MörderInnen, ErmittlerInnen und ihr Trauma

Nachdem mir jetzt amtlich beschieden wurde, dass ich das Kriminalliteratur für →psychiatrische Fallstudien halte, werde ich diesen erfolgversprechenden Weg weiter verfolgen:

Was die armen Heiter, die im Krimis mitspielen, so alles erlebt haben! Und ich rede jetzt von TäterInnen und ErmittlerInnen, nicht nur von den Opfern! Ein paar Beispiele von Krimifiguren, die mir in letzter Zeit untergekommen sind:

Giselle Leguerche (1):

Rolle: zweifache Mörderin; genannte Diagnose: keine, wird aber als „psychisch krank“ bezeichnet

Trauma: glaubt, am Tod ihrer Mutter schuld zu sein, vom Vater vergewaltigt

Hakim Salem (1):

Beruf: Polizist, schießt schnell; Diagnose: keine

Trauma: Die Mutter wurde im Krieg vor seinen Augen vergewaltigt und ermordet

Fabrice Markovitch (1)

Beruf: Erdölmagnat, treibt seine Frau durch häusliche Gewalt in den Tod, Diagnose: keine

Trauma: Keins, kommt aus vorgeblich allerbester Familie! Sowas gibts auch!

John Havilland (2)

Beruf: Psychiater, mordet und bildet Mörder aus; genannte Diagnosen: „Psychopath“ („Moby Dick unter den Psychopathen“), „beglaubigter Paranoider“

Trauma: von Vater misshandelt, hat Vater bei Gemetzel an einer Frau beobachtet

Thomas Goff (2)

Beruf: Handlanger von Dr. Havilland, Killer; genannte Diagnosen: „Psychopath“ und diverse Abwandlungen („psychopathische Sackratte“), „Psychose“, „Leptomeningitis“

Trauma: war im Gefängnis die längste Zeit mit der Leiche eines Zellengenossen eingesperrt, der sich dort erhängt hat

Linda Wilhite (2)

Beruf: Prostituierte, Geliebte des Ermittlers; Diagnose: keine

Trauma: Der Vater war ein gewalttätiger Spieler, hat die Mutter umgebracht und sich dann selbst erschossen,

Johnah Wrens (3)

Beruf: Psychiater; Frauenmörder; Diagnose: „Psychopath“, „Schizophrener(!)*

Trauma: Die Mutter hat ihren Sohn sadistisch misshandelt, wird als „schizophren“ bezeichnet

Frank Clevenger (3)

Beruf: Psychiater und Ermittler; genannte Diagnose: „Drogenprobleme“, derzeit abstinent

Trauma: Der Vater war Alkoholiker, er hat seinen Sohn gedemütigt und misshandelt.

Billy Bishop (3)

Beruf: Schüler, kriminell (Schlägereien, Drogen); genannte Diagnose: Drogenprobleme

Trauma: gewalttätiger und krimineller Stiefvater

Liliane Fender (4)

Beruf: Psychiaterin, wird als Zeugin befragt; Diagnose: keine

Trauma: gibt sich die Schuld an einem Verbrechen, das an einer Freundin begangen wurde

Die Mörderin des Toten vom Maschsee** (4)

Beruf: wird nicht verraten; Diagnose: keine

Trauma: Verbrechen an der Tochter, Schuldgefühle

Angela Connor (5)

Patientin; genannte Diagnose: „Borderline Persönlichkeitsstörung“

Trauma: wurde von Vater wiederholt sexuell missbraucht

Joel Ashman (5):

Beruf: Psychiater, Ermittler, Mörder; Diagnose: keine

Trauma: Komlexes Kindheitstrauma (der eigene Vater hat die erste Jugendliebe missbraucht und in den Suizid getrieben); seine Frau wurde von Onkel missbraucht und mit Clamydien angesteckt, daraus resultierte eine Eileiterverengung, die Frau starb schließlich an einer Eileiterschwangerschaft

Wayne Hacking (5)

Rolle: Mörder; Dagnose: „Soziopath“, „Psychopath“, „Dissoziativer Zustand“ (Gefälligkeitsdiagnose)

Tauma: wurde von der Mutter gezwungen, Mädchenkleider anzuziehen

Stanley Kolberg (5)

Beruf: Psychiater, Mörder; Diagnosen: Sadomasochismus, Zwangsstörung (Eigendiagnose), Soziopath

Trauma: Die Biographie des Dr. Kolberg wird uns nicht verraten. Sowas gibt’s auch.

