Klinische Erzählforschung

Warum ich keine Zeit zum Bloggen habe: Einer der Gründe ist die →“Tagung für Klinische Erzählforschung und Erzählpraxis“ in Zürich, von der ich gerade zurückgekehrt bin und auf der wir ein Poster präsentiert haben. Das ist natürlich ein interdisziplinäres Gebiet und so haben sich in Zürich PsychologInnen, MedizinerInnen, LinguistInnen und auch KünstlerInnen einträchtig zum Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen eingefunden. Ein sehr spannendes Umfeld, denn die Zugänge sind natürlich entsprechend unterschiedlich.

„Klinische Erzählforschung“ beschäftigt sich mit allen möglichen Arten des Erzählens im klinischen, das heißt psychologischen, psychotherapeutischen und medizinischen Kontext. Ein Beispiel:

Frau Gabriele Lucius-Hoehne referierte über die Merkmale „gelungener“ und „nicht gelungener“ Erzählungen im Dienste der Bewältigung traumatischer Erfahrungen. Eine Erzählung trägt dann zur Bewältigung einer traumatischen Erfahrung bei, wenn das Trauma neu gestaltet wird, die „Ich-Person“ mehr Kontrolle bekommt oder etwa dem Geschehen Sinn verliehen wird.  „Narratives Bewältigen schafft neue Tatsachen“ habe ich mir als Schlagwort aufgeschrieben.

Nun trägt aber beileibe nicht jedes Erzählen dazu bei, ein Ereignis besser zu bewältigen, das wissen wir heutzutage und sind sehr vorsichtig und begrenzend, wenn jemand ein Trauma erzählen will. Weil´s ja genauso gut sein kann, dass jemand nicht neue Tatsachen schafft. Im besseren Fall.  Und im schlechteren Fall die damaligen Gefühle wieder eins zu eins erlebt, also retraumatisiert wird. Frau Lucius-Hoehne hat die sprachlichen Unterschiede zwischen im Sinne einer Bewältigung „gelungenen“ und „nicht gelungenen“ Geschichten sehr plastisch herausgearbeitet.

Welche klinischen Konsequenzen sich daraus ziehen lassen, war nicht Inhalt des Vortrags, aber ich halte es schon einmal für klinisch relevant, Hinweise zu haben, ob sich jemand mit dem Erzählen etwas Gutes tut oder nicht. Es gibt natürlich auch klinische Hinweise, aber wenn sprachliche Kriterien dazukommen, wird es einfach deutlicher.

Und weiter gedacht: Kann man eventuell „Bewältigungserzählen“ durch gezielte Interventionen fördern, wenn man weiß, worauf es ankommt? Ich weiß es wirklich nicht, die Frage ist komplizierter wie sie ausschaut. Frau Lucius-Hoehne hat das Problem erwähnt, dass wir es mit eine klassischen Henne-Ei-Frage zu tun haben, wenn jemand eine „gelungene Bewältigungsgeschichte“ formuliert. Sind die sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten Voraussetzung oder Ergebnis der Bewältigung eines Traumas? Im ersteren Fall könnte man vielleicht „Bewältigungsgeschichten“ üben und die Voraussetzung schaffen. Im zweiten Fall hälfe Üben auch nichts, denn das unbewältigte Trauma wäre selber der Grund für die Unmöglichkeit „gelungener“ sprachlicher Gestaltung.

Und was machen wir selber? Der Inhalt unseres Posters? Wir versuchen in Alltagserzählungen mittels der von Frau Brigitte Boothe in Zürich entwickelten „Erzählanalyse Jakob“ psychodynamische Konflikte zu identifizieren und untersuchen dann, ob diese mit Veränderungen im Hormon-und Immunsystem einhergehen.

Leider wurde selbst in diesem Umfeld immer wieder spürbar, dass es sich innerhalb von Psychologie und Medizin um ein absolutes Randgebiet handelt. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum das alles überhaupt interessant sei und die Forschungsmethoden stoßen in einer Welt, in der ansonsten die randomisierte Doppelblindstudie herrscht, immer wieder auf Unverständnis, der Ruf nach Gruppenvergleichen ist nie weit. Selbst im geschützen Rahmen Gleichgesinnter herrscht immer wieder – so kommt es mir vor – Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf. Hoffen wir, dass dieser Bereich nicht aus Psychologie und Medizin hinausrationalisiert wird.

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4 Responses to “Klinische Erzählforschung”


  1. 1 thewritingfranz Oktober 27, 2008 um 21:37

    Tja, mit dem narrativen Bewältigen werden Goiserer Schwierigkeiten haben, deren gesamte Gefühlswelt durch ein „öha“ ausgedrückt wird.

    Definiere Alltagserzählung please.

  2. 2 krimi0krimi Oktober 27, 2008 um 21:43

    Ach so. Erzählung über Alltagsereignisse: Du gehst mit dem Müchkandl zum Huberbauern, steigst aber vor seiner Einfahrt in einen Kuhfladen, rutscht aus und versaust Dir die Hose. So etwas. Öha ist sicher zu wenig zur Bewältigung.

  3. 3 thewritingfranz Oktober 27, 2008 um 22:04

    Oder ich erzähle einer Ärztin, die ich gut kenne, ich hätte Husten oder TBC, oder hätte mir das Bein gebrochen oder den C6 eingeklemmt. Das tut einige Sekunden gut, bis zu ihrer Standardantwort: Nimm ein Aspirin.

    Es wird also bei der Erzählung auch auf den Empfänger ankommen, ob die Erzählung hilft oder nicht.

  4. 4 krimi0krimi Oktober 27, 2008 um 22:07

    Ja, das haben die Linguisten beharrlich gesagt. Dass es auf die Empfänger ankommt.


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