Neu im Schaufenster – Paulus Hochgatterer – Die Süße des Lebens

2006 erschienen, ist es ja schon fast ein alter Hadern, respektive →Klassiker des österreichischen Psychiaterkrimigenres, respektive ein prospektiver Klassiker, soweit man das jetzt schon sagen kann. Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, so einfach einmal durchgelesen, hat es mir gar nicht so gefallen, es ist ein bisschen umständlich, ein bisschen kompliziert, manchmal ein wenig langsam, springt zwischen Schauplätzen und Erzählperspektiven. Die Leute, die da herumgeistern, sind ein bisschen normal und ein bisschen schräg zugleich. Alltäglich, aber nicht ganz. Nichts, das man gut zwischen Tür und Angel liest. Wenn ich das will, dachte ich damals, brauch ich keinen Krimi lesen, da tut es auch ein gewöhnlicher Roman.

Jetzt habe ich das Buch aber mit mehr Aufmerksamkeit und Muße gelesen und es schätzen gelernt. Es ist einfach ein Buch, das wunderschöne und weise Sätze enthält. Einen habe ich ja →bereits zitiert:

Vielleicht wird man als Mediziner Psychiater, dachte er, wenn man den Geruch von Fußschweiß nicht verträgt.“

Es gibt da auch Déjà-vu Erlebnisse, was die Zusammenarbeit mit KollegInnen anderer Fachrichtungen anbelangt:

Im Stiegenhaus sah Horn die Zuweisungszettel durch. Er ordnete sie nach Stockwerken, von oben nach unten, wie immer. Sieben Stück, drei davon von der Orthopädie, der kleinsten Abteilung des Hauses. Köhler hatte Dienst gehabt, das erklärte die Sache. Er war erstens ein Angstneurotiker wie aus dem Lehrbuch und zweitens psychiatrisch eindeutig überinteressiert. Anfangs hatte ihn Horn mehrmals gehänselt – die Hammerzehe sei wahrhaftig ein komplexes psychosomatisches Phänomen und so in der Art, doch das hatte augenblicklich zu einer Vervielfachung der Konsiliarzuweisungen geführt, und Horn hatte es lieber wieder bleiben lassen.

Dann erfährt man auch einiges über die Welt außerhalb der Psychiatrie, zum Beispiel sind Literaturkritken gängiger populärwissenschaftlicher Werke in diesem Werk enthalten:

Am liebsten ereiferten sich die beiden über die Aufgeblasenheit gewisser selbsternannter Kapazitäten der Kriminalpsychologie, die großspurig behaupteten, sie seien „Profiler“ und Bücher mit Titeln wie „Monster Mensch“ oder „Was mich Geoffrey Dahmer lehrte“ schreiben. Dieser Schrott wird dann an Leute mit Aggressionshemmung und niedrigem Intelligenzquotienten verkauft“, pflegt Demski zu sagen und Bitterle nickte mit glühenden Wangen. Er ist klug und bescheiden, dachte Kovacs – wesentich ist, dass sie sich gegenseitig für gescheit halten, das erzeugt offenbar Vertrautheit.

Das Buch beantwortet übrigens teilweise die Frage, →warum →ich Krimis lese Weil sie mir – im besten Fall – meinen Job und ein bisschen mehr erklären.

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7 Responses to “Neu im Schaufenster – Paulus Hochgatterer – Die Süße des Lebens”


  1. 1 JL August 22, 2008 um 16:03

    und warum erfahr‘ ich das mit den Profilern jetzt erst? Gekauft! (Kennen Sie die Praxis von Prof. Horn in Doderers Merowingern, die sich mit der Zeit auf mehrere Stockwerke ausdehnt, um im allgemeinen Rabums der Zorn-Therapien unterzugehen? Childerichs weitgewinkelte Füße?)

    Beste Grüße!

  2. 2 JL August 22, 2008 um 16:11

    ha, ich hab‘ grad bei WTD nachgesehen: die wirklich wichtigen Dinge werden dort verschwiegen, stattdessen werden die Prinzipien geritten.

    Nochmals Grüße!

  3. 3 thewritingfranz August 22, 2008 um 18:12

    Keine Ahnung, worüber ihr hier diskutiert. Über die aufgeblasenheit von diversen Menschen hat schon Platon den Sokrates schreiben lassen. Aber auf meiner Seite liest ja niemand.

    Jedenfalls ist es interessant, wenn sich eine Ärztin ihr Berufsbild aus Krimis erklären lässt. Werden in Spitälern mehr umgebracht als man allgemein animmt?

  4. 4 thewritingfranz August 22, 2008 um 18:14

    Blödsinn. Natürlich schrieb Platon und ließ Sokrates reden.

    Ich kann jetzt aber nicht so viel bloggen, ICH muss ein Buch schreiben. Bin gerade beim Kapitel mit der Nandl.

  5. 5 krimi0krimi August 24, 2008 um 22:01

    @ JL: Nein, den Professor Horn kenne ich nicht. Hochgatterers Horn ist einfacher Doktor. Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, wenn Sie es wegen den Profilern kaufen, die kommen nämlich nicht mehr vor. Ich bewunderte Hochgatterers Respektlosigkeit, in einem Roman Österreichs profiliertesten Profiler zu kritisieren. Natürlich schön kryptisch, aber so, dass jeder, der sich auskennt, weiß wer gemeint ist. Wörtchesk nennt man das, soviel ich weiß, seit einigen Wochen. Ich habe das Buch, das hinter „Monster Mensch“ steckt, gelesen und für unsäglich befunden. Nicht, weil es fachlich schlecht wäre, da maße ich mir kein Urteil an, sondern weil es unerträglich geschrieben ist. Es trieft vor Narzissmus. Ich fände es fairer: „Meine Werdegang – eine Autobiographie“ drüber zu schreiben, dann kaufen es die Leute, die das interessiert und nicht jene, die etwas über Profiling lernen wollen.

    Zu WTD: Er hat wenigstens eine Strukutur ins Thema gebracht: Es gibt diese und jene und eine Mischung, für einen Artikel, der zwischen 14:45 und 14:49 entstanden ist, ist das beachtlich. Ich meine, das Thema wurde als „läppische Frage“ abgekanzelt, was kann man da erwarten?

    @ Franz: Schreib aber nicht ständig von Platon ab!

  6. 6 JL August 25, 2008 um 10:19

    Mißverständnis: ich hatte WTD über Hochgatterer gemeint. Max nix! Frohes Schaffen!


  1. 1 Noch einmal Hochgatterer: “Das ganze Leben ist Metaphorik” « krimi.krimi Trackback zu September 8, 2008 um 7:01

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