Krimi ohne Mord und ohne Ermittler, jedoch mit Psychiater

Weil das Genre ja stets im Wandel bleiben muss und das gar nicht so leicht ist mit dem immergleichen Personal aus ErmittlerInnen und Opfern und MörderInnen, will ich hier extra drauf hinweisen, dass in Kabelkas Krimi „dünne Haut“ nicht gemordet, nicht geklaut, nicht geraubt, eigentlich fast nichts verbrochen wird. Ein Verbrechen wird vereitelt und eins „geoutet“, zum Aufklären bleibt keins übrig. Der Kommissar ist mit den Nerven am Ende und weilt in einer Psychosomatik. Dass ihn dort die Leichen der Vergangenheit einholen, fällt mehr einer therapeutischen Klärung anheim als einer polizeilichen.

Das wäre an sich schon kurios für einen Krimi, noch kurioser sind aber die Psychiaterfiguren, die so reden, als quelle direkt ein Psychotherapielehrbuch aus ihrem Mund. Das klingt dann so:

Wenn ich Ihre Geschichte höre, Ernst, sehe ich, wie Sie durch die Forderungen und Ansprüche Ihrer Eltern in eine permanente Übererregtheit gedrängt wurden. In eine Art von Aktionismus, der sich – vielleicht auch beruflich bedingt – bis heute ständig gesteigert hat. Wo ihnen jede Entspannung fremd ist und Sie sie deshalb abwehren. Nur wenn Sie aktiv sind, am besten auf einer öffentlichen Plattform, glauben Sie, mit sich selbst deckungsgleich zu sein. Aber merken Sie eigentlich, Ernst, dass Sie mit dieser Haltung dem Leistungsdenken mehr verhaftet sind als mancher Kapitalist, den Sie auf der Kabarettbühne bekämpfen?

Ernst ist übrigens nicht der Kommissar, um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ernst ist von Beruf Wiener Kabarettist, er weilt ebenfalls in besagter Psychosomatik. Sagen wir es so: Wenn meine Studierenden in den Gesprächsführungsseminaren so daherreden würden, hätten sie ein echtes Problem hinsichtlich der Prüfung. Weil’s doch die Aufgabe jeglicher ärztlicher und therapeutischer Kommunikation ist, Kontakt herzustellen und Verständnis und da wird man schon so reden müssen, dass es die Leut‘ auch verstehen. Ehrlich gesagt: Ich musste das zwei, dreimal lesen, um ungefähr zu kapieren, was damit gemeint ist. Als gesprochene Intervention gegenüber PatientInnen ist sowas undenkbar. Aber die Psycholeute in diesem Buch übertreiben es auch in anderen Dingen gern. Den Vogel schießt eine Therapeutin ab, die die längste Zeit „mit verzogener Schulterpartie und schiefem Kopf“ ihrem Patienten gegenübersitzt, um ihn zu „spiegeln“.

Persiflage, könnte man jetzt denken, das ist Kabarret. Die Psychos werden einfach völlig übertrieben. Aber dann auch wieder nicht. Wenn sie miteinander reden, wirken sie mitunter plötzlich ziemlich normal. Nur den PatientInnen gegenüber wissen sie nicht, wie sie sich aufführen sollen. Und der Rest des Buches kommt jetzt auch nicht sehr satirisch daher, vieles ist sehr naturalistisch dargestellt. Am ehesten wird der Kaberettist „Ernst“ noch auf die Schippe genommen. Einerseits durch seinen Namen und andererseits durch einen Auszug aus seinem Programm, das auch mehr ernst ist als satirisch. Psychiater, die völlig abgehoben sind, ein Kabarettist, der Ernst ist und dessen Programm ernst ist. Und das kommt alles ziemlich ernsthaft daher. Ehrlich gesagt, ich kenn‘ mich nicht aus. Was ist das? Teilsatire?

Franz Kabelka: Dünne Haut, Haymon 2008

Rezension:

von Ingeborg Sperl beim →Standard

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