„Rumpelstilzchen“ (6)

Pseudonym des Täters in Katzenbachs „Patient“; Diagnose: keine

Trauma: hat Mutter durch Ärztefehler verloren

Hannibal Lecter (7):

Beruf: Psychiater; Diagnose: „Kannibale“

Trauma: Seine kleine Schwester wurde, wie international bekannt ist, ermordet und gegessen.

Clarice Starling (7):

Beruf: FBI-Agentin; Diagnose: keine

Trauma: hat Vater bei Polizeieinsatz verloren

___________________________

* Da der Autor Psychiater ist, ist diese Fehldiagnose unverzeihlich. Der Mann hat ein ganzes Buch lang nicht die Symptome einer Schizophrenie!

** Da es sich um einen Whodunnit handelt, kann ich den Namen nicht verraten

  1. Brac, Virginie (F): Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben, Deutsch bei Rowohlt
  2. Ellroy, James (USA): In der Tiefe der Nacht, Deutsch bei Ullstein, 2006
  3. Ablow, Keith (USA): Psychopath, Deutsch bei Goldmann 2005
  4. Mischke, Susanne (D): Der Tote vom Maschsee, Piper 2008
  5. Kalla, Daniel (CAN): Rage – Die Therapie, Deutsch bei Heyne 2008
  6. Katzenbach, John (USA): Der Patient, Deutsch bei Droemer/Knaur 2006
  7. Harris, Thomas (USA): Die Hannibal Lecter Romane, Gesamtausgabe bei Heyne 2008
Advertisements

9 Responses to “MörderInnen, ErmittlerInnen und ihr Trauma”


  1. 1 JL August 12, 2008 um 7:47

    die Traumasammlung ist oberspitzenklasse! Grüße!

  2. 2 Georg August 12, 2008 um 7:59

    Dafür ist es alles seltsam diagnosearm. Ein Psychopath ist also wohl jemand, der ürgendwie durchgeknallt ist. Was sich daran zeigt, dass er Leute umbringt. q.e.d., sage ich da nur. Traumhafter Ringschluss.

  3. 3 JL August 12, 2008 um 8:43

    tja, lieber Georg, der Psychopath beginnt seine Karriere im frühen 20. Jahrhundert als Inbegriff der Diagnosearmut. Und die Zirkelschlüssigkeit wäre schon lang ein Thema für Krimi-Rezensenten gewesen.

    Beste Grüße!

  4. 4 krimi.krimi August 12, 2008 um 8:46

    Georg, das kommt mir auch so vor. Dass ein Krimi-Psychopath einfach einer ist, der böse ist und verrückt. Aber beides. Nur verrückt allein ist zu wenig. Wobei ich unter „böse“ verstehe, dass er ohne sichtbare Motive mordet(also aus inneren Motiven heraus, die dann oft biographisch erklärt werden, z.B. um sich an der Mutter zu rächen) und nicht aus Motiven, aus denen wir selber morden würden: Habgier, Rache, Eifersucht. Und „verrückt“ bezeichnet ganz global, dass uns das Verhalten fremd und nicht einfühlbar ist und nicht, dass er sich auffällig verhält, nackt auf der Straße tanzt oder dergleichen. Im Gegenteil, die Krimi-Psychopathen sind im Alltag ganz unauffällige Gesellen.

    Teilweise wird „psychotisch“ auch so verwendet: Für „verrückt“. Und synonym für „Psychopath“. Und da merkt man schon, dass wir es hier nicht mit klinisch-psychiatrischen Diagnosen zu tun haben, denn da wäre „psychotisch“ schon ein bisschen spezieller definiert. Das allein sagt jetzt noch nichts über den Text aus, denn wenn ein Polizist sagt, der Täter sei psychotisch, dann sagt das nicht mehr als dass ein Polizist sagt, ein Täter sei psychotisch: nämlich gar nichts, der muss es nicht wissen. Allerdings behaupte ich jetzt einmal frank und frei, dass zumindest bei Ablow und Ellroy die psychopathologischen Begriffe jenseits jeder klinischer Begrifflichkeit verwendet werden. Bei Ellroy ist das sogar stimmig, denn der schert sich von Anfang an nicht drum und konstruiert seine eigenen Figuren. Es sind eben Ellroysche Spezialfiguren in einem eigenen Ellroyschen Universum. Bei Ablow ist das hoch irritierend, denn er hält sich grundsätzlich an klinische Diagnosekriterien, schert dann aber aus. Und da der Mann Psychiater ist, habe ich natürlich auch gewisse Erwartungen, dass das passt.

    Ich vermute einmal (wieder ohne, dass ich das beweisen kann), dass der Begriff „Psychopath“ in den USA in der Alltagssprache geläufig ist. So wie bei uns neurotisch. Zumindest hierzulande: Wenn einem jemand elend auf den Keks geht, sagt mann: „Ist die neurotisch“ (meistens sagen es Männer über Frauen). Das ist eine normale Abwertung und hat gar nichts mit dem klinischen Begriff „neurotisch“ zu tun.

  5. 5 krimi.krimi August 12, 2008 um 8:50

    „Psychopath“ ist übrigens in Europa kein aktueller psychopathologischer Begriff, um das auch zu deklarieren. Und um zirkelschlüssig zu argumentieren: In Europa gibt es keine Psychopathen, da sie (zumindest im psychiatrischen Kontext) nicht als solche bezeichnet werden.

  6. 6 krimi0krimi August 12, 2008 um 9:26

    Und zu meinen obigen Auslassungen muss ich noch ergänzen, dass Ellroys Buch (engl: „Because the Night“) erstmals 1984 erschienen ist, Ablows Buch 2003. Darauf, dass das gesagt werden muss, hat mich gerade →Bernd gestoßen.

  7. 7 JL August 12, 2008 um 9:55

    Liebe Krimi.Krimi,

    das ist ja hoch erfreulich, daß Sie fachlich in etwa bestätigen, was ich mir dilettierend so zusammengereimt habe (ausgehend von P = böse, unverständlich, aber gesund und zurechnungsfähig, vgl. Peter Strasser), Einige der für mich wichtigen Stationen:

    1914 Karl Birnbaum (Der psychopathisch Verbrecher, wobei Birnbaum immer die Bezüge zwischen Kunst und Psychopathie herstellt);

    1923 Kurt Schneiders psychopathische Persönlichkeiten (mit vielen Folgeauflagen und mit hoher, wenn auch nicht immer differenzierter Rezeptionsdichte)

    1934 Kurt Gauger (Grundriß einer Deutschen Psychotherapie; der P als gemeinschaftsunfähiger Volksschädling).

    Jaspers‘ Allg. Psychopathologie (ab 1913) müßte man vermutlich von Auflage zu Auflage checken.

    Nach 1945 scheint der P-Begriff hier verbrannt zu sein; in den fünfziger Jahren hab‘ ich ihn gelegenlich noch in den Halbstarken-Diskussionen und im Kontext der ‚Vaterlosigkeit‘ gesehen.

    Und ab den siebziger Jahren kommt er dann auf den Schienen der Populärkultur wieder zurück (mit Robert Hare als einem der Höhepunkte). Ihr Fach wird nicht mehr ergriffen, aber in Polizeikreisen und in der angelagerten Berichterstattung findet man ihn wieder. Und Krimi (in allen Medien) steigt voll ein.

    Aber wie gesagt: ich hab‘ völlig unsystematisch rumgestochert.

    Beste Grüße!

  8. 8 krimileser August 12, 2008 um 11:39

    Ich bin ja nicht vom Fach,

    aber ganz klar Psychopath ist ein Begriff, ein Zeichen so ähnlich wie Virus oder Bakterium oder Mikroorganismus, da wird das ganze Böse der Welt drunter subsummiert. Mit dem was Du oder Ich jeweils darunter verstehen, hat das gar nichts zu tun.

    Seinen Höhepunkt findet die Begrifflichkeit dann bei Tana Frenchs Grabesgrün, aber mehr will ich nicht sagen.

  9. 9 krimi0krimi August 12, 2008 um 18:36

    @ Herr Linder: Danke für die historischen Daten. Dass Psychopathie schon so früh mit Verbrechen in Verbindung gebracht wurde, habe ich wiklich nicht gewusst. Ich habe den Begriff im frühen psychoanalytischen Kontext als Gegenstück zur „Neurose“ im Kopf, als Art „frühe Störung“, die in den ersten Lebenswochen entsteht und durch Psychoanalyse nicht zu behandeln sei. Das hätte mit Kriminalität noch gar nichts zu tun.

    Schneider ist wieder modern, meine Psychiatrielehrbuch führt Schneiders Kategorien als Vorläufer der ICD-10 Kategorien an und das kann ich ohne Weiteres nachvollziehen. Die Terminologie hat sich allerdings verändert, da bin ich auch froh. Der Psychopathiebegriff ist so belastet, dass man ihn wirklich nicht mehr verwenden kann, onne einen Rattenschwanz an Ideologie und Missverständnissen hintennach zu ziehen.

    @ Bernd: Das ist ein interessanter Gedanke, das habe ich mir noch nie überlegt: Dass ein Bakterium im Krimi fast so schlimm ist wie ein Psychopath.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




August 2008
M D M D F S S
« Jul   Sep »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Archive

Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

→Journal of Medical Internet Research

→medicalblogs.de

→Alblog aus Zams


%d Bloggern gefällt das: