Neu im Schaufenster: „Der Mann aus dem Fegefeuer – das Doppelleben des Jack Unterweger“ von John Leake

Ich habe mir jetzt diesen Schinken von Buch gekauft, das interessiert mich sehr. Ich bin immer vorsichtig bei solchen Büchern, denn Autoren dieser Serienmörder-Sachbücher sind oft einmal nicht mit falscher Bescheidenheit gesegnet, versprechen vollmundig „alle Antworten“ und stolpern dann nur über ihre eigenen Interpretationen, die ein bisschen banal wirken, weil es die gleichen sind, die eh in der Gesellschaft kursieren.

Das Spannende an Unterweger ist gar nicht, dass er ein (mutmaßlicher*) Serienmörder ist, sondern das Wechselspiel zwischen Unterweger und den ÖsterreicherInnen, die ihn gefeiert und gefördert haben. Die Wiener Stadtzeitung →Falter zeichnet seinen Werdegang nach: Unterberger war schon 1974*** zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er eine Prostituierte mit einem BH erdrosselt hatte. Dass er schon nach wenigen Jahren wieder auf freiem Fuß war, verdankt er seiner Ausstrahlung und seiner schriftstellerischen Tätigkeit: Er schrieb u.a. Gedichte, Beiträge für die ORF-Kindersendung „Traummännlein“** und eine Autobiographie. Zuerst sei die freie Journalistin Sonja Eisenstein auf ihn aufmerksam geworden, nur – ein Gedicht, das er ihr geschickt hatte, stammt von Hermann Hesse. Viele Intellektuelle ließen sich beeindrucken und forderten seine vorzeitige Entlassung: Elfriede Jelinek, Barbara Frischmuth, Günther Nenning, Milo Dor. Unterweger kam schließlich frei, galt als resozialisiert und wurde ein Star: Er wurde zu einer Club-2 Sendung eingeladen und als die Prostituiertenmorde begannen, von Journalisten als Berater engagiert. In dieser Funktion holte er auch Informationen bei der Polizei ein. Als die ersten Ermittlungen begannen, flüchtete Unterweger mit seiner 18-jährigen Freundin in die USA, dort gab es plötzlich – welch ein Zufall – weitere Morde nach dem gleichen Muster. 1992 wurden Unterweger und seine Freundin festgenommen, 1994 wurde Unterweger verurteilt, er erhängte sich am Tag darauf in seiner Zelle.

Noch heute sind viele von seiner Unschuld überzeugt. Wie Franz schon in einem Kommentar sagte, war es ein Indizienprozess: Unter anderem fanden die Morde immer dort statt, wo Unterweger sich gerade aufhielt. Das für Österreicherinnen postitivste Indiz ist jedenfalls, dass die Morde aufgehört haben, als Unterweger im Gefängnis saß. Allerdings wurden auch ein Haar und eine Stoffaser einer Frau, die später tot aufgefunden wurde, in seinem Auto gefunden. Was mich aber am meisten interessiert, ist nicht die Frage des Serienmörders, es gibt ja viele auf der Welt, sondern die Frage, wie es Unterweger gelingen konnte, die Menschen bis heute so von sich einzunehmen. Was Österreich jedenfalls lernen musste: Serienmörder tragen kein Schildl um den Hals auf dem steht: „Ich bin ein Serienmörder“ und Traummännleinautoren sind nicht zwangsläufig gute Menschen.

Es gibt zwei Referenzen, die mich bewegen, das Buch für seriös zu halten, obwohl ich es noch nicht gelesen habe: Prof Reinhard Haller, der das Nachwort geschrieben hat. ich kenne und schätze ihn. Und die New York Times, die eine Rezension über die englische Ausgabe geschrieben hat. Es ist ja so, dass die österreichischen Medien irgendwie befangen sind, weil sie sich alle irgendwie wegen ihrer Berichterstattung aus den Achzigern und Neunzigern genieren. Lieber gleich ins Ausland schauen. Die →New York Times bezeichnet Leakes Buch als “ tructural and archival, rather than stylistic.“ Er sei in der Lage, Unterweger Täuschungen Schicht für Schicht wegzufuzzeln und Unterwegers Charme dringe nicht zu ihm durch. Ich weiß nicht, ob so etwas vollständig gelingen kann, denn ich meine, man wird umso eher manipuliert, umso mehr man glaubt, dass man es nicht wird. Aber gut, das sagt die New York Times, wir wissen nicht, wie er es selber sieht und ein Buch eines Außenstehenden, der einfach versucht, die Fakten zu rekonstruieren, das will ich wirklich gerne lesen.

John Leake: „Der Mann aus dem Fegefeuer – Das Doppelleben des Jack Unterweger“, übersetzt von Clemens J. Setz, Residenz 2008.

__________________________

* Er hat sich einen Tag nachdem er wegen neunfachen Mordes verurteilt wurde, erhängt, sodass das Urteil nicht mehr rechtskräftig wurde

** Das Traummännlein war eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder. Natürlich ganz sanft und ruhig, die Kinder sollen sich sicher fühlen und nachher schlafen gehn. Meine Generation wurde also sozusagen von einem späteren Serienmörder in den Schlaf gelullt.

*** korrigiert: zuerst fälschlich: 1950

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12 Responses to “Neu im Schaufenster: „Der Mann aus dem Fegefeuer – das Doppelleben des Jack Unterweger“ von John Leake”


  1. 1 JL September 16, 2008 um 8:43

    kleine Korr.: 1950 geb., 1974 erste Verurteilung. Zur Ko-Lektüre empfohlen:

    Michael Schetsche und Maren Hoffmeister, „Mörderische Motive. Kriminalpsychologische Sinnsuche und die soziologischen Grenzen des Verstehens,“ Kriminologisches Journal, Vol. 37, No. 4 (2005), pp. 268–284.

