Bachmannpreis – ein Kongressbericht

Als ich letztes Wochenende 3sat sah, um mich literarisch weiterzubilden, war ich einigermaßen überrascht: Von Manien war da die Rede, von Zwangsneurosen und Phobien, auch Sigmund Freud wurde dezent eingeflochten. Da gab es Diskussionen über Entspannungsmethoden und Empfehlungen für Fachliteratur wie “Oliver Sacks”. Da wurde auch konstatiert, dass jemand infolge übermäßigen Drogenkonsums wohl seinen Stoffwechsel nicht mehr im Griff habe. Die sprechen ja alle meine Sprache, diese Bachmannpreis-Juroren und Jurorinnen, dachte ich: Wunderbar! Ich habe als Psychiaterin also die richtige Ausbildung und werde mich nächstes Jahr als Jurorin bewerben. Um mir die literarische Terminologie wirklich zu eigen zu machen, habe ich zunächst einmal eine Zusammenfassung des diesjährigen Wettbewerbs verfasst:

Gleich ums Eingemachte geht es in der Diskussion über Heike Geißlers Text “Das luftige Leben”: Ob ein Engel nun ein Engel sei oder ein psychologisches Phänomen in Form einer “pathologischen Halluzination”, gilt es hier zu klären. Das betrifft natürlich die Grundfesten der Psychiatrie: Wie sehen wir die Welt, was wird als normal betrachtet, was nicht mehr, wer setzt die Normen und mit welcher Konsequenz? Entsprechend widersprüchlich ist die Diskussion: “Es sei ein Versuch einer zeitgenössichen Verrücktheit, die so intelligent ist, dass sie sich selbst schon wieder quasi Hemmschuhe anlegen kann”, meint Burkhard Spinnen. Vor hundert Jahren wäre das ein “Weg in die Stringenz der Katastrophe des Wahnsinns” gewesen, aber der Protagonist dieser Geschichte sei “zu intelligent, um verrückt zu werden”. Klaus Nüchtern vermutet den Wahnsinn dagegen nicht im Inhalt des Textes, sondern gleich in der Sprache: Er findet ein “zartes konjunktivisches Zittern, das bis zum Wahnsinn korrekt eingesetzt wird”. “Engel sind eine Kunstfigur”, er liebe Engel, verortet André Vladimir Heiz den Engel ganz selbstverständlich außerhalb des Wahnsinns. Ijoma Mangold dagegen probiert es mit Konstruktivismus. Er verteidigt die Existenz des Engels, indem er deutlich macht, dass alle Religionsstiftung ein Benennungsakt sei. Damit sei der Engel, sobald der Name gefunden sei, und der Name sei eben “Engel”, auch erschaffen als Realität. Realität oder Wahnsinn, Wahnsinn oder Realität, das ist hier die Frage. Doch Ursula März demonstriert an einem berühmten Vorbild, dass es weder Realität noch Wahnsinn sein müsse: “Er ist nicht verrückt, der Meister Eder, er ist ein Tagträumer”, erläutert März. Gemeint ist, so möchte ich ergänzen, jener Meister Eder, der ständig von einem Kobold namens Pumuckl heimgesucht wird. Dr. Freud habe das Tagträumen “vorbewusstes Fantasieren” genannt, führt Ursula März weiter aus, der Traum verbinde sich mit der Wirklichkeit. Da möchte ich mich jetzt einmal einmischen und dezidiert feststellen, dass Pumuckl natürlich kein Tagtraum des Meister Eder ist, sondern real, ich habe ihn mit eigenen Augen im Fernsehn gesehen

Noch viel schwieriger wird es bei Patrick Findeis, hier wird sich die Jury nicht einmal einig, ob der Text “Kein schöner Land” überhaupt in Kategorien der Psychologie zu beschreiben sei. Von einem “psychologischen Klischee der bäuerlichen Physiognomie” spricht Ijoma Mangold, André Vladimir Heiz dagegen sieht einen absolut “unpsychischen Text, der das Reden durch Paralellhandlungen ersetzt”. Die Frage des Verhältnisses dieses Textes zur Psychologie oder auch nur zur Psyche wird leider nicht geklärt, das finde ich ein wenig unbefriedigend. Insbesonders, da ich mir zwar ein psychologisches Klischee vorstellen kann, nicht aber einen “unpsychischen Text”, beziehungsweise das Gegenteil: Was ein “psychischer Text” ist, hätte mich doch näher interessiert.

Beim Text “Scherbenpark” von Alina Bronsky mangelt es der Jury ganz deutlich an Konzentration. Es handle sich um ein “posttraumatisches Belastungssyndrom” vermutet Daniela Strigl schon ganz zu Beginn, die Protagonistin des Textes wehre sich jedoch gegen die Zumutungen der modernen Psychologie. Ursula März hat wohl nicht zugehört, wenig später stellt sie fest, sie brauche Psychologen, um den Text zu verstehen. Burkhard Spinnen meint kurz darauf, er sei auch nicht der Psychologe, der es erklären kann. Was ist hier los? Frau Strigl hat es doch schon zu Beginn erklärt

Um das Thema “Trauma” geht es auch im Text “Im roten Meer” von Sudafeh Mohafez, in der die Ich-Erzählerin einen Brand erlebt. Diagnostische Unklarheiten scheint es hier nicht zu geben und so vertiefen sich die Diskutanden gleich in verschiedenen Aspekte des Themas. Ijoma Mangold bringt eine psychoanalytische Perspektive ein: Der Feuerwehrmann mit seinem Schlauch sei ein übertriebener phallischer Entwurf meint er. Burkhard Spinnen dagegen fokussiert eher auf die praktischen Aspekte der klinischen Versorgung: Brandopfer bringe man nicht in ein Obdachlosenheim, reklamiert er, er habe sich extra bei der Feuerwehr erkundigt; man bringe sie in ein Hotel. Auch sonst ist er mit der Versorgung der Brandopfer in Mohafez’ Text nicht zufrieden und kritisiert vehement die Tatortbegehung: “Ein schwer traumatisiertes, unmittelbar betroffenes Brandopfer über eingestürzte Treppen in ein Haus zu führen, in dem ganze Zimmer weggebrochen sind, kostet den Mann seinen Job, das kann man nicht machen.“

Es gebe bei jedem Wettbewerb einen Verrückten, meint Klaus Nüchtern, als er zur Besprechung des Textes “die Waage” von Clemens J. Setz anhebt. Er meine damit aber nicht den Autoren, sondern die Figur, beeilt er sich hinzuzufügen und stellt sodann die Diagnose einer Zwangsneurose. Jean Claude Sulzer versucht die “Verrücktheit” zu quantifizieren, der Protagonist sei immerhin weniger verrückt als das Umfeld. Mit der Differenzialdiagnose Nüchterns ist er aber gar nicht einverstanden, er feiert die “Einführung einer neuen Phobie”, nämlich die “Waagephobie”. Das ist nun allerdings gar nicht daselbe, wir hoffen, dass André Vladimir Heiz etwas zur Klärung beitragen kann. Doch Herr Heiz kann sich nicht einmal der anfangs getroffenen Feststellung anschließen, dass die Verrücktheit der literarischen Figur zu besprechen sei und nicht die des Autors. Er verstehe nicht, ruft er aus, warum “junge, putzige Männer” neurotische Ehepaare beschreiben. “Die haben doch ein Trauma!”, tut er kund und meint damit keineswegs die literarische Figur. Zum Glück haben wir noch Daniela Strigl. Zwar bringt auch sie noch eine Differenzialdiagnose ein, es gehe hier um Angst meint sie, doch bevor es zum Expertenstreit kommt, welche der Differenzialdiagnosen nun die Richtige sei, eröffnet sie einen neuen Zugang. Die Antwort sei bereits im Text: “Rohrschach-Flecken auf dem Asphalt”. Der Text sei ein umgedeuteter Rohrschach-Fleck, bringt sie die Diskussion der Fachleute zu einem gütlichen Ende.

Maximale diagnostische Unsicherheit herrscht auch über “Das Zimmermädchen” des Markus Orths, da ist von “Voyeurismus” die Rede, von “Putzsucht” und “zwangsneurotischer Fixierung”, von “neurotischen Verkrampfungen”, sogar etwas Manisches wurde diagnostiziert. Wieder ist es Ijoma Mangold, der die psychoanalytische Sicht einführt: Aus der Perspektive von Lynn unter dem Bett nehme man von Menschen nur noch Teile bzw. einzelne Organe wahr und diese fügten sich nicht mehr zu einem Ganzen. Freud habe dies “Partialobjekte” genannt und Partialobjekte seien immer Träger des Unheimlichen. André Vladimir Heiz dagegen mag hier gar keine psychoanalytischen Überlegungen anstellen: Der Autor baue eine Paralellwelt auf, die nicht psychologisierend oder moralisierend interpretiert werden müsse, meint er. Ach, denken wir da, waren jetzt all diese geschickten Winkelzüge der Differenzialdiagnostik umsonst? Das Manische des Textes müsse aber unbedingt erhalten bleiben, setzt Heiz jedoch fort. Das ist zwar keine psychologisierende Interpretation, aber den ganzen Text unter dem Gesichtspunkt der Manie zu betrachten, ist nun auch ein psychiatrisches Statement. Ursula März fehlt dagegen jeder Bezug zur Psychopathologie, sie findet völlig normal, was das Zimmermädchen Lynn da macht. Lynn putze, was ihre professionelle Aufgabe sei und dass sie herumgucke und sich für die Angelegenheiten der Leute interessiere, das fänden wir alle doch ganz normal. Und wenn sie sich jeden Dienstag unter das Bett lege – man sei knapp davor, zu denken, es gehöre dazu. Frau März muss es wissen, sie habe früher als Zimmermächen in einem Sporthotel gearbeitet, und unter anderem Zimmer für Ajax Amsterdam gereinigt. Da vertrauen wir doch am besten ihrer Berufserfahrung.

Eine “Neigung zum Psychogramm” attestiert André Vladimir Heiz Tilman Ramstedts schwungvollen Text “Der Kaiser von China” über einen Großvater, der nicht sterben will und einen Enkel, der unter eben jenem Großvater leidet. Heiz liefert auch eine psychoanalytische Deutung: Es sei ein Text, den er mit “das überklebte Über-Ich” überschrieben habe, und zwar, weil im Text von Sigmund Freud über den Humor ja immer gesagt werde, es gehe uns besser, wenn das Über-Ich sich liebevoll auf unsere Schulter setzt und wir darüber lachen können. André Vladimir Heiz hält ein flammendes Plädoyer für den Humor: “Also hier wirkt Humor als … Therapie, ich nehme jetzt das Wort um der Jury zu gefallen, ich brauche keine Therapie, denn wenn wir schon auch das Jüdische ansprechen möchten, dann kann man natürlich sagen, dass Humor überhaupt die beste Methode ist, jemanden los zu werden.” Im Übrigen sei sich Heiz gar nicht sicher, dass der Großvater schon tot ist, sondern es sei das Über-Ich, das da ständig ununterbrochen schwatze. Ganz nebenbei erfahren wir in Heiz’ Vortrag, warum es überhaupt Psychoanalyse gibt: Psychoanalyse sei überhaupt die Methode, um Klischees loszuwerden, man habe ja keine Ahnung von seinem Vater und seiner Mutter, sondern reihe dort ein Klischee nach dem anderen auf. Aber nun zurück zum Text: Der Text treibe den Teufel mit dem Teufel aus, es sei der Triumph des Humors in einer inzestuösen Enkel-Großvater-Beziehung. Das klingt ja wirklich sehr verheißungsvoll, Humor als Therapie und als Methode um Teufel auszutreiben. Die Jury scheint dem Humor jedoch zu misstrauen und “schürft” immer wieder nach dem Ernsten, wie es Daniela Strigl ausdrückt. Nebenbei diskutiert die Jury die Frage, ob man den Text gar einfach lustig finden darf oder ob diese Unterhaltsamkeit verdächtig sei. Da fallen schon einmal grauenvolle Schimpfwörter wie “Elfenbeinturm”, da werden “gelbe Karten” verteilt und Herr Heiz schweigt an dieser Stelle, dabei könnte er hier trefflich etwas zum Thema “Über-Ich” beitragen. Ich würde diesen roten Faden, der sich durch die Diskussion zieht, ja so zusammenfassen: “Ist ein humorvoller Text überhaupt ein Text?” Aber jetzt habe ich mich ungebührlich eingemischt, ich sehe Herrn Spinnen schon mit der gelben Karte wacheln, wenn nicht gleich mit der roten. Jedenfalls hilft Alain Claude Sulzer aus dem Dilemma, er diagnostiziert manisch-depressive Episoden bei Rammstedts Großvater-Figur. Da muss sich dann also keiner mehr Sorgen machen, dass der Text eventuell zu leicht sei könnte, “depressiv” ist doch um einiges gewichtiger als “ernst“.

Auch die beste Jury braucht irgendwann Regeneration und findet sie schließlich im Text von Anette Selg. Unter der Anleitung von Anette Selg entspannt sich die Jurorenschaft und räsoniert von “Entspannung in der Sonne” und “Yoga”. Daniela Strigl unterstreicht die entspannende Wirkung dieses Textes gar mit eigenen physiologischen Reaktionen. Wichtig bei Entspannungstechniken ist auch immer, die eigene Mitte zu finden. Von einer “Person Mitte dreißig” lässt sich Burkhard Spinnen sich zu folgendem Mantra inspirieren: “Irgendwo Mitte, irgendwo Mitte, alles Mitte.” Besser könnte man die potenziell hypnotische und suggestive Wirkung von Sprache nicht mehr demonstrieren.

Quelle: →Bachmannpreis.orf.at

Advertisements

14 Responses to “Bachmannpreis – ein Kongressbericht”


  1. 1 thewritingfranz Juli 6, 2008 um 9:14

    Ein Superartikel. Ich bin irgendwie entsetzt, dass diese Jury glaubt, Psyhcologie studiert zu haben und Literatur nur mit Fachvokabular aus diesem Fach beurteilt. Sind da keine Germanisten o.ä. darunter. Ich werde nichts mehr schreiben, wenn ich mich dadurch gleich auf die Couch von Freud und Co. lege. Reinhards Angst vor Vampiren würde auch offengelegt.

  2. 2 krimi0krimi Juli 6, 2008 um 9:50

    Reinhards Angst vor Vampirinnen! Er hat im Wirklichkeit Angst vor Frauen. Männliche Vampire gibt es gar nicht in seinem Buch und ich frage mich, seit ich es gelesen habe, wie sich Vampire fortpflanzen. Immerhin berichtet er ja über ein Arterhaltungsprogramm für Vampire, das wäre dann schon auch wichtig.

    Etwas muss ich schon noch klären, die Jury gebraucht natürlich nicht nur Fachvokabular aus der Psychologie, sondern ich habe nur jene Teile herausgenommen, in denen sie es tut, das ist hier ganz komprimiert. Bei manchen Texten tun sie es gar nicht, andere werden sehr stark in Psycho-Terminologie beschrieben. In erster Linie hat mich diese Bachmannpsychologisiererei amüsiert, aber eins frage ich mich schon: Wie inflationär wird eigentlich psychopathologische Terminologie gebraucht? Und wie sinnentleert und beliebig werden ganz spezifische Begriffe eigentlich verwendet? Es kommt es mir schon so vor: Psychopathologie als Supermarkt, aus dem sich jeder bedient, wie er grad mag.

  3. 3 krimi0krimi Juli 6, 2008 um 10:00

    Und andererseits ist es auch entlastend. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin und JL hat mich einmal nach der Methode unseres Psychiatriekrimiprojekts gefragt. Und ich habe geantwortet: Wir tun das, was wir gelernt haben, wir nehmen die psychiatrische bzw. psychologische Methode, eine andere kennen wir nicht. Wir tun so, als wären die Krimifiguren lebende Menschen und beschreiben sie entsprechend. Das ist mir defizitär und erbärmlich vorgekommen, aber was soll ich machen, ich kann ja nicht auf die Schnelle Literatur studieren. Und ich denke mir immer: Schusterin, bleib bei deinem Leisten.

    Jetzt habe ich gesehen, dass es eine ganz normale und öffentlich zelebrierte literaturwissenschaftliche Methode ist, Texte in Worten der Psychopathologie zu beschreiben. Nein, nicht nur die Figuren, auch die Texte und nebenbei die Autoren. Und jetzt ist Schluss mit “defizitär”, denn das kann ich wenigstens und die Autoren lass ich in Ruhe. Das haben sie beim Bachmannpreis auch gesagt, die Autoren lassen sie in Ruhe. Aber einmal musste es dann doch sein, dass der Autor eine Diagnose umgehängt bekommt.

  4. 4 Reinhard Juli 6, 2008 um 12:52

    Angst vor Frauen oder Vampirinnen, da lachen ja die Hühner. Wartet nur, bis ihr mir in die hohle Gasse kommt.

    Die Psychologisiererei finde ich auch extrem peinlich. Da sind die Literaten hinten dran, darunter habe ich in den 80ern schon gelitten mit den ganzen Küchenpsychologen, die uns als Trainer aufs Auge gedrückt wurden. Heute kümmern die sich mehr um Ernährung, vielleicht machen das die Juroren im Bachmann-Bewerb dann in zehn Jahren, als nachhinkende Avantgarde sozusagen.

    Obwohl ich auf Psys in der Literatur herzlich verzichten kann, gibts auch gute Beispiele, etwa die Biografie von Edgar Allan Poe von Marie Bonaparte.

    Ich habe in den 90ern einmal für eine Ausstellung Sponsorgelder aufgetrieben, deshalb durfte ich dann beim Kunstgespäch dabeisitzen. Das war cool. Dagegen wäre Klingonisch der reinste Klartext gewesen.

  5. 5 krimi0krimi Juli 6, 2008 um 13:13

    Ja, nachdem der „Bachmannpreis“ eine öffentliche Veranstaltung ist, vermute ich einmal, dass sie sich bemühen, verständlich zu sein, klingonisch klingt es dort nicht. Unter sich reden sie wahrscheinlich noch einmal anders. Wenn meine Hypothese stimmt, wäre die Psychologisiererei aber noch tragischer. Ich meine, wenn jemand, der verständlich sein will, anfängt, mit Psycho-Terminologie herumzuschmeißen, dann ist der Inflationsgrad schon sehr hoch. Weil er ja voraussetzt, dass das alles auch Allgemeingut ist. Das ist jetzt aber eine Unterstellung meinerseits, dass sie verständlich sein wollen. Muss nicht sein.

  6. 6 Reinhard Juli 6, 2008 um 13:57

    So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung – alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe, schreibt Freud an Schnitzler zu dessen 60stem Geburtstag.

    Von der Klarheit dieser Worte haben wir uns weit entfernt. Es ist Qualitätsverlust, nichts weiter.

    Wenn jemand mit irgendeiner Fachterminologie herumschmeisst, dann muss er das Fach nicht nur gelernt haben, sondern auch ausüben, sonst ists nur peinlich.

  7. 7 thewritingfranz Juli 6, 2008 um 21:08

    Aus der Juristerei und der Nationalökonomie weiß ich, dass Fachterminologie nur gebraucht wird, um sich von anderen abzugrenzen. Jeder Terminus dieser Fachgebiete kann auch durch einen auch für Laien leicht verständlichen ersetzt werden. Ich kann entweder sagen, die Preiselastizität der Wurstsemmel ist 1,2 oder, wenn der Preis der Wurstsemmel steigt, verkaufe ich weniger Wurstsemmeln etc.
    In Beufen wie beim Arzt mag Fachsprache notwendig und gut sein, weil durch einen Terminus ein ganzes krankheitsbild beschrieben wird, für das man ansonsten doch ganze Sätze brauchen würde. Solange diese Termini nur unter Ärzten verwendet werden, ist das ja OK. Ich will aber als Patient nicht damit bombadiert werden und am ende nur wissen, was mir fehlt.
    In der Literaturkritik finde ich Fachtermini unagebracht. man kann immer sagen, das gefällt mir oder das gefällt mir nicht, der schreibt schlecht oder gut, die Sätze sind wirr oder zu lang oder dass die Fäkalsprache in einem Klosterkrimi nicht angebracht ist, wenn man sie Nonnen vewenden lässt. Obwohl das den Roman spannend machen würde, wie Feuchtgebiete.
    Wie nennt man denn Angst vor Vampierinnen in der Fachsprache? Dracophobie? Kann man da nachts nicht auf die Straße, Reinhard?

  8. 8 Reinhard Juli 6, 2008 um 23:56

    Sehr richtig, Franz, ich bin z.B. auch darauf angewiesen, als SysAdmin mit meinen Kunden verständlich zu reden, weil die mir sonst gar keinen Auftrag erteilen könnten. Deshalb ist das Verwenden von Fachtermini ausserhalb der Profession eigentlich – auch wenn ichs das dritte Mal sage – nur peinlich. Gschaftlhuberei.

    Von wegen Dracophobie, die gibts nicht, Dracophilie meintest du wohl?

  9. 9 Reinhard Juli 7, 2008 um 11:37

    Wegen dem Brand, da muss ich als Versicherungsmakler (mein Hauptjob) doch etwas sagen, unpsychedelisch. Ich habe ziemlich viele abgewickelt.

    Zum Brand kommt die Feuerwehr, unphallisch, mit beträchtlicher Hardware und löscht. Am Tag darauf bin ich da und gehe mit dem Sachverständigen alles ab. Die Polizei ist meistens schon fertig, mit denen kann der SV gleich festlegen, was geschieht. Die Brandopfer, meistens unverletzt, können selbst ins Hotel gehen, wird ja bezahlt. Am Tag darauf kommt schon die Sanierungsfirma, räumt auf und sichert die Brandstelle. Wird von der Versicherung gezahlt. Der SV macht sein Gutachten, wir besprechen das laufend, sobald die Unbedenklichkeit von der Staatsanwaltschaft bestätigt ist, kann der Wiederaufbau beginnen. Inzwischen habe ich mit den Kreditreferenten und anderen Beteiligten Kontakt gehalten.

    Den schnellsten Wiederaufbau hatte ich in drei Monaten. Psychologen brauchten wir noch nie, betroffene Literaten auch nicht, die Geschädigten interessierte meistens die Abrechnung.

    Wie es im 19ten Jahrhundert war, weiss ich aber nicht. Heute ist es jedenfalls eine technisch ausgereifte und professionelle Angelegenheit.

  10. 10 krimi.krimi Juli 7, 2008 um 13:12

    Nunja, in zwei Punkten bestätigst Du immerhin den Herrn Spinnen: Die Betroffenen gehen ins Hotel und nicht ins Obdachlosenheim und man macht mit ihnen am Tag darauf keine Brandbegehung, das machen die Sachverständigen und die Versicherungsleute. Dass Du keine Psychologen brauchst, um den Schadensfall abzuwickeln, glaub ich Dir schon, die Leute sind aber tatsächlich manchmal traumatisiert, das kann wiederum ich aus meinem Nähkästchen beitragen. Und Literaten braucht es sicher nicht, was aber nicht den Umkehrschluss zulässt, dass sie sich nicht damit beschäftigen sollen. Ich meine, Litertur, darf sich mit allem beschäftigen.

  11. 11 krimi.krimi Juli 7, 2008 um 15:30

    Diese Feuerwehrdiskussion bringt mich dazu, an diesem Punkt inne zu halten und daran zu erinnern: Das ist eine Glosse, keine Beurteilung der Juryleistungen. Es ist nicht die Intention dieses Artikels, jetzt festzustellen, ob es von einem psychiatrischen Gesichtspunkt her gescheit und korrekt ist, was die Damen und Herren Jurorinnen da erzählt haben. Ich denke, teils, teils. Manches war aus meiner Sicht eh gescheit, manches mehr kurios.

    Aber darum ging es mir eigentlich weniger, ich habe dieses intensive Parlieren in meiner eigenen Fachsprache als Anlass zur persönlichen Belustigung genommen. Dazu habe ich Zitate beinhart aus dem Zusammenhang gerissen und mit eigenen Bemerkungen versehen und das sollte auch deutlich sein. Wenn man jetzt feststellen wollte, ob die Zitate korrekt oder sinnvoll waren, müsste man sie im Originalzusammenhang sehen.

    Gut, das Zitat von Herrn Spinnen steht wörtlich da und man kann es mit eigenen Erfahrungen vergleichen, aber das ist auch schon die Ausnahme. Sonst ist der Artikel eher wenig geeignet, festzustellen, ob das auch gescheit war, was die Leute gesagt haben.

  12. 12 Reinhard Juli 7, 2008 um 16:43

    So hab ich das schon auch gesehen, als Glosse. Im Zusammenhang hätte es nicht weniger lustig gewirkt.

  13. 13 krimi0krimi Juli 7, 2008 um 17:13

    Ja, da war ich wieder einmal zu geschwätzig und es gibt nix Peinlicheres als zu erklären, dass etwas eine Glosse sein soll. Ich dachte nur, wenn wir jetzt so weiter diskutieren, dass wir die Zitate an unseren Erfahrungen überprüfen, dann führt uns das auf Abwege. Da bin ein wohl ein bisschen umständlich geworden.

  14. 14 Reinhard Juli 7, 2008 um 17:54

    Bist nicht, ich habe wie bei diesem Thema üblich meine Contenance verloren. Das passiert mir immer, wenn ich die Bedeutungsschwere der Literaten und deren Rezensenten sehe.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Juli 2008
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Archive

Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

→Journal of Medical Internet Research

→medicalblogs.de

→Alblog aus Zams


%d Bloggern gefällt das: