True Crime, Kamerun, Teil 2

Der erste Teil der Geschichte ist hier.

Inzwischen hatte die Geschichte aber im Dorf die Runde gemacht und tags darauf war die Lösung gefunden: Ein Weiser des Dorfes würde den Täter durch Zauberei ermitteln, das Notstromaggregat herbeibringen und nebenbei die Ehre der geschlagenen Männer wieder herstellen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch wenig über Zauberei. Ich hatte im Gefängnis der nahegelgenen Kleinstadt eine Zauberin kennengelernt, die an Tuberkulose erkrankt war, eine nette, alte Dame, wie mir schien. Zauberei war anscheinend ein Straftatbestand. Unter bestimmten Bedingungen war es ein Straftatbestand, doch mehr als diese Bedingungen interessierte mich zu dieser Zeit, wie der Tatbestand der Zauberei überhaupt festgestellt wurde. Ich habe damals der Einfachheit halber einfach den Gefängniswärter gefragt, doch der hat mich nur angeschaut wie ich selbst Leute, die zu „Austria“ Känguruhs assoziieren. „Das sagen die Fakten“, sagte er und damit war alles erklärt.

Nun hatte ich beschlossen, mich schlau zu machen und erkundigte mich bei Praktikant Desiré. Zauberei, so erklärte er, sei in Afrika so gewöhnlich, dass man sich ständig davor schützen müsse. Man erkenne sie eigentlich nicht, bis sie geschehen sei und so müsse man die Leute von vornherein gnädig stimmen, um Zauberei zu verhindern. Er zum Beispiel mache Matura und so sei er natürlich sehr gefährdet, von Zauber behelligt zu werden, weil die Leute neidisch seien. Ein Onkel zum Beispiel, der sehr reich sei, gebe aus diesem Grund immer sehr viel Geld her, wenn er in sein Dorf komme, nur um die Neider zu besänftigen. Aber ich müsse mich nicht fürchten, so ergänzte er beruhigend, er werde mich beschützen, denn er kenne sich aus. Nun muss ich gestehen, dass die Angst vor Zauberei zu meinen geringsten Ängsten gehörte, auf dem Wohnzimmerboden krabbelnde Skorpione machten mir weitaus mehr Kopfzerbrechen. Doch trotz meiner Unerschrockenheit und meiner forschen Nachfragen, wie denn nun per Zauberei die Diebe überführt werden sollten, wollte es niemand so recht erzählen. Eher beruhigten mich die Leute, versicherten, dass ich mich nicht fürchten müsse oder gaben mir gute Tipps und Amulette, die ich verwenden könne, wenn ich Angst vor Zauberei hätte.

Doch mit einer ordentlichen Portion Hartnäckigkeit fanden wir „Nassara“ schließlich heraus, was geplant war: Weise Personen sollten einen Trank herstellen, der die Wahrheit ans Licht bringen würde. Die fünf Verdächtigen sollten ihn trinken, wer unschuldig war, würde an heftigem Erbrechen leiden, der Täter aber sterbe, eine gerechte Strafe für solch eine ungeheuerliche Tat, immerhin gefährde der Dieb das Leben unschuldiger Kranker, die ohne Strom im Krankenhaus lägen. Was soll ich sagen? Wir waren entsetzt. Wir hatten keine Ahnung, was die Weisen in den Trank mischen wollten, aber gesund war es sicher nicht. Wir konnten sicher nicht zustimmen, dass Mitarbeiter des Krankenhauses in ihrer Gesundheit gefährdet, wenn nicht gar zu Tode vergiftet würden. Und die Betroffenen hätten nicht nein sagen können, jeder, der das getan hätte, wäre hoch verdächtig gewesen. Außerdem bangten sie sicherlich nicht so um ihre Gesundheit wie wir: Jeder, der sich unschuldig fühlte, musste ja davon ausgehen, dass ihm nichts passieren würde. Meine Chefin legte also ein Veto ein und das war auch wirkungsvoll, da meine Chefin zugleich die Chefin des Krankenhauses und die Chefin der betroffenen Mitarbeiter war.

Jetzt standen wir wieder da: Mit Verdächtigen, die man nicht mehr verdächtigen durfte, weil sie schon so viel mitgemacht hatten, ohne Dieb, ohne Notstromaggregat, aber nun auch mit einem ganzen Dorf, das jetzt sehen wollte, wie wir das Problem zu lösen gedachten, wenn wir schon verhinderten, dass sie es auf ihre Art erledigten. Und genau das wussten wir nicht. In unserer Not machten wir etwas, was wir in Afrika gelernt hatten: Nichts. Wir warteten. Und taten nichts. Und genau diese Methode führte schließlich zum Erfolg:

In jener Gegend gibt es ein buntes Nebeneinander uralter einheimischer Traditionen und kolonialer Erbstücke und eins davon sind die Pfadfinder. Die Pfadfinder also, die in Kamerun genauso durch den Busch streifen wie in Vorarlberg oder in der Bretagne fanden den Notstromaggregaten in einem Versteck mitten im Busch und ganz Pfadfinder – jeder Tag eine gute Tat – brachten sie ihn umgehend zurück. Natürlich waren die Buben die Helden des Krankenhauses und des ganzen Dorfes. Immer und immer wieder mussten sie erzählen, wie sie den schweren Notstromaggregaten gefunden und den Hügel heraufgetragen hatten. Doch wie er dort hin gekommen war und was er dort zu suchen hatte, war nicht gekärt. Ein böser Streich meinten die einen, jemand wollte ihn verkaufen, meinten die anderen. Doch hinter der Tatsache, dass das Krankenhaus wieder Strom hätte, wenn es denn Diesel hätte, geriet diese Frage nach und nach in den Hintergrund.

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11 Responses to “True Crime, Kamerun, Teil 2”


  1. 1 thewritingfranz Juli 30, 2008 um 9:45

    Oho! Man löschte meine Kommentare! Zensur, Zensur, schrie ich laut.

  2. 2 krimi0krimi Juli 30, 2008 um 12:11

    Wer löschte wo? Ich löschte nichts und der Spamfilter auch nicht. Wahrscheinlich findest Du vor lauter Wald die Kommentare nicht mehr oder so ähnlich.

  3. 3 thewritingfranz Juli 30, 2008 um 17:10

    Stimmt, ich fand den Wald nicht, sorry für den Verdacht.

    Die Geschichte ist super und zeigt uns wirklich einiges von der kameruner Kultur. Dennoch denke ich, dass Du das warst, mit dem Aggregat, weil du eine Geschichte schreiben wolltest und sonst nichts los war.

  4. 4 krimi0krimi Juli 30, 2008 um 22:29

    Ja eh, im Busch ist es so fad, dass sich die Leute immer Geschichten ausdenken. Kein Telefon, kein Internet, kein Fernseher, da kommt man schon auf komische Gedanken. Aber sags nicht weiter.

  5. 5 Reinhard Juli 30, 2008 um 23:27

    Man kann da schon auf komische Gedanken kommen. Da ich bei der Reaktion auf Franzens respektlose Kommentare die hochgezogene Augenbraue erkenne, muss ich sie ausführen.

    Da wird ein Aggregat gestohlen, das eh nicht läuft, weil kein Sprit da ist. Stromausfälle kennt man auch, weil das Licht ausgeht und kein Wasser da ist, und das Aggregat nur Staubfänger ist. Die ausgemalte Katastrophe ist also eine, wie Watzlawicks Beispiel mit dem Hammer.

    Dann kommt die bürgerliche Anzeige, und die örtliche Polizei. Wie die mit den Leuten umspringt, weiss man eigentlich am zweiten Tag in dem Land. Wenn keine Spuren gewaltsamen Eindringens vorhanden sind, dann sind die Schlüsselbesitzer definitiv verdächtig. Die Befragungsmethoden sind ortsüblich.

    Nun haben die, die eine Anzeige erstattet haben, ein schlechtes Gewissen. Dass das nutzlose Aggregat dann gefunden wird, ist für die usual suspects bestenfalls ein unausgesprochener Freispruch im Zweifel. Die Europäer behelfen sich mit Empörung, worin sie gut sind. Die NZZ titelte vor einiger Zeit: Europa, die moralische Supermacht des 21. Jahrhunderts.

  6. 6 krimi.krimi Juli 31, 2008 um 7:31

    Reinhard, der Franz und ich tun uns lei pflanzen. Das ist keine Verstimmung.

    Deine Kritik bedient genau die Geister, die der Text verscheuchen will: Nämlich diejenigen, die die ganze Welt schon fix und fertig in Schubladen mit Mascheln eingeteilt haben und sowieso wissen, wie hier und dort alles läuft. Ich bin schon enttäuscht, wenn er so gelesen wird.

  7. 7 Reinhard Juli 31, 2008 um 10:17

    Danke, Margit, jetzt habe ich es verstanden, nämlich, was mich daran stört. Es ist der pädagogische Ansatz.

  8. 8 thewritingfranz Juli 31, 2008 um 20:33

    Also, so wie der Reinhard habe ich das nicht gelesen. und ich weiß wahrscheinlich auch nach 2 Tagen in kamerun nicht, wie die Polizei mit Aggregatdieben umgeht. Solange in meiner Umgebung nichts gestohlen wird, werde ich es auch nie erfahren.In den Zeitungen wird ja nicht stehen „Täter hat nach 50 Peitschenhieben gestanden – ein weiterer Erfolg unserer Polizei“. Das schreibt man nicht einmal in Österreich, auch wenn der eine oder andere im Flugzeug erstickt.
    Und pädagogischen Ansatz kann ich auch nicht erkennen.
    Da schreibt halt eine über etwas was war, so wie es war. Das kann natürlich auf dieverse Krimiautoren schon pädagogischen Einfluss haben, indem dass diese Krimiautoren sich hüten werden, in Kamerun jemals ein Aggregat aus einem Spital zu stehlen. Außer, sie mögen Schläge und fliegen deswegen hin, diese Schweinderl:-)

  9. 9 thewritingfranz Juli 31, 2008 um 20:36

    Buchempfehlung: „Die Bibel“ aus dem Verlag Beate Uhse, ohne 6.es Gebot und das mit der anderen Backe hinhalten wurde endlich richtig übersetzt, man kann jetzt sofort zurückschlagen.


  1. 1 True Crime, Kamerun, Teil 1 « krimi.krimi Trackback zu Juli 30, 2008 um 22:54
  2. 2 Splitter « Internationale Krimis Trackback zu August 1, 2008 um 14:25

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