Sekundärliteratur: What physicians have in common with Sherlock Holmes: discussion paper

Auf das „Sherlock Holmes Paradigma“ bin ich ja schon länger gestoßen. Es bezeichnet – jetzt stark vereinfacht – Paralellen der Arbeitsweisen von Detektiven und Medizinern (1). Sowohl der Detektiv als auch der Mediziner müssten Hinweisen folgen und daraus Schlüsse ziehen, um schließlich den Täter beziehungsweise die Diagnose zu finden. „Medical work often demands detective skill“ bringen es Peschel&Peschel (2) auf einen Punkt.

Jetzt einmal ganz persönlich und privat: Dass mag schon sein, dass dem manchmal so ist, aber reicht das schon, um daraus ein Paradigma zu konstruieren? Ist diese Art des Arbeitens nicht sehr weit verbreitet? Wie finden ComputertechnikerInnen einen Fehler im System oder AutomechanikerInnen? Worum hat mich der ÖAMTC-Techniker gebeten, als ich vor einigen Monaten im Schnee stecken geblieben bin und mein Auto nicht angesprungen ist? Starten! Er hörte hin und nach ein paar Sekunden wusste er, wo das Problem liegt. Was mache ich anders, wenn ich jemanden das Stetoskop auf die Brust halte? Der Mechaniker schließt – ganz Sherlock Holmes – aus Hinweisen auf den dahinter liegenden Sachverhalt. Redet deshalb jemand vom Sherlock Holmes Paradigma in der KfZ-Technologie? Zweitens ist dieses prototypische Diagnostizieren – das Sammeln von Symptomen und Befunden und das Konstruieren einer Diagnose aus diesen Zeichen, in Wirklichkeit nur eine Art der medizinischen Herangehensweise. Daneben gibt es noch die verpönten aber alltäglichen „Ad-Hoc“-Diagnosen. Ein Patient oder eine Patientin kommt herein und man weiß nach wenigen Minuten, was ihm oder ihr fehlt. Das ist einfach manchmal so, nicht alles in der Medizin ist schwierig und man kriegt auch einmal Erfahrung. In den offziellen Aufzeichnungen kommt natürlich das nicht vor, denn dort werden die Symptome fein säuberlich dokumentiert. Dass diese „Post-Hoc“ nachgereicht wurden, sieht man nicht. Und dann gibt es noch das Gegenteil von „Ad Hoc“: Diagnostische Pfade. Das wird in der Zeit der „Absicherungsmedizin“ immer häufiger. Ich weiß schon lange mit 95%er Sicherheit, was der Patient oder die Patientin hat, aber wenn ich mich irre, wird er oder sie mich verklagen, deshalb muss ich nachweisen, dass ich alles, aber wirklich alles getan habe, was heute Stand der Technik ist. Das bedeutet für das diagnostische Vorgehen: Ich befrage den Patienten oder die Patientin nicht mehr lang und breit und suche keine Symptome mehr, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern ich frage mich: Was ist das Standardvorgehen für dieses Problem? Nehmen wir als Beispiel: Jemand hat starke Kopfschmerzen, vor allem im Nacken seit gestern Abend. Jetzt muss ich alles mögliche ausschließen und setze die diagnostische Maschine in Gang: Labor, CT, MRI, Lumbalpunktion. Röntgen der HWS. Ich folge also brav der Prozedur und schließe eine Möglichkeit nach der anderen aus. Die Befragung und Untersuchung dienen eigentlich nicht mehr dazu, zu einer Diagnose zu gelangen, sondern zur Entscheidung, welche Standardprozedur ich anwerfen muss. Wirklich, so eine mehrtägige, stationäre Kopfschmerzabklärung haben wir während meiner Ausbildung einmal einem jungen Mädchen angetan, das in der Woche vor der Matura den ganzen Tag gelernt hat und nachher starke Kopfschmerzen hatte. Wir glaubten eben beweisen zu müssen, dass es kein Hirntumor, keine Meningitis, keine Hirnblutung ist. Gefunden haben wir natürlich nichts. Ob Sherlock Holmes mit Diagnostikmanualen seine Freude hätte, mag ich bezweifeln. Also, zusammengefasst noch einmal meine persönlichen Vorbehalte: Erstens verstehe ich nicht ganz, welche Faszination die „Sherlock-Holmes-Paradigma-Idee“ auf die Medizin auszuüben vermag, weil ich meine, dass dieses schlussfolgernde Denken, das diesem Zugang zugrunde liegt, ubiquitär vorkommt und nicht exklusiv DetektivInnen und MedizinerInnen vorbehalten ist. Zweitens halte ich es der heutigen medizinische Wirklichkeit nicht mehr angemessen (3), aber die meisten der Artikel zu diesem Thema sind auch nicht heutig. Die meisten, die ich gefunden habe, stammen aus den 70er und 80er Jahren.

Gut, ich bin skeptisch, werde dem „Sherlock-Holmes Prinzip“ aber eine Chance geben, mich zu überzeugen. Fangen wir damit an, dem Begriff  – manche Autoren sprechen sogar von einer Holmesianischen Methode (4) – überhaupt auf den Grund zu gehen. Joel Wilbush meint in seinem Artikel „The Sherlock Holmes paradigm – detectives and diagnosis“, dass Sherlock Holmes ganz speziell mit der medizinischen Welt verbunden sei, weil drei Ärzte – zwei reale und ein fiktionaler geholfen hätten, ihn zu definieren und zu formen: Dr. Watson, Dr. Conan Doyle und →Dr. Josef Bell. Dr. Josef Bells klinischer Zugang habe als Modell für die „holmesianische Methode“ gedient. Sherlock Holmes Schöpfer Dr. Doyle, das sei hier kurz erwähnt, war ein Assistent von Dr. Bell. Sherlock Holmes soll – so sagt Wikipedia im oben angeführten Link – eindeutig identifizierbare Merkmale von Dr. Bell tragen.

