Vertragsentwurf

Viel wird derzeit geschrieben über →Verträge zwischen LeserInnen und AutorInnen, die von AutorInnen einseitig aufgekündigt werden, was die LeserInnen unzufrieden mache, worauf von Dritten wiederum die →Gültigkeit oder überhaupt nur die Existenz des Vertrags →in Frage gestellt wird. Ein klassisches psychologisches Problem: Schlechte Kommunkation. Das will ich nicht. Ich will zufriedenen LeserInnen haben und habe deshalb für all die LeserInnen meiner ungeschriebenen Bücher einmal einen Vertragsentwurf entwickelt.

1. Gegenstand: Gegenstand dieses Vertrages ist das noch zu schreibende Buch …… (Titel wird eingesetzt), Vertragsparteien sind die Autorin, im Folgenden „Autorin“ genannt und die Leserin, im Folgenden „Leserin“ genannt. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf die Nennung männlicher und weiblicher Formen verzichtet, Männer sind in „Leserin“ mitgemeint.

2. Autorin verpflichtet sich, Leserin über einen Dritten, kurz Verlag genannt, eine Geschichte über mindestens 200 Seiten zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte trägt den Titel „Krimi“. Autorin unternimmt alle Anstrengungen, das Interesse von Leserin zu befriedigen. Daraus erwachsen Leserin aber keinerlei Rechte auf eine deftige Leiche, einen gescheiten Komissar oder ein aufgelöstes Ende. Die Gestaltung der Straftat, ob und wie überhaupt ermittelt wird und ob ein Ende aufgelöst ist, ungelöst oder unerhört, obliegt allein der Autorin. Jedenfalls hat Leserin das Recht auf ein Ende.

3. Leserin verpflichtet sich, das Buch in der Richtung von vorne nach hinten zu lesen und Interesse zur Verfügung zu stellen. Das Interesse kann sich auf die Struktur, den Plot, die Figurencharakterisierung, die politischen und gesellschaftlichen Prämissen oder auch das Autorinnenfoto auf der Rückseite beziehen. Da das Buch jedenfalls eine Struktur, einen Plot, eine Figurencharakterisierun, politische und gesellschaftliche Prämissen und ein Autorinnenfoto aufweist, wird das Interesse auf jedem Fall befriedigt. Wenn nicht, hat Leserin zu wenig Interesse gezeigt und muss von vorne anfangen.

4. Die Begeisterung für das Buch ist zumindest im Familienkreis, besser aber in einem Blog binnen einer Frist von drei Tagen kundzutun. Dabei sind jedenfalls die Wörter „komplex“, „tiefgründig“ und „literarisch“ zu verwenden,

3. Lesetempo und – haltung können frei gewählt werden. Möglich ist jeden beliebige Form des Stehens, Liegens oder Sitzens in allen Abwandlungen. Die Haltung des Buchs soll aber jedenfalls derart gestaltet sein, dass die Überschriften nicht auf dem Kopf stehen. Vor dem Lesen im Gehen sind Vorkehrungen zu treffen, die Leserin vor Zusammenstößen mit lebenden und unbelebten Objekten schützen. Lesen während des Chaffierens zwei- oder mehrrädriger Fahrzeuge ist streng untersagt.

4. Autorin haftet nicht für psychische und körperliche Schäden an Leserin, Buch oder in ihrer Umgebung befindlicher lebender und unbelebter Objekte.

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So. Der Vertrag ist zur juristischen Begutachtung freigegeben!

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14 Responses to “Vertragsentwurf”


  1. 1 Wildschützfranz Dezember 2, 2008 um 21:39

    1. Am Klo lesen ist erlaubt?
    2. „tiefgründig“ kann ich auch so verwenden: „Dieses Buch ist nicht tiefgründig“. Hier gibt es ein Problem!
    3. Das Recht der leserin auf ein Ende würde ich mir Überlegen. Was ist bei einem Fortsetzungsroman?
    4. Wenn es ein Ende gibt, würde ich das Weitererzählen desselbigen verbieten.
    5. Als Mann fühle ich mich nicht als Leserin gemeint!!! Wie wäre es mit LeserIn?6. Ein Problem sehe ich auch in der Bezeichnung „Krimi“, wenn es sich die Autorin offenhält, ob überhaupt ermittelt wird. Ohne Ermittlung gibt es keinen Krimi oder irre ich mich. Wenn ja, bitte Beispiel nennen.
    6. Sex! Ein Krimi ohne Sex ist nix. Bereits auf der ersten Seite muss verpflichtend eine kopulation stattfinden.
    Ansonsten ein sehr gelungener Vertrag. Gratuliere!

  2. 2 zoebeck Dezember 4, 2008 um 13:54

    Das finde ich überhaupt mal eine interessante Sache: Leserinnen verpflichten sich, Bücher mit Interesse zu lesen! Nach 10 Seiten in die Ecke werfen ist nicht erlaubt! Es muss sich damit auseinandergesetzt und die Anstrengung der Autorin gewürdigt werden! Wäre das nicht mal …!

  3. 3 krimileser Dezember 4, 2008 um 23:59

    Ich halte das für eine Selbstverständlichkeit. Das letzte Buch, das ich aufgab, war S.J. Rozans Absent Friends, dürfte drei Jahre her sein.

    Die Zahl der Bücher, die eine Weile brauchen, bis sie zu laufen anfangen, ist gar nicht so gering.

  4. 4 Georg Dezember 5, 2008 um 12:02

    Nix da. Wenn Autoren Mist schreiben, darf ich mit dem Wurf auf den Misthaufen antworten. So sieht ein ordentlicher Vertrag aus! Nämlich der Autor hat ja auch Pflichten.

  5. 5 krimi.krimi Dezember 5, 2008 um 15:46

    @ Franz:

    ad 1: Ja, sogar erwünscht
    ad 2: Wenig, denn das Unbewusste kein kein „nicht“. Suggestionen auch nicht. Das berühmte Beispiel: „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten.“ Wenn man Dir das aufträgt, wirst Du sofort an einen rosa Elefanten denken. Insofern ist es egal, wenn man sagt, das Buch sei nicht tiefgründig. Das Unbewusste versteht nur „tiefgründig“.
    ad 3: Da müsste man jetzt „Ende“ definieren. Hat ein Buch ein Ende, wenn es eine Fortsetzung gibt? Eine schwierige Frage.
    ad 4: Gute Idee
    ad 5: LeserIn ist sowieso beides, Mann und Frau. Da müsste ich es ja nicht extra hinschreiben.
    ad 6: Anscheinend schon. Gibt ja genug, auf denen der Täter schon am Anfang verraten wird. Das nennt sich dann James Bond oder so und wird Agententhriller genannt. Da müsste man jetzt fragen: ist ein Agententhriller ein Krimi?
    ad 7: Wenn Du als Jurist das sagst, werde ich das wohl berücksichtigen müssen.

  6. 6 krimi.krimi Dezember 5, 2008 um 15:48

    @ Zoe: Ja genau, auf jeden Fall gewürdigt.

    @ Bernd: Genau! Zustimmung!

    @ Georg: Das hängt von der Perspektive ab: Ich als Leserin darf natürlich Bücher in die Ecke werfen. Ich als Autorin bin dagegen.

  7. 7 bloßfranz Dezember 6, 2008 um 19:00

    Irgendwie bin ich schon der Meinung, dass ich bei einem buch, das als KRIMI verkauft wird, einen bestimmten Inhalt erwarten hat. Zumindest whodonit. Eine bloße Liebesgeschichte ohne Verbrechen und gar ohne Versuch der Aufklärung desselben berechtigt mich meiner Meinung nach zum Rücktritt vom Vertrag m.a.W. zur Rückgabe des Buches an den Buchhändler. Ein extremes Beispiel wäre der Kauf eines Buches, das als Atlas angepriesen wird und keine Landkarte enthält. Da leuchtet das Rückgaberecht wohl jedem ein. ein Kochbuch ohne Rezepte währe ähnlich.

  8. 8 krimi,krimi Dezember 6, 2008 um 19:07

    Es gibt aber Krimis mit Rezepten. Wenn Kochbücher durch Rezepte definiert werden, wären das dann Kochbücher.

  9. 9 bloßfranz Dezember 6, 2008 um 20:46

    Ein Buch, das Deiner Idee nahe kommt, ist „Es muss nicht immer Kaviar sein“ von J.M. Simmel. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es auch Krimi-Elemente enthält, Rezepte aber innerhalb des Romanes schon, weil der Protagonist Hobbykoch ist.

    Im Übrigen werden Kochbücher dadurch definiert, dass sie NUR Rezepte enthalten und keinen Mord, höchstens das Bild von einem ermordeten Huhn.

    Auch bei Anrufen besteht eine Art Kontrakt zwischen mir und den Anrufern. Anrufer müssen immer etwas Nettes zu mir sagen.

  10. 10 bloßfranz Dezember 6, 2008 um 20:47

    Ansonsten bezeichne ich den Anruf als Unruf und muss nicht antworten.

  11. 11 Billigflug Januar 10, 2009 um 9:27

    „Leserin verpflichtet sich, das Buch in der Richtung von vorne nach hinten zu lesen und Interesse zur Verfügung zu stellen. “
    Das Interesse vom Leser hängt vom Buch ab.Ich kann mich nicht vreplichten das Buch oder die Geschichte spannend oder interessant zu finden und so das Buch zum Ende zu lesen.

  12. 12 thewritingfranz Januar 13, 2009 um 17:05

    Wer sich nicht dazu verpflichtet, darf eben das Buch nicht lesen. Wo kämen wir denn da hin?

  13. 13 krimi0krimi Januar 13, 2009 um 20:41

    Genau! Wozu hat man denn Verträge!


  1. 1 krimiblog.de » Qualitäts-Diskussion Trackback zu Dezember 3, 2008 um 11:41

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