Kriminelle unter uns

Sie sind unter uns, die Wilderer. Fast 400 Mal hätten sie letztes Jahr in Österreich zugeschlagen und Tirol gehöre zu den Wildererhochburgen. Mehr gewildert werde nur in Niederösterreich und Oberösterreich erfahren wir auf →tirol.orf.at. Dort werden Wilderer als gewöhnliche Kriminelle dargestellt, die bisweilen sogar aus Lust am Töten auf Tiere ballern: Sie hätten es auf Fleisch und Trophäen abgesehen, außerdem passiere es immer wieder, dass jemand aus Spaß nur aus dem Auto heraus schieße, die Tiere seien dann oft nicht gleich tot, sondern verendeten langsam und qualvoll.* Ganz anders klingt natürlich der Mythos des Wilderers als edler Rebell, der aus Widerstand gegen die Obrigkeit in den Wäldern jagt, in denen er lebt, an denen er aber keine Rechte besitzt. Keiner hat wohl so viel für die Ehre der Wilderer getan als Roland Girtler, dem Gründer des →Wilderermuseums in St. Pankraz in Oberösterreich. Auf →NuT gibt es gerade einen Link zu einem →Interview in der WOZ. „Ich bin der Erste, der gezeigt hat, das sind keine Verbrecher“, sagt Girtler dort über die Wilderer und es gebe einen Ehrenkodex: Wer einem Hirsch in die Augen sehen kann, dürfe ihn nicht mehr schießen.

Gemeine Verbrecher und Tierquäler oder stolze Rebellen, die sich nur nehmen, was ihnen zusteht? In Zeiten, in denen jeder und jede den Jagdschein machen kann, wie das Tiroler Landesmuseum bemerkt? Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum hat sich dieses Themas angenommen und am ersten August eine →Ausstellung zum Thema Wilderer eröffnet. Ich bin überrascht zu sehen, dass dort auch der Vogelfang vorkommt, ist dieser doch in bestimmten Gegenden behördlich genehmigt. Illegalen Vogelfang kenne ich nur vom Hörensagen, immerhin gibt es auch ein →Höttinger Vogelfängerlied. Hötting, so sei hier angemerkt, ist ein Stadtteil von Innsbruck und gehört ganz sicher nicht zu den Gebieten, in denen das Fangen von Singvögeln →zur Pflege des Brauchtums erlaubt ist. Da bin ich ja gespannt.

* Ich finde die Darstellung des Wilderers auf der ORF-Seite sehr interessant: Es wird nicht zwischen erlaubter und unerlaubter Jagd unterschieden, sondern die Motive der Wilderer werden hervorgehoben: Fleisch und Trophäen und die Lust am Töten. Außerdem töten Wilderer Tiere qualvoll, indem sie daneben schießen. Nun gebe ich zu bedenken: Auch Jäger wollen Fleisch und Trophäen und unerfreulich werden sie die Jagd auch nicht gerade finden. Und wenn ein Jäger sagt, das Tier „schweißt“, dann stirbt es langsam und qualvoll. Auch ein Waidmann trifft nicht immer. Ein Unterschied zwischen Jagd und Wilderei scheint mir darin zu liegen, dass manch ein Jäger das Wild auch hegt und auf den Bestand achtet. Einer, der nach Kenia fliegt, um schnell eine Antilope oder gar einen Elefanten zu erschießen oder ins Hirschgehege nach Goisern, um einen handzahmen Hirschen zu schießen, dann aber auch wieder nicht. Also, das mit den Motiven geht mir nicht ganz ein. Der Unterschied zwischen Jagd und Wilderei scheint mir doch ganz wesentlich im Verbot und in Reglementierungen zu liegen und nicht darin, dass ein Jäger keine Trophäen haben will, dass ihn das Schießen nicht freut oder dass er immer trifft.

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4 Responses to “Kriminelle unter uns”


  1. 1 thewritingfranz August 4, 2008 um 23:11

    Richtig erfasst. Der Unterschied liegt im Verbot. Echte Wilderer, wie im Salzkammergut, sind stolz darauf, bessere Jäger zu sein, als die Jäger. Niemals würde sich hier ein Wilderer nicht wie ein fairer Gegner des Wildes verhalten. Das Motiv aber scheint mir leider doch sehr bei der Lust zu liegen, der Lust zu töten. Das aber unterscheidet sie jedoch nicht von den Jägern, die ihre Lust aber hinter der Pflicht verstecken können. Dadurch, dass der Wilderer aber ein Verbot übertritt, könnte der Kitzel noch ein wenig höher sein. Erweiterte Lust tritt ein, wenn Jäger und Wilderer gegenseitig auf sich schiessen. Dann wird ihnen auch →ein Lied geschrieben, aber immer nur den erschossenen Wilderern, nie den toten Jägern (Der Jäger Jennerwein – Er war ein Schütz in seinen besten Jahareeen, Der Wildschütz – eines Sonntags des Mohorgeeens u.a.m.).
    Verachtenswert sind die Wilderer im flachen Lande, die mit den Autoscheinwerfer Rehe blenden und dann aus dem Auto heraus auf diese schiessen, ohne selbst je in die Gefahr eines Absturzes von einem hohen Gipfel zu kommen oder von einem Baum, der im Gewitter von einem Blitz getroffen wird, erschlagen zu werden oder von der Sennerin Resi an den Jäger Hansl verraten zu werden, weil der ein längeres Stutzerl hat.

  2. 3 krimi0krimi August 5, 2008 um 8:24

    @ Franz: Also, wenn Wilderer faire Gegner des Wildes sein wollen, dann bin ich dafür, sämtliche Hirschen, Rehe und Gamsen mit Jagdgewehren auszustatten. Oder meinst Du damit, dass der Gams sich im Hochgebirg‘ behender bewegt als der Wilderer und mit dem ganzen Dachstein gegen den Abschuss kämpft? Dann bin ich aber für einen Erlass, der das Wildern unter 2000 Metern verbietet. Oder so. Wenn wir schon von Fairness reden.

  3. 4 krimi.krimi August 5, 2008 um 12:25

    Das Thema, wem der Wald gehört und wer ihn nützen darf, ist übrigens brandaktuell. Heute im Standard: →Das Schwammerlproblem. Die – teils adeligen – Waldbesitzer wollen in Kärnten eine Gebühr fürs Schwammerlsuchen einführen. Das heißt, dass demnächst auch Schwammerln gewildert werden.


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