Archive for the 'Wissenschaft' Category

„Medinfo“ – ein neues Lieblingsblog

Unter dem Titel „→Medinfo“ bloggt gleich ein ganzes Team zu den Themen „Medizin, Bibliothek und Fachpresse“. Soweit ich das verstehe, stammt das Blog von der Unibibliothek Dortmund, zumindest wird es dort gehostet.

Das ist auch für den klugen Franz interessant, denn auf der Startseite gibt es gleich zwei Verweise auf Rechtliches: Einen auf das Blog „→Wissenschaftsurheberrecht“ von Eric Steinhauer und einen auf den →Urheberrechtsquiz des Spiegel. Das ist jetzt natürlich deutsches Recht, aber der kluge Franz könnte zum Beispiel den Quiz spielen und uns dann erklären, wie es rechtlich zu beurteilen wäre, wenn ich die englische Übersetzung eines japanischen Artikels von einem deutschen Server kopieren, in einem Österreichischen Kopycenter kopiere und in Lichtenstein auf einem Kongress als mein geistiges Eigentum ausgebe. Genau so stelle ich mir Bloggen vor: Das Publikum arbeitet und alle haben etwas davon.

Aber eigentlich wollte ich ja über das Medinfo-Blog schreiben. Es ist eine Fundgrube für Themen wie „→Open Access“ oder „→Publikationswesen“ und manchmal ist es auch einfach →witzig.

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Klinische Erzählforschung

Warum ich keine Zeit zum Bloggen habe: Einer der Gründe ist die →“Tagung für Klinische Erzählforschung und Erzählpraxis“ in Zürich, von der ich gerade zurückgekehrt bin und auf der wir ein Poster präsentiert haben. Das ist natürlich ein interdisziplinäres Gebiet und so haben sich in Zürich PsychologInnen, MedizinerInnen, LinguistInnen und auch KünstlerInnen einträchtig zum Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen eingefunden. Ein sehr spannendes Umfeld, denn die Zugänge sind natürlich entsprechend unterschiedlich.

„Klinische Erzählforschung“ beschäftigt sich mit allen möglichen Arten des Erzählens im klinischen, das heißt psychologischen, psychotherapeutischen und medizinischen Kontext. Ein Beispiel:

Frau Gabriele Lucius-Hoehne referierte über die Merkmale „gelungener“ und „nicht gelungener“ Erzählungen im Dienste der Bewältigung traumatischer Erfahrungen. Eine Erzählung trägt dann zur Bewältigung einer traumatischen Erfahrung bei, wenn das Trauma neu gestaltet wird, die „Ich-Person“ mehr Kontrolle bekommt oder etwa dem Geschehen Sinn verliehen wird.  „Narratives Bewältigen schafft neue Tatsachen“ habe ich mir als Schlagwort aufgeschrieben.

Nun trägt aber beileibe nicht jedes Erzählen dazu bei, ein Ereignis besser zu bewältigen, das wissen wir heutzutage und sind sehr vorsichtig und begrenzend, wenn jemand ein Trauma erzählen will. Weil´s ja genauso gut sein kann, dass jemand nicht neue Tatsachen schafft. Im besseren Fall.  Und im schlechteren Fall die damaligen Gefühle wieder eins zu eins erlebt, also retraumatisiert wird. Frau Lucius-Hoehne hat die sprachlichen Unterschiede zwischen im Sinne einer Bewältigung „gelungenen“ und „nicht gelungenen“ Geschichten sehr plastisch herausgearbeitet.

Welche klinischen Konsequenzen sich daraus ziehen lassen, war nicht Inhalt des Vortrags, aber ich halte es schon einmal für klinisch relevant, Hinweise zu haben, ob sich jemand mit dem Erzählen etwas Gutes tut oder nicht. Es gibt natürlich auch klinische Hinweise, aber wenn sprachliche Kriterien dazukommen, wird es einfach deutlicher.

Und weiter gedacht: Kann man eventuell „Bewältigungserzählen“ durch gezielte Interventionen fördern, wenn man weiß, worauf es ankommt? Ich weiß es wirklich nicht, die Frage ist komplizierter wie sie ausschaut. Frau Lucius-Hoehne hat das Problem erwähnt, dass wir es mit eine klassischen Henne-Ei-Frage zu tun haben, wenn jemand eine „gelungene Bewältigungsgeschichte“ formuliert. Sind die sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten Voraussetzung oder Ergebnis der Bewältigung eines Traumas? Im ersteren Fall könnte man vielleicht „Bewältigungsgeschichten“ üben und die Voraussetzung schaffen. Im zweiten Fall hälfe Üben auch nichts, denn das unbewältigte Trauma wäre selber der Grund für die Unmöglichkeit „gelungener“ sprachlicher Gestaltung.

Und was machen wir selber? Der Inhalt unseres Posters? Wir versuchen in Alltagserzählungen mittels der von Frau Brigitte Boothe in Zürich entwickelten „Erzählanalyse Jakob“ psychodynamische Konflikte zu identifizieren und untersuchen dann, ob diese mit Veränderungen im Hormon-und Immunsystem einhergehen.

Leider wurde selbst in diesem Umfeld immer wieder spürbar, dass es sich innerhalb von Psychologie und Medizin um ein absolutes Randgebiet handelt. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum das alles überhaupt interessant sei und die Forschungsmethoden stoßen in einer Welt, in der ansonsten die randomisierte Doppelblindstudie herrscht, immer wieder auf Unverständnis, der Ruf nach Gruppenvergleichen ist nie weit. Selbst im geschützen Rahmen Gleichgesinnter herrscht immer wieder – so kommt es mir vor – Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf. Hoffen wir, dass dieser Bereich nicht aus Psychologie und Medizin hinausrationalisiert wird.

Wieder einmal Hirnforschung

Auch die Hirnforschung bleibt in den Blogs: Bei →Herrn Linder steckt →dieses Buch im Ticker, samt dazugehörigem →Working Paper: Krauth Stefan: „Die Hirnforschung und der gefährliche Mensch, über die Gefahren einer Neuauflage der biologischen Kriminologie“, erschienen im April 2008 beim „Verlag Westfälisches Dampfboot“.

Gehirne bald auch in Deutschland vor Gericht?

Ich habe meine Serie →“das Gehirn vor Gericht“ ja ausschließlich auf US-Quellen gestützt, und das Ganze liest sich auch zeitweise ein bisschen jenseitig, transatlantisch mindestens. Den passenden →Cartoon zum Thema gibt es aber ausgerechnet auf einer deutschen Seite: Bei Hirnforscher Stephan Schleim.

Stephan Schleim hat übrigens Philosophie, Psychologie und Informatik studiert und hat damit einen vielseiten Zugang zum Thema. Seine Homepage ist eine Fundgrube deutschsprachiger, teils populärwissenschaftlicher Artikel und jedem, der sich für das Thema interessiert, ans Herz gelegt. Punktgenau zu unserem Thema passt →“von der Neuroethik zum Neurorecht – der Beginn einer neuen Debatte“ (pdf). Über die Links gelangt man auch zum Artikel des Gutachters →Hans. J. Markowitsch auf heise.de, in dem er aus seinem Nähkästchen plaudert, wie neurowissenschaftliche Befunde bereits jetzt auf die Urteilsfindung deutscher Gereichte Einfluss genommen haben. Stephan Schleim betreibt übrigens ein →Brainlog.

Das Gehirn vor Gericht – Teil 2

→Wir erinnern uns: Neue Technologien machen es möglich, dass Gefühlen, Gedanken und Handlungen Stoffwechselveränderungen im Gehirn zugeordnet werden. Wir haben dazu den Harvard-Psychologen Joshua D. Green zitiert, der in der →New York Times vom März 2007 Folgendes feststellte: Für einen Neurowissenschaftler sei der Mensch das Gehirn und nichts Anderes bringe Verhalten hervor als die Aktivität des Gehirns. Zusammengefasst geht er davon aus, dass auch ein Mensch, der glaubt, dass er eigene Entscheidungen trifft, in Wirklichkeit durch die Aktivität seines Gehirns völlig bestimmt ist.

Deshalb schlägt Greene vor, dass das Justizsystim die Idee der Bestrafung – weil sich jemand aus freien Willen entschlossen hat, ein Delikt zu begehen – aufgeben sollte. Vielmehr sollte das Gesetz darauf abzielen, zukünftigen Schaden abzuwenden. Auch der Gedanke, kriminelle Individuen schon zu identifizieren, bevor sie das Verbrechen begehen, ist keinesfalls neu. Die New York Times verfolgt diesen Gedanken bis ins 19 Jahrhundert zurück, als der italienische Kriminologe Cesare Lombrose versuchte, eine Theorie der „biologischen Kriminalität“ zu entwickeln, indem er physische Merkmale wie buschige Augenbrauen beschrieb, an denen Kriminelle zu erkennen seien. Heute haben wir etwas spezifischere Merkmale als buschige Augenbrauen: Wir können zum Beispiel messen, dass Leute mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, die häufig mit gewalttätigem Verhalten einhergeht, um 11% weniger graue Substanz im Frontalhirn aufweisen als Gesunde. So kommen Menschen Menschen in die Situation, zukünftiger Straftaten verdächtigt zu werden, obwohl bislang noch nichts vorgefallen ist. Das öffne eine Büchse der Pandora in zivilisierten Gesellschaften, wird die Psychiatrieprofessorin Helen S. Mayberg zitiert:

“If you believe at the time of trial that the picture informs us about what they were like at the time of the crime, then the picture moves forward. You need to be prepared for: ‘This spot is a sign of future dangerousness,’ when someone is up for parole. They have a scan, the spot is there, so they don’t get out. It’s carved in your brain.”

In anderen Worten: Man läuft Gefahr, nicht mehr für das verurteilt zu werden, was man getan hat, sondern für das, was man im Gehirn trägt – ein folgerichtiger Gedanke, wenn wir davon ausgehen, dass unser Handeln nur das Produkt unserer Hirnstruktur und dessen Stoffwechsels ist. Da wir hier auf einem Krimiblog sind, gehe ich davon aus, dass sich hier kreative Leute tummeln, die sich die Konsequenzen ausmalen können. In einem Kommentar haben wir schon gewitzelt, dass wohl bald bei Aldi ein →MR-Scan von BewerberInnen verlangt wird, ich denke auch an MR-Scans als Vorraussetzung für eine Einreise in die USA. Dass dies keineswegs Science Fiction ist, zeigt der besagte New York Times Artikel mit einem Zitat des Stanford-Rechtsprofessors Hank Greely, der davon träumt, diese Technologien im Kampf gegen den Terror einzusetzen. Er meint, dass wir auch mit heutigem Wissen so weit sind, einen Freund-versus-Feind-Scanner zu entwickeln. Paul Root Wolpe, der Sozialpsychiatrie und psychiatrische Ethik an der University of Pennsylvania School of Medicine unterrrichtet, fallen noch andere Anwendungsgebiete ein: So könne man die Kinder in der Schule scannen, um Begabungen zu erkennen, oder die NASA könnte das Raumgefühl künftiger Shuttle-Piloten mittes MR-Scan feststellen. Und wieder auf das Strafrecht zurück bezogen, fragt sich die New York Times:

As the new technologies proliferate, even the neurolaw experts themselves have only begun to think about the questions that lie ahead. Can the police get a search warrant for someone’s brain?

Doch während alle möglichen Leute sich den Kopf darüber zerbrechen, was man denn mit diesen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen alles anstellen könnte, ich zum Beispiel will mich in Hollywood als James-Bond- Drehbuchautorin für den Streifen „das Gehirn, das tötet“ andienen, versuchen die Wissenschaflter selber, den freien Willen auf dem Boden dieser Erkenntnisse neu zu definieren. Denn die Vorstellung, dass da – bildlich gesprochen – ein roter Punkt im Gehirn sitzt, der mich dazu bringt, Tante Louise auszurauben, ist im Prinzip genauso obscur wie das Primat des freien Willens über die Materie. So ein Gehirn ist ja ständig vielerlei äußeren und inneren Einflüssen unterworfen, verändert sich, chemisch, aber auch strukturell. So bildet sich zum Beispiel das „Üben“ direkt im Gehirn ab. Wenn wir üben, z.B Geige zu spielen, nehmen die Hirnareale, die wir dazu brauchen, messbar zu und das wissen dann wieder unsere Nachbarn zu schätzen, wenn wir weiter üben. Jede Regung, jeder Gedanke bildet sich im Gehirn ab. Ich sehe zum Beispiel Herbert auf der anderen Straßenseite, aber ich bin sauer, Herbert hat mir ein Buch nicht zurück gegeben. Für diesen einfachen Sachverhalt brauche ich eine Unzahl von Gehirnarealen: Ich muss Herbert erkennen, muss mich an ihn erinnern und das Buch. Dann kommt da eine moralische Instanz, die mir sagt, dass es nicht richtig sei, dass Herbert mir das Buch nicht zurückgegeben hat, das habe ich irgendwo gespeichert, weil ich es mir irgendwann in meiner Kultur angeeignet habe. Und am Ende noch der Ärger. Ich kann jetzt zm Beispiel hinüber gehen und Herbert eine runter hauen, oder ich kann so tun, als sähe ich ihn nicht und ihn durch Ignoranz strafen. Doch während ich mir das überlege, merke ich, dass ich Hunger habe und ich muss eine Entscheidung treffen: Löse ich jetzt das Herbertproblem oder gehe ich essen? Gut ich gehe essen, Herbert hat noch einmal Glück gehabt, ich habe ihm keine vor den Latz geknallt. Wer hat das jetzt zu verantworten? mein Gehirn? Und wer in meinem Gehirn? Das Moral-Zentrum, das mir sagt: Man knallt Leuten auf offener Straße keine, wenn man möglicherweise erwischt wird oder das Hunger-Zentrum? Oder habe ich einen Einfluss darauf, wie diese ganzen Neuronen durcheinander feuern?

An diesem Punkt werden meistens die →Libet-Experimente zitiert: Benjamin Libet hat schon in den 70ern und 80ern die Gehrinaktivitäten von Menschen gemessen, denen gesagt wurde, sie sollen ihre Finger bewegen, wann immer sie wollen. Er fand heraus, dass die Gehirnaktivität schon eine halbe Sekunde vor der Fingerbewegung einsetzte und 400 Millisekunden bevor die Leute überhaupt den Entschluss fassten, den Finger zu bewegen. Der Entschluss konnte in diesen Versuchen also nicht ursächlich für die Fingerbewegung sein, die Gehirnaktivität kam lange davor. In weiteren Experimenten fand Libet jedoch heraus, dass die Handlung bis 50 Millisekunden vor der Ausführung noch abgebrochen werden konnte und erreichnete ein Zeitfenster von etwa 100 Millisekunden, in denen der bewusste Wille eine vom Unbewussten bereits eingeleitete Handlung noch abbrechen könne. Er sprach von einer „Vetofunktion“ des Bewusstseins. Wir hätten in diesem Fall also durchaus Einfluss auf das, was unser Gehirn schließlich in Handlungen hervorbringt. Dies ist natürlich ein sehr einfaches Modell, das viele Fragen offen lässt, es soll aber zeigen, dass die Frage des freien Willens kein Kulturkampf „Geist gegen Materie“ ist, sondern dass es durchaus möglich ist, die Diskussion auf der Basis biolgischer Erkenntnisse zu führen. Ausführlichere Blogbeiträge über die komplizierte Diskussion von Neurowissenschaften und freiem Willen haben „Krimileser“ →Bernd Kochanowsky und →kamenin vom Blog „begrenzte Wissenschaft“ geschrieben.

