Sind Begegnungen mit einem Serienmörder wirklich kurios?

Jörn Brien von →eliteratur.de berichtet über den Wettbewerb des kuriosesten Buchtitels bei →Börsenblatt.net. Führend sei der Titel: „Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer“ von Stefan Harbort. Das ist wirkich kurios. Dass so ein gewöhnlicher Titel der kurioseste Titel sein soll, meine ich. Außerdem verstehe ich nicht, was an Titeln wie: „1000 Fragen an die Hebamme“ oder „Gräber selbst gestalten. Individuell Stilvoll Pflegeleicht“ oder „Das heutige Englisch: Wesenszüge und Probleme“ kurios sein soll. Am besten gefällt mir noch „Idylle mit ertrinkendem Hund“, das ist ein Buch von Köhlmeier. Wenn ich dürfte, würde ich noch nominieren:

  • Philosophische Vitamine
  • Krebszellen mögen keine Himbeeren
  • Managerwissen für Angeber
  • Der Mann- Aufzucht, Haltung, Pflege
  • Gibt es intelligentes Leben?
  • Menschenfreunde

Aber mich fragt ja keiner.

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34 Responses to “Sind Begegnungen mit einem Serienmörder wirklich kurios?”


  1. 1 Georg August 19, 2008 um 20:26

    Doch. Ich.

    Wie wäre’s mit „Feuchtgebiete“, „Ich bin dann mal weg“, „Ich nicht“ oder „Helles Belles“ (die schönen Hellen)? Ist doch auch putzig. Gut finde ich auch „Das Baby. Inbetriebnahme, Wartung und Instandhaltung“ oder „Menschenfreunde“. Oder „Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben“ oder „Enzo Francobene besucht das Salzkammergut“ oder „Der Rossbrenner“. Haufenweise putzige Titel.

    Und was suchen die aus?

  2. 2 krimi0krimi August 19, 2008 um 20:36

    Ja, eben. Finde ich auch.

    „Stall und Käfig selber bauen. Bauanleitung: Der Nager-Palast in 4 Größen für Kaninchen, Meerschweinchen & Co“ haben sie auch noch ausgesucht. Sowas braucht der Mensch doch.

  3. 3 JL August 19, 2008 um 20:36

    es mag ja sein, daß Herr Harbort Serienmördern begegnet ist (wie Herr Ressler und Herr Douglas und Herr Müller vor ihm). Nur — wenn’s ein Mörder war, dann konnten, als Herr Harbort ankam, die Opfer nicht mehr sprechen. Ich find das schon kurios, wenn auch keineswegs originell.

    Beste Grüße!

  4. 4 krimi0krimi August 19, 2008 um 20:43

    Ach so. Da haben Sie freilich Recht. Das ist dann wirklich kurios. Ich habe wieder einmal zuviel herum interpretiert und gedacht, dass er mit überlebenden Opfern gesprochen hat. Aber davon kann man natürlich nicht ausgehen. Jetzt muss ich die Sachen mit dem Kaninchenstall und den Hebammen noch einmal eingehender studieren, vielleicht steckt auch dortn noch eine Kuriosität drinnen, die ich durch verwinkelte Denkweisen nicht erkenne.

  5. 5 thewritingfranz August 19, 2008 um 21:21

    Die Opfer eines Serienmörders sind in Serie tot. Es sind Serienopfer.
    Kurioser titel fällt mir keiner ein. Ich lese nur ernsthafte Bücher, die ich schon am Titel erkenne.

    Mal sehen, was da vor mit im Bücherregal steht:
    Italienische Heldensagen
    Die gute Küche in England
    Die strengen Regeln des Strassenverkehrs in Istanbul
    Die Bevölkerungsexplosion in Nofels und die Folgen
    Zwei Tote kämpfen um ihr Leben
    US-Unternehmer-Ethik

  6. 6 thewritingfranz August 19, 2008 um 21:25

    Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund

  7. 7 Marie August 20, 2008 um 8:49

    Ich habe das Buch „Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer“ gelesen. Es gibt wesentlich mehr Opfer, die überlebt haben als andersherum. Und die kommen zu Wort. Vielleicht sollten diejenigen, die sich hier unbedacht äußern, vorher nachdenken oder am besten mal das Buch lesen, damit sie wissen, wozu sie sich äußern. Ich fand das Buch jedenfalls sehr spannend und aufschlussreich.

  8. 8 krimi.krimi August 20, 2008 um 9:30

    @ Marie: Die Leute hier sind nicht unbedacht. Sie äußern sich nicht zu einem Buch, sondern zu einem Titel. Es geht hier um die Formulierung und die ist immerhin beim Börsenblatt des deutschen Buchhandels mit Abstand führend bei der Wahl zum „kuriosesten Titel“. Ich vermute, Herr Harbort wird sich freuen. Es ist ja Werbung.

  9. 9 Marie August 20, 2008 um 10:35

    @krimi.krimi
    So kann man es auch sehen. Ich hab an das Buch gedacht und den Inhalt. Kann man denn einen Titel „kurios“ finden, ohne auch den Inhalt miteinzubeziehen?

  10. 10 krimileser August 20, 2008 um 10:43

    Mir ging es ebenso wie JL, ich vermute denn meisten die abstimmten ebenso. Nach der Erläuterung von Marie wäre das aber verkehrt gewesen. So kann’s gehen.

  11. 11 JL August 20, 2008 um 16:57

    unbedacht, wie wahr: auch ich denke, fälschlich wie ich sehe, immer an Leichen, wenn ich von Mördern höre. Das erinnert mich aber an Frau Ruthardt, die vor der Mitte des 19. Jahrhunderts in Stuttgart lebte und ihren Mann mittels Arsen umbrachte. Sie wurde alsbald verhaftet, verurteilt und hingerichtet (s. Hinrichtung im Juni 1845). Da aber im 19. Jahrhundert die Giftmörderinnen in etwa die Rolle spielten, die heutzutage den (meist männlichen) Serienkillern zukommt, kam alsbald bei den aufstrebenden Kriminalpsychologen (und — seinerzeit noch — Kriminalanthropologen, den H.s ihrer Zeit jedenfalls) die Frage auf, ob es sich bei R. nicht eigentlich um eine verfrüht hingerichtete Serienmörderin gehandelt haben könne (in Ermangelung des Begriffs sprach man seinerzeit von den ‚Heroinen des Giftmords). Wenn ich das Zitat finde, werd‘ ich’s zitieren.

    Beste Grüße!

    PS an die Inhaberin: der Folgeeintrag war sehr schön und verdiente die Löschung nicht (zumal die Feedreader ihn brav verteilen).

  12. 12 thewritingfranz August 20, 2008 um 18:15

    Liebe Marie!
    Der Titel eines Buches soll mir einen schnellen Begriff davon geben, was ich an Inhalt erwarten kann. Es kann nicht umgekehrt sein. Und wenn der Titel kurios ist, dann ist er kurios, egal welchen Inhalt das Buch hat. Wobei kurios vielleicht nicht das richtige Wort ist. Im Englischen bedeutet es NEUGIERIG.

    Vielleicht ist auch der Titel DIE BIBEL kurios, wenn man das Wort übersetzen kann. Der Titel lässt jedenfalls nicht auf den Inhalt schließen.

  13. 13 thewritingfranz August 20, 2008 um 18:20

    JL: du denkst nicht fälschlich, wenn Du Mörder mit einer Leiche in Verbindung bringst. Wenn es keine Leiche gibt, gibt es keinen Mörder. Wenn die Leiche sozusagen den Mord überlebt, ist der Täter nur einer, der einen Mord versucht hat, aber kein Mörder. So wie eine Jungfrau nur dann Jungfrau ist, wenn …

  14. 14 JL August 20, 2008 um 21:55

    thewritingfranz: im Prinzip haben Sie recht. Nur im Serienkillerdiskurs kommt diese Unterscheidung nicht vor. Weil sich doch jede(r) als Opfer fühlen möchte! (Das ist wie mit der Jungfrau: aus nix wird nicht nix, sondern allesmögliche).

    Beste Grüße!

