daherreden würden, hätten sie ein echtes Problem hinsichtlich der Prüfung. Weil’s doch die Aufgabe jeglicher ärztlicher und therapeutischer Kommunikation ist, Kontakt herzustellen und Verständnis und da wird man schon so reden müssen, dass es die Leut‘ auch verstehen. Ehrlich gesagt: Ich musste das zwei, dreimal lesen, um ungefähr zu kapieren, was damit gemeint ist. Als gesprochene Intervention gegenüber PatientInnen ist sowas undenkbar. Aber die Psycholeute in diesem Buch übertreiben es auch in anderen Dingen gern. Den Vogel schießt eine Therapeutin ab, die die längste Zeit „mit verzogener Schulterpartie und schiefem Kopf“ ihrem Patienten gegenübersitzt, um ihn zu „spiegeln“.

Persiflage, könnte man jetzt denken, das ist Kabarret. Die Psychos werden einfach völlig übertrieben. Aber dann auch wieder nicht. Wenn sie miteinander reden, wirken sie mitunter plötzlich ziemlich normal. Nur den PatientInnen gegenüber wissen sie nicht, wie sie sich aufführen sollen. Und der Rest des Buches kommt jetzt auch nicht sehr satirisch daher, vieles ist sehr naturalistisch dargestellt. Am ehesten wird der Kaberettist „Ernst“ noch auf die Schippe genommen. Einerseits durch seinen Namen und andererseits durch einen Auszug aus seinem Programm, das auch mehr ernst ist als satirisch. Psychiater, die völlig abgehoben sind, ein Kabarettist, der Ernst ist und dessen Programm ernst ist. Und das kommt alles ziemlich ernsthaft daher. Ehrlich gesagt, ich kenn‘ mich nicht aus. Was ist das? Teilsatire?

Franz Kabelka: Dünne Haut, Haymon 2008

Rezension:

von Ingeborg Sperl beim →Standard

Sebastian Fitzek als Hannibal Lecter

Sebastian Fitzek inszeniert sich neuerdings – um sein neues Buch „der Seelenbrecher“ zu promoten -, als „geistesgestört“ und „gefährlich“.  Dazu wirft er sich medienwirksam in eine Hannibal-Lecter-Kostüm und lässt sich von begleitenden „Ärzten“ in einer Zwangsjacke zur Lesung vorführen.

Wunderbar! Sebastian Fitzek vermittelt genau die Botschaften, gegen die psychisch Kranke, ihre Angehörigen und die Menschen, die in der Psychiatrie tätig sind, seit Jahrzehnten ankämpfen:

1. Psychisch Kranke sind gefährlich

2. Psychisch Kranke neigen zu bizarren Verhaltensweisen wie zum Beispiel, sich außerhalb von Fasching und Halloween als Hannibal Lecter zu kostümieren

3. Psychisch Kranke werden in Zwangsjacken gesteckt

Wie bitte, kommen Menschen mit psychischen Krankheiten dazu, sich mit Autoren im Hannibal-Lecter-Kostüm vergleichen zu lassen? Und bitte, kann mich jemand aufklären, was an einem Hannibal-Lecter-Verschnitt originell sein soll? Hannibal Lecter ist, soweit ich weiß, jetzt nicht ganz neu.

Für diese Inszenierung verleihen wir Sebastian Fitzek und dem Droemer Knaur Verlag, der das →Video promotet, jedenfalls feierlich den goldenen Stigmatisierungsorden mit Band.

Neu im Schaufenster – Paulus Hochgatterer – Die Süße des Lebens

2006 erschienen, ist es ja schon fast ein alter Hadern, respektive →Klassiker des österreichischen Psychiaterkrimigenres, respektive ein prospektiver Klassiker, soweit man das jetzt schon sagen kann. Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, so einfach einmal durchgelesen, hat es mir gar nicht so gefallen, es ist ein bisschen umständlich, ein bisschen kompliziert, manchmal ein wenig langsam, springt zwischen Schauplätzen und Erzählperspektiven. Die Leute, die da herumgeistern, sind ein bisschen normal und ein bisschen schräg zugleich. Alltäglich, aber nicht ganz. Nichts, das man gut zwischen Tür und Angel liest. Wenn ich das will, dachte ich damals, brauch ich keinen Krimi lesen, da tut es auch ein gewöhnlicher Roman.