Nun ist die Idee, dass wir nicht immer dank Ratio und freien Willens handeln, aber keinesfalls neu. Die gelernte Österreicherin verweist hier auf siegmund Freud, der schon vor hundert Jahren gesagt hat „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus“ und sich aufgrund seiner heuristischen Methoden zumindest von der Medizin lange Zeit „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen lassen musste. Doch wie Freud auch immer zu seinen Theorien gelangt ist, das Konzept des „Unbewussten“, das Einfluss auf unserer Handeln nimmt, ist heute wohl Kulturgut und so überrascht mich immer wieder der Schrecken, wenn neurowissenschaftliche Forschung ähnliche Schlüsse zieht, nämlich, dass wir nicht in allen Entscheidungen so ganz frei sind. Wir hätten schon fast 100 Jahre Zeit gehabt, uns an den Gedanken zu gewöhnen.

Stephen J. Morse, Professor für Recht und Psychiatrie an der Universität von Pennsylvania ist zwar keine gelernte Österreicherin, findet aber ebenfalls nicht, dass neuropsychologische Erkenntnisse die Vorstellungen von Verantwortung revolutioniert haben:

“There’s nothing new about the neuroscience ideas of responsibility; it’s just another material, causal explanation of human behavior,” says Stephen J. Morse, professor of law and psychiatry at the University of Pennsylvania. “How is this different than the Chicago school of sociology,” which tried to explain human behavior in terms of environment and social structures? “How is it different from genetic explanations or psychological explanations? The only thing different about neuroscience is that we have prettier pictures and it appears more scientific.”

Es mache also keinen Unterschied, ob man Verhalten durch soziale Strukturen erkläre oder durch Gehirne, man erkläre es seit Jahr und Tag, der einzige Unterschied sei, dass wir jetzt schönere Bilder haben und diese wissenschaftlicher erscheinen. Für mich sind die schönen Bilder jedoch der zentrale Punkt: Während verhaltenswissenchaftliche Konstrukte oder gar psychoanalytische Theoriebildungen gar schwer zu verstehen und zu argumentieren sind, ist ein Foto ein Foto und das ist eben ein Foto. Nur allzu leicht vergessen wir, dass es sich auch hierbei um Konstruktionen handelt. Ein MR-Scan bedeutet, dass wir Veränderungen von Magnetfeldern messen, diese nach bestimmten Regeln gewissen Prozessen im Gehirn zuordnen und das Zahlenmaterial, das dabei entsteht, von einem Computer in ein Bild verwandeln lassen. Es ist eben kein Foto und schon gar kein Gehirn, sondern eine Konstruktion des Gehirns. Wir erinnern uns an Teil eins dieses Artikels: Wir haben dort sogar ein Gehirn gesehen, das schon seit über 100 Jahren verwest ist. Verhaltenswissenschaften machen – soweit ich es gelernt habe – eigentlich das Gleiche: Sie legen Regeln fest, nach denen Wirklichkeit beschrieben wird und bilden sie dann eben durch Sprache und Diagramme ab*. Aber sie haben kein Foto. So ein Foto kann nun aber schnell mit den Tatsachen verwechselt werden, das ist mein Gehirn ja gewohnt: Wenn ich ein Foto eines Tisches sehe, dann gehe ich davon aus, dass es diesen auch wirklich gibt. Wenn ich rote Punkte im Gehirn sehe, was soll mein Gehirn da glauben? Zu glauben, es gäbe in Wirklichkeit keine roten Punkte im Gehirn und das habe nur ein Computerprogramm gemacht, ja, das ist möglich, aber darüber muss man zuerst einmal nachdenken. Ich kenne nur wenige Neurowissenschaftler, aber was diejenigen auszeichnet ist ein großer Respekt und eine Bescheidenheit vor der Materie. Dass wir in den Kinderschuhen steckten und dass wir viel mehr nicht wüssten als wir wüssten, habe ich wiederholt gehört. Aber das Prekäre ist: Sie produzieren Bilder und Bilder werden in sozialen Zusammenhängen schnell zu „Hard Facts“.

More redet von einem „Brain overclaim Syndrome“ und meint, dass Juristen häufig moralsiche und juristische Ansprüche erheben, die die Neurowissenschaften nicht befriedigen können und stellt fest:

…“brains do not commit crimes; people commit crimes”

Stephen Morse meint, dass die Neurowissenschaften selber niemals den mysteriösen Punkt finden können, an dem Menschen nicht mehr für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich selber zu kontrollieren. Diese Frage, so meint er, sei eine moralisch und letztlich juristische Frage und könne keinesfalls in Laboratorien beantwortet werden, sondern in Gerichtssälen und der Gesetzgebung. In anderen Worten: Wir müssen die Antwort selber finden.

*Gut, wer sich mit Wissenschaftstheorie beschäftigt, mag mir jetzt vorwerfen, dass ich eine unzulässige Abkürzung genommen habe, da Verhaltenswissenschaften auch noch „operationalisieren“ müssen, das heißt, die Regeln für nicht direkt beobachtbare Konstrukte wie z.B. „Ärger“ festlegen. Ich kann den Ärger nicht direkt messen wie ein Magnetfeld, ich muss zuerst festlegen, dass ich ihn zum Beispiel an einer Vertiefung der senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen um 0,1 Millimeter definiere. Aber das ändert nichts daran, dass empirische Wissenschaften die Gemeinsamkeit aufweisen, Regeln für Erkenntnisgewinn festzulegen und dann eben die Welt nach diesen Regeln zu beschreiben.

Verknüpfte Artikel:

→Die Alchemie des Wortes

→Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Wie →hier versprochen, kommt nun der Beitrag über neue neurobiologische Erkenntnisse und die Konsequenzen für die Rechtssprechung, unabdingbares Wissen für heutige KrimiautorInnen. Inspiration ist ein Vortrag, den von Prof. Kenneth Thau von der Unikklinik Wien letzte Woche auf dem ÖGPP*-Kongress in Gmunden gehalten hat. Titel des Vortrags: „Von der Wut zur Aggression“. Leider musste ich feststellen, dass das Thema jegliche Bloggerkapazitäten sprengt und so wird es eine Fortsetzungsgeschichte.

Weiterlesen ‚Das Gehirn vor Gericht – Teil 1‘

Die Alchemie des Wortes

Die alten Alchemisten wollten ja immer Materie transformieren, am liebsten zu Gold. PsychotherapeutInnen sind momentan ganz entzückt, dass es gelungen ist, Sprache in Materie zu transformieren. Endlich. Denn vor nicht allzu langer Zeit wurden PsychotherapeutInnen noch als „unwissenschaftlich“ belächelt und innerhalb der Medizin haben sie bisweilen immer noch den Ruf, dass sie ja nur herumreden, während die richtigen Doktorn eben richtige Medizin machen. Insofern ist es auch fast wie Gold, wenn man die Effekte des „Herumredens“ jetzt endlich messen kann, abwiegen, darstellen, die ChirurgInnen könnten sogar hineinschneiden, aber das wäre nicht so gut für die PatientInnen. Es soll hier nur einmal gesagt werden, denn keiner käme wohl auf die Idee, etwas als Hirngespinst abzuqualifizieren, das man herausschneiden kann. Insofern ist das eine Art wissenschaftliches Kriterium: Was man herausschneiden kann, ist sicherlich echt und wahrhaftig.

Weiterlesen ‚Die Alchemie des Wortes‘


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