Peschel (2) zitiert Conan Doyle, der über seinen Lehrer Joseph Bell in „Memories and adventures“ folgende Episode zum besten gibt:

… In one of his best cases he (Bell, Anm. von mir) said to a civilian patient:

„Well, my man, you’ve served in the army.“

„Aye, sir“

„Not long discharged?“

„No, sir“

„A Highland regiment?“

„Aye, sir“

„A non-com. officer?“

„Aye, Sir.“

„Stationed at Barbados?“

„Aye, Sir.“

„You see, gentlemen“ he would explain, „the man was a respectful man but did not remove his hat. They do not in the army, but he would have learned civilian ways had he been long discharged. He had an air of authority and he is obviously Scottish. As to Barbados, his complaint is elephantiasis with is West Indian and not British.“ To his audience of Watsons it all seemed very miracoulus until it was explained, and then it became simple enough. It is no wonder that after the study of such a character I used and amplified his methods when in later life I tried to build up a scientific detective who solved cases on his own merits and not through the folly of the criminal.

„Like Dr. Bell, Holmes would also pride himself on his powers of observation, analysis and deduction“, bringen Peschel&Peschel die Methodik auf den Punkt: Beobachtung, Analyse und Schlussfolgerung. Später fügt er als gemeinsame Merkmale medizinischer und Dekektivarbeit hinzu: Eine Hingabe an Details, Arbeit, Lernen, Energie, Entschlossenheit und einen überwältigenden Wunsch, Geheimnisse zu lösen.

Er meint, dass die Diagnose einer Krankheit oft dem Zusammensetzen eines Puzzles gleiche mit dem Haken, dass man nicht alle Teile haben könne. Manche seien versteckt, man müsse sie suchen, andere seien verloren. Obwohl Teile des Puzzles fehlten, müssten Ärzte versuchen, das ganze Bild zu erkennen. Daran änderten auch die modernen technischen Verfahren nichts. Auch zahlreiche Testes könnten nicht immer alle nötigen Teile des Puzzles liefern. „The dotor’s judicious use of the limited pieces of information or clues available to him requires skill, intuition, luck and determination. In this, the physician resembles a detective triying to sovle a complicated crime“, ziehen Peschel&Peschel Vergleiche. Außerdem, so führen sie aus, müssten beide, Detektiv und Mediziner häufig einen Weg einschlagen, von dem sie später erkennen, dass er falsch war, um dann einem anderen zu folgen.

An dieser Stelle danke ich Peschel&Peschel für die Erklärung des Konzepts. Warum sich das bis heute hartnäckig hält, weiß ich immer noch nicht, denn meine oben formulierten Bedenken sind keineswegs zerstreut. Wie dieses Konzept sich in heutige medizinische Realitäten zu fügt, damit beschäftigt sich Wilbush(4), aber das ist das nächste Kapitel.

 

(1) An dieser Stelle nur die männliche Form, da es sich um Bezüge auf Texte handelt, die sich nur der männlichen Form bedienen. Ob Frauen „mitgemeint“ sind, kann ich nicht beurteilen, deshalb gehe ich im Zweifelsfall davon aus, dass dem nicht so ist.

(2) Peschel R.E., Peschel E.: What physicians have in common with Sherlock Holmes. discussion paper. J R Soc Med 1989;82:33-36 →pdf

(3) Allerdings habe ich den Verdacht, ohne es beweisen zu können, dass standardisierte „Prozeduren“ auch in der Polizeiarbeit gang und gebe sind. Das glaube ich, weil ich dereinst, vor ich mich der Psychiatrie zuwandte und noch den Beruf der Allgemeinmedizinerin erlernte, ein Seminar bei der Kripo über die Sicherung biologischer Spuren in der Gynäkologie besuchte. Und was die von uns verlangt haben, das waren mehr als standardisierte Prozeduren, da haben uns die Ohren geschlackert. Zweitens glaube ich, dass diese Veränderung der Polizeiarbeit, so es sie denn gibt, sich nicht in der Kriminalliteratur abbildet, weil sie absolut spannungstötend ist. Wer will denn lesen, wie nach Schritt eins bis siebzehn nach Prozedur fünf mit möglichen DNA-Spuren verfahren wird, bis sie endlich in der Gerichtsmedizin sind wo sie hingehören?

(4) Wilbush J.: The Sherlock Holmes Paradigm – detectives and diagnosis: discussion paper. J R Soc Med. 1992 June; 85(6):342–345 →pdf

(5) Conan Doyle A. Memories and adventures. London: Hodder&Stoughton 1924:25-26, zit. n. Peschel et al. 1989

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5 Responses to “Sekundärliteratur: What physicians have in common with Sherlock Holmes: discussion paper”


  1. 1 JL Juli 24, 2008 um 5:18

    Danke! Das ist zu schön, um der Versuchung zu kommentieren nachzugeben. Beste Grüße!


  1. 1 Die “Holmesianische Zirkel” « krimi.krimi Trackback zu Juli 25, 2008 um 10:49
  2. 2 Jeder Tourist ein Detektiv « krimi.krimi Trackback zu Juli 25, 2008 um 14:26
  3. 3 Die Wahrheit « thewritingfranz Trackback zu Juli 28, 2008 um 23:39
  4. 4 the strength faction super simple guide to writing training Trackback zu Dezember 19, 2016 um 22:04

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