Wie ich heute eine Bibliothek besuchte, Kaffee trank und die Umwelt schützte

Ich war jetzt drei Jahre lang nicht in Innsbruck und habe mir heute einen neuen Bibliotheksausweis für die →Universitätsbibliothek besorgt. Da wurde mir ganz feierlich zumute, denn ich liebe diese alte Bibliothek mit dem großen →Lesesaal und den würdigen Buchrücken an den Wänden. Vieles hat sich geändert. Zum Beispiel gibt es dort keine zuckerfreien Kaffeegetränke mehr, was ist denn das für ein Standard? Außerdem sind die technischen Anforderungen gestiegen, nicht nur, dass man Bücher unbedingt über EDV bestellen muss, nein: Neben dem Kaffeeautomaten steht jetzt ein weiterer Automat, der für jeden Kaffee, den man ersteht, einen kleinen, gelben Chip ausspuckt. Mittels dieses Chips kann man 15 Cent Einsatz für den Pfandplastikbecher zurück erhalten. Man steckt den Chip in den vorgesehenen Schlitz an jener Apparatur, was einigermaßen Fingerspitzengefühl erfordert, da der Chip Rillen aufweist, die in den Schlitz eingefädelt werden müssen. Sodann hat man für einige Sekunden Zeit, den geleerten Plastikbecher in eine Öffnung zu werfen, danach bekommt man 15 Cent Cash zurück und zwar in der Form von drei 5-Cent-Stücken.

Ich habe die Apparatur studiert, mich gewundert, denn von Plastikpfandbechern wusste ich bislang nichts, mich dann gesetzt und den picksüßen Kaffee getrunken. Alsdann fiel mein Blick auf eine Reihe von Mülleimern, der erste davon mit „Plastik“ beschriftet, die Apparatur hatte ich längst vergessen und mit Schwung und Umweltbewusstsein platzierte ich den Becker in der passenden Tonne. Doch dass dies ein Fehler war, bemerkte ich sogleich: Eine Dame in geblümten 70er-Jahregewand vom Typ Seniorenstudentin der Geisteswissenschaften* erschien neben mir wie vom Erdboden ausgespuckt und klärte mich darüber auf, einen Fehler begangen zu haben: Ich hätte den Becher nicht in den Pfandbecherautomaten gesteckt. Sodann wies sie mich akribisch in den Gebrauch dieses Automaten ein. Ich bedankte mich höflich für die technische Unterweisung, versprach, den Becher das nächste Mal korrekt zu entsorgen und wandte mich zum Gehen. Doch die Dame hielt mich zurück: Was denn mit mir los sei? Ich hätte doch noch einen Chip, warum ich denn jetzt meinen Pfandbecher nicht ordentlich zurückgeben wolle? Das wiederum führte bei mir zu diversen Irritationen, hatte die Dame doch offensichtlich meinen Lapsus, den Becher in der Pastiktonne zu entsorgen, zeitnah mitbekommen. Ich wies die Dame auf die mir so offensichtlich scheinende Tatsache hin, dass ich zwar über einen Chip verfügte, jedoch nicht über einen Becher. Die Dame sah mich an wie einen Kastanienbaum, der sich als Linde ausgibt und meinte, ich würde ihn doch wieder herausholen aus der Tonne, das sei doch kein Problem. Nun muss ich gestehen, dass ich keineswegs bereit bin, mich für 15 Cent in eine kaffeeverschmierte, pickige Mülltonne zu beugen, um einen Becher wieder herauszuholen, umso weniger, als grobe Schätzungen ergaben, dass meine Hände nicht einmal den Boden erreichen würden. Doch in den Ruf zu kommen, dass mir die Umwelt wurscht sei, wenngleich mir das nicht einsichtig war, denn ich hatte doch den Müll korrekt getrennt, oder dass ich die Dekadenz besäße, auf 15 Cent zu verzichten, brachte ich angesichts dieser engagierten Person nicht zuwege. So entschloss ich mich, den empirischen Beweis anzutreten, dass dieses Ansinnen unmöglich sei. Ich würde einen kurzen Blick in die Tonne werfen, feststellen, dass der Becher unerreichbar sei und die Bibliothek ungeschoren verlassen. Doch als ich den Deckel der Mülltonne hob, war die Tonne zu dreiviertel voll, der Becher leicht erreichbar. So angelte ich ihn mir vorsichtig heraus, ohne die Wände zu berühren und führte den Becher durch die vorgesehene Öffnung seiner vorhergesehenen Bestimmung zu, worin auch immer die liegen mag. Ob diese Becher mit denen aus der Tonne gemeinsam der Müllverbrennung zugeführt werden sollen oder mit umweltfreundlichem Brennesselextrakt ausgewaschen, ist mir nämlich nicht bekannt.

* Das ist keine Abwertung. Diesen Zustand strebe ich selber an, aber ich bin noch zu jung dafür. Dass die Dame ein gewisses Vorbild ist, erklärt wohl auch die Autorität, die sie auf mich ausstrahlte.

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5 Responses to “Wie ich heute eine Bibliothek besuchte, Kaffee trank und die Umwelt schützte”


  1. 1 anjasi Juni 27, 2008 um 17:14

    Wunderbar. Warum sollte etwas auch einfach sein? Bin selbst zuletzt über einen Plastikbecherentsorgungsautomaten gestolpert, der zudem die Eigenheit hatte, den jeweiligen Becher erst beim zweiten oder dritten Versuch entgegenzunehmen. Es ist doch immer wieder eine Freude die Technik zu bedienen ;-)

  2. 2 krimi0krimi Juni 27, 2008 um 18:59

    Da gehts uns ja gut. Es funktioniert wirklich, wenn man die Chips und den Becher hat. Aber wenn eins von beiden fehlt …

  3. 3 Franz Juni 27, 2008 um 20:59

    Das ist eine herrliche Geschichte. Die Bachmannleser sollten sich an dir ein Beispiel nehmen und nicht denken, nur düstere, unheilschwangere, unverständliche und düstere Texte sind Texte.
    Aber ich werde mir überlegen, ob ich mir in Innsbruck einmal einen Kaffee kaufen werde. Nach dieser Geschichte weiß ich, warum die meisten Tiroler Bier unter Birken trinken.

  4. 4 Reinhard Juni 28, 2008 um 14:58

    Ungefähr 3,5 Meter nordwestlich der Birke, Franz, steht meine Espressomaschine. Espresso und Single Malt zählen für mich zu den Menschenrechten, die kannst einfordern, wenn du in Innsbruck bist.

  5. 5 Friedjörg Meissner März 20, 2010 um 12:30

    Hallo. Vielen Dank für die tollen Ratschläge. Echt super Blogbeitrag! Zu der Sache habe ich jetzt schon viele gute Hinweise gefunden. Viele Grüße, Friedjörg Meissner


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