    Michael Schetsche, „Der Wille, der Trieb und das Deutungsmuster vom Lustmord,“ in Serienmord. Kriminologische und kulturwissenschaftliche Skizzierungen eines ungeheuerlichen Phänomens, Frank Robertz und Alexandra Thomas (Hg. in Zusammenarbeit mit Wolf-R. Kemper und Sebastian Scheerer), München: Belleville, 2004, pp. 346–364.

    Beste Grüße!

  2. 2 krimi0krimi September 16, 2008 um 8:52

    Danke für die Korrektur und die Lektürehinweise.

    Außerdem sollen es laut Buch neun Morde gewesen sein, nicht elf wie im Falter steht.

  3. 3 Herwig Bitsche September 16, 2008 um 22:15

    Liebe Frau Breuss –

    ich bin gespannt, wie Ihr Urteil nach der Lektüre ausfällt und wünsche gute Unterhaltung.

    Schöne Grüße,
    Herwig Bitsche

  4. 4 krimi0krimi September 17, 2008 um 7:45

    Danke schön!

    Ich werde es Ihnen mitteilen.

  5. 5 krimi0krimi September 17, 2008 um 8:22

    Das ist mir auch noch nie passiert, dass jemand vom Verlag vorbeisurft und Gute Unterhaltung wünscht. Nett!

    Wie ich gerade gesehen habe, unterhält Residenz selber Blogs, diese sind zum Teil allerdings verwaist, es gibt da Blogs mit zwei, drei alten Einträgen. Lesenswert sind auf jeden Fall →Baumgartners Wandertipps und auch – obwohl der letzte Eintrag 2007 war – →Max in Uganda. Max ist eben nicht mehr in Uganda und bloggt ergo auch nicht mehr drüber.→Bachmann geSETZt von Clemens J. Setz hat zwar auch nur vier Einträge, das mag am Thema liegen, der Bachmannpreis ist vorbei, aber den Bachmannpreis aus Sicht eines Autoren zu lesen, ist immer noch interessant.

  6. 6 krimi0krimi September 17, 2008 um 14:00

    Sieh an, Herr Unterweger hat das „Schweigen der Lämmer“ mindestens vier Mal gesehen.

  7. 7 krimi0krimi September 17, 2008 um 15:37

    Und dann hat das Schweigen der Lämmer den Ermittlern geholfen:

    „Geiger war der Ansicht, dass jede Unterstützung durch das FBI in diesem Fall hilfreich sein konnte, nicht nur, um dem Fall mehr Substanz zu verleihen, sondern auch im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung. Der Erfolg von „Das Schweigen der Lämmer“ hatte die Special Agents aus Quantico weltberühmt gemacht. Ein Expertengutachten von dort würde die Geschworenen beeindrucken.“

    Zitat, Seite 297

  8. 8 JL September 17, 2008 um 17:07

    das hat doch alles schon der Müller — mit seinem grandiosen Tiroler(?)-R — erzählt, oder? Da gibt es eine wunderbare Doku (von Ernst August Zurborn, 1:15 lang, Arte 9.1.2000), in der Herr Müller ganz weit ausholen darf. Teil eines Themenabends bei Arte unter dem Titel „Der Zwang zum Töten/Serienmörder“ (mit Karmakars „Totmacher“, einer Doku von Beyer und eben Zurborns „Die Mörder des Herrn Müller“. Am schönsten war der Pressetext von Arte, in der es zu Karmakars Haarmann-Film unübertrefflich hieß: „Ein Spielfilm über einen Serienkiller, der ganz und gar ohne Mord und Totschlag auskommt“).

    Auch ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung! (Und ich hatte schon die Furcht, die SK-Diskurs-Maschine hätte ihren Betrieb eingestellt.)

  9. 9 krimi0krimi September 17, 2008 um 17:32

    Ja, der Müller. Ich habe ein Buch von ihm gelesen und es dann schleunigst bei Ebay verscherbelt, weil ich seine narzisstische Attitüde nicht ertragen kann. Zuletzt habe ich ihn bei einer Diskussion über Herrn F. aus Amstetten gesehen und mich für seine anmaßende Art arg fremdgeschämt. Dort ist es auch aufgefallen, weil ein Journalist der NZZ dabei war, der sich keineswegs beeindrucken ließ. Sonst bekommt er ja selten einmal kontra.

    Seine Verdienste um die „operative Fallanalyse“ in Österreich mögen unbestritten sein und er kommt ja auch im Leake-Buch vor. Was mir wirklich nicht so bewusst war: Unterweger war in Österreich der erste seiner Art. Darauf war die Polizei noch gar nicht eingestellt und sie hat sich an ihm entwickelt. Aber zumindest in „Bestie Mensch“ kann man Inhalte und die Person „Müller“ kaum trennen: Was gehört jetzt zum Untersuchungsgegenstand und was zu ihm selber? Oder in anderen Worten: Man glaubt, diese operativen Fallanalysen wurden eigentlich nur durchgeführt, um seinen Ruhm zu mehren. Außerdem schreibt er so melodramatisch, dass ich es normalerweise nicht lesen würde, da zu melodramatisch. Ich mag mich ja auch unterhalten mit dem Büchern, nicht nur ärgern.

  10. 10 krimi0krimi September 17, 2008 um 17:33

    Unterweger habe ich das Drehbuch für eine Tatort-Folge geschrieben. Da schau an. Nicht nur Traummännlein.


  1. 1 hausfrauensex18.com Trackback zu Februar 2, 2015 um 19:45
  2. 2 braces process faster Trackback zu Juli 14, 2015 um 1:13

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