Elfriede Jelinek bloggt

Das kann man gar nicht genug würdigen. Da bringt ein Qualitätsmedium einen Artikel über bloggende SchrifstellerInnen. Und zwar ganz jenseits jeder Konkurrenzdebatte und fern jedes Herabschielens aus dem papierenen Olymp.

Karin Cerny vom →Profil schreibt (natürlich wieder einmal nicht online, aber am Kiosk noch erhältlich) über bloggende SchriftstellerInnen, und findet – →Elfriede Jelinek. Dabei hat Frau Jelinek gar kein Blog und das weiß auch Frau Cerny. Aber:

„Elfriede Jelinek veröffentlichte bereits Texte auf ihrer Homepage, als viele ihrer schreibenden Kolleginnen und Kollegen noch nicht einmal einen Computer bedienen konnten. Nun eroberte sich die Nobelpreisträgerin auch ein Feld, das seit Mitte der neunziger Jahre boomt: Sie verwendet ihre Homepage wie einen Blog.“

„Wirklich?“, möchte ich Frau Cerny fragen: „Wo ist denn die Kommentarfunktion?“ Aber die Frage: „Wie definieren Sie Blog?“ ist ja nicht endgültig beantwortet und nicht jeder und jede teilt die Ansicht von – sagen wir einmal – →Michael Wöhrer, dass ein Blog ohne Kommentarfunktion gar kein Blog sei. VerfechterInnen dieses Standpunkts meinen, dass die Möglichkeit zum Feedback, die Diskussion und Reflexion das Wesen eines Blogs ausmache. Aber auch die Teilnahme am Netzwerk der „Blogosphäre“ durch Verlinkungen und Trackbacks. Gut, das wird diskutiert, einheitlich wird das wohl nicht gehandhabt. Frau Cerny erklärt „Blog“ folgendermaßen:

„Ein Blog ist ein Tagebuch oder Journal, das regelmäßig mit Texten, Fotos oder Videos bestückt wird. Blitzschnell, aktuell und jederzeit abrufbar.“

Und als Beleg, dass Frau Jelinek ihre Homepage nutzt wie ein Blog nennt sie Texte, die auf das Tagesgeschehen Bezug nehmen wie zum Inzestfall von Amstetten oder dem Kniefall der SPÖ-Spitze vor der Kronenzeitung, aber auch dass sie ihren Roman „Neid“, der ausschließlich im Netz steht, „Privatroman“ nennt. Außerdem habe sie die Amstetten-Geschichte nachträglich in ihren eigentlich schon abgeschlossenen Roman „Neid“ eingearbeitet. Auch wenn Frau Jelinek das „Medium Internet“ ganz bewusst mit seinen Möglichkeiten der Sponaneität und Veränderbarkeit von Inhalten nutzt, scheint mir Cernys Definition von „Blog“ etwas eigenwillig. Dass Leute, die mit Blogsoftware arbeiten und etwas ins Netz stellen, das so strukutiert ist wie ein Blog nach diesem „Aktuelles oben“ – Prinzip, den Archiven und Kalendern und Blogrollen, den RSS-Feeds und diesem ganzen Brimborium auch noch darauf bestehen, ihr Blog „Blog“ zu nennen, wenn die Kommentarfunktion ausgeschaltet ist, das sehe ich noch ein. Aber nach Cernys Definition ist jede statische Seite, die halbwegs regelmäßig mit aktuellen Inhalten versorgt wird, ein Blog.

Seis drum, ein weiteres Blog, das Cerny erwähnt, gehört der Bachmannpreisleserin →Angelika Reitzer und ist wirklich ein Blog. „Das spannende an einem Blog ist, dass man sieht wie gearbeitet wird“, wird Reizer zitiert: „Im Vergleich zu einer Autoren-Homepage ist das eine offenere, lebendigere Form.“ Ebenfalls gefunden hat Frau Cerny das Blog des Berliner Autors Rainald Goetz, ist das nicht der, der sich einst beim Bachmannpreislesen die Stirn mit einer Rasierklinge geritzt hat? Frau Cerny bezeichnet ihn als Speerspitze der Blogliteratur: Schon 1998 habe er sein Netztagebuch „Abfall für alle“ geschrieben, seit Februar 2007 schreibe er den Blog „Klage“ auf den deutschsprachigen Seiten von Seiten von →Vanity Fair. Die „Süddeutsche Zeitung“ habe Goetz für seinen Blog jüngst den Titel „Zeitgenosse des Jahres“ verliehen. Das Irritierende an diesem Blog ist allerdings, dass der letzte Eintrag vom 21. Juni stammt und großformatig verkündet, dass am 21. Juni im Atelier Anne Neukamp Abschied gefeiert werde. Ist das Blog jetzt geschlossen? Oder war das eine künstlerische Performance wie einst in Klagenfurt?*

Was die österreichische Autorenbloggerei betrifft, konstatiert Cerny: Die Zahl der renommierten heimischen Autoren, die sich die Mühe machen, einen Blog zu verwalten, sei überschaubar. →Martin G. Wanko und →Andrea Dusl seien herausragende Bespiele. Ohne weiter darauf einzugehen, wird in einer Linkliste noch das Blog des deutschen Popliteraten Joachim Lottmann bei der „taz“ angeführt. Das wars dann.

Bei allem Respekt vor der harten Arbeit, Blogs renommierter AutorInnen zu finden: Cerny attestiert ausgerechnet Jelink und Goetz, die den Hauptteil des Artikels einnehmen „manisches Bloggen“. Dass ausgerechnet ein Blog, das kein Blog ist und ein Blog, das schon stillgelegt wurde, als exemplarisch für die deutschsprachigen LiteratInnenbloggerszene herhalten müssen, das müsste dann doch nicht sein.

_____________

Dazupassender Linktipp: →“Zum Konzept literarischer Weblogs“, ein Gastbeitrag von Claudia Öhlschläger beim Turmsegler

* Nachtrag: Blogger Lottmann war auf der Abschiedsparty des Goetz-Blogs und hat das auf seinem Blog →dokumentiert. Es ist also wirklich ein Abschied, keine Performance.

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4 Responses to “Elfriede Jelinek bloggt”


  1. 1 thewritingfranz Juli 23, 2008 um 20:38

    Also gut, Jelinek bloggt nicht. Dafür schrieb sie ein Buch!!!!

  2. 2 krimi0krimi Juli 23, 2008 um 22:08

    Da ist allerdings auch was dran.

  3. 3 Johannes Juli 24, 2008 um 0:23

    Ich bin einfach nur froh, dass die doofe Jelinek nicht auch noch bloggt. Und dass der doofe Goetz damit aufgehört hat.

    * Die Welt ist um einiges schöner geworden dadurch.

  4. 4 krimi0krimi Juli 24, 2008 um 0:32

    Öha. Alles ist doof? Bist Du schon sechzehn? Sonst ist jetzt bald einmal Sperrstunde.


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