  15. 15 krimi.krimi August 21, 2008 um 15:01

    Vielleicht, um das noch weiter zu verwirren, kann man keinesfalls Mordopfer eines Normalmörders mit nur einem Mord interviewen. Was man sehr wohl kann, ist aber Leute zu interviewen, die eine „Begegnung mit einem Serienmörder überlebt haben“ (das ist eine →Originalformulierung von Herrn Harbort). Aber das sagt jetzt wieder einmal gar nichts, denn da wird es hunderte und tausende Menschen geben, zum Beispiel die Wurstverkäuferin, die einem Serienmörder ein Leberkässemmerl mit Gurke verkauft und das überlebt. Die Dame hat dann tatsächlich eine Begegnung mit einem Serienmörder überlebt, Opfer sollte man sie jetzt aber eventuell nicht nennen. Wer weiß, vielleicht haben viele von uns schon die Begegnung mit einem Serienmörder überlebt. Er trägt ja kein Mascherl und stellt sich nicht mit „Gestatten, Serienmörder“ vor. Aber wenn ein Serienmörder fünf Leute umbringt und eine Person verletzt und nicht umbringt, dann kann man diese Person eventuell interviewen und Opfer nennen und ein derartiges Buch schreiben, wie es Harbort getan hat. Es braucht aber ziemlich viel Interpretation, einen einfachen Titel so zu verstehen. Oder man muss das Buch gelesen haben. Aber normalerweise lese ich Titel vor Büchern. Bücher zu lesen, um Titel zu verstehen, werde ich mir nicht anfangen, sonst werde ich nicht mehr fertig.

    @ JL: Mein Problem mit dem Folgebeitrag war dann doch, dass es mir reichlich großspurig erschienen ist, jemanden nach ein paar Minuten googeln zu kritisieren. Vor allem aufgrund eines Interviews, wo doch viele Wissenschaftler jammern, dass sie in Interviews immer so verkürzt werden. Die Sache mit den Feeds habe ich zähneknirschend in Kauf genommen.

  16. 16 thewritingfranz August 21, 2008 um 16:18

    Der BuPrä ist jetzt auf meiner Seite, auf dem Hütteneck und auf der Rathluckahütte

  17. 17 thewritingfranz August 21, 2008 um 16:20

    falsch, es ist nicht die Rathluckahütte, sondern die Jela-hütte auf der Rossmoosalm.
    Und ich glaube, ich poste hier irgendwie falsch über den BuPrä auf der Serienmörderseite.

  18. 18 Jörn Brien August 24, 2008 um 10:57

    Hallo, danke für den Verweis auf meinen Bericht..Ich wollt nur sagen, dass ich JörN heiße..LG

  19. 19 krimi0krimi August 24, 2008 um 21:44

    Ich bitte um Entschuldigung. Ich hab’s geändert.

  20. 20 HennEi September 1, 2008 um 8:54

    Richtig ausgedrückt müsste es heissen: Jetzt sprechen Überlebende.
    Mir ist bei der Diskussion hier eine Bildzeitungsschlagseite eingefallen anhand der ich einem Kind Qualität von Zeitungen erklären wollte.
    Die Schlagzeile lautete:

    Was natürlich den alten Spruch aufkommen lässt: BILD sprach zuerst mit der Leiche.
    Marketingstrategien! Neugierig machen.
    Im übrigen hat es Opfern von Serienmördern wohl eher die Sprache verschlagen, wenn ich das Buch von Harbort richtig verstanden habe.

  21. 21 HennEi September 1, 2008 um 9:01

    Die Schlagzeile in der BILD war:

    Toter Kriminalkommissar: Es geht mir nicht gut.

    Muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein.

  22. 22 krimi0krimi September 1, 2008 um 20:18

    Bildzeitungsniveau ist das also. Sehr interessant.

  23. 23 HennEi September 2, 2008 um 7:12

    Bildzeitungsniveau haben die Bücher von Herrn Harbort sicher nicht.
    Es geht mir darum, wie man Titel vermarktet.

    Meine persönliche Meinung zum Buch:
    Ich habe noch mehr Aufschluss darüber erwartet, warum Opfer schweigen.
    Aufmerksam wurde ich auf das Buch durch eine Fernsehsendung in der
    Frau Pfeiffer sagte, dass sie 20 Jahre schwieg und die Öffentlichkeit bei diesem Thema scheut.
    Sehr gut ist auf jeden Fall der Ansatz mit Hilfe von Überlebenden Tatabläufe zu untersuchen.
    Das Vorwort im Buch ist gut!

  24. 24 krimi.krimi September 2, 2008 um 7:56

    Hallo HennEi,

    ich habe auch nur den Titel gemeint. Das Buch kenne ich nicht.

    Wenn ich darüber fantasieren müsste, warum Betroffene schweigen:

    1. Weil viele von ihnen traumatisiert sind und Traumatisierte erzählen in aller Regel nicht gern, weil sie sonst riskieren, retraumatisiert zu werden. In anderen Worten: Jedes Mal, wenn sie es erzählen, durchleben sie die Situation wieder.

    2. Weil sie bei diesem Thema – außerhalb des engsten Freundeskreises – kaum auf ein Gegenüber hoffen können, dass an ihnen und ihrem Schicksal interessiert ist. Die Leute wollen ein bisschen an der Sensation mitnaschen. Da hätte ich als Opfer Null Lust drauf.

    3. Weil vor allem Opfer sexueller Gewalt immer wieder eine Täter-Opfer-Umkehr erleben müssen: Was rennen sie denn so leicht bekleidet betrunken in der Nacht durch den Park? Und bitte, Sätze in diese Richtung gibt es auch bei Harbort (im Internet, dazu muss man nicht das Buch lesen).

    Ob man aus den Aussagen von Betroffenen eine Tat „rekonstruieren“ kann, möchte ich arg bezweifeln. Das ist schon bei „normalen“ Zeugenaussagen schwierig genug, weil jeder die Sache anders erlebt. In einer traumatischen Situation verändert sich die menschliche Wahrnehmung aber noch einmal. Was nichts daran ändert, dass die Aussagen interessant sind, aber „Rekonstruieren“ ist ein hehrer Anspruch. Im Übrigen möchte ich zu bedenken geben, dass das nicht neu ist: Die Polizei befragt seit Jahr und Tag Opfer und versucht daraus zu „rekonstruieren“, was passiert ist. Nur schreiben sie kein Buch drüber.

  25. 25 krimi.krimi September 2, 2008 um 7:59

    Ach so, Du schriebst „untersuchen“ und ich habe „rekonstruieren“ draus gemacht. Entschuldigung. „Untersuchen“ geht wohl.

  26. 26 hennEi September 2, 2008 um 14:49

    Ich würde die Fantasie über Opfer die schweigen mal ergänzen mit:

    1.Man hat ihnen lange genug eingeredet, dass sie als Traumatisierte verzerrte Wahrnehmungen haben. Und erst daraus und nicht aus der erfolgreich überlebten Tat ergibt sich das Bedürfnis sich der Erinnerung nicht mehr auszusetzen.
    2.Ihnen ist klar, dass sie selbst zuvor mit dem wunderbaren Selbstschutz lebten, dass es Ursachen für die Tat in der Person des Opfers geben muss, die ihnen selbst nicht geschehen kann. (Drogen, Alkohol, Prostitution, Streitsucht, Minirock) Wenn sie über die Tat reden, werden sie nach diesen Kriterien betrachtet und sortiert. Und wenn sich augenscheinlich nichts findet, dann bleicbt doch der Verdacht, dass sie lügen und sich gut verstellen.
    3. Wenn sie sich „outen“ kommen einige Kleingeister auf die Idee mal auszuprobieren, ob sie noch zu schocken sind oder cool bleiben können.
    4.Sie laufen Gefahr gemieden zu werden, weil Traumatisierte schliessslich unberechenbar reagieren könnten.
    5.Sie wissen, dass der Normalbürger davon ausgeht, dass Opfern geholfen wird, es Entschädigungen gibt und manch einer sogar den Verdacht hegt, dass es lohnend sei Opfer zu werden.

    Mir würde sicher noch mehr einfallen.

  27. 27 krimi.krimi September 2, 2008 um 18:12

    Hallo HennEi!

    Ich weiß ja nicht, wer Du bist und ob Du Erfahrung mit traumatisierten Leuten hast und ich hoffe, ich trage jetzt keine Eulen nach Athen, wenn ich mich über Traumatisierte auslasse. Aber meine Erfahrung (es gibt ja genug Betroffene, öfter als ein Serienmörder ist ein „guter Onkel“ der Täter) ist doch von Deiner Phantasie so verschieden, dass ich Punkt eins nicht unkommentiert stehen lassen möchte.

    Es ist wohl Beides: Die Gefahr von entsetzlichen körperlich-psychischen Erlebnissen durch das Erinnern ist wirklich gegeben. Das kann man mit normalem Erinnern gar nicht vergleichen, es ist mehr ein „Wiedererleben“. Das ist übrigens ein Grund, dass viele keine Psychotherapie wollen, weil landläufig die Meinung herrscht, dort müsse man alles „aufarbeiten“, indem man es wieder und wieder erzählt, und das ist das Letzte, was die Leute wollen. (Das macht man in der heutigen Traumatherapie nicht, um das zur Sicherheit klarzustellen.)

    Dass die Leute Angst haben, dass ihnen keiner glaubt und alles als Phantasterei abgetan wird, ist aber sicher auch ein wichtiger Aspekt, das mag ich gar nicht in Abrede stellen.

    Ich erlebe auch oft, dass die traumatisierte Leute selber über Wahrnehmungsveränderungen berichten, weil sie sehr drunter leiden. Es sind Erlebnisse wie „neben dem Körper zu stehen“, „den Körper nicht mehr zu spüren“, sehr oft Erinnerungslücken oder eine völlig veränderte Zeitwahrnehmung. Dass ihnen das alles eingeredet wird, kann ich kaum glauben. Auf der anderen Seite reden sie selber nicht unbedingt in der Öffentlichkeit drüber, weil sie nicht für „verrückt“ erklärt werden wollen.

    Man kann es drehen wie man will: Für Traumatisierte ist es ein vernünftiger Selbstschutz, nicht zuviel und mit jedem und schon gar nicht in der Öffentlichkeit zu quatschen.

    Und wenn ich Deine Phantasien anschaue, die großteils auch für nicht Traumatisierte gelten, wundert es mich fast schon, dass überhaupt jemand redet.

  28. 28 HennEi September 3, 2008 um 8:34

    Oh, da hab ich ja etwas gesagt, was ganz falsch verstanden werden kann und Opfer trifft.
    Natürlich gibt es unangenehme Erinnerungen, die man meiden sollte.
    Aber soviel ich mir denke hat ein Opfer diese nicht sofort nach der Tat. Man spürt ja z.B. auch Messerstiche nicht sofort. Schmerz kommt erst später.
    Nach der Tat muss man dann wohl erst einmal die „Polizeisprache“ verstehen können. Im schlimmsten Fall auch gleich die juristischen Unterscheidungen zwischen Todschlag und Mord kennen, weil es sonst später heisst: aber auf Seite x in der Akte steht, … und dann geht es um Glaubwürdigkeit.
    Harbort schildert den Fall eines Kindes, das am Anfang die richtige Autofarbe angibt und später etwas anderes sagt.
    Gemeint habe ich in Punkt 1, dass ein Opfer Menschen die das nicht erlebt haben etwas erklären soll, was sich nicht vermitteln lässt.
    Es sei denn man hat vorher einen Lehrgang in Polizeisprache, Juradeutsch oder Sachverständigenkenntnisse.
    Z.B.:
    Opfer:“Der Irre hat dann …“ Polizei“Glauben sie, dass der Täter nicht normal war?“ Opfer: „Bringt ein normaler Mensch andere um?“
    Ja, juristisch gesehen schon!

    Was du beschreibst mit „neben sich stehen“, Zeitwahrnehmung, usw. Das haben auch andere Menschen die geschockt wurden, ohne Opfer von Tötern oder Gewalttätern zu sein.
    Im übrigen ist die Traumatherapie in den Kinderschuhen. Seit wann gibt es denn die Klassifizierung von einem Trauma im ICD-10?
    Wahrscheinlich kam die erst nach dem OEG.
    Mir ist ein Fall bekannt, wo man dem Opfer eines Würgemörders auf dem Versorgungamt einreden wollte, es sei der Hund der Nachbarin gewesen,
    weil die erste Aussage bei der Polizei war, dass sie einen Sprung in den Rücken spürte und zuerst dachte es sei ein Hund.
    Das sieht eher aus wie: Abwimmeln von Opferansprüchen, obwohl eine Ermittlungsakte wegen Mordversuch vorliegt.
    Da verschlägt es dann die Sprache! Oder nicht?

  29. 29 thewritingfranz September 3, 2008 um 18:05

    Letztes Beispiel scheint auch bei der Polizei ein Extremfall zu sein. Aber: Es ist halt verdammt schwer sich ganz klar auszudrücken. so könnte man nach Lesen des Obigen meinen, das Opfer eines Würgemörders hätte ausgesagt, was es natürlich nicht kann, weil es Opfer eines Würgemörders ist.
    Die Polizei hätte natürlich feststellen müssen, dass Würgespuren anders aussehen als Hundebisswunden. Denke ich jedenfalls, ich habe noch nie Hundebisswunden am Hals gesehen.
    Sehr kompliziert ist das alles.

  30. 30 krimi.krimi September 5, 2008 um 14:26

    Hallo Hennei,

    da ist es ja gut, dass wir uns noch einmal verständigt haben, da hat es wirklich ein Missverständnis gegeben.

    „Gemeint habe ich in Punkt 1, dass ein Opfer Menschen die das nicht erlebt haben etwas erklären soll, was sich nicht vermitteln lässt.“

    Dem kann ich uneingeschränkt folgen.

    Du hast Recht, traumatisiert können natürlich nicht nur Opfer von Verbrechen sein, sondern generell alle Menschen, die Opfer (oder auch nur Zeugen) eines bedrohlichen Extremereignisses werden: Lawinenabgänge, Feuer, Unfälle. Wobei nicht jeder zwangsläufig die typischen posttraumatischen Symptome bekommen muss.

    Du hast auch Recht damit, dass es die Traumatherapie noch nicht so lange gibt, in den Kinderschuhen würde ich sie aber nicht mehr bezeichnen, dazu ist sie doch schon zu etabliert. Den ICD-10 gibt es anscheinend seit 1992 (steht drinnen), ich hätte geglaubt, es wäre noch nicht so lange. In Bezug auf Trauma ist er aber recht grobschlächtig und undifferenziert ausgefallen. Das ist sicher nicht das Maß aller Dinge.

    Was ist OEG?

  31. 31 HennEi September 19, 2008 um 7:34

    Hallo krimi.krimi,

    OEG ist die Abkürzung für Opferentschädigungsgesetz.
    Beim zbfs.bayern steht darüber im Internet:
    „Leitgedanke des vom Bundestag 1976 einstimmig beschlossenen Gesetzes über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten ist, dass die staatliche Gemeinschaft für die Opfer von Straftaten einstehen muss, wenn es ihr trotz aller Anstrengungen zur Verbrechensverhütung nicht gelingt, Gewalttaten völlig zu verhindern.

    Der gesetzlich verankerte Opferentschädigungsanspruch stellt sicher, dass der von einer Gewalttat Betroffene, dessen Lebensumstände infolge seiner gesundheitlichen Schädigung wesentlich beeinträchtigt oder dessen Lebensqualität im Extremfall sogar zerstört wurde, den Folgen der Gewalttat nicht mehr hilflos gegenüber steht. Die mit den gesetzlichen Regelungen beabsichtigte Verbesserung des Opferschutzes setzt voraus, dass die Bevölkerung und insbesondere das Opfer von diesen Entschädigungsmöglichkeiten Kenntnis erlangen.“

    Im Fall den ich oben ansprach wurde das Opfer nicht über diese Möglichkeit informiert und es hat mehr als 20 Jahre gedauert, bis ein Antrag gestellt wurde. Immerhin wurde dann eine Schädigung anerkannt und Heilbehandlungen werden in Zukunft übernommen.
    Das heisst soviel, dass jetzt nicht mehr die Krankenkasse den Therapeuten zahlt. Für das Opfer hat sich also nichts geändert. Es gibt nur eine Umlagerung der Finanzierung aus der Gemeinschaft der Beitragszahler einer Krankenversicherung in die staatliche Gemeinschaft.

  32. 32 HennEi September 19, 2008 um 8:49

    hallo thewritingfranz,

    du hast oben irgendwo geschrieben:
    Wenn es keine Leiche gibt, gibt es keinen Mörder. Wenn die Leiche sozusagen den Mord überlebt, ist der Täter nur einer, der einen Mord versucht hat, aber kein Mörder.
    Dabei stellt sich die Frage, ob jemand nur als „Mordversucher“ unterwegs ist. Vielleicht sollte so jemand sogar noch dringender gesucht werden, weil er dazulernte. Oder auch, weil er das Opfer danach beobachten kann, das ihn aber nicht kennt.
    Im übrigen hat die Polizei im Fall der „Hundebisse“ festgestellt, dass es keine sind, sondern Würgemale. Und das Opfer hat auch nicht ausgesagt vom Hund gebissen zu sein.
    Im übrigen wurde der Fau auf dem Versorgungsamt auch erst einmal der Fall einer Antragsstellerin erzählt, die nur eine Tat vorgetäuscht haben soll um Ansprüche zu erheben.

  33. 33 krimi0krimi September 19, 2008 um 14:21

    Hallo Hennei,

    danke für die Erklärung wegen des OEG.

    Franz ist Jurist und klar sieht er es so. Ob sein Mandant einen umgebracht hat oder nicht, ist für ihn ziemlich wesentlich.

    Versuchter Mord ist eh auch strafbar, soviel ich weiß.

  34. 34 thewritingfranz September 24, 2008 um 20:04

    Auch der Versuch ist strafbar, so steht es im Gesetz.
    Hennei: Ich wollte eigentlich nur schildern, wie schwer es ist, das Richtige auszudrücken und wenn es geht, auch so, dass es Juristen einordnen können, das sind Leute, die vorgeben, normale Sprache nicht mehr zu verstehen. oft auch sind sie zu dumm dazu.


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