Kriminachrichten aus Österreich

Jack Unterweger, Österreichs berühmtester mutmaßlicher* Serienmörder ist wieder in den Medien: Einerseits hat der US-Journalist →John Leake gerade die deutsche Übersetzung seines Buchs über Jack Unterweger vorgestellt, zweitens wurde gerade sein →Mustang um 65200 Euro bei Ebay verscherbelt. Unterwegers Mustang wohlgemerkt, nicht Leakes. Aber wir wollen uns hier mehr mit Büchern beschäftigen: Leaks Buch heißt: „The Vienna Woods Killer. A Writer’s Double Life“ und ist letzte Woche in einer Übersetzung von Clemens J. Setz als „Der Mann aus dem Fegefeuer – das Doppelleben des Jack Unterweger“ bei →Residenz erschienen. Besprochen wird es z.B →beim ORF, dort wird auch das Nachwort von Prof. Reinhard Haller zitiert: „So steht der Fall Jack Unterweger nicht nur für eines der größten Verbrechen Österreichs und für den sexuellen Serienmord schlechthin, sondern für eine Gesellschafts- und Jusitzgroteske, die ihresgleichen sucht.“ Um die Karten offen zu legen: Das bisschen forensische Psychiatrie, das ich im Rahmen meiner Ausbildung gelernt habe, stammt von Haller. Ich schätze ihn sehr, weil er bei allem Bewusstsein für die Popularität seines Fachs am Boden geblieben ist und diese Tatsache mit entsprechender Ironie würdigt. Wenn Haller das Nachwort schreibt, muss das Buch also gut sein. Auch die →“Kleine Zeitung“ schreibt über dieses Buch und die „→Presse“ und die „→New York Times“.**

Roberto Saviano hat das Buch „→Gomorrha“ geschrieben, derzeit läuft der dazugehörige Film in Österreichs Kinos an, eine Filmkritik gibt es beim →Kurier. Die Mafia aber sei gar nicht erfreut und Saviano lebe versteckt und gut bewacht, so versteckt, dass er →Cannes abseits des roten Teppichs betreten musste. Regisseur Gatteo Garrone habe aber keine Angst, erfahren wir im →Interview des Kurier und das, obwohl er Mafiosi in Unterhosen zeige. Weitere Interviews mit Garrone präsentieren der „→Falter“ und die „→Presse“.

Der Standard bringt diese Woche Nachrufe über den österreichischen Literaturwissenschaftler →Wendelin Schmidt Dengler und den US-amerikanischen Schriftsteller →David Foster Wallace. Und Ingeborg Sperl rezensiert einen Krimi des „famosen Michael Collins“: „→Tödliche Schlagzeilen“, deutsch von Eva Bonne, erschienen bei btb. Frau Sperl ist begeistert.

Nach längerer Krimipause wird →beim Literaturhaus auch wieder einmal ein Krimi rezensiert: „Tote Augen lügen nicht“ von Christian Klinger. „Krimis sind mir wichtig. Hätte ich nicht den öden Beruf eines Literaturwissenschaftlers und müsste ich nicht dauernd Langweiliges lesen, bliebe ich tagsüber im Bett und zöge mir einen Krimi nach dem anderen hinein“, beginnt Walter Fanta seine Rezension und das wirft schon einmal viele Fragen auf: Sind denn Krimis als Teilmenge der Literatur kein Gegenstand der Literaturwissenschaft? Ist nur Literatur was langweilig ist? Und muss man aufstehen, um Langweiliges zu lesen, während man Spannendes ohne weiteres im Bett konsumieren kann? Die Rezension bleibt jedenfalls außergewöhnlich. Wir erfahren zuerst allgemein etwas über Krimis und manches über Klingers letzten Roman und dass der Autor aus Fantas letzter Rezension gelernt habe. Ab Absatz drei beschäftigt sich die Rezension dann zumindest theoretisch mit dem aktuellen Buch: „Klingers Krimi gehört zu den europäischen Ethnokrimis. Es gibt sie wahrscheinlich in jeder europäischen Sprache und in jeder europäischen Nation, nur wissen wir darüber wenig, weil der Großteil (aus dem Katalanischen, Estnischen oder Bulgarischen beispielsweise) nicht übersetzt ist. Kennzeichen der europäischen Ethnokrimis ist, dass sie viel weniger globalistisch, viel weniger soziologisch detailreich, viel weniger flott geschrieben sind als die angelsächsischen Krimis, die in alle Sprachen übersetzbar sind und übersetzt werden; die europäischen Ethnokrimis laborieren an den nationalen Eigentümlichkeiten und Schwerfälligkeiten, die Sprache ist mitunter kaum zu übersetzen, man denke nur an Wolf Haas.“ Jetzt bräuchte ich jemanden, der mir erklären könnte, wie er das meint. Dass europäische Ethnokrimis gleichzeitig weniger globalistisch und weniger soziologisch detailreich sind? Und dann bräuchte ich noch jemanden, der mir erklärt, warum Haas nicht soziologisch detailreich ist. Und kann der Rezensent wirklich katalanisch, estnisch und bulgarisch, um die unübersetzten Krimis jener Sprachen im Hinblick auf die oben genannten Kriterien beurteilen zu können? Jedenfalls meint der Rezensent, dass Klingers Kommissar „Seidenbast“ wahrscheinlich der österreichische Wallander sei. Das ist einerseits kein Kompliment, andererseits aber doch. Wenn der Rezensent Klinger soviel Erfolg zutraut, kann es ihm ja nur Recht sein.

Auch ein europäischer Ethnokrimi dürfte – wiewohl aus dem englischen übersetzt – wohl „→So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz“ von Ian Sansom sein. Glaubt man Werner Schuster „hängt der Schwanz“ trotz irischen Lokalkolorits am Ende recht schlapp herunter: „zu lose, unbedacht und nicht überzeugend aneinandergefügt, und der Krimi-Fall ist äußerst schwach“. Mehr Anklang gefunden hat bei Herrn Schuster „→Shooting Star“ von Peter Temple mit seiner „obsidianschwarzen und -scharfen“ Sprache. Beide Rezensionen finden sich bei den Eselsohren.

__________________________

* Wenn man Leute, die nicht rechtskräftig verurteilt sind, als „mutmaßlich“ bezeichnen muss, ist er ein mutmaßlicher Serienmörder: Er erhängte sich 1994, nachdem er wegen neunfachen Mordes verurteilt worden war. Das Urteil wurde nicht mehr rechtskräftig.

** Vielleicht doch keine österreichische Zeitung

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8 Responses to “Kriminachrichten aus Österreich”


  1. 1 krimi0krimi September 15, 2008 um 10:27

    Je öfter ich die Fanta-Zitate lese, desto ironischer klingt es. Vor allem das Eingangszitat. Das kann doch nur ironisch sein.

  2. 2 krimileser September 15, 2008 um 10:56

    Ah geh, Ironie.

    Vermutlich hat Walter Fanta in den Sommerferien einen literaturwissenschaftlichen Workshop besucht. Dort haben Literaturwissenschaftler aus vielen Ländern und Regionen Studien über ihre regionale Literatur vorgestellt. Verkehrssprache des paneuropäischen Workshops war natürlich Englisch, Angloamerikaner waren aber nicht zugegen, weil es ihnen zu blöd ist, immer schlecht gesprochenes Englisch hören zu müssen. Und der schottische Wissenschaftler, der sich mit Christopher Brookmyre beschäftigt, hat gefehlt, weil er weiß, dass er ob seines Dialekts von niemanden, auch den englischen Landsleuten nicht, verstanden wird.

    Dabei, da bin ich sicher, gab es eine spannende Session, die sich mit der Abgrenzung von Ethnokrimi zu Regionalkrimi beschäftigte.

    Schade.

  3. 3 thewritingfranz September 15, 2008 um 22:04

    Mit dem Unterweger seiner Tussi hatte ich auch einmal indirekt zu tun, juristisch. Schade um das Mädel. Sein Buch habe ich nie gelesen, aber es schlug damals ein wie ein Blitz und die ganze Wiener Schickeria aber auch ernst zu nehmende Personen setzten sich für seine Freilassung ein. Frauen bei seinen Lesungen wurden wie wild und er konnte sie sich aussuchen wie ich Hustenzuckerl.Nicht vergessen, er war damals schon wegen Mordes verurteilt und so einen Mörder wollte halt jede einmal im Bett haben. Von seiner Schuld war ich während des Prozesses nie ganz überzeugt, es war ein reiner Indizienprozess, aufgehängt an einem Haar einer tschechischen Prostituierten. Aber auffällig war schon, dass immer dann eine Prostituierte erwürgt aufgefunden wurde, wenn Unterweger in der Nähe eine Lesung hielt. Wenn mich nicht alles täuscht, auch in Dornbirn. Damen also aufpassen bei Lesungen! Insbesondere bei Lesungen von Krimiautoren.
    Man könnte gleich recherchieren: Wo war die letzte Krimilesung in Österreich, wo war der letzte Mord in Österreich? Ich lese demnächst in Goisern, zwar keinen Krimi, hoffe aber dennoch, dass an diesem Tag kein Vogelfänger abstürzt.

  4. 4 thewritingfranz September 15, 2008 um 22:08

    Auffallend war aber schon, dass dann, als der Jack mit seiner Dings in S.F. oder L.A. in den USA war, in der Nähe seines Hotels eine Prostituierte ermordet wurde, auf die gleiche Weise sie die in Österreich. Aber sonst gab es nichts.

  5. 5 krimi0krimi September 16, 2008 um 7:18

    @ Bernd: Das klingt doch gut. Einen derartigen Workshop will ich auch einmal besuchen. Gibts doch nicht, dass dem Herrn Fanta langweilig ist.

    @ Franz: Die Unterweger-Sache interessiert mich sehr, aber ich schreibe jetzt einen eigenen Eintrag dazu, denn ich habe das Buch gekauft. Erinnern kann ich mich nicht gut, denn ich war 14. Das ist ein Alter, in dem man sich vor Sexual-Serienmördern fürchtet, ich war wohl froh, dass sie ihn erwischt haben. Außerdem hatte ein Cousin mit dem schönen Vornamen „Franz“ den Spitznamen „Jack“, ich habe mich gewundert, dass er ihn nicht ändert. Also ob man Spitznamen so einfach ändern könnte.

  6. 6 thewritingfranz September 16, 2008 um 17:42

    Du warst 14 und seine Freundin war 18. Nur 4 jahre älter als Du. So ein Serienmörder zieht schon an und anscheinend fürchtet sich nicht jede Frau vor ihm. Die Mutter von dem Mädl habe ich gekannt, die war sehr verzweifelt, als die Tochter auf der Flucht war.
    Dein Cousin hat insofern Glück, als er nicht Jack heißt und sein Spitzname Franz ist. Dann wäre er nämlich Amerikaner.
    Wie ist denn das Buch? Schrab der wirklich so gut, dass er in ganz Österreich zu Lesungen eingeladen wurde?


  1. 1 Übertretung Trackback zu September 15, 2008 um 10:10
  2. 2 agrytec.com Trackback zu Februar 16, 2015 um 3:39

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