Internet als moderner Pranger?

Heute berichtet →der Standard über die US-Seite →Criminalsearches.com, über die jede und jeder Interessierte feststellen kann, ob zum Beispiel der Nachbar oder die Nachbarin vorbestraft ist. Die Seite biete kostenlosen Zugang zu den Strafregistern aller 50 US-Bundesstaaten und finanziere sich lediglich durch Werbung, so der Standard. Kritik gebe es – neben Bedenken in Bezug auf die Privatsphäre – auch an der Aktualität und Vollständigkeit der Daten. Außerdem gebe es bisweilen die Schwierigkeit zwischen Menschen gleichen Namens zu unterscheiden, nicht einmal das Geburtsdatum sei immer angegeben. Bei uns kaum denkbar, dass sich jemand noch um Aktualität und Vollständigkeit kümmert, wenn mein Chef nachschauen kann, ob ich irgendwann zu schnell gefahren bin. Oder umgekehrt.

Wie immer, wenn man etwas so gar nicht verstehen kann, ist es gut, es sich von Einheimischen erklären zu lassen und die Hintergründe „öffentlicher Polizeiprotokolle“ hat uns Scot W. Stevenson zum Glück schon im Juni auf seinem Blog →“USA erklärt“ erläutert. Es gehe um Transparenz und Kontrolle der Staatsorgane. Jeder solle wissen, was die Polizei den ganzen Tag tut. Entsprechend entsetzt seien Amerikaner darüber, dass die deutsche Polizei nicht nur “anonym” arbeite – sprich, keine Namensschilder trage – sondern dazu noch “heimlich” agiere und einfach Leute festnehme, ohne deren Namen zu veröffentlichen. Eine gewisse Prangerfunktion werde dabei einfach in Kauf genommen. Was bei Stevensons Juni-Artikel noch anders ist als bei der Seite, auf die sich der Standard bezieht: Er bezieht sich auf Polizeiprotokolle, die öffentlich zugänglich sind und teils auch in der Presse veröffentlicht werden. Die Mühe, diese Protokolle zu lesen, musste man sich aber machen. Dass das jetzt alles zentralisiert und weltweit von einem PC abrufbar ist, ist für mich noch einmal eine andere Kategorie. Und was die Polizei den ganzen Tag arbeitet, kann ich von →Criminalsearches.com natürlich auch nicht mehr feststellen. Das ist dort auch nicht das Thema: Es geht um „Neighbourhood Watch“, einen „Sex Offender Finder“ und „Criminal Alerts“, also eindeutig um die andere Seite der Medaille, nämlich die Mitmenschen auszuspionieren. Hat sich da jetzt eine Transparenz, die einen ganz anderen Hintergrund hatte, verselbständigt? Oder mit anderen Worten: Wird die Prangerfunktion jetzt nicht mehr „in Kauf genommen“, sondern wurde da jetzt absichtlich ein Riesenpranger in die Welt gesetzt? Und bekomme ich überhaupt noch eine Wohnung oder einen Job wenn ich zufällig John Smith oder Mary Stevens heiße?

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4 Responses to “Internet als moderner Pranger?”


  1. 1 Micha August 5, 2008 um 11:00

    Nicht abwägig, dass wir uns auch damit bald arrangieren müssen. Schließlich war’s vor Jahren undenkber, dass jede Menge persönlicher Daten von einem im Internet kursieren. Heute weiß ein Personaler beim Vorstellungsgespräch meist mehr über Dich, als Du selbst. Außerdem: Steckt nicht in fast jedem von uns ein kleiner Voyeur?

  2. 2 krimi0krimi August 5, 2008 um 12:31

    Ja eh, aber bislang ist es so, dass Personaler viele Informationen finden, die wir selber aus Unachtsamkeit im Netz plaziert haben und nicht mehr rauskriegen. Aber auch ich fürchte, dass wir und auch hierzulande noch mit so einigem an Überwachung arrangieren werden müssen. Und: Wenns beim Voyeurisieren bliebe, gings ja noch, ich fürchte nur, die Konsequenzen sind da schon handfester.

  3. 3 thewritingfranz August 5, 2008 um 22:14

    Die USa werden bald von jedem Staat fordern, dass er seine Bürger auch an den Prangers tellt, sonst darf der Bürger in die USA nicht einreisen.


  1. 1 ABC der Infos » Blog Archiv » Bau17×1 TOP 10 der am häufigsten genutzten Medienkontakte* Trackback zu Januar 9, 2009 um 22:48

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