Intertextualität bei Steinfest

Ich habe jetzt Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Literatur inskribiert, weil ich endlich wissen will, wovon Herr Linder, dpr, Herr Wörtche, Georg, Henny und all diese Leute immer reden.

Ich bin jetzt also erstsemestrige Studentin und werde mir die Haare mit Henna färben, die Augenbrauen piercen lassen, finde das Studium „geil“ (das habe ich von erstsemestrigen Medizinstudentinnen, mit denen ich letzthin im Zug gefahren bin) und werde meinen Alkoholkonsum erhöhen. Außerdem werde ich hie und da einen Fachausdruck fallen lassen, besonders unter Familienangehörigen und zufälligen Mitreisenden in Zügen, die nichts mit der Materie zu tun haben, was die Wahrscheinlichkeit ehrfürchtiger Reaktionen erhöht.

Außerdem übe ich schon einmal „Intertextualität“, so gut ich es nach einer Woche Studium eben kann:

Der Mann in Schwarz erwähnte jetzt seinen Namen und erklärte, im Dienste der hiesigen Kriminalpolizei zu stehen. Seinen Titel nannte er nicht. Und das würde auch so bleiben. Signore Longhi würde immer nur Signore Longhi sein, nie Commissario Longhi oder Capitano Longhi werden, solcherart – nämlich in den deutschsprachigen Olanders – sich frei von einer Donnaleonisierung halten.

Das steht in „Mariaschwarz“ von Heinrich Steinfest. Und dann Bernhard. Das passt gar nicht ins Blog, was Steinfest alles über Thomas Bernhard schreibt. Zum Beispiel das da:

Einen Thomas Bernhard zu kaufen fiel zwischenzeitlich in die Kategorie des Exzentrischen und des Gestrigen. Man wurde dann behandelt wie jemand, der am Mond lebte. beziehungsweise wie jemand, der noch immer glaubte, dass Leute aus Amerika auf diesem Mond gelandet waren. Ja, Thomas Bernhard kaufen, das war wie Äpfel essen, ohne sie vorher zu waschen, oder Schuhe zum Schuster bringen, anstatt sie wegzuschmeißen, oder ein gebrauchtes Fernsehgerät erstehen oder für gutmütige Frauen schwärmen. So war das.

oder:

Thomas Bernhard war der Ritter und Retter der Österreicher in Form einer unaufhörlich schellenden Weckuhr gewesen. Und das einzige Problem bestand wahrscheinlich darin, dass Thomas Bernhard vergaß, dass ein Wecker – wenn denn bereits alle wach sind – auch wieder abgestellt werden muss. Statt dessen läutet der Wecker bis zur unendlichen Erschöpfung, was am Ende auch einw enig traurig klingt: ein Röchlen, als sterbe die ganze Machine, ja, als sterbe die Zeit.

Neben Literatur spielen in dem Buch auch alle möglichen anderen Wissenschaften eine Rolle, von Quantenphysik über Biologie, Philosophie, Kunst und Wissenschaften, die ich nicht einmal zu bennen vermag. Wissenschaften von Löchern in Raum und Zeit und von versunkenen Ursuppen. Man wird wirklich gescheiter, wenn man das liest, so gescheit, dass ich fast vergessen hätte zu erwähnen, dass es sich auch um einen spannenden Krimi handelt. Der Beste, den ich heuer gelesen habe. Voll geil, das Buch, wie meinesgleichen zu sagen pflegt. Deshalb kommt das Buch auch ins Schaufenster.

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10 Responses to “Intertextualität bei Steinfest”


  1. 1 JL Oktober 11, 2008 um 20:51

    so isses recht: jetzt, wo die Psychiater Zulauf haben, gehn Sie zu den brotlosen Geisteswissenschaften (doch die brauchen sich vor Konkurrenz nicht zu fürchten).

    Beste Grüße!

  2. 2 dpr Oktober 12, 2008 um 13:14

    Na, Psychiater sind irgendwie auch Geisteswissenschaftler. Aber keine brotlosen. Das mit dem Manchmal-ein-Keyword-Murmeln würde ich mir dennoch gut überlegen. „Intertextualität“ z.B. ist völlig out. Bis Februar 2009 gilt jetzt „literarische Systemrelevanz“.

    bye
    dpr

  3. 3 JL Oktober 12, 2008 um 15:37

    dpr geht um und generiert Blog-Verkehr. Soll er seinen Willen haben: Das Differenzkriterium ist mit ‚brotlos‘ bezeichnet. Das „Keyword“ wiederum ist eine ganz ehrenhafte Form, in einem Text einen anderen (oder ein ganzes Korpus) zur Sprache zu bringen (da muß, Sie wissen es, keine Autorenintention dahinter stecken). Und was die Systemtheorie angeht: Ich lese grad einen Attentäter-Text aus dem Jahr 1910 (Tipp: Briefroman, spielt in Russland), in dem es seitenweise um systemspezifische Gerechtigkeit (resp. Moral) geht. Könnte Krimi-Autoren interessieren.

    Beste Grüße!

  4. 4 dpr Oktober 12, 2008 um 15:44

    Nein, nein, mein Lieber, Moral interessiert mich nicht. Systemisches schon eher. Das ist wie mit den Psychiatern. Sollte ich mal einen benötigen, dann bitte einen unmoralischen.

    bye
    dpr

  5. 5 krimi0krimi Oktober 12, 2008 um 23:00

    Die Sache mit den Geisteswissenschaften dauert ja noch ein paar Jährchen. Solange ich die Tropen in Äquatornähe suche, kann ich mich auch gerne um die Banker kümmern. Ich hoffe, Morgen kommen gleich viele. Bis jetzt hat sich kein Einziger zu mir verirrt.

    Warum, Herr Linder, brauchen sich die Geisteswissenschaften vor Konkurrenz nicht zu fürchten? Ich hoffe doch sehr, dass sich dpr spätestens ab dem 5. Semester vor mir fürchtet.

    Gegenüber dem →Systemischen habe ich übrigens keinerlei Berührungsängste.

  6. 6 JL Oktober 13, 2008 um 8:07

    es geht, liebe Krimi.Krimi, um die ‚brotlosen‘ Geisteswissenschaften. Da gelten andere Knappheitsregeln. (Es könnte Sie übrigens interessieren, daß mir gerade eine lange Kritik des Frankenstein-Film-Buches auf den Tisch geflattert ist, von einem jungen, dafür aber diplomnaturwisssenschaftlich vorgebildeten Filmwissenschaftler, der sich sehr um Gerechtigkeit bemueht, aber ein strenges Urteil fällt. Wird in zwei oder drei Monaten erscheinen.)

    Beste Grüße!

  7. 7 thewritingfranz Oktober 13, 2008 um 18:04

    1.Wenn einer sagt, er sei brotlos, bedeutet das nicht, dass er auch wurstlos ist.
    2.Die „systematische Literaturrelevanz“ o.ä. gefällt mir besser als „Intertextualität bei Steinfest“. Beim bloßen Überfliegen des Textes liest man nämlich „Intersexualität beim Weinfest“ und das hat mich etwas verwirrt. Wieso schreibt sie über Grinzing, dachte ich mir, und wieso hat man dort Verkehr mit Ausländern? Dann aber fiel mir ein, wie es in Grinzing wirklich zugeht und dann wunderte mich das mit den Ausländern nicht mehr. Nur sehr beeilen muss man sich dabei, weil der Touristenbus nur kurz beim Heurigen stehenbleibt um dann nach Klosterneuburg weiterzufahren, zur Interkonfessionalität wahrscheinlich.
    3. Unmoralische PsychiaterInnen zu finden wird nicht schwer sein.
    4. Heute ist eine versunkene Nudelsuppe in mir. bin ich nun eine Wissenschaft?
    5. Und Löcher in Raum und Zeit – da verweise ich auf Nächte in Grinzing, nach denen man plötzlich in Dornbach aufwacht. Da trägt so mancher einen Krimi in sich ohne es zu wissen.
    6. Yamaha hat gute Keybords. Quod erat demonstrandum!

  8. 8 krimi0krimi Oktober 14, 2008 um 20:34

    @ JL: Ja, das leuchtet ein. Brotlos wird auch nicht weniger, wenn man es aufteilt. Die Kritik des Frankenstein-Film-Buchs interessiert mich natürlich sehr.

  9. 9 krimi0krimi Oktober 14, 2008 um 20:51

    @ Franz: Wer will denn brotlose Wurst?


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