Jetzt habe ich das Buch aber mit mehr Aufmerksamkeit und Muße gelesen und es schätzen gelernt. Es ist einfach ein Buch, das wunderschöne und weise Sätze enthält. Einen habe ich ja →bereits zitiert:

Vielleicht wird man als Mediziner Psychiater, dachte er, wenn man den Geruch von Fußschweiß nicht verträgt.“

Es gibt da auch Déjà-vu Erlebnisse, was die Zusammenarbeit mit KollegInnen anderer Fachrichtungen anbelangt:

Im Stiegenhaus sah Horn die Zuweisungszettel durch. Er ordnete sie nach Stockwerken, von oben nach unten, wie immer. Sieben Stück, drei davon von der Orthopädie, der kleinsten Abteilung des Hauses. Köhler hatte Dienst gehabt, das erklärte die Sache. Er war erstens ein Angstneurotiker wie aus dem Lehrbuch und zweitens psychiatrisch eindeutig überinteressiert. Anfangs hatte ihn Horn mehrmals gehänselt – die Hammerzehe sei wahrhaftig ein komplexes psychosomatisches Phänomen und so in der Art, doch das hatte augenblicklich zu einer Vervielfachung der Konsiliarzuweisungen geführt, und Horn hatte es lieber wieder bleiben lassen.

Dann erfährt man auch einiges über die Welt außerhalb der Psychiatrie, zum Beispiel sind Literaturkritken gängiger populärwissenschaftlicher Werke in diesem Werk enthalten:

Am liebsten ereiferten sich die beiden über die Aufgeblasenheit gewisser selbsternannter Kapazitäten der Kriminalpsychologie, die großspurig behaupteten, sie seien „Profiler“ und Bücher mit Titeln wie „Monster Mensch“ oder „Was mich Geoffrey Dahmer lehrte“ schreiben. Dieser Schrott wird dann an Leute mit Aggressionshemmung und niedrigem Intelligenzquotienten verkauft“, pflegt Demski zu sagen und Bitterle nickte mit glühenden Wangen. Er ist klug und bescheiden, dachte Kovacs – wesentich ist, dass sie sich gegenseitig für gescheit halten, das erzeugt offenbar Vertrautheit.

Das Buch beantwortet übrigens teilweise die Frage, →warum →ich Krimis lese Weil sie mir – im besten Fall – meinen Job und ein bisschen mehr erklären.

Sekundärliteratur: What physicians have in common with Sherlock Holmes: discussion paper

Auf das „Sherlock Holmes Paradigma“ bin ich ja schon länger gestoßen. Es bezeichnet – jetzt stark vereinfacht – Paralellen der Arbeitsweisen von Detektiven und Medizinern (1). Sowohl der Detektiv als auch der Mediziner müssten Hinweisen folgen und daraus Schlüsse ziehen, um schließlich den Täter beziehungsweise die Diagnose zu finden. „Medical work often demands detective skill“ bringen es Peschel&Peschel (2) auf einen Punkt.

Jetzt einmal ganz persönlich und privat: Dass mag schon sein, dass dem manchmal so ist, aber reicht das schon, um daraus ein Paradigma zu konstruieren? Ist diese Art des Arbeitens nicht sehr weit verbreitet? Wie finden ComputertechnikerInnen einen Fehler im System oder AutomechanikerInnen? Worum hat mich der ÖAMTC-Techniker gebeten, als ich vor einigen Monaten im Schnee stecken geblieben bin und mein Auto nicht angesprungen ist? Starten! Er hörte hin und nach ein paar Sekunden wusste er, wo das Problem liegt. Was mache ich anders, wenn ich jemanden das Stetoskop auf die Brust halte? Der Mechaniker schließt – ganz Sherlock Holmes – aus Hinweisen auf den dahinter liegenden Sachverhalt. Redet deshalb jemand vom Sherlock Holmes Paradigma in der KfZ-Technologie? Zweitens ist dieses prototypische Diagnostizieren – das Sammeln von Symptomen und Befunden und das Konstruieren einer Diagnose aus diesen Zeichen, in Wirklichkeit nur eine Art der medizinischen Herangehensweise. Daneben gibt es noch die verpönten aber alltäglichen „Ad-Hoc“-Diagnosen. Ein Patient oder eine Patientin kommt herein und man weiß nach wenigen Minuten, was ihm oder ihr fehlt. Das ist einfach manchmal so, nicht alles in der Medizin ist schwierig und man kriegt auch einmal Erfahrung. In den offziellen Aufzeichnungen kommt natürlich das nicht vor, denn dort werden die Symptome fein säuberlich dokumentiert. Dass diese „Post-Hoc“ nachgereicht wurden, sieht man nicht. Und dann gibt es noch das Gegenteil von „Ad Hoc“: Diagnostische Pfade. Das wird in der Zeit der „Absicherungsmedizin“ immer häufiger. Ich weiß schon lange mit 95%er Sicherheit, was der Patient oder die Patientin hat, aber wenn ich mich irre, wird er oder sie mich verklagen, deshalb muss ich nachweisen, dass ich alles, aber wirklich alles getan habe, was heute Stand der Technik ist. Das bedeutet für das diagnostische Vorgehen: Ich befrage den Patienten oder die Patientin nicht mehr lang und breit und suche keine Symptome mehr, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern ich frage mich: Was ist das Standardvorgehen für dieses Problem? Nehmen wir als Beispiel: Jemand hat starke Kopfschmerzen, vor allem im Nacken seit gestern Abend. Jetzt muss ich alles mögliche ausschließen und setze die diagnostische Maschine in Gang: Labor, CT, MRI, Lumbalpunktion. Röntgen der HWS. Ich folge also brav der Prozedur und schließe eine Möglichkeit nach der anderen aus. Die Befragung und Untersuchung dienen eigentlich nicht mehr dazu, zu einer Diagnose zu gelangen, sondern zur Entscheidung, welche Standardprozedur ich anwerfen muss. Wirklich, so eine mehrtägige, stationäre Kopfschmerzabklärung haben wir während meiner Ausbildung einmal einem jungen Mädchen angetan, das in der Woche vor der Matura den ganzen Tag gelernt hat und nachher starke Kopfschmerzen hatte. Wir glaubten eben beweisen zu müssen, dass es kein Hirntumor, keine Meningitis, keine Hirnblutung ist. Gefunden haben wir natürlich nichts. Ob Sherlock Holmes mit Diagnostikmanualen seine Freude hätte, mag ich bezweifeln. Also, zusammengefasst noch einmal meine persönlichen Vorbehalte: Erstens verstehe ich nicht ganz, welche Faszination die „Sherlock-Holmes-Paradigma-Idee“ auf die Medizin auszuüben vermag, weil ich meine, dass dieses schlussfolgernde Denken, das diesem Zugang zugrunde liegt, ubiquitär vorkommt und nicht exklusiv DetektivInnen und MedizinerInnen vorbehalten ist. Zweitens halte ich es der heutigen medizinische Wirklichkeit nicht mehr angemessen (3), aber die meisten der Artikel zu diesem Thema sind auch nicht heutig. Die meisten, die ich gefunden habe, stammen aus den 70er und 80er Jahren.

Gut, ich bin skeptisch, werde dem „Sherlock-Holmes Prinzip“ aber eine Chance geben, mich zu überzeugen. Fangen wir damit an, dem Begriff  – manche Autoren sprechen sogar von einer Holmesianischen Methode (4) – überhaupt auf den Grund zu gehen. Joel Wilbush meint in seinem Artikel „The Sherlock Holmes paradigm – detectives and diagnosis“, dass Sherlock Holmes ganz speziell mit der medizinischen Welt verbunden sei, weil drei Ärzte – zwei reale und ein fiktionaler geholfen hätten, ihn zu definieren und zu formen: Dr. Watson, Dr. Conan Doyle und →Dr. Josef Bell. Dr. Josef Bells klinischer Zugang habe als Modell für die „holmesianische Methode“ gedient. Sherlock Holmes Schöpfer Dr. Doyle, das sei hier kurz erwähnt, war ein Assistent von Dr. Bell. Sherlock Holmes soll – so sagt Wikipedia im oben angeführten Link – eindeutig identifizierbare Merkmale von Dr. Bell tragen.

Peschel (2) zitiert Conan Doyle, der über seinen Lehrer Joseph Bell in „Memories and adventures“ folgende Episode zum besten gibt:

… In one of his best cases he (Bell, Anm. von mir) said to a civilian patient:

„Well, my man, you’ve served in the army.“

„Aye, sir“

„Not long discharged?“

„No, sir“

„A Highland regiment?“

„Aye, sir“

„A non-com. officer?“

„Aye, Sir.“

„Stationed at Barbados?“

„Aye, Sir.“

„You see, gentlemen“ he would explain, „the man was a respectful man but did not remove his hat. They do not in the army, but he would have learned civilian ways had he been long discharged. He had an air of authority and he is obviously Scottish. As to Barbados, his complaint is elephantiasis with is West Indian and not British.“ To his audience of Watsons it all seemed very miracoulus until it was explained, and then it became simple enough. It is no wonder that after the study of such a character I used and amplified his methods when in later life I tried to build up a scientific detective who solved cases on his own merits and not through the folly of the criminal.

„Like Dr. Bell, Holmes would also pride himself on his powers of observation, analysis and deduction“, bringen Peschel&Peschel die Methodik auf den Punkt: Beobachtung, Analyse und Schlussfolgerung. Später fügt er als gemeinsame Merkmale medizinischer und Dekektivarbeit hinzu: Eine Hingabe an Details, Arbeit, Lernen, Energie, Entschlossenheit und einen überwältigenden Wunsch, Geheimnisse zu lösen.

Er meint, dass die Diagnose einer Krankheit oft dem Zusammensetzen eines Puzzles gleiche mit dem Haken, dass man nicht alle Teile haben könne. Manche seien versteckt, man müsse sie suchen, andere seien verloren. Obwohl Teile des Puzzles fehlten, müssten Ärzte versuchen, das ganze Bild zu erkennen. Daran änderten auch die modernen technischen Verfahren nichts. Auch zahlreiche Testes könnten nicht immer alle nötigen Teile des Puzzles liefern. „The dotor’s judicious use of the limited pieces of information or clues available to him requires skill, intuition, luck and determination. In this, the physician resembles a detective triying to sovle a complicated crime“, ziehen Peschel&Peschel Vergleiche. Außerdem, so führen sie aus, müssten beide, Detektiv und Mediziner häufig einen Weg einschlagen, von dem sie später erkennen, dass er falsch war, um dann einem anderen zu folgen.

An dieser Stelle danke ich Peschel&Peschel für die Erklärung des Konzepts. Warum sich das bis heute hartnäckig hält, weiß ich immer noch nicht, denn meine oben formulierten Bedenken sind keineswegs zerstreut. Wie dieses Konzept sich in heutige medizinische Realitäten zu fügt, damit beschäftigt sich Wilbush(4), aber das ist das nächste Kapitel.

 

(1) An dieser Stelle nur die männliche Form, da es sich um Bezüge auf Texte handelt, die sich nur der männlichen Form bedienen. Ob Frauen „mitgemeint“ sind, kann ich nicht beurteilen, deshalb gehe ich im Zweifelsfall davon aus, dass dem nicht so ist.

(2) Peschel R.E., Peschel E.: What physicians have in common with Sherlock Holmes. discussion paper. J R Soc Med 1989;82:33-36 →pdf

(3) Allerdings habe ich den Verdacht, ohne es beweisen zu können, dass standardisierte „Prozeduren“ auch in der Polizeiarbeit gang und gebe sind. Das glaube ich, weil ich dereinst, vor ich mich der Psychiatrie zuwandte und noch den Beruf der Allgemeinmedizinerin erlernte, ein Seminar bei der Kripo über die Sicherung biologischer Spuren in der Gynäkologie besuchte. Und was die von uns verlangt haben, das waren mehr als standardisierte Prozeduren, da haben uns die Ohren geschlackert. Zweitens glaube ich, dass diese Veränderung der Polizeiarbeit, so es sie denn gibt, sich nicht in der Kriminalliteratur abbildet, weil sie absolut spannungstötend ist. Wer will denn lesen, wie nach Schritt eins bis siebzehn nach Prozedur fünf mit möglichen DNA-Spuren verfahren wird, bis sie endlich in der Gerichtsmedizin sind wo sie hingehören?

(4) Wilbush J.: The Sherlock Holmes Paradigm – detectives and diagnosis: discussion paper. J R Soc Med. 1992 June; 85(6):342–345 →pdf

(5) Conan Doyle A. Memories and adventures. London: Hodder&Stoughton 1924:25-26, zit. n. Peschel et al. 1989

Das Psychiatriekrimiprojekt, Zwischenbilanz und Statistik

Wir haben bislang 15 Bücher von 12 AutorInnen berücksichtigt. In diesem Büchern arbeiten 20 PsychiaterInnen, davon sind 10 rein tiefenpsychologisch orientiert, vier rein biologisch und nur sechs können Biologie und Psychotherapie halbwegs integrieren.

Die Statistik finde ich nett, sie bildet aber das Übergewicht der TiefenpsychologInnen nur unzureichend ab. Denn alle vier Biologisten enstammen einem einzigen Krimi, nämlich „Psychiatrie“ von Martin Kleen. Der Krimi spielt im Milieu der Pharmaindustrie, dass die Leute dort mit Psychopharmaka etwas am Hut haben, ergibt sich zwangsläufig. Sonst sind alle Krimi-PsychiaterInnen entweder ausschließlich oder teilweise therapeutisch orientiert. Bemerkenswert finde ich schon, dass die Hälfte der Leute ausschließlich therapeutisch unterwegs ist, dass sie dereinst einmal Medizin studiert haben und ÄrztInnen sind, spielt gar keine Rolle. Alle sind ausschließlich tiefenpsychologisch orientiert, VerhaltenstherapeutInnen, Psychodrama- tikerInnen, Systemische FamilientherapeutInnen, das alles gibt es im Krimis nicht. Das spiegelt, so denke ich, die Philosophie vieler dieser Bücher: Kriminalität aus Biographien heraus zu verstehen und den Psychiater und die Psychiaterin als Fachmann oder Fachfrau dafür zu installieren. Das jetzt einmal ganz undifferenziert und plakativ.  Auch wenn es im Detail Unterschiede geben mag, dass das ein Trend ist, wage ich zu behaupten.

Theoretische Ausrichtungen der PsychiaterInnen
Theoretische Ausrichtung der PsychiaterInnen

Sieben unserer PsychiaterInnen arbeiten in der freien Praxis, acht im Krankenhaus, drei im Umfeld der Justiz, einer in einem wechsenden Setting und Hannibal Lecter bildet die Kategorie „Sonstiges“, er war etwas schwer zuzuordnen.

Arbeitsfelder

 Literaturliste (alphabetisch): 

 Ablow, Keith (USA): Psychopath. Deutsch bei Goldmann 2003   
Ablow, Keith (USA): Ausgelöscht. Deutsch bei Goldmann 2005
Fitzek, Sebastian (D): Die Therapie. Knaur 2006
French, Nicci (GB): Das Rote Zimmer, Deutsch bei Goldmann 2007
Hochgatterer, Paulus (A): Die Süße des Lebens, Deuticke 2006
Gehring, Hansruedi (CH): Rätselhafter Tod in Zähringen, Orte 2001
Harris, Thomas (USA): Das Schweigern der Lämmer, Deutsche Ausgabe von Heyne 2006
Harris, Thomas (USA): Hannibal, Deutsche Ausgabe von Goldmann 2006
Katzenbach, John (USA): Die Anstalt, Deutsch bei Droemer/Knaur 2006
Katzenbach, John (USA): Der Patient, Deutsch bei Droemer/Knaur 2006
Kleen, Martin (D): Psychiatrie, Leda 2007
Mischke, Susanne (D): Der Tote vom Maschsee, Piper 2008
Rossmann, Eva (A): Freudsche Verbrechen, 5. Aufl. Lübbe 2003
Ruff, Matt (USA): Bad Monkeys, Deutsch bei Hanser 2008
Thomashoff, Hans-Otto (A): Die Notizen des Doktor Freud, Deuticke 2004

Bachmannpreis – ein Kongressbericht

Als ich letztes Wochenende 3sat sah, um mich literarisch weiterzubilden, war ich einigermaßen überrascht: Von Manien war da die Rede, von Zwangsneurosen und Phobien, auch Sigmund Freud wurde dezent eingeflochten. Da gab es Diskussionen über Entspannungsmethoden und Empfehlungen für Fachliteratur wie “Oliver Sacks”. Da wurde auch konstatiert, dass jemand infolge übermäßigen Drogenkonsums wohl seinen Stoffwechsel nicht mehr im Griff habe. Die sprechen ja alle meine Sprache, diese Bachmannpreis-Juroren und Jurorinnen, dachte ich: Wunderbar! Ich habe als Psychiaterin also die richtige Ausbildung und werde mich nächstes Jahr als Jurorin bewerben. Um mir die literarische Terminologie wirklich zu eigen zu machen, habe ich zunächst einmal eine Zusammenfassung des diesjährigen Wettbewerbs verfasst:

Gleich ums Eingemachte geht es in der Diskussion über Heike Geißlers Text “Das luftige Leben”: Ob ein Engel nun ein Engel sei oder ein psychologisches Phänomen in Form einer “pathologischen Halluzination”, gilt es hier zu klären. Das betrifft natürlich die Grundfesten der Psychiatrie: Wie sehen wir die Welt, was wird als normal betrachtet, was nicht mehr, wer setzt die Normen und mit welcher Konsequenz? Entsprechend widersprüchlich ist die Diskussion: “Es sei ein Versuch einer zeitgenössichen Verrücktheit, die so intelligent ist, dass sie sich selbst schon wieder quasi Hemmschuhe anlegen kann”, meint Burkhard Spinnen. Vor hundert Jahren wäre das ein “Weg in die Stringenz der Katastrophe des Wahnsinns” gewesen, aber der Protagonist dieser Geschichte sei “zu intelligent, um verrückt zu werden”. Klaus Nüchtern vermutet den Wahnsinn dagegen nicht im Inhalt des Textes, sondern gleich in der Sprache: Er findet ein “zartes konjunktivisches Zittern, das bis zum Wahnsinn korrekt eingesetzt wird”. “Engel sind eine Kunstfigur”, er liebe Engel, verortet André Vladimir Heiz den Engel ganz selbstverständlich außerhalb des Wahnsinns. Ijoma Mangold dagegen probiert es mit Konstruktivismus. Er verteidigt die Existenz des Engels, indem er deutlich macht, dass alle Religionsstiftung ein Benennungsakt sei. Damit sei der Engel, sobald der Name gefunden sei, und der Name sei eben “Engel”, auch erschaffen als Realität. Realität oder Wahnsinn, Wahnsinn oder Realität, das ist hier die Frage. Doch Ursula März demonstriert an einem berühmten Vorbild, dass es weder Realität noch Wahnsinn sein müsse: “Er ist nicht verrückt, der Meister Eder, er ist ein Tagträumer”, erläutert März. Gemeint ist, so möchte ich ergänzen, jener Meister Eder, der ständig von einem Kobold namens Pumuckl heimgesucht wird. Dr. Freud habe das Tagträumen “vorbewusstes Fantasieren” genannt, führt Ursula März weiter aus, der Traum verbinde sich mit der Wirklichkeit. Da möchte ich mich jetzt einmal einmischen und dezidiert feststellen, dass Pumuckl natürlich kein Tagtraum des Meister Eder ist, sondern real, ich habe ihn mit eigenen Augen im Fernsehn gesehen

Noch viel schwieriger wird es bei Patrick Findeis, hier wird sich die Jury nicht einmal einig, ob der Text “Kein schöner Land” überhaupt in Kategorien der Psychologie zu beschreiben sei. Von einem “psychologischen Klischee der bäuerlichen Physiognomie” spricht Ijoma Mangold, André Vladimir Heiz dagegen sieht einen absolut “unpsychischen Text, der das Reden durch Paralellhandlungen ersetzt”. Die Frage des Verhältnisses dieses Textes zur Psychologie oder auch nur zur Psyche wird leider nicht geklärt, das finde ich ein wenig unbefriedigend. Insbesonders, da ich mir zwar ein psychologisches Klischee vorstellen kann, nicht aber einen “unpsychischen Text”, beziehungsweise das Gegenteil: Was ein “psychischer Text” ist, hätte mich doch näher interessiert.

Beim Text “Scherbenpark” von Alina Bronsky mangelt es der Jury ganz deutlich an Konzentration. Es handle sich um ein “posttraumatisches Belastungssyndrom” vermutet Daniela Strigl schon ganz zu Beginn, die Protagonistin des Textes wehre sich jedoch gegen die Zumutungen der modernen Psychologie. Ursula März hat wohl nicht zugehört, wenig später stellt sie fest, sie brauche Psychologen, um den Text zu verstehen. Burkhard Spinnen meint kurz darauf, er sei auch nicht der Psychologe, der es erklären kann. Was ist hier los? Frau Strigl hat es doch schon zu Beginn erklärt

Um das Thema “Trauma” geht es auch im Text “Im roten Meer” von Sudafeh Mohafez, in der die Ich-Erzählerin einen Brand erlebt. Diagnostische Unklarheiten scheint es hier nicht zu geben und so vertiefen sich die Diskutanden gleich in verschiedenen Aspekte des Themas. Ijoma Mangold bringt eine psychoanalytische Perspektive ein: Der Feuerwehrmann mit seinem Schlauch sei ein übertriebener phallischer Entwurf meint er. Burkhard Spinnen dagegen fokussiert eher auf die praktischen Aspekte der klinischen Versorgung: Brandopfer bringe man nicht in ein Obdachlosenheim, reklamiert er, er habe sich extra bei der Feuerwehr erkundigt; man bringe sie in ein Hotel. Auch sonst ist er mit der Versorgung der Brandopfer in Mohafez’ Text nicht zufrieden und kritisiert vehement die Tatortbegehung: “Ein schwer traumatisiertes, unmittelbar betroffenes Brandopfer über eingestürzte Treppen in ein Haus zu führen, in dem ganze Zimmer weggebrochen sind, kostet den Mann seinen Job, das kann man nicht machen.“

Es gebe bei jedem Wettbewerb einen Verrückten, meint Klaus Nüchtern, als er zur Besprechung des Textes “die Waage” von Clemens J. Setz anhebt. Er meine damit aber nicht den Autoren, sondern die Figur, beeilt er sich hinzuzufügen und stellt sodann die Diagnose einer Zwangsneurose. Jean Claude Sulzer versucht die “Verrücktheit” zu quantifizieren, der Protagonist sei immerhin weniger verrückt als das Umfeld. Mit der Differenzialdiagnose Nüchterns ist er aber gar nicht einverstanden, er feiert die “Einführung einer neuen Phobie”, nämlich die “Waagephobie”. Das ist nun allerdings gar nicht daselbe, wir hoffen, dass André Vladimir Heiz etwas zur Klärung beitragen kann. Doch Herr Heiz kann sich nicht einmal der anfangs getroffenen Feststellung anschließen, dass die Verrücktheit der literarischen Figur zu besprechen sei und nicht die des Autors. Er verstehe nicht, ruft er aus, warum “junge, putzige Männer” neurotische Ehepaare beschreiben. “Die haben doch ein Trauma!”, tut er kund und meint damit keineswegs die literarische Figur. Zum Glück haben wir noch Daniela Strigl. Zwar bringt auch sie noch eine Differenzialdiagnose ein, es gehe hier um Angst meint sie, doch bevor es zum Expertenstreit kommt, welche der Differenzialdiagnosen nun die Richtige sei, eröffnet sie einen neuen Zugang. Die Antwort sei bereits im Text: “Rohrschach-Flecken auf dem Asphalt”. Der Text sei ein umgedeuteter Rohrschach-Fleck, bringt sie die Diskussion der Fachleute zu einem gütlichen Ende.

Maximale diagnostische Unsicherheit herrscht auch über “Das Zimmermädchen” des Markus Orths, da ist von “Voyeurismus” die Rede, von “Putzsucht” und “zwangsneurotischer Fixierung”, von “neurotischen Verkrampfungen”, sogar etwas Manisches wurde diagnostiziert. Wieder ist es Ijoma Mangold, der die psychoanalytische Sicht einführt: Aus der Perspektive von Lynn unter dem Bett nehme man von Menschen nur noch Teile bzw. einzelne Organe wahr und diese fügten sich nicht mehr zu einem Ganzen. Freud habe dies “Partialobjekte” genannt und Partialobjekte seien immer Träger des Unheimlichen. André Vladimir Heiz dagegen mag hier gar keine psychoanalytischen Überlegungen anstellen: Der Autor baue eine Paralellwelt auf, die nicht psychologisierend oder moralisierend interpretiert werden müsse, meint er. Ach, denken wir da, waren jetzt all diese geschickten Winkelzüge der Differenzialdiagnostik umsonst? Das Manische des Textes müsse aber unbedingt erhalten bleiben, setzt Heiz jedoch fort. Das ist zwar keine psychologisierende Interpretation, aber den ganzen Text unter dem Gesichtspunkt der Manie zu betrachten, ist nun auch ein psychiatrisches Statement. Ursula März fehlt dagegen jeder Bezug zur Psychopathologie, sie findet völlig normal, was das Zimmermädchen Lynn da macht. Lynn putze, was ihre professionelle Aufgabe sei und dass sie herumgucke und sich für die Angelegenheiten der Leute interessiere, das fänden wir alle doch ganz normal. Und wenn sie sich jeden Dienstag unter das Bett lege – man sei knapp davor, zu denken, es gehöre dazu. Frau März muss es wissen, sie habe früher als Zimmermächen in einem Sporthotel gearbeitet, und unter anderem Zimmer für Ajax Amsterdam gereinigt. Da vertrauen wir doch am besten ihrer Berufserfahrung.

Eine “Neigung zum Psychogramm” attestiert André Vladimir Heiz Tilman Ramstedts schwungvollen Text “Der Kaiser von China” über einen Großvater, der nicht sterben will und einen Enkel, der unter eben jenem Großvater leidet. Heiz liefert auch eine psychoanalytische Deutung: Es sei ein Text, den er mit “das überklebte Über-Ich” überschrieben habe, und zwar, weil im Text von Sigmund Freud über den Humor ja immer gesagt werde, es gehe uns besser, wenn das Über-Ich sich liebevoll auf unsere Schulter setzt und wir darüber lachen können. André Vladimir Heiz hält ein flammendes Plädoyer für den Humor: “Also hier wirkt Humor als … Therapie, ich nehme jetzt das Wort um der Jury zu gefallen, ich brauche keine Therapie, denn wenn wir schon auch das Jüdische ansprechen möchten, dann kann man natürlich sagen, dass Humor überhaupt die beste Methode ist, jemanden los zu werden.” Im Übrigen sei sich Heiz gar nicht sicher, dass der Großvater schon tot ist, sondern es sei das Über-Ich, das da ständig ununterbrochen schwatze. Ganz nebenbei erfahren wir in Heiz’ Vortrag, warum es überhaupt Psychoanalyse gibt: Psychoanalyse sei überhaupt die Methode, um Klischees loszuwerden, man habe ja keine Ahnung von seinem Vater und seiner Mutter, sondern reihe dort ein Klischee nach dem anderen auf. Aber nun zurück zum Text: Der Text treibe den Teufel mit dem Teufel aus, es sei der Triumph des Humors in einer inzestuösen Enkel-Großvater-Beziehung. Das klingt ja wirklich sehr verheißungsvoll, Humor als Therapie und als Methode um Teufel auszutreiben. Die Jury scheint dem Humor jedoch zu misstrauen und “schürft” immer wieder nach dem Ernsten, wie es Daniela Strigl ausdrückt. Nebenbei diskutiert die Jury die Frage, ob man den Text gar einfach lustig finden darf oder ob diese Unterhaltsamkeit verdächtig sei. Da fallen schon einmal grauenvolle Schimpfwörter wie “Elfenbeinturm”, da werden “gelbe Karten” verteilt und Herr Heiz schweigt an dieser Stelle, dabei könnte er hier trefflich etwas zum Thema “Über-Ich” beitragen. Ich würde diesen roten Faden, der sich durch die Diskussion zieht, ja so zusammenfassen: “Ist ein humorvoller Text überhaupt ein Text?” Aber jetzt habe ich mich ungebührlich eingemischt, ich sehe Herrn Spinnen schon mit der gelben Karte wacheln, wenn nicht gleich mit der roten. Jedenfalls hilft Alain Claude Sulzer aus dem Dilemma, er diagnostiziert manisch-depressive Episoden bei Rammstedts Großvater-Figur. Da muss sich dann also keiner mehr Sorgen machen, dass der Text eventuell zu leicht sei könnte, “depressiv” ist doch um einiges gewichtiger als “ernst“.

Auch die beste Jury braucht irgendwann Regeneration und findet sie schließlich im Text von Anette Selg. Unter der Anleitung von Anette Selg entspannt sich die Jurorenschaft und räsoniert von “Entspannung in der Sonne” und “Yoga”. Daniela Strigl unterstreicht die entspannende Wirkung dieses Textes gar mit eigenen physiologischen Reaktionen. Wichtig bei Entspannungstechniken ist auch immer, die eigene Mitte zu finden. Von einer “Person Mitte dreißig” lässt sich Burkhard Spinnen sich zu folgendem Mantra inspirieren: “Irgendwo Mitte, irgendwo Mitte, alles Mitte.” Besser könnte man die potenziell hypnotische und suggestive Wirkung von Sprache nicht mehr demonstrieren.

Quelle: →Bachmannpreis.orf.at


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Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

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