Sekundärliteratur ins Rampenlicht

Hinter den Kulissen, unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeiten wir weiter an unserem →Psychiatriekrimiprojekt. In der letzten Zeit ist einiges an Sekundärliteratur dazu gekommen, darunter Artikel mit klingenden Titeln: „Amm M.: Die Ignoranten und die Größenwahnsinnigen – Das Bild des Mediziners in der modernen Literatur (von Amm M., Dtsch. Med. Wschr. 2001; 126:158-160). Ich bin immer wieder überrascht, ja geradezu enzückt, was man heute schon direkt im Internet herunterladen kann. Ich kann mich noch an andere Zeiten erinnern: In die Bibliothek marschieren, mit einer mechanischen Schreibmaschine Fernleiheschein samt Durchschlag ausfüllen, vertippen, von vorne anfangen, vertippen, wieder von vorne anfangen, über die Schulter in die grantelnde Warteschlange hinter sich keifen, vertippen, von vorne anfangen, Fernleiheschein abgeben, warten, irgendwann kommt der Artikel per Post samt Rechnung. Und heutzutage stehen schon Artikel aus 1942 im Netz. Das war also wirklich vorausschauend, als sie 1942 schon pdf-Files angefertigt haben, obwohl es das Internet noch gar nicht gab! Dann erinnere ich mich an Jahre, da gab es alles im Internet, was so circa ab 2000 erschienen ist, aber nur für AbonnentInnen. Bei Abo-Preisen von etwa 200 Dollar pro Zeitschrift und Jahr leistet sich eine Privatperson nur begrenzt viele. Das heißt also praktisch, wenn ich an einem UNI-Server sitze, habe ich Zugriff auf die wichtigen Zeitschriften, sonst bleche ich 35 Dollar pro Artikel per Kreditkarte. Und jetzt? Mein Eindruck ist, dass es immer und immer mehr Fachartikel gibt, die auch ganz öffentlich zugänglich sind. Ich weiß das zu schätzen und freue mich jedes Mal, wenn ich ein öffentlich zugängliches pdf eines Fachartikels verlinken kann, das sind kleine Schätze. Und deshalb finde ich, dass diese Schätze nicht im Hintergrund verstauben sollen, sondern auch einmal etwas Licht verdient haben. Ich habe die frei zugänglichen Aritikel zum Psychiatriekrimiprojekt jetzt einmal hier aufgelistet. Die Liste wird auf der →PSY-Krimiseite natürlich weiterhin ergänzt. Es lohnt sich, hie und da hineinzuschauen.

  • Cooter M.: Whodunnit Doc? BMJ. 1990 October 27; 301(6758):994 →pdf
  • Gehring, Hansruedi: Warum Ärzte gerne Krimis lesen. Schweizerische Ärztezeitung 2004; 85:2096-2097 →pdf
  • Guthrie, D.: Sherlock Holmes and Medicine. Can Crime Assoc J. 1961; 85(18):996-1000, →pdf
  • Rapezzi C. et al.: White coats and fingerprints: diagnostic reasoning in medicine and investigative methods of fictional detectives. BMJ 2005; 24;(331):1491-1494 →pdf
  • Rose T.F.: Medical Men and Creative Writing. Can Med Assoc J. 1955; 15,72(4): 308–314 →pdf
  • Scarlett E.P.: The infernal door: Medical and literary notes on “Dr. Jekyll and Mr. Hyde”. Can Med Assoc J 1943; 48(3):243-249 →pdf
  • Selvais P.L.: A study in White. Dr. Watson in the medical press. J R Soc Med. 1996; 89(6): 329–331. →pdf
  • Wilbush J.: The Sherlock Holmes Paradigm – detectives and diagnosis: discussion paper. J R Soc Med. 1992 June; 85(6):342–345 →pdf

Finden kann man das alles übrigens über die Datenbanken des „National Center of Biotechnology Information“, also →hier. Der bekannteste Service dieser ehrenwerten Organisation ist unter MedizinerInnen schlicht als „PubMed“ bekannt.

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9 Responses to “Sekundärliteratur ins Rampenlicht”


  1. 1 JL Juni 13, 2008 um 10:21

    Schöne Hinweise, Danke! Die Ermittlungs-Spuren-Diagnose-Symptome-Connection ist auch auf der Meta-Ebene vielfach thematisiert — aber das wissen Sie eh: z. B. bei Sebeok (auch im Hinblick auf Peirces Abduktion), dann ausführlich bei Ginzburg (Indizienparadigma, Morelli, Freud: wobei Freuds Detektiv-Vortrag ohnehin viele Anregungen brachte) …

    Aber was trage ich Eulen nach Athen. Beste Grüße statt dessen!

  2. 2 krimi0krimi Juni 13, 2008 um 10:56

    Ich bin immer dankbar für Literaturhinweise, ich beschäftige mich erst seit etwa einem halben Jahr höchst nebenberuflich mit dem Thema und arbeite mich wirklich erst ein. Es sind also auch Eulen willkommen.

    Dass dieses „Sherlock Holmes Paradigma“, wie es Wilbush (s.o.) nennt, so weit verbreitet ist, hat mich überrascht. Und dass es gleich zum Paradigma erklärt wird! Ich habe da meine Zweifel. Vielleicht, weil wir heute frisch und fröhlich verschiedenste Diagnosesysteme verwenden, ich allein so an die fünf mit unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Fundierung. Und manche dieser Diagnosesysteme haben mit „Spurensuche“ nicht mehr viel zu tun. Das kommt mir ein bisschen einfach vor.

    Ich suche im Moment grad die Sekundärliteratur, die einen kontroversen Standpunkt einnimmt und das „Sherlock Holmes Paradigma“ in Frage stellt. Ein bisschen etwas gibt es, aber das ist gar nicht leicht zu finden.

  3. 3 goiserer Juni 13, 2008 um 11:33

    Hier wirde es für Nichtmediziner ein wenig hoch. Ich werde mich daher weiterhin auf das Verteidigen von Putzfrauen und verhindern von Fehlurteilen begrenzen. Warum sind med. Sachverständige so schwer zu verstehen?

  4. 4 krimi0krimi Juni 13, 2008 um 11:54

    Das Verteidigen von Putzfrauen ist freilich eine ehrenwerte Aufgabe. Nur, dass man „Putzfrau“ nicht mehr sagen darf. „Facility Manager“ heißt das korrekt, glaube ich.

  5. 5 Reinhard Juni 13, 2008 um 12:11

    Facility Manager ist der Hausmeister.

  6. 6 krimi0krimi Juni 13, 2008 um 12:51

    Smith A.M.: Doctors, detectives, and common sense. BMJ 2005; 24(331):1495-7 →pdf

    Das habe ich gerade heraus genommen, weil es keine Sekundärliteratur ist, sondern ein Kurzkrimi. Wer rechnet denn damit, dass im British Medical Journal Kurzkrimis veröffentlicht werden? Na, sowas.

  7. 7 JL Juni 13, 2008 um 13:16

    Sherlock Holmes Paradigm: ist ja in aller Regel nicht durch die Figur und ihr Handeln gedeckt, sondern will mir immer wieder als rhetorischer Trick erscheinen, mit dem die Begründungsschwächen ’normaler‘ Wissenschaft/Praxis überdeckt werden sollen. Ist aber nur so ein gelegentlicher Eindruck. Schließlich bin ich kein Mediziner.

    Beste Grüße!

  8. 8 Franz Juni 13, 2008 um 18:50

    Eigentlich war es eine Klofrau vom Westbahnhof und sie war die Klägerin. Verteidigt habe ich den Unterstandslosen, der im Klo übernachten wollte.

  9. 9 krimi0krimi Juni 15, 2008 um 22:36

    Ich glaube, das „Sherlock Holmes Paradigma“ wird mich noch eine Weile beschäftigen. Was die Leute da alles hineinpacken!

    Ob Medizin überhaupt eine Wissenschaft ist, da scheiden sich die Geister. Ich meine, Medizin ist vielleicht AUCH eine Wissenschaft, aber im alltäglichen Handeln sicher nicht nur.


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