Archive for the 'Verbrechen&Psyche' Category

Noch einmal Leake

Ausgelesen: John Leaks neues Buch über Jack Unterweger, Österreichs bislang einzigen mutmaßlichen Serienmörder nach dem Muster amerikanischer Spielfilm-Psychopathen. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde gerade zur Zeit der Unterweger zugeschriebenen Prostituiertenmordserie populär und Unterweger war belegt ein großer Fan. Was der Film für Unterweger bedeutet hat, sei dahingestellt, darauf geht das Buch nicht näher ein. Das mag vielleicht daran liegen, dass es dafür keine Quellen gibt und das eine Stärke dieses Buches: Aussagen auch zu belegen.

Und so erkannte Jack, dass er, indem er seine Geschichte, seine Fassungen der Wirklichkeit, an einflussreiche Personen richtete, sogar mit Mord davon kommen konnte (Seite 245).

Das scheint mir eine ganz zentrale Aussage zu sein. Und – das erscheint mir wichtig zu erwähnen -, sie bezieht sich auf den einen einzigen Mord, der Unterweger nachgewiesen werden konnte und der ihn fünfzehn Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Nur fünfzehn Jahre von „lebenslänglich“. Jack Unterweger konnte Österreichs Intellektuelle und wichtige Personen in Justiz und Strafvollzug so für sich einnehmen, dass er nach 15 Jahren ohne ordentliches psychiatrisches Gutachten begnadigt wurde, „eine Gesellschafts- und Justizgroteske, die ihresgleichen sucht“, wie Prof. Reinhard Haller in seinem Nachwort meint.

Wie soll man aber jemanden, dessen Suggestivkraft und Gabe zur Manipulation legendär ist, beschreiben? Was ist Manipulation, was ist Lüge, was ist passiert? Schon das Gericht hatte mit seiner Suche nach der „Wahrheit“ die größten Schwierigkeiten: Es handelte sich um einen Indizienprozess und noch heute hat Unterweger viele Fans, die von seiner Unschuld überzeugt sind, wie man vor kurzem anlässlich der Berichterstattung des ORF über die Buchpräsentation sehen konnte. Und auch die Unsicherheit, wieviele Morde es jetzt waren, der ich hier auf dem Blog auch schon unterlegen bin, kommt wohl daraus: Nix Sicheres weiß man nicht. Wenigstens das weiß ich jetzt nach der Lektüre des Buches:

  • Unterweger wurde 1994 wegen neun Morden schuldig gesprochen, wegen zweien im Zweifel freigesprochen. Das Urteil wurde wegen seinem Suizid in der Nacht darauf nicht rechtskräftig. Das ist wohl der Grund, warum man einmal von neun und einmal von elf Morden liest. Wer glaubt, dass er es war, glaubt natürlich, dass es elf waren. Rechtskräftig verurteilt ist er genau genommen wegen keinem aus den Jahren 1991 und 1992.
  • Rechtskräftig verurteilt wurde er 1974 wegen einem Mord für den es eine Zeugin gibt. Dafür war er 15 Jahre im Gefängnis.
  • Und dann gibt es noch einen Mord aus dieser Zeit, der in sein späteres Muster passt und bei dem ebenfalls viele Indizien für Unterweger sprechen. Für diesen Mord wurde er aber nie angeklagt.
  • Es sind also bis zu 13 Morde, rechtskräftig verurteilt ist er wegen einem, nicht rechtskräftig verurteilt für neun.

Soweit die Fakten und Zahlen. Aber interessanter ist: Was hat Unterweger mit den ÖsterreicherInnen gemacht und was haben die ÖsterreicherInnen mit ihm gemacht? John Leake nähert sich dem Thema, indem er sammelt: Akten, Meinungen, Gutachten, Medienbeiträge, Unterwegers Tagebücher. Er hat allein 50 Interviews geführt von seinen Freundinnen bis zu Angehörigen der Opfer bis zu ErmittlerInnen. Er trägt verschiedene Perspektiven zusammen, stellt sie einander gegenüber und strickt daraus eine Geschichte. Und das ist das Bemerkenswerte daran: Was wie ein großer Flickenteppich wirkt, wird wirklich zur Geschichte, die sich flüssig und kurzweilig liest: Mit Widersprüchen, mit Leerstellen und mit offenen Fragen, aber es wird zur Geschichte. Und wer sich fragt: „Woher weiß der Kerl das denn?“, der kann zum Ende des Buches blättern, denn dort sind seine Aussagen anhand der Quellen belegt. Was ist das nun? Eine wahre Geschichte? Zumindest eine, die ihre vielen Wahrheiten transparent macht, indem sie ihre Herkunft nachvollzieht. Ich habe wirklich Respekt vor dieser Arbeit und vor dem schönen und gut zu lesenden Buch, das daraus entstanden ist.

Wohltuend ist auch der sachliche Ton und eine gewisse Distanz zum Thema. Leake ist ja US-Amerikaner, der jahrelang in Wien gelebt hat. Dass auch die USA sich für Unterweger interessiert mag unter anderen daran liegen, dass ihm auch drei Morde in Los Angeles zugeschrieben werden. Das Buch ist zuerst auf Englisch erschienen und dass es nicht unbedingt gleich für das Wiener Publikum geschrieben wurde, das merkt man. Vor allem an Erklärungen über Wien im Allgemeinen und über österreichischen Sitten im Besonderen. Ich denke, kein einheimischer Autor käme auf die Idee, seinen Publikum zu erklären, dass die ÖsterreicherInnen am Heiligabend „Stille Nacht“ singen. Man merkt es auch an liebenswerten kleinen Hoppalas, indem zum Beispiel eine armseelige Almhütte plötzlich zum zweistöcken Bauwerk wird. Da wurde bei der Übersetzung wohl übersehen, dass in den USA der erste Stock dort ist, wo sich bei uns das Erdgeschoss befindet. Doch all das schafft ganz klar den Blick eines Außenstehenden und wenn man die ganzen Verstrickungen von Politik, High Society und Presse liest, scheint das auch wichtig. Man glaubt sich zumindest sicher, dass der Autor aus Texas all diesen Leuten nichts schuldig ist und das ist gut so.

Umso mehr wundert es, dass der Verlag diese kompetent-sachliche Attitüde mit den Werbesprüchen auf dem Cover konterkariert: „John Leake hat das ultimative Buch zu diesem Thema geschrieben – nüchtern und bewundernswert detailliert“, wird hier die New York Times zitiert und das kann ich nachvollziehen, auch der Superlativ sei Autor und Verlag von Herzem gegönnt. Aber: „Unglaublich spannend, hemmungslos direkt und genau. Ein verdammt guter Krimi, den man als Leser nicht so schnell vergisst“, aus Publishers Weekly. Hmmm, Krimi? Wollen sie das ernsthaft als Krimi verkaufen? Und dann das: „Ein Psychopath, der einer Patricia Highsmith würdig wäre – ein talentierter Mr. Ripley“. aus dem Playboy. Mr. Ripley! Derart seltsame Vergleiche hat Herr Leake dann doch nicht verdient.

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John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer – Das Doppelleben des Jack Unterweger, übersetzt von Clemens J. Setz, 455 Seiten, Residenz 2008

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Wieder einmal Hirnforschung

Auch die Hirnforschung bleibt in den Blogs: Bei →Herrn Linder steckt →dieses Buch im Ticker, samt dazugehörigem →Working Paper: Krauth Stefan: „Die Hirnforschung und der gefährliche Mensch, über die Gefahren einer Neuauflage der biologischen Kriminologie“, erschienen im April 2008 beim „Verlag Westfälisches Dampfboot“.

Gehirne bald auch in Deutschland vor Gericht?

Ich habe meine Serie →“das Gehirn vor Gericht“ ja ausschließlich auf US-Quellen gestützt, und das Ganze liest sich auch zeitweise ein bisschen jenseitig, transatlantisch mindestens. Den passenden →Cartoon zum Thema gibt es aber ausgerechnet auf einer deutschen Seite: Bei Hirnforscher Stephan Schleim.

Stephan Schleim hat übrigens Philosophie, Psychologie und Informatik studiert und hat damit einen vielseiten Zugang zum Thema. Seine Homepage ist eine Fundgrube deutschsprachiger, teils populärwissenschaftlicher Artikel und jedem, der sich für das Thema interessiert, ans Herz gelegt. Punktgenau zu unserem Thema passt →“von der Neuroethik zum Neurorecht – der Beginn einer neuen Debatte“ (pdf). Über die Links gelangt man auch zum Artikel des Gutachters →Hans. J. Markowitsch auf heise.de, in dem er aus seinem Nähkästchen plaudert, wie neurowissenschaftliche Befunde bereits jetzt auf die Urteilsfindung deutscher Gereichte Einfluss genommen haben. Stephan Schleim betreibt übrigens ein →Brainlog.

Das Gehirn vor Gericht – Teil 2

→Wir erinnern uns: Neue Technologien machen es möglich, dass Gefühlen, Gedanken und Handlungen Stoffwechselveränderungen im Gehirn zugeordnet werden. Wir haben dazu den Harvard-Psychologen Joshua D. Green zitiert, der in der →New York Times vom März 2007 Folgendes feststellte: Für einen Neurowissenschaftler sei der Mensch das Gehirn und nichts Anderes bringe Verhalten hervor als die Aktivität des Gehirns. Zusammengefasst geht er davon aus, dass auch ein Mensch, der glaubt, dass er eigene Entscheidungen trifft, in Wirklichkeit durch die Aktivität seines Gehirns völlig bestimmt ist.

Deshalb schlägt Greene vor, dass das Justizsystim die Idee der Bestrafung – weil sich jemand aus freien Willen entschlossen hat, ein Delikt zu begehen – aufgeben sollte. Vielmehr sollte das Gesetz darauf abzielen, zukünftigen Schaden abzuwenden. Auch der Gedanke, kriminelle Individuen schon zu identifizieren, bevor sie das Verbrechen begehen, ist keinesfalls neu. Die New York Times verfolgt diesen Gedanken bis ins 19 Jahrhundert zurück, als der italienische Kriminologe Cesare Lombrose versuchte, eine Theorie der „biologischen Kriminalität“ zu entwickeln, indem er physische Merkmale wie buschige Augenbrauen beschrieb, an denen Kriminelle zu erkennen seien. Heute haben wir etwas spezifischere Merkmale als buschige Augenbrauen: Wir können zum Beispiel messen, dass Leute mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, die häufig mit gewalttätigem Verhalten einhergeht, um 11% weniger graue Substanz im Frontalhirn aufweisen als Gesunde. So kommen Menschen Menschen in die Situation, zukünftiger Straftaten verdächtigt zu werden, obwohl bislang noch nichts vorgefallen ist. Das öffne eine Büchse der Pandora in zivilisierten Gesellschaften, wird die Psychiatrieprofessorin Helen S. Mayberg zitiert:

“If you believe at the time of trial that the picture informs us about what they were like at the time of the crime, then the picture moves forward. You need to be prepared for: ‘This spot is a sign of future dangerousness,’ when someone is up for parole. They have a scan, the spot is there, so they don’t get out. It’s carved in your brain.”

In anderen Worten: Man läuft Gefahr, nicht mehr für das verurteilt zu werden, was man getan hat, sondern für das, was man im Gehirn trägt – ein folgerichtiger Gedanke, wenn wir davon ausgehen, dass unser Handeln nur das Produkt unserer Hirnstruktur und dessen Stoffwechsels ist. Da wir hier auf einem Krimiblog sind, gehe ich davon aus, dass sich hier kreative Leute tummeln, die sich die Konsequenzen ausmalen können. In einem Kommentar haben wir schon gewitzelt, dass wohl bald bei Aldi ein →MR-Scan von BewerberInnen verlangt wird, ich denke auch an MR-Scans als Vorraussetzung für eine Einreise in die USA. Dass dies keineswegs Science Fiction ist, zeigt der besagte New York Times Artikel mit einem Zitat des Stanford-Rechtsprofessors Hank Greely, der davon träumt, diese Technologien im Kampf gegen den Terror einzusetzen. Er meint, dass wir auch mit heutigem Wissen so weit sind, einen Freund-versus-Feind-Scanner zu entwickeln. Paul Root Wolpe, der Sozialpsychiatrie und psychiatrische Ethik an der University of Pennsylvania School of Medicine unterrrichtet, fallen noch andere Anwendungsgebiete ein: So könne man die Kinder in der Schule scannen, um Begabungen zu erkennen, oder die NASA könnte das Raumgefühl künftiger Shuttle-Piloten mittes MR-Scan feststellen. Und wieder auf das Strafrecht zurück bezogen, fragt sich die New York Times:

As the new technologies proliferate, even the neurolaw experts themselves have only begun to think about the questions that lie ahead. Can the police get a search warrant for someone’s brain?

Doch während alle möglichen Leute sich den Kopf darüber zerbrechen, was man denn mit diesen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen alles anstellen könnte, ich zum Beispiel will mich in Hollywood als James-Bond- Drehbuchautorin für den Streifen „das Gehirn, das tötet“ andienen, versuchen die Wissenschaflter selber, den freien Willen auf dem Boden dieser Erkenntnisse neu zu definieren. Denn die Vorstellung, dass da – bildlich gesprochen – ein roter Punkt im Gehirn sitzt, der mich dazu bringt, Tante Louise auszurauben, ist im Prinzip genauso obscur wie das Primat des freien Willens über die Materie. So ein Gehirn ist ja ständig vielerlei äußeren und inneren Einflüssen unterworfen, verändert sich, chemisch, aber auch strukturell. So bildet sich zum Beispiel das „Üben“ direkt im Gehirn ab. Wenn wir üben, z.B Geige zu spielen, nehmen die Hirnareale, die wir dazu brauchen, messbar zu und das wissen dann wieder unsere Nachbarn zu schätzen, wenn wir weiter üben. Jede Regung, jeder Gedanke bildet sich im Gehirn ab. Ich sehe zum Beispiel Herbert auf der anderen Straßenseite, aber ich bin sauer, Herbert hat mir ein Buch nicht zurück gegeben. Für diesen einfachen Sachverhalt brauche ich eine Unzahl von Gehirnarealen: Ich muss Herbert erkennen, muss mich an ihn erinnern und das Buch. Dann kommt da eine moralische Instanz, die mir sagt, dass es nicht richtig sei, dass Herbert mir das Buch nicht zurückgegeben hat, das habe ich irgendwo gespeichert, weil ich es mir irgendwann in meiner Kultur angeeignet habe. Und am Ende noch der Ärger. Ich kann jetzt zm Beispiel hinüber gehen und Herbert eine runter hauen, oder ich kann so tun, als sähe ich ihn nicht und ihn durch Ignoranz strafen. Doch während ich mir das überlege, merke ich, dass ich Hunger habe und ich muss eine Entscheidung treffen: Löse ich jetzt das Herbertproblem oder gehe ich essen? Gut ich gehe essen, Herbert hat noch einmal Glück gehabt, ich habe ihm keine vor den Latz geknallt. Wer hat das jetzt zu verantworten? mein Gehirn? Und wer in meinem Gehirn? Das Moral-Zentrum, das mir sagt: Man knallt Leuten auf offener Straße keine, wenn man möglicherweise erwischt wird oder das Hunger-Zentrum? Oder habe ich einen Einfluss darauf, wie diese ganzen Neuronen durcheinander feuern?

An diesem Punkt werden meistens die →Libet-Experimente zitiert: Benjamin Libet hat schon in den 70ern und 80ern die Gehrinaktivitäten von Menschen gemessen, denen gesagt wurde, sie sollen ihre Finger bewegen, wann immer sie wollen. Er fand heraus, dass die Gehirnaktivität schon eine halbe Sekunde vor der Fingerbewegung einsetzte und 400 Millisekunden bevor die Leute überhaupt den Entschluss fassten, den Finger zu bewegen. Der Entschluss konnte in diesen Versuchen also nicht ursächlich für die Fingerbewegung sein, die Gehirnaktivität kam lange davor. In weiteren Experimenten fand Libet jedoch heraus, dass die Handlung bis 50 Millisekunden vor der Ausführung noch abgebrochen werden konnte und erreichnete ein Zeitfenster von etwa 100 Millisekunden, in denen der bewusste Wille eine vom Unbewussten bereits eingeleitete Handlung noch abbrechen könne. Er sprach von einer „Vetofunktion“ des Bewusstseins. Wir hätten in diesem Fall also durchaus Einfluss auf das, was unser Gehirn schließlich in Handlungen hervorbringt. Dies ist natürlich ein sehr einfaches Modell, das viele Fragen offen lässt, es soll aber zeigen, dass die Frage des freien Willens kein Kulturkampf „Geist gegen Materie“ ist, sondern dass es durchaus möglich ist, die Diskussion auf der Basis biolgischer Erkenntnisse zu führen. Ausführlichere Blogbeiträge über die komplizierte Diskussion von Neurowissenschaften und freiem Willen haben „Krimileser“ →Bernd Kochanowsky und →kamenin vom Blog „begrenzte Wissenschaft“ geschrieben.

Nun ist die Idee, dass wir nicht immer dank Ratio und freien Willens handeln, aber keinesfalls neu. Die gelernte Österreicherin verweist hier auf siegmund Freud, der schon vor hundert Jahren gesagt hat „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus“ und sich aufgrund seiner heuristischen Methoden zumindest von der Medizin lange Zeit „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen lassen musste. Doch wie Freud auch immer zu seinen Theorien gelangt ist, das Konzept des „Unbewussten“, das Einfluss auf unserer Handeln nimmt, ist heute wohl Kulturgut und so überrascht mich immer wieder der Schrecken, wenn neurowissenschaftliche Forschung ähnliche Schlüsse zieht, nämlich, dass wir nicht in allen Entscheidungen so ganz frei sind. Wir hätten schon fast 100 Jahre Zeit gehabt, uns an den Gedanken zu gewöhnen.

Stephen J. Morse, Professor für Recht und Psychiatrie an der Universität von Pennsylvania ist zwar keine gelernte Österreicherin, findet aber ebenfalls nicht, dass neuropsychologische Erkenntnisse die Vorstellungen von Verantwortung revolutioniert haben:

“There’s nothing new about the neuroscience ideas of responsibility; it’s just another material, causal explanation of human behavior,” says Stephen J. Morse, professor of law and psychiatry at the University of Pennsylvania. “How is this different than the Chicago school of sociology,” which tried to explain human behavior in terms of environment and social structures? “How is it different from genetic explanations or psychological explanations? The only thing different about neuroscience is that we have prettier pictures and it appears more scientific.”

Es mache also keinen Unterschied, ob man Verhalten durch soziale Strukturen erkläre oder durch Gehirne, man erkläre es seit Jahr und Tag, der einzige Unterschied sei, dass wir jetzt schönere Bilder haben und diese wissenschaftlicher erscheinen. Für mich sind die schönen Bilder jedoch der zentrale Punkt: Während verhaltenswissenchaftliche Konstrukte oder gar psychoanalytische Theoriebildungen gar schwer zu verstehen und zu argumentieren sind, ist ein Foto ein Foto und das ist eben ein Foto. Nur allzu leicht vergessen wir, dass es sich auch hierbei um Konstruktionen handelt. Ein MR-Scan bedeutet, dass wir Veränderungen von Magnetfeldern messen, diese nach bestimmten Regeln gewissen Prozessen im Gehirn zuordnen und das Zahlenmaterial, das dabei entsteht, von einem Computer in ein Bild verwandeln lassen. Es ist eben kein Foto und schon gar kein Gehirn, sondern eine Konstruktion des Gehirns. Wir erinnern uns an Teil eins dieses Artikels: Wir haben dort sogar ein Gehirn gesehen, das schon seit über 100 Jahren verwest ist. Verhaltenswissenschaften machen – soweit ich es gelernt habe – eigentlich das Gleiche: Sie legen Regeln fest, nach denen Wirklichkeit beschrieben wird und bilden sie dann eben durch Sprache und Diagramme ab*. Aber sie haben kein Foto. So ein Foto kann nun aber schnell mit den Tatsachen verwechselt werden, das ist mein Gehirn ja gewohnt: Wenn ich ein Foto eines Tisches sehe, dann gehe ich davon aus, dass es diesen auch wirklich gibt. Wenn ich rote Punkte im Gehirn sehe, was soll mein Gehirn da glauben? Zu glauben, es gäbe in Wirklichkeit keine roten Punkte im Gehirn und das habe nur ein Computerprogramm gemacht, ja, das ist möglich, aber darüber muss man zuerst einmal nachdenken. Ich kenne nur wenige Neurowissenschaftler, aber was diejenigen auszeichnet ist ein großer Respekt und eine Bescheidenheit vor der Materie. Dass wir in den Kinderschuhen steckten und dass wir viel mehr nicht wüssten als wir wüssten, habe ich wiederholt gehört. Aber das Prekäre ist: Sie produzieren Bilder und Bilder werden in sozialen Zusammenhängen schnell zu „Hard Facts“.

More redet von einem „Brain overclaim Syndrome“ und meint, dass Juristen häufig moralsiche und juristische Ansprüche erheben, die die Neurowissenschaften nicht befriedigen können und stellt fest:

…“brains do not commit crimes; people commit crimes”

Stephen Morse meint, dass die Neurowissenschaften selber niemals den mysteriösen Punkt finden können, an dem Menschen nicht mehr für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich selber zu kontrollieren. Diese Frage, so meint er, sei eine moralisch und letztlich juristische Frage und könne keinesfalls in Laboratorien beantwortet werden, sondern in Gerichtssälen und der Gesetzgebung. In anderen Worten: Wir müssen die Antwort selber finden.

*Gut, wer sich mit Wissenschaftstheorie beschäftigt, mag mir jetzt vorwerfen, dass ich eine unzulässige Abkürzung genommen habe, da Verhaltenswissenschaften auch noch „operationalisieren“ müssen, das heißt, die Regeln für nicht direkt beobachtbare Konstrukte wie z.B. „Ärger“ festlegen. Ich kann den Ärger nicht direkt messen wie ein Magnetfeld, ich muss zuerst festlegen, dass ich ihn zum Beispiel an einer Vertiefung der senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen um 0,1 Millimeter definiere. Aber das ändert nichts daran, dass empirische Wissenschaften die Gemeinsamkeit aufweisen, Regeln für Erkenntnisgewinn festzulegen und dann eben die Welt nach diesen Regeln zu beschreiben.

Verknüpfte Artikel:

→Die Alchemie des Wortes

→Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Wie →hier versprochen, kommt nun der Beitrag über neue neurobiologische Erkenntnisse und die Konsequenzen für die Rechtssprechung, unabdingbares Wissen für heutige KrimiautorInnen. Inspiration ist ein Vortrag, den von Prof. Kenneth Thau von der Unikklinik Wien letzte Woche auf dem ÖGPP*-Kongress in Gmunden gehalten hat. Titel des Vortrags: „Von der Wut zur Aggression“. Leider musste ich feststellen, dass das Thema jegliche Bloggerkapazitäten sprengt und so wird es eine Fortsetzungsgeschichte.

Weiterlesen ‚Das Gehirn vor Gericht – Teil 1‘

Online Praktikum für Profiler

Während bei dpr drüben Privatdetektive demnächst an →Kurzratekrimis üben können, verwenden wir hier echte Profiler-Schulungsunterlagen. Auf →Crimelibrary.com gibt es ein →interaktives Praktikum für angehende ProfilerInnen. In zwei Schwierigkeitsstufen können Sie dort einen der berühmtesten österreichischen Kriminalfälle lösen, wenn auch auf Englisch.

Was uns hier besonders freut – es gibt dort auch einen →Jack in the Box. Da sieht man wieder einmal, was selektive Aufmerksamkeit ausmacht. Gestern wusste ich noch nicht einmal was das ist, heute finde ich einen.

Gefunden habe ich das interaktive Praktikum auf meiner Suche nach Ressourcen für KrimiautorInnen. Neben echten Kriminalfällen gibt es hier auch Artikel zu psychologischen Hintergründen und Ermittlungsmethoden. Eine Brücke zur Literatur schlagen Aufsätze über historischen Vorlagen berühmter Killer aus der Literatur z.B. →“All about Hannibal Lecter: Facts and Fiction“. Eine wahre Fundgrube für KrimiautorInnen, deshalb ist der Link auch nach Rechts unter den Punkt „Recherche“ gewandert. Allerdings darf man keineswegs zart besaitet sein, handelt es sich doch ganz vorwiegend um echte Kriminalfälle und die sind leider oft um einiges brutaler als es die meisten KrimiautorInnen ihren LeserInnen zumuten.

Reinhard Haller – Die Seele des Verbrechers

Wenn man Krimis schreibt, schadet es auf keinen Fall, sich ein wenig mit der Psychologie des Verbrechens zu beschäftigen. Motive wie Neid, Habgier, Eifersucht sind uns allen aus der einschlägigen Literatur bekannt. Aber wir alle sind dann und wann neidisch, habgierig und eifersüchtig und bringen deshalb noch lange niemanden um. Zumindest nicht in der Wirklichkeit und Phantasien sind frei.

Weiterlesen ‚Reinhard Haller – Die Seele des Verbrechers‘


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Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

→Journal of Medical Internet Research

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