Das Gehirn vor Gericht – Teil 2

→Wir erinnern uns: Neue Technologien machen es möglich, dass Gefühlen, Gedanken und Handlungen Stoffwechselveränderungen im Gehirn zugeordnet werden. Wir haben dazu den Harvard-Psychologen Joshua D. Green zitiert, der in der →New York Times vom März 2007 Folgendes feststellte: Für einen Neurowissenschaftler sei der Mensch das Gehirn und nichts Anderes bringe Verhalten hervor als die Aktivität des Gehirns. Zusammengefasst geht er davon aus, dass auch ein Mensch, der glaubt, dass er eigene Entscheidungen trifft, in Wirklichkeit durch die Aktivität seines Gehirns völlig bestimmt ist.

Deshalb schlägt Greene vor, dass das Justizsystim die Idee der Bestrafung – weil sich jemand aus freien Willen entschlossen hat, ein Delikt zu begehen – aufgeben sollte. Vielmehr sollte das Gesetz darauf abzielen, zukünftigen Schaden abzuwenden. Auch der Gedanke, kriminelle Individuen schon zu identifizieren, bevor sie das Verbrechen begehen, ist keinesfalls neu. Die New York Times verfolgt diesen Gedanken bis ins 19 Jahrhundert zurück, als der italienische Kriminologe Cesare Lombrose versuchte, eine Theorie der „biologischen Kriminalität“ zu entwickeln, indem er physische Merkmale wie buschige Augenbrauen beschrieb, an denen Kriminelle zu erkennen seien. Heute haben wir etwas spezifischere Merkmale als buschige Augenbrauen: Wir können zum Beispiel messen, dass Leute mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, die häufig mit gewalttätigem Verhalten einhergeht, um 11% weniger graue Substanz im Frontalhirn aufweisen als Gesunde. So kommen Menschen Menschen in die Situation, zukünftiger Straftaten verdächtigt zu werden, obwohl bislang noch nichts vorgefallen ist. Das öffne eine Büchse der Pandora in zivilisierten Gesellschaften, wird die Psychiatrieprofessorin Helen S. Mayberg zitiert:

“If you believe at the time of trial that the picture informs us about what they were like at the time of the crime, then the picture moves forward. You need to be prepared for: ‘This spot is a sign of future dangerousness,’ when someone is up for parole. They have a scan, the spot is there, so they don’t get out. It’s carved in your brain.”

In anderen Worten: Man läuft Gefahr, nicht mehr für das verurteilt zu werden, was man getan hat, sondern für das, was man im Gehirn trägt – ein folgerichtiger Gedanke, wenn wir davon ausgehen, dass unser Handeln nur das Produkt unserer Hirnstruktur und dessen Stoffwechsels ist. Da wir hier auf einem Krimiblog sind, gehe ich davon aus, dass sich hier kreative Leute tummeln, die sich die Konsequenzen ausmalen können. In einem Kommentar haben wir schon gewitzelt, dass wohl bald bei Aldi ein →MR-Scan von BewerberInnen verlangt wird, ich denke auch an MR-Scans als Vorraussetzung für eine Einreise in die USA. Dass dies keineswegs Science Fiction ist, zeigt der besagte New York Times Artikel mit einem Zitat des Stanford-Rechtsprofessors Hank Greely, der davon träumt, diese Technologien im Kampf gegen den Terror einzusetzen. Er meint, dass wir auch mit heutigem Wissen so weit sind, einen Freund-versus-Feind-Scanner zu entwickeln. Paul Root Wolpe, der Sozialpsychiatrie und psychiatrische Ethik an der University of Pennsylvania School of Medicine unterrrichtet, fallen noch andere Anwendungsgebiete ein: So könne man die Kinder in der Schule scannen, um Begabungen zu erkennen, oder die NASA könnte das Raumgefühl künftiger Shuttle-Piloten mittes MR-Scan feststellen. Und wieder auf das Strafrecht zurück bezogen, fragt sich die New York Times:

As the new technologies proliferate, even the neurolaw experts themselves have only begun to think about the questions that lie ahead. Can the police get a search warrant for someone’s brain?

Doch während alle möglichen Leute sich den Kopf darüber zerbrechen, was man denn mit diesen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen alles anstellen könnte, ich zum Beispiel will mich in Hollywood als James-Bond- Drehbuchautorin für den Streifen „das Gehirn, das tötet“ andienen, versuchen die Wissenschaflter selber, den freien Willen auf dem Boden dieser Erkenntnisse neu zu definieren. Denn die Vorstellung, dass da – bildlich gesprochen – ein roter Punkt im Gehirn sitzt, der mich dazu bringt, Tante Louise auszurauben, ist im Prinzip genauso obscur wie das Primat des freien Willens über die Materie. So ein Gehirn ist ja ständig vielerlei äußeren und inneren Einflüssen unterworfen, verändert sich, chemisch, aber auch strukturell. So bildet sich zum Beispiel das „Üben“ direkt im Gehirn ab. Wenn wir üben, z.B Geige zu spielen, nehmen die Hirnareale, die wir dazu brauchen, messbar zu und das wissen dann wieder unsere Nachbarn zu schätzen, wenn wir weiter üben. Jede Regung, jeder Gedanke bildet sich im Gehirn ab. Ich sehe zum Beispiel Herbert auf der anderen Straßenseite, aber ich bin sauer, Herbert hat mir ein Buch nicht zurück gegeben. Für diesen einfachen Sachverhalt brauche ich eine Unzahl von Gehirnarealen: Ich muss Herbert erkennen, muss mich an ihn erinnern und das Buch. Dann kommt da eine moralische Instanz, die mir sagt, dass es nicht richtig sei, dass Herbert mir das Buch nicht zurückgegeben hat, das habe ich irgendwo gespeichert, weil ich es mir irgendwann in meiner Kultur angeeignet habe. Und am Ende noch der Ärger. Ich kann jetzt zm Beispiel hinüber gehen und Herbert eine runter hauen, oder ich kann so tun, als sähe ich ihn nicht und ihn durch Ignoranz strafen. Doch während ich mir das überlege, merke ich, dass ich Hunger habe und ich muss eine Entscheidung treffen: Löse ich jetzt das Herbertproblem oder gehe ich essen? Gut ich gehe essen, Herbert hat noch einmal Glück gehabt, ich habe ihm keine vor den Latz geknallt. Wer hat das jetzt zu verantworten? mein Gehirn? Und wer in meinem Gehirn? Das Moral-Zentrum, das mir sagt: Man knallt Leuten auf offener Straße keine, wenn man möglicherweise erwischt wird oder das Hunger-Zentrum? Oder habe ich einen Einfluss darauf, wie diese ganzen Neuronen durcheinander feuern?

An diesem Punkt werden meistens die →Libet-Experimente zitiert: Benjamin Libet hat schon in den 70ern und 80ern die Gehrinaktivitäten von Menschen gemessen, denen gesagt wurde, sie sollen ihre Finger bewegen, wann immer sie wollen. Er fand heraus, dass die Gehirnaktivität schon eine halbe Sekunde vor der Fingerbewegung einsetzte und 400 Millisekunden bevor die Leute überhaupt den Entschluss fassten, den Finger zu bewegen. Der Entschluss konnte in diesen Versuchen also nicht ursächlich für die Fingerbewegung sein, die Gehirnaktivität kam lange davor. In weiteren Experimenten fand Libet jedoch heraus, dass die Handlung bis 50 Millisekunden vor der Ausführung noch abgebrochen werden konnte und erreichnete ein Zeitfenster von etwa 100 Millisekunden, in denen der bewusste Wille eine vom Unbewussten bereits eingeleitete Handlung noch abbrechen könne. Er sprach von einer „Vetofunktion“ des Bewusstseins. Wir hätten in diesem Fall also durchaus Einfluss auf das, was unser Gehirn schließlich in Handlungen hervorbringt. Dies ist natürlich ein sehr einfaches Modell, das viele Fragen offen lässt, es soll aber zeigen, dass die Frage des freien Willens kein Kulturkampf „Geist gegen Materie“ ist, sondern dass es durchaus möglich ist, die Diskussion auf der Basis biolgischer Erkenntnisse zu führen. Ausführlichere Blogbeiträge über die komplizierte Diskussion von Neurowissenschaften und freiem Willen haben „Krimileser“ →Bernd Kochanowsky und →kamenin vom Blog „begrenzte Wissenschaft“ geschrieben.

Nun ist die Idee, dass wir nicht immer dank Ratio und freien Willens handeln, aber keinesfalls neu. Die gelernte Österreicherin verweist hier auf siegmund Freud, der schon vor hundert Jahren gesagt hat „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus“ und sich aufgrund seiner heuristischen Methoden zumindest von der Medizin lange Zeit „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen lassen musste. Doch wie Freud auch immer zu seinen Theorien gelangt ist, das Konzept des „Unbewussten“, das Einfluss auf unserer Handeln nimmt, ist heute wohl Kulturgut und so überrascht mich immer wieder der Schrecken, wenn neurowissenschaftliche Forschung ähnliche Schlüsse zieht, nämlich, dass wir nicht in allen Entscheidungen so ganz frei sind. Wir hätten schon fast 100 Jahre Zeit gehabt, uns an den Gedanken zu gewöhnen.

Stephen J. Morse, Professor für Recht und Psychiatrie an der Universität von Pennsylvania ist zwar keine gelernte Österreicherin, findet aber ebenfalls nicht, dass neuropsychologische Erkenntnisse die Vorstellungen von Verantwortung revolutioniert haben:

“There’s nothing new about the neuroscience ideas of responsibility; it’s just another material, causal explanation of human behavior,” says Stephen J. Morse, professor of law and psychiatry at the University of Pennsylvania. “How is this different than the Chicago school of sociology,” which tried to explain human behavior in terms of environment and social structures? “How is it different from genetic explanations or psychological explanations? The only thing different about neuroscience is that we have prettier pictures and it appears more scientific.”

Es mache also keinen Unterschied, ob man Verhalten durch soziale Strukturen erkläre oder durch Gehirne, man erkläre es seit Jahr und Tag, der einzige Unterschied sei, dass wir jetzt schönere Bilder haben und diese wissenschaftlicher erscheinen. Für mich sind die schönen Bilder jedoch der zentrale Punkt: Während verhaltenswissenchaftliche Konstrukte oder gar psychoanalytische Theoriebildungen gar schwer zu verstehen und zu argumentieren sind, ist ein Foto ein Foto und das ist eben ein Foto. Nur allzu leicht vergessen wir, dass es sich auch hierbei um Konstruktionen handelt. Ein MR-Scan bedeutet, dass wir Veränderungen von Magnetfeldern messen, diese nach bestimmten Regeln gewissen Prozessen im Gehirn zuordnen und das Zahlenmaterial, das dabei entsteht, von einem Computer in ein Bild verwandeln lassen. Es ist eben kein Foto und schon gar kein Gehirn, sondern eine Konstruktion des Gehirns. Wir erinnern uns an Teil eins dieses Artikels: Wir haben dort sogar ein Gehirn gesehen, das schon seit über 100 Jahren verwest ist. Verhaltenswissenschaften machen – soweit ich es gelernt habe – eigentlich das Gleiche: Sie legen Regeln fest, nach denen Wirklichkeit beschrieben wird und bilden sie dann eben durch Sprache und Diagramme ab*. Aber sie haben kein Foto. So ein Foto kann nun aber schnell mit den Tatsachen verwechselt werden, das ist mein Gehirn ja gewohnt: Wenn ich ein Foto eines Tisches sehe, dann gehe ich davon aus, dass es diesen auch wirklich gibt. Wenn ich rote Punkte im Gehirn sehe, was soll mein Gehirn da glauben? Zu glauben, es gäbe in Wirklichkeit keine roten Punkte im Gehirn und das habe nur ein Computerprogramm gemacht, ja, das ist möglich, aber darüber muss man zuerst einmal nachdenken. Ich kenne nur wenige Neurowissenschaftler, aber was diejenigen auszeichnet ist ein großer Respekt und eine Bescheidenheit vor der Materie. Dass wir in den Kinderschuhen steckten und dass wir viel mehr nicht wüssten als wir wüssten, habe ich wiederholt gehört. Aber das Prekäre ist: Sie produzieren Bilder und Bilder werden in sozialen Zusammenhängen schnell zu „Hard Facts“.

More redet von einem „Brain overclaim Syndrome“ und meint, dass Juristen häufig moralsiche und juristische Ansprüche erheben, die die Neurowissenschaften nicht befriedigen können und stellt fest:

…“brains do not commit crimes; people commit crimes”

Stephen Morse meint, dass die Neurowissenschaften selber niemals den mysteriösen Punkt finden können, an dem Menschen nicht mehr für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich selber zu kontrollieren. Diese Frage, so meint er, sei eine moralisch und letztlich juristische Frage und könne keinesfalls in Laboratorien beantwortet werden, sondern in Gerichtssälen und der Gesetzgebung. In anderen Worten: Wir müssen die Antwort selber finden.

*Gut, wer sich mit Wissenschaftstheorie beschäftigt, mag mir jetzt vorwerfen, dass ich eine unzulässige Abkürzung genommen habe, da Verhaltenswissenschaften auch noch „operationalisieren“ müssen, das heißt, die Regeln für nicht direkt beobachtbare Konstrukte wie z.B. „Ärger“ festlegen. Ich kann den Ärger nicht direkt messen wie ein Magnetfeld, ich muss zuerst festlegen, dass ich ihn zum Beispiel an einer Vertiefung der senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen um 0,1 Millimeter definiere. Aber das ändert nichts daran, dass empirische Wissenschaften die Gemeinsamkeit aufweisen, Regeln für Erkenntnisgewinn festzulegen und dann eben die Welt nach diesen Regeln zu beschreiben.

Verknüpfte Artikel:

→Die Alchemie des Wortes

→Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Advertisements

31 Responses to “Das Gehirn vor Gericht – Teil 2”


  1. 1 thewritingfranz Mai 4, 2008 um 21:15

    Ein großartiger Artikel. Endlich einIn ArztIn, die so schreibt, dass auch Nichtmediziner verstehen was gesagt/geschrieben wurde. Dabei ist das Thema sehr komplex, da es von vielen Seiten beleuchtet wird. Ich bleibe aber dennoch dabei. Ich will meine Seele wieder haben! Und ich gebe sie nicht mehr her! Der Mensch besteht aus Denken und Handeln. Und beides soll nicht mehr sein als ein Punkt im Hirn? Das heißt, ICH bin ein Punkt in meinem eigenen Hirn. Dass man zukünftige Verbrechen bekämpft, wurde schon einmal zum Thema eines Filmes. Ich glaube, Tom Cruis spielt darin die Hauptrolle. Es geht um einen Polizisten, der zukünftige Täter jagd, die aufgrund von irgendwelchen Gehirnstrommessungen oder Ähnlichem als potential gefährliche Menschen eingestuft wuden, von der Behörde. Potential ist eigentlich falsch, es handelt sich um die Gewissheit, dass der zu fangende Mensch in Zukunft ein Verbrechen begehen wird. Da stellt sich für mich die Frage: Wenn jetzt der zukünftige Verbrecher diesen ominösen roten Punkt im Hirn hat, was spricht dagegen, dass dieser in ein paar Tagen oder in ein paar Jahren von irgendeinem Ereignis ausgelöscht oder zu einem grünen Punkt gemacht wird. Allerdings werde ich das nie erfahren, wenn ich den Rotpunktler noch vor der Möglichkeit die Tat zu begehen, einsperre. Jedenfalls ist der Artikel super und gehört unbedingt in eine Fachzeitschrift.

  2. 2 krimi.krimi Mai 4, 2008 um 21:21

    Vielen dank, ich freue mich, dass der Artikel Anklang findet.

    * wischt sich den Schweiß von der Stirn

  3. 3 thewritingfranz Mai 4, 2008 um 21:21

    Die o,1 mm tiefe Falte zwischen den Augenbrauen sollte man nicht unterschätzen. Wenn ich mit IHR rede und plötzlich taucht auf IHRER hübschen Stirn eine Falte auf, versuche ich sofort, sämtliche Falten auf meiner Stirn zu glätten, um äußerst friedlich und kompromissbereit auszusehen. Keinesfalls will ich, dass sich die Falte auf IHRER schönen Stirn um noch einen zehntel Millimeter vertieft. Denn dann sässe ich ganz schön in der Dings. Schließlich bin ich nur vom Mars, SIE aber von der Venus.

  4. 4 krimileser Mai 6, 2008 um 7:47

    Der Gedanke mag nicht politisch korrekt sein, aber ich vermute, dass die Anwälte solange MRI Bilder zum Gericht schleppen, bis ein Angehöriger von ihnen selber Opfer eines Gewaltverbrechens werden. Spätestens dann würde es ihnen dämmern, dass die Gesellschaft Gewalt ächten muss, denn ansonsten ginge sie an ihr Zugrunde.

    Eigenartig, dass man auf der anderen Seite in den USA mittlerweile auch Kinder u.U. nach Erwachsenenrecht vor Gericht gebracht werden oder intellektuell Minderbegabte auch bei eingeschränkter Einsichtsfähigkeit die volle Härte des Gesetzes erleben können.

    Als Europäer bin ich eigentlich nicht bereit, mir mein Rechtssystem von dem amerikanischen kaputtmachen zu lassen.

  5. 5 dpr Mai 6, 2008 um 11:30

    Zweimal leicht offtopic: Es gibt einen Krimi namens „Der Fall Hirn. Eine Detektivgeschichte“ (1918 ) von Artur Landsberger. Nur wegen dem Titel deines Beitrags, hat nichts mit dem Thema zu tun, ist aber sehr amüsant zu lesen. Und dann noch einen Gratisservice fürs Psychiatrie-Projekt, gerade unter den Neuerscheinungen gefunden:
    Daniel Kalla: Rage – Die Therapie (Heyne)- Schon auf deiner Liste? Aus der Verlagswerbung:

    „Als ein bekannter Psychiater in Seattle bestialisch ermordet wird, fällt der Verdacht auf einige seiner Patienten – darunter Psychopathen und Mörder. Dr. Joel Ashman von der Mordkommission wird mit dem Fall beauftragt und taucht bei seinen Nachforschungen in eine gefährliche Welt. Schließlich trifft er auf eine junge Frau, in deren dunkler Vergangenheit der Schlüssel zur Lösung liegt.“

    bye
    dpr

  6. 6 dpr Mai 6, 2008 um 11:31

    Huch, der doofe Smilie ist nicht von mir! Das soll Neunzehnhundertachtzehn in Ziffern heißen!

  7. 7 thewritingfranz Mai 6, 2008 um 17:48

    In welchen Krimi trifft man nicht auf eine junge Frau? Immer ist sie entweder Opfer (Unschuld vom Lande), oder TäterIn (Gift)oder AnstifterIn (Sex) oder die Nichte des Pfarrers, die von Miss Marple vom Verdacht befreit wird. Nebenbei erbt sie immer das Vermögen des Ermordeten, kann dieses durch den feschen Kommissar vor dem Zugriff ihres degenerierten Bruders retten, Letzterer kommt in eine psychiatrische Anstalt oder ertrinkt in der Seine oder in der Themse oder im Attersee, und zum Schluss wird geküsst.

  8. 8 krimi0krimi Mai 6, 2008 um 19:13

    Hallo,

    @dpr: Danke für Deine Offtopics. Nummer zwei kommt sofort auf die Liste und Nummer eins auf eine andere Liste.

    @Franz: Das kommt auch auf die Liste. Auf die für geklaute Plots, die ich irgendwann in Krimis verwandeln will, um damit Literaturpreise zu gewinnen.

    @Bernd: Mir kommt vor, im Moment interpretiert da jeder hinein, was er will. Zumindest gibt es zwei große Strömungen: Die eine, die sagt, wenn man Hirnschäden findet, dann muss derjenige von Strafe befreit werden. Und die Andere, die ich persönlich viel bedrohlicher finde: Wir sind nur ein Produkt eines Gehirns, Strafe ist daher grundsätzlich sinnlos, wir können alle nichts für unsere Taten. Es braucht aber Prävention, man muss die Leute, die einmal etwas anstellen werden, schon vorher aus dem Verkehr ziehen. Dann wirst also – wenn man das weiterdenkt, wegen deinem Hirn eingeknastet. Interessant ist, das steht im zitierten Artikel, dass das Mindestalter für die Todesstrafe in manchen Staaten wegen diesen neurowissenschaftlichen Dingen auf 18 gesetzt wurde. Weil das Hirn unter 18 noch nicht reif genug sei, die Verantwortung zu übernehmen.

    Die Ideen, alles mögliche und unmögliche Verhalten einfach durch „Unzurechnungsfähigkeit“ zu erklären, haben die Amerikaner allerdings nicht gepachtet. Wir lesen derzeit in der Zeitung, dass der Antwalt des Amstettner Herrn F. glaube, sein Mandant sei psychisch krank und unzurechnungsfähig. Wenn das richtig zitiert ist, würde der Anwalt pauschal alle psychisch Kranken als unzurechnungsfähig bezeichnen, die würden ihm aber eins pfeifen, irgendeine psychische Krankheit trifft im Lauf des Lebens so ein Drittel der Bevölkerung. Kurios ist das auch, weil „Unzurechnungsfähigkeit“ (das Wort ist fachlich nicht korrekt, deshalb unter Anführungszeichen) in Österreich, und das weiß der Anwalt bestimmt, dadurch definiert ist, dass man nicht erkennen kann, dass man unrecht handelt oder nicht in der Lage ist, nach dieser Einsicht zu handeln. Dass einer, der es schafft, so lange ein Verlies zu verstecken, nicht weiß, dass er unrecht handelt oder so planlos ist, dass er ständig die Kontrolle über sich verliert, ist jetzt für mich nicht so leicht zu verstehen. Ich bin gespannt, was die Gutachter sagen.

  9. 9 krimileser Mai 7, 2008 um 19:30

    Richtig ! Philip Kerr hat das sehr gut antizipiert. Du kommst unter Aufsicht/Gefängnis wegen Deines Potentