Psychopathen in den USA und in Europa

Wir haben es hier ja derzeit viel mit Psychopathen zu tun und da „Psychopath“ im deutschprachigen Raum kein aktueller klinisch-psychopathologischer Begriff ist, musste ich mich selbst kundig machen, was denn die KollegInnen aus den USA damit meinen. Wobei – es ist wichtig, das gleich an den Anfang zu schreiben – ich mich mit dem aktuellen psychopathologischen Begriff beschäftige. Das Problem der psychopathologischen Terminologie ist ja, dass sie sich alle paar Jahre ändert. Und wie ein Begriff dann in den Medien und in der Literatur verwendet wird, ist noch einmal eine ganz andere Sache.

So. Soweit ich weiß, ist das in den USA offiziell verwendete Diagnosesystem das →DSM-IV. Das verwenden wir nebenbei auch, gebräuchlicher ist bei uns aber →ICD-10. Und im DSM-IV gibt es genauso wenig Psychopathen wie im ICD-10. Jetzt sind DSM-IV und ICD-10 aber Diagnosesysteme, die auf internationalen Konsensprozessen beruhen und sie haben deutliche Löcher, denn diese Konsensfindungsprozesse sind etwas schwerfällig. Für mich zum Beispiel ist der Traumabegriff im ICD-10 viel zu undifferenziert, die dort vorhandenen Diagnosekategorien passen lang nicht auf alle PatientInnen. Dann verwende ich für die Krankenkassa eben die ICD-10 Wischiwaschi-Restkategorie „nicht näher bezeichnete Reaktion auf schwere Belastung“ und weiche in der täglichen Kommunikation auf spezifischere diagnostische Begriffe aus, die es nebenbei auch noch gibt. Und so ähnlich stelle ich es mir mit dem US-Psychopathenbegriff vor: Er steht zwar nicht im offiziellen Diagnosemanual, ist aber dennoch spezifisch definiert, gebräuchlich und es gibt eine eigene Forschung dazu. Das schließe ich aus Publikationen.

In der Forschung scheint ein Psychopath hauptsächlich durch die →Hare Psychopathy Checklist in ihrer revidierten Form festgelegt zu werden (PCL-R). Diese Checkliste hat 20 Punkte (in einer Übersetzung von →neuro24):

  1. Trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme
  2. Erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl
  3. Stimulationsbedürfnis (Erlebnishunger)
  4. Pathologisches Lügen (Pseudologie)
  5. Betrügerisch-manipulatives Verhalten
  6. Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein
  7. Oberflächliche Gefühle, Gefühlskälte
  8. Mangel an Empathie
  9. Parasitärer Lebensstil
  10. Unzureichende Verhaltenskontrolle
  11. Promiskuität
  12. frühe Verhaltensauffälligkeiten
  13. Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen
  14. Impulsivität
  15. Verantwortungslosigkeit
  16. Mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen
  17. viele kurzzeitige ehe(ähn)liche Beziehungen
  18. Jugendkriminalität
  19. Missachtung von Weisungen und Auflagen
  20. polytope Kriminalität

Für jede Kategorie werden 0 bis 20 Punkte vergeben, für die Diagnose „Psychopathie“ müssen mindestens 30 Punkte erreicht werden.

Jetzt ist es so, dass es ja auch in Europa Leute gibt, die in dieses Muster passen würden, wir nennen sie trotzdem nicht „Psychopathen“. Als halbwegs äquivalente Begriff gelten im ICD-10 die „dissoziale Persönlichkeitsstörung“, im DSM IV die „antisoziale Persönlichkeitsstörung“, wobei in der PCL-R Checkliste auch Aspekte der „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ und der „histrionischen Persönlichkeitsstörung“ nach ICD-10 enthalten sind. Tatsächlich würden wir amerikanische Psychopathen wohl am ehesten der dissozialen Persönlichkeitsstörung zuordnen, dennoch ist es nicht daselbe. Die Punkte für die dissoziale Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 sind:

  1. Herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer
  2. Deutliche und andauernde Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen
  3. Unvermögen zur Beibehaltung längerfristiger Beziehungen, aber keine Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen
  4. Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten
  5. Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein oder zum Lernen aus Erfahrung, besonders aus Bestrafung
  6. Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das eigene Verhalten anzubieten, durch welches die Person in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.

Drei von sechs Punkten müssen für die Diagnose vorhanden sein, weiters müssen die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung zutreffen. Der Wichigste ist, dass es sich um tiefgreifende, situationsüberschreitende und anhaltende Verhaltensweisen handelt und nicht um etwas Vorübergehendes. Und diesen Verhaltensweisen darf keine andere körperliche oder psychische Erkrankung zugrunde liegen. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV enthält mehr →deviante Verhaltensweisen.

Für mich gibt es zwei eklatante Unterschiede zum US-Psychopathen: Erstens sind im ICD-10 die Dispositionen beschrieben, die zu kriminellem Verhalten führen können. Die Kriminalität ist jedoch nicht (oder nur andeutungsweise im „gewalttätigen“ Verhalten) beschrieben, beim Psychopathen ist sie schon Teil des Konzepts. Das heißt, dass ein Mensch mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung für Durchschnittsmenschen zwar durchaus ein unangenehmer Zeitgenosse ist, aber nicht zwangsläufig kriminell und schon gar kein Mörder. Die oben genannten Eigenschaften disponieren immerhin auch zu leitenden Positionen in Politik und Wirtschaft, das darf man nicht vergessen. Einer, der nicht zu viele Skrupel hat, Grenzen und Normen verletzt und das gut vertuscht, kann es weit bringen. Auch ein Psychopath muss allerdings nicht zwangsläufig kriminell sein, schreibt die Zeitschrift „Scientific American“ in ihrem Artikel →“What Psychopathy means“. Nur: Anders als beim europäischen Konzept ist kriminelles Verhalten durchaus ein Teil des Konzepts. Es können natürlich auch die anderen Punkte zutreffen und einen Psychopathen aus einem Menschen machen. Aber kriminelles Verhalten ist durchaus Teil der Definition. Dass einer, der teilweise durch kriminelles Verhalten definiert wird, dann auch kriminelles Verhalten zeigt, das ist – vorsichtig formuliert – kein Wunder. Insofern scheinen mir die literarischen Zirkelschlüsse, so landläufig der Begriff „Psychopath“ in Krimis auch verwendet wird, schon auch eine Entsprechung in der wissenschaftlichen Terminologie zu finden.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Konzepten ist, dass Konstrukte wie „Gewissensbisse“ und „Schuldbewusstsein“ ziemlich schlecht →operationalisiert sind. Das wiederum bedeutet, dass das Ergebnis sehr stark vom Konzept dessen abhängt, der das beurteilt. Also, falls ich einmal straffällig werde, will ich nicht, dass meine Diagnose dann von der Moral des Psychiaters abhängt. ICD-10 und DSM-IV versuchen, sich auf besser zu beschreibende Faktoren zu beschränken.

Interessant ist für mich die Konzeptualisierung, die ich hinter den beiden Modellen zu erkennen glaube: Persönlichkeitsstörungen und in deren Bereich bewegen wir uns hier, sind ja definiert als „andauernde und gleichförmige Verhaltensmuster“, die auch durch Therapie kaum zu beeinflussen sind. Verhaltensmuster, die eigentlich Eigenschaften von Menschen gleichkommen wie große Ohren oder blaue Augen. Und da ist es ein Riesenunterschied ob ich Kriminalität als Verhalten auffasse und über einen Serienmörder sage: Der hat so und so viele Leute umgebracht. Oder ob ich Kriminalität als Eigenschaft auffasse und sage: „Der ist ein Serienmörder.“ Jetzt ist „Serienmörder“ zwar kein Teil des Psychopathenkonzepts, wohl aber „polytope Kriminalität“ und „Jungendkriminalität“. Das Psychopathenkonzept scheint deviantes Verhalten viel mehr als Eigenschaft zu begreifen und festzuschreiben als wir es in Europa gewohnt sind.

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17 Responses to “Psychopathen in den USA und in Europa”


  1. 1 JL August 13, 2008 um 8:08

    danke! (vor einigen Jahren hatte die seinerzeitige bay. Kultusministerin die Idee, die Hare-Checkliste in der Focus-Fassung flächendeckend an den Schulen einzuführen — die Lehrer sollten sie einfach abarbeiten. Das wurde zwar wegen offenkundiger Hirnrissigkeit gleich wieder weggepackt, doch die einschlägige Bürokratie schien höchlich überrascht, daß man da Probleme sehen konnte.)

    Beste Grüße!

  2. 2 Henny Hidden August 13, 2008 um 9:48

    Hallo Margit,

    nach der Hare-Checkliste bin ich ja fast nur von Psychopathen umgeben. 30 Punkte kommen da schnell zusammen. Genaugenommen kann ich mich selbst dazu zählen.

    Schöne Grüße

    Henny

  3. 3 krimileser August 13, 2008 um 11:37

    Henny, Willkommen im Club.

  4. 4 krimi.krimi August 13, 2008 um 18:30

    @ JL: Das ist wirklich der helle Wahnsinn. Mehr fällt mir dazu gar nicht ein. Dazu ist er, soweit ich das verstanden habe, auch wirklich nicht gedacht:

    Obviously, diagnosing someone as a psychopath is a very serious step. It has important implications for a person and for his or her associates in family, clinical and forensic settings. Therefore, the test must be administered by professionals who have been specifically trained in its use and who have a wide-ranging and up-to-date familiarity with studies of psychopathy.

    Professionals who administer the diagnostic examination should have advanced degrees (M.D., Ph.D., or D.Ed.) in a medical, behavioral or social science field; and registered with a reputable organization that oversees psychiatric or psychological testing and diagnostic procedures. Other recommendations include experience working with convicted or accused criminals or several years of some other related on-the-job training.

  5. 5 krimi.krimi August 13, 2008 um 18:47

    Jaja, gründen wir jetzt ein Club der PsychopathInnen.
    Das scheint jetzt das „Medizinstudierendensyndrom“ zu sein, das besagt, dass Studierende der Medizin immer gerade an der Krankheit leiden, mit der sie sich gerade beschäftigen. Ich war mindestens schon schizophren, manisch, anankastisch, phobisch und dann kommen natürlich noch die ganzen körperlichen Krankheiten dazu. Das scheint sich jetzt auch auf andere Leute auszuweiten. Zum Glück hält das nie lange an.

    Aber jetzt im Ernstmodus: Wahrscheinlich haben wir alle einmal Launen und Zustände, in denen wir 30 Punkte zusammenbekommen. Aber in der Persönlichkeitsdiagnostik geht es nicht um Launen sondern um stabile, tiefgreifende und überdauernde Eigenschaften. Bei aller Skepsis gegenüber dem Ding, 30 Punkte auf Dauer machen einen Menschen schon einigermaßen unleidlich. Also, heiraten will ich den nicht mehr.

  6. 6 Maren August 14, 2008 um 22:17

    Na das ist mal wirklich interessant.
    Danke dafür!!

  7. 8 Georg August 17, 2008 um 7:23

    Mir scheint, dass die meisten Politiker ziemlich viele Punkte bekommen würden.

  8. 9 krimi.krimi August 17, 2008 um 23:39

    Ja, da fallen mir auch welche ein. Aber Namen nennen wir hier lieber einmal nicht.

  9. 10 JL November 6, 2008 um 21:17

    Hier könnten Sie das Psych-Krimi Projekt auch vorstellen. Paßt wieder nicht zum Eintrag. Aber was soll’s.

    Beste Grüße!

  10. 11 krimi,krimi November 6, 2008 um 22:03

    Da muss ich mich vorher noch ein bisschen in Kulturgeschichte kundig machen, sonst trau ich mich da nichts vorstellen. Aber anschauen könnte ich mir das auf jeden Fall. Es klingt interessant.

    Eins habe ich in Zürich, wo LinguistInnen und PsychologInnen und ÄrztInnen sich einträchtig mit Erzählungen aus dem Klinikkontext beschäftigt haben, gesehen: Es ist gar nicht so leicht, dass sich all diese Leute über einen gemeinsamen Forschungsgegenstand unterhalten. Zeitweise verstehen die Leute einer Profession kaum, was die Leute einer anderen Profession überhaupt meinen. Schon, weil sie sich verschiedener Fachsprachen bedienen, wenn sie über daselbe reden. Das darf man nicht unterschätzen. Sonst stellt mir noch jemand eine Frage und ich verstehe sie nicht einmal.

  11. 12 JL November 6, 2008 um 22:12

    B! (oder: wie b?)

  12. 13 krimi0krimi November 6, 2008 um 22:21

    Die Tastatur war verklemmt, ich habe draufgehauen und B ist herausgekommen. Inzwischen habe ich das B in den Beitrag korrigiert, den ich eigentlich schreiben wollte.

  13. 14 JL November 6, 2008 um 22:26

    Zumal ich grad bei Peter Becker seh‘, daß der ein Neuroscience-Projekt (public intellectuals) macht.

    Was Ihre Antwort angeht: Stimmt schon, kenn‘ ich. Trotzdem. Beste Grüße!

  14. 15 thewritingfranz November 6, 2008 um 22:33

    Die Liste klingt einwenig wie die annonce eines internationalen Konzerns, der einen Manager sucht.

  15. 16 krimi0krimi November 6, 2008 um 22:40

    Das ist ja interessant. Dass sich Historiker auch damit beschäftigen, war mir echt nicht klar.

  16. 17 thewritingfranz November 6, 2008 um 23:12

    Auf meiner Seite gibt es neues beim Gottlieb Oberhauser, Dankschreiben. You call?


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