Archive for the 'Krimis schreiben' Category

Vertragsentwurf

Viel wird derzeit geschrieben über →Verträge zwischen LeserInnen und AutorInnen, die von AutorInnen einseitig aufgekündigt werden, was die LeserInnen unzufrieden mache, worauf von Dritten wiederum die →Gültigkeit oder überhaupt nur die Existenz des Vertrags →in Frage gestellt wird. Ein klassisches psychologisches Problem: Schlechte Kommunkation. Das will ich nicht. Ich will zufriedenen LeserInnen haben und habe deshalb für all die LeserInnen meiner ungeschriebenen Bücher einmal einen Vertragsentwurf entwickelt.

1. Gegenstand: Gegenstand dieses Vertrages ist das noch zu schreibende Buch …… (Titel wird eingesetzt), Vertragsparteien sind die Autorin, im Folgenden „Autorin“ genannt und die Leserin, im Folgenden „Leserin“ genannt. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf die Nennung männlicher und weiblicher Formen verzichtet, Männer sind in „Leserin“ mitgemeint.

2. Autorin verpflichtet sich, Leserin über einen Dritten, kurz Verlag genannt, eine Geschichte über mindestens 200 Seiten zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte trägt den Titel „Krimi“. Autorin unternimmt alle Anstrengungen, das Interesse von Leserin zu befriedigen. Daraus erwachsen Leserin aber keinerlei Rechte auf eine deftige Leiche, einen gescheiten Komissar oder ein aufgelöstes Ende. Die Gestaltung der Straftat, ob und wie überhaupt ermittelt wird und ob ein Ende aufgelöst ist, ungelöst oder unerhört, obliegt allein der Autorin. Jedenfalls hat Leserin das Recht auf ein Ende.

3. Leserin verpflichtet sich, das Buch in der Richtung von vorne nach hinten zu lesen und Interesse zur Verfügung zu stellen. Das Interesse kann sich auf die Struktur, den Plot, die Figurencharakterisierung, die politischen und gesellschaftlichen Prämissen oder auch das Autorinnenfoto auf der Rückseite beziehen. Da das Buch jedenfalls eine Struktur, einen Plot, eine Figurencharakterisierun, politische und gesellschaftliche Prämissen und ein Autorinnenfoto aufweist, wird das Interesse auf jedem Fall befriedigt. Wenn nicht, hat Leserin zu wenig Interesse gezeigt und muss von vorne anfangen.

4. Die Begeisterung für das Buch ist zumindest im Familienkreis, besser aber in einem Blog binnen einer Frist von drei Tagen kundzutun. Dabei sind jedenfalls die Wörter „komplex“, „tiefgründig“ und „literarisch“ zu verwenden,

3. Lesetempo und – haltung können frei gewählt werden. Möglich ist jeden beliebige Form des Stehens, Liegens oder Sitzens in allen Abwandlungen. Die Haltung des Buchs soll aber jedenfalls derart gestaltet sein, dass die Überschriften nicht auf dem Kopf stehen. Vor dem Lesen im Gehen sind Vorkehrungen zu treffen, die Leserin vor Zusammenstößen mit lebenden und unbelebten Objekten schützen. Lesen während des Chaffierens zwei- oder mehrrädriger Fahrzeuge ist streng untersagt.

4. Autorin haftet nicht für psychische und körperliche Schäden an Leserin, Buch oder in ihrer Umgebung befindlicher lebender und unbelebter Objekte.

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So. Der Vertrag ist zur juristischen Begutachtung freigegeben!

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Amerikanischer Fleiß – National Novel Writing Month

Übermorgen beginnt er wieder: Der November, der von einem Team um Chris Baty aus Kalifornien zum „National Novel Writing Month“ ausgerufen wird. Ziel des Projekts ist, im November einen 50000 Wörter starken Roman zu schreiben, jeder und jede, der/die das schafft, wird zum „Gewinner“ oder zur „Gewinnerin“ ernannt.

Dabei wird nicht erwartet, dass druckreife Bücher entstehen (wenngleich das immer wieder vorkomme, zumindest nach einer Überarbeitung), vielmehr gehe es um den Prozess des Schreibens: Den Mut, einfach draufloszuschreiben, ohne viel zu hinterfragen und zu sehen was passiert. So soll man unter Umständen „Flow“ herbeirufen können. Dass es lustiger wird und wohl auch, um sich gegenseitig über Tiefen zu helfen, pflegen die TeilnehmerInnen Kontakte: Sie treffen sich, trinken starken Kaffee, kommunizieren über das Internet. Bei einer eigenen „→Procrastination Station“ kann man sich dort auch noch die Zeit vertreiben, ohne am Roman zu schreiben, zum Beispiel in der Abteilung „Scare yourself with your own writing“.

Der „National Novel Writing Month“ ist inzwischen nicht mehr „national“, sondern international, die Homepage allein schon fünfsprachig, unter anderem Deutsch. Letztes Jahr soll es über 100000 Teilnehmer und 15333 Gewinner gegeben haben.

Links:

→NaNoWriMo

→NaNoWriMo Blog

→NaNoWriMo auf Deutsch

Wie man sich aus Handschellen befreit

→Videotutorial auf Englisch. Wichtige Recherchequelle.

True Crime, Kamerun, Teil 2

Der erste Teil der Geschichte ist hier.

Inzwischen hatte die Geschichte aber im Dorf die Runde gemacht und tags darauf war die Lösung gefunden: Ein Weiser des Dorfes würde den Täter durch Zauberei ermitteln, das Notstromaggregat herbeibringen und nebenbei die Ehre der geschlagenen Männer wieder herstellen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch wenig über Zauberei. Ich hatte im Gefängnis der nahegelgenen Kleinstadt eine Zauberin kennengelernt, die an Tuberkulose erkrankt war, eine nette, alte Dame, wie mir schien. Zauberei war anscheinend ein Straftatbestand. Unter bestimmten Bedingungen war es ein Straftatbestand, doch mehr als diese Bedingungen interessierte mich zu dieser Zeit, wie der Tatbestand der Zauberei überhaupt festgestellt wurde. Ich habe damals der Einfachheit halber einfach den Gefängniswärter gefragt, doch der hat mich nur angeschaut wie ich selbst Leute, die zu „Austria“ Känguruhs assoziieren. „Das sagen die Fakten“, sagte er und damit war alles erklärt.

Nun hatte ich beschlossen, mich schlau zu machen und erkundigte mich bei Praktikant Desiré. Zauberei, so erklärte er, sei in Afrika so gewöhnlich, dass man sich ständig davor schützen müsse. Man erkenne sie eigentlich nicht, bis sie geschehen sei und so müsse man die Leute von vornherein gnädig stimmen, um Zauberei zu verhindern. Er zum Beispiel mache Matura und so sei er natürlich sehr gefährdet, von Zauber behelligt zu werden, weil die Leute neidisch seien. Ein Onkel zum Beispiel, der sehr reich sei, gebe aus diesem Grund immer sehr viel Geld her, wenn er in sein Dorf komme, nur um die Neider zu besänftigen. Aber ich müsse mich nicht fürchten, so ergänzte er beruhigend, er werde mich beschützen, denn er kenne sich aus. Nun muss ich gestehen, dass die Angst vor Zauberei zu meinen geringsten Ängsten gehörte, auf dem Wohnzimmerboden krabbelnde Skorpione machten mir weitaus mehr Kopfzerbrechen. Doch trotz meiner Unerschrockenheit und meiner forschen Nachfragen, wie denn nun per Zauberei die Diebe überführt werden sollten, wollte es niemand so recht erzählen. Eher beruhigten mich die Leute, versicherten, dass ich mich nicht fürchten müsse oder gaben mir gute Tipps und Amulette, die ich verwenden könne, wenn ich Angst vor Zauberei hätte.

Doch mit einer ordentlichen Portion Hartnäckigkeit fanden wir „Nassara“ schließlich heraus, was geplant war: Weise Personen sollten einen Trank herstellen, der die Wahrheit ans Licht bringen würde. Die fünf Verdächtigen sollten ihn trinken, wer unschuldig war, würde an heftigem Erbrechen leiden, der Täter aber sterbe, eine gerechte Strafe für solch eine ungeheuerliche Tat, immerhin gefährde der Dieb das Leben unschuldiger Kranker, die ohne Strom im Krankenhaus lägen. Was soll ich sagen? Wir waren entsetzt. Wir hatten keine Ahnung, was die Weisen in den Trank mischen wollten, aber gesund war es sicher nicht. Wir konnten sicher nicht zustimmen, dass Mitarbeiter des Krankenhauses in ihrer Gesundheit gefährdet, wenn nicht gar zu Tode vergiftet würden. Und die Betroffenen hätten nicht nein sagen können, jeder, der das getan hätte, wäre hoch verdächtig gewesen. Außerdem bangten sie sicherlich nicht so um ihre Gesundheit wie wir: Jeder, der sich unschuldig fühlte, musste ja davon ausgehen, dass ihm nichts passieren würde. Meine Chefin legte also ein Veto ein und das war auch wirkungsvoll, da meine Chefin zugleich die Chefin des Krankenhauses und die Chefin der betroffenen Mitarbeiter war.

Jetzt standen wir wieder da: Mit Verdächtigen, die man nicht mehr verdächtigen durfte, weil sie schon so viel mitgemacht hatten, ohne Dieb, ohne Notstromaggregat, aber nun auch mit einem ganzen Dorf, das jetzt sehen wollte, wie wir das Problem zu lösen gedachten, wenn wir schon verhinderten, dass sie es auf ihre Art erledigten. Und genau das wussten wir nicht. In unserer Not machten wir etwas, was wir in Afrika gelernt hatten: Nichts. Wir warteten. Und taten nichts. Und genau diese Methode führte schließlich zum Erfolg:

In jener Gegend gibt es ein buntes Nebeneinander uralter einheimischer Traditionen und kolonialer Erbstücke und eins davon sind die Pfadfinder. Die Pfadfinder also, die in Kamerun genauso durch den Busch streifen wie in Vorarlberg oder in der Bretagne fanden den Notstromaggregaten in einem Versteck mitten im Busch und ganz Pfadfinder – jeder Tag eine gute Tat – brachten sie ihn umgehend zurück. Natürlich waren die Buben die Helden des Krankenhauses und des ganzen Dorfes. Immer und immer wieder mussten sie erzählen, wie sie den schweren Notstromaggregaten gefunden und den Hügel heraufgetragen hatten. Doch wie er dort hin gekommen war und was er dort zu suchen hatte, war nicht gekärt. Ein böser Streich meinten die einen, jemand wollte ihn verkaufen, meinten die anderen. Doch hinter der Tatsache, dass das Krankenhaus wieder Strom hätte, wenn es denn Diesel hätte, geriet diese Frage nach und nach in den Hintergrund.

True Crime, Kamerun, Teil 1

Die Diskussion mit Bernd über Besonderheiten afrikanischer Krimis haben mich dazu animiert, einen Kriminalfall aufzuschreiben, den ich vor nunmehr 12 Jahren an einem Ort erlebt habe, den gebildete KamerunerInnen als „Busch“ bezeichnen. Die Geschichte wurde nach Tagebuchaufzeichnungen vom Mai 1996 rekonstruiert.

Mitte der neunziger Jahre, ich war gerade am Ende meines Medizinstudiums angelangt, wirkte ich mehrere Monate lang als Praktikantin in einem kleinen Spital im Adamaoua-Hochland Kameruns. Was ich damals neben vielen anderen Dingen schätzen lernte, war Strom. Den hatten wir nämlich nicht immer und mehr als einmal haben wir eine Operation unter dem sanften Licht einer Taschenlampe zu Ende gebracht. Zum Glück hatten wir keine →Elektrokauter und stromgetriebenen Narkosegeräte und dergleichen. Wir haben so narkotisiert, dass der Patient selber geschnauft hat. Meistens jedenfalls. Wenn nicht, musste der Patient händisch beatmet werden. Schlimmer als Stromausfälle aber waren die Ausfälle fließenden Wassers, die dem Ausfall der elektrisch getriebenen Strompumpen jeweils unmittelbar folgten. Andererseits war es auch wieder nicht so schlimm wie ein Wasserausfall in einem österreichischen Spital wäre, denn natürlich gab es immer noch handbetriebene Brunnen im Hof, von denen man Wasser in Eimern herschaffen konnte. Nach diesen Erlebnissen war ich sehr überrascht zu hören, dass das Krankenhaus über einen dieselgetriebenen Notstromaggregaten verfügte, der allerdings nicht in Betrieb war, weil es keinen Diesel gab. Genau genommen habe ich erst davon erfahren, als der Notstromaggregat pötzlich weg war – aus einem geschlossenen Raum gestohlen.

Das sorgte naturgemäß für Wirbel, denn so ein großes Krankenhaus mit über hundert Betten ohne Notstromaggregat – so etwas darf gar nicht sein. Plötzlich spürten wir die Not drohender Stromausfälle und malten uns drastisch die Konsequenzen dessen aus, was wir täglich erlebten: Was, wenn plötzlich während einer Operation das Licht ausginge? Wenn man nichts mehr sterilisieren könnte? Es war klar: Dieser Diebstahl war eine Katastrophe. Nun waren wir zwar durchaus gewohnt, unsere teuren OP-Scheren auf dem Markt wieder zurückkaufen zu müssen, wohin sie auf ungeklärten Wegen gelangt waren, doch ein Notstromaggregat ist schon ein anderes Kaliber und so wurde Anzeige erstattet.

Die Polizei tauchte auch bald im Krankenhaus auf und folgerte mit dem Scharfsinn englischer Detektive, dass wahrscheinlich einer der fünf Leute, die einen Schlüssel zu dem verschlossenen Raum hatten, den Aggregaten aus dem verschlossenen Raum gestohlen hätten. Was nur fehlte, war der Beweis, dem man einem von den Tätern vor die Füße werfen konnte, um ihn zu überführen, alternativ ein Geständnis. Die Polizei entschied sich für den zweiten Weg, nämlich ein Geständnis herbeizuführen. Was dann folgte, kam für die Europäerinnen, die sich im Krankenhaus aufhielten, völlig überraschend: Die Polizei trieb die fünf Männer in den Hof und verprügelte sie vor allen Leuten, die natürlich sofort zugegen waren. PatientInnen, Angehörige, Kinder. Doch alles war zwecklos, die Prügel halfen nichts: Keiner der fünf wollte etwas mit dem Diebstahl zu tun haben und so wurden alle fünf kurzerhand verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen.

Der Rest des Krankenhauspersonals fand sich zusammen, um zu beraten, was zu tun sei. Die „Nassara“ unter uns, also die „Weißen“ waren schockiert, so etwas hatten sie noch nie erlebt. Die Einheimischen waren auch schockiert, meinten aber, dass man damit hätte rechnen müssen und sie zerfleischten sich in Selbstvorwürfen, dass wir die Polizei überhaupt eingeschaltet hatten. Sie meinten, dass wir das Problem selber hätten lösen sollen, wir Weißen hörten uns das an, ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, was damit gemeint war. Alle waren sich aber einig: Wir wollten, dass der Nostromaggregat gefunden und der Dieb bestraft wurde, Prügel, Demütigungen und Menschenrechts- verletzungen wollten wir nicht. Die einheimischen Kollegen wussten auch, was zu tun war: Mit dem Polizeichef „reden“, die Anzeige zurückziehen und so die Freilassung der fünf Kollegen zu erwirken. Am Abend fuhr also eine Abordnung des Krankenhauses, ausgerüstet mit mehreren tausend Francs CFA in die Stadt und führte ein Gespräch mit dem Polizeichef. Das Gespräch war erfolgreich. Die Abordnung kehrte ohne Geld aber mit den fünf geschundenen Männern zurück.

Wir waren wirklich froh, dass die Leute ohne schwere körperliche Verletungen zurück waren, sie hatten lediglich Prellungen davon getragen. Die seelischen Verletzungen aber waren offensichtlich. Jeder einzelne sprach von der Schmach, die man ihm angetan hatte, als man ihn völlig unschuldig vor Frauen und Kindern prügelte wie Vieh und jeder einzelne brannte darauf, den Täter zu finden. Jetzt standen wir da: Mit fünf Leuten, die keiner mehr zu verdächtigen wagte, ohne Dieb, ohne Notstromaggregat.

Inzwischen hatte die Geschichte aber im Dorf die Runde gemacht und tags darauf war die Lösung gefunden: Ein Weiser des Dorfes würde den Täter durch Zauberei ermitteln, das Notstromaggregat herbeibringen und nebenbei die Ehre der geschlagenen Männer wieder herstellen.

→Hier geht es weiter.

Zielgruppengerechtes Schreiben, Teil 1

→Herr Wörtche (hier steckt der Originalartikel!) schrieb letzte Woche einen →viel →beachteten →Artikel →über →zielgruppengerechtes →Verlagsmarketing. Krimis, so stellt er fest, werden heute häufig für Zielgruppen geschrieben und als korrekt definierte Zielgruppe nennt er zum Beispiel: „Frauen, die Fortsetzungskrimis mit einer wiederkehrenden Hauptfigur und psychologischen Aspekten lesen.“ Die hohe Zahl von Kriminalromanen, die für Zielgruppen kalkuliert sind, schreibt er unter anderem Leuten wie mir zu: Autorinnen und Autoren aus dem Regionalsektor.

Genau, Herr Wörtche, aber glauben Sie mir, das ist eine Kunst. Denn wir schreiben nicht für eine Zielgruppe, sondern zumeist für mehrere. Da Reinhard gemeint hat, dass ich ausschließlich als Bloggerin auftrete und überhaupt nicht als Autorin, finde ich, dass es an der Zeit ist, einmal meine Schreibwerkstatt zu öffnen und zu zeigen wie das geht mit dem zielgruppengerechten Schreiben. Wie hier schon mehfach erwähnt, schreibe ich einen Regiokrimi über die Regio Salzkammergut. Der Krimi spielt im Vogelfängermilieu, Gegenspieler der Vogelfänger sind die Tierschützer.

Der erste Schritt ist die genaue Definition der Zielgruppen. Meine Zielgruppen sind:

Vogelfänger des hinteren Salzkammerguts, die →kein Viagra mehr nehmen, weil sie die Bäume nicht mehr verlassen, die sie zum Behufe des Vogelfangs erklommen haben, während ihre Gattinnen niemals Bäume erklimmen. Auf diese Zielgruppe muss schon bei der Ausstattung des Buches Rücksicht genommen werden: Wasserfester Schutzumschlag, rucksacktaugliches Format. Von Vorteil ist auch ein Lesebändchen, mit dem das Buch notfalls an Ästen befestigt werden kann, auch Give-Aways wie Trillerpfeifen der Klangnote „Fichenkreuzschnabel“ sind von Vorteil.

Gattinnen der Vogelfänger, die sich derweil der Aufzucht der Kinder und der Pflege ihrer Liebschaften widmen. Die Bedienung dieser Zielgruppe basiert auf dem „Huch-Effekt“. Das sind die Leute, die zart erröten und „Huch“ rufen, wenn auf einer Unterhaltung →Gstanzln zum Besten gegeben werden. Denn es sind anständige Leute, die nicht düpiert werden dürfen durch allzu derbes Vokabular, auf der anderen Seite suchen sie moralische Entlastung durch literarische Vorbilder. Sie sehen, Herr Wörtche, die Bedienung der Zielgruppen setzt ein profundes psychologisches Wissen voraus. Die unbewussten Wünsche der Zielgruppe gilt es zu identifizieren und zu treffen. Die Unbewussten! Keine dieser Damen würde zugeben, dass sie Zweideutigkeiten lesen will. Aber fehlen diese – zack, sind die Verkaufszahlen im Keller. Das muss man wissen.

Die dritte Zielgruppe sind natürlich die Tierschützer, Regiokrimis werden ja bekanntlich deshalb verkauft, weil die Leute sich selber im Buch sehen wollen. Jetzt gibt es das Problem, dass die österreichischen Tierschützer grad in →Untersuchungshaft sitzen. Da muss ich mir noch etwas überlegen und wahrscheinlich das ganze Buch umschreiben. Sind die Tierschützer bis jetzt heldenhaft mit Kameras bewaffnet in die Berge gestiegen, um das Unwesen der Vogelfänger zu dokumentieren, haben sie die Hunde der Vogelfänger heimlich mit veganem Futter gefüttert, bis sich die Vogelfänger über deren grünen Stuhl gewundert haben und horrende Tierearztkosten angefallen sind, taugt das alles jetzt nicht mehr zur Identifikation. Jetzt brauche ich einen Gefängnisplot mit korrupten Richtern und bestechlichen Gefängniswärtern. Und das gibt es natürlich alles nicht im Salzkammergut, ich muss also noch eine zweite Regio einbauen. Eine wirkliche Herausforderung.

Die vierte Zielgruppe sind die Wildererinnen, das sind die salzkammerguterischen Feministinnen. Diese Zielgruppe darf niemals vergessen werden, erlauben sie doch schließlich, dass das Buch auch in feministischen Buchhandlungen außerhalb des Salzkammerguts verkauft werden kann. Feministinnen, die nicht wildern und in Wien leben, werden sich mit dieser speziellen Spielart des Feminismus beschäftigen, ins Salzkammergut reisen und das Buch kaufen. Die Wildererinnen selbst tragen Lederhosen und Gamsbart und werden deshalb im Morgengrauen selten als Frauen identifiziert, denn die übliche weibliche Silhouette einer Person in Dirndlgwand unterscheidet sich sehr von der einer Person in Lederhose. Aus diesem Grund meinen viele Leute, dass es nur Wilderer gibt, das stimmt aber nicht. Ihr Geheimnis teilen die Wildererinnen mit den Vogelfängern, denn diese Personengruppen teilen sich den Wald um vier Uhr in der Früh. Das zentrale Agens dieser Gruppe ist also das Geheimnis und das spiegelt sich auch in ihren Lesevorlieben: Das Geheimnisvolle muss gut herausgearbeitet sein, es darf auch ruhig nebelverhangen und dämmerig sein, Sagengestalten sind kein Fehler. Außerdem sind die Wildererinnen Waffenfanatikerinnen, lange Schilderungen der technischen Möglichkeiten der Tatwaffen sind erwünscht.

Die fünfte Zielgruppe ist der Fremdenverkehrsverband Salzkammergut. Diese Leute kontrollieren alle Regiomedien, man muss sich also schon wegen der einzuplanenden Vermarktung gut mit ihnen stellen. Diese Leute stehen sich drauf, dass in Regiokrimis Leuten namens Hake vorkommen, die beim Moserwirtn nächtigen und zoologische Vergleiche zwischen Hirschen und Elchen anstellen. Oder Bayern. Der Fremdenverkehrsverband will sogar, dass diese Leute in Büchern größere Gamsbärte tragen als die Einheimischen, was natürlich im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Zielgruppen eins und vier steht, andererseits wieder die Zielgruppe zwei anspricht. Oder Leute, die Lung Hoi heißen und ins Salzkammergut gereist sind, um die Gesänge der Eingeborenen zu studieren. Dann auch Leute aus dem Ruhrgebiet, die die gute Luft loben und Schriftsteller und andere Kunstschaffende aus Wien, die sogenannten Landwiener, aber das darf man nicht schreiben. Die Landwiener, hier kann ich es ja schreiben, hier sieht es niemand, kaufen beim Loden-Herbst einen Janker, essen bei der Sepplwirtin eine Gamswurst und werden auf einem Felsvorsprung nahe der Haller Alm von der Muse geküsst, worauf der Sonnenuntergang über dem Hallstättersee Eingang in die nächste Burgtheaterproduktion findet.

Wir fassen also zusammen: Dieses zielgruppengerechte Schreiben ist eine Kunst, die großes kuturelles Know How voraussetzt, psychologisches Verständnis, Sensibilität für die Bedürfnisse der Menschen, Hausverstand und Recherche. Wie man das macht, werde ich an Beispielen aus meiner laufenden Arbeit demonstrieren. Fortsetzung folgt!

Schreibblockaden nur im Kopf?

Da fühle ich mich wieder einmal provoziert, mich zu äußern:

Was sagen eigentlich Sie zum Thema Schreibblockaden? Ist der Irrglaube, es gebe so genannte Schreibblockaden berechtigt oder denken Sie gerade anders herum?: Es gibt keine Schreibblockaden! Schreibblockaden sind einzig und allein Kopfsache!

Das schreiben die AutorInnen des sonst sehr interessanten und bemerkenswerten →scholarZblog. Das ist ein Blog, das von „Nachwuchsforschern aus Leidenschaft“ geführt wird. Studiert haben die drei Herren so interessante Fächer wie Volkswirtschaft, Theologie, Politikwissenschaft, Germanistik, Anglistik. Umso mehr entsetzt mich die Formulierung. Was soll das heißen: „Es gibt keine Schreibblockaden! Schreibblockaden sind einzig und allein Kopfsache!“ Daraus kann man nur schließen: Wenn Schreibblockaden nur Kopfsache sind, gibt es sie nicht. Und darauf reagiere ich als Psychiaterin mehr als allergisch, denn das ist das Argument, mit dem Generationen unserer PatientInnen nicht ernst genommen wurden und werden. Die Krankheit ist nur im Kopf, deshalb gibt es sie nicht, deshalb sollen sich die Betroffenen ein bisschen zusammen reißen. Wie viele Depressive hören das heute noch.

Ich kann aber versichern: Die Schreibblockaden sind im Kopf und es gibt sie. Wie alle menschlichen Verhaltensweisen haben sie eine hirnfunktionelle Entsprechung im Gehirn. Zum Thema „Neurophysiologie des Schaffensprozesses“ kann ich den Artikel →Furor Poeticus: Ansätze zu einer neurophysiologisch fundierten Theorie der literarischen Kreativität am Beispiel der Produktionsästhetik Rilkes und Kafkas von Sandra Kluwe empfehlen. Wenn ich höre, es gebe etwas nicht, weil es nur Kopfsache sei, kriege ich nicht den Furor Poeticus, sondern den Furor Psychiatricus. Diese Allgemeinplätze sind der Stoff, aus dem die Diskriminierung psychisch Kranker gemacht ist.

Wichtig erscheint mir auch: Schreibblockade ist nicht Schreibblockade, da kann schlechte Organisation genauso dahinter stecken wie eine psychiatrische oder neurologische Erkrankung. Insofern dünkt es mich für ein Blog im akademischen Umfeld auch ein bisschen mager, wenn die AutorInnen dazu aufrufen, →Meinungen zur Schreibblockade per Email einzusenden, die besten Meinungen würden veröffentlicht. Ich gestehe: Wissen würde ich lieber lesen als Meinungen, deren es im Internet wahrlich bereits genug gibt. Wir kennen das doch: Schreibblockaden wurzeln laut Internet entweder in überhöhten Ansprüchen oder mangelnder Organisation und dagegen helfen entweder Techniken wie Mindmapping oder den Schreibtisch aufzuräumen oder Karteikästchen zu füllen. Da gibt es dann schnell einmal →1-2-3-Tipps, oder →Schreibhemmung Adé-Tipps von „Kriminalromanautoren“, so einfach ist das. Wie hat Frau Worz da nur eine ganze →Diplomarbeit von 208 Seiten draus gemacht?

Das ist mein Beitrag zur Diskussion, zu der das scholarZblog aufruft, wenngleich ich mich nicht per Email-und-Zusammenfassung beteiligen will. Erstens beantworte ich nicht direkt die oben zitierte Frage, zweitens mag ich nicht zusammengefasst werden. Auf die in Aussicht gestellte Zusammenfassung warte ich dennoch gespannt.


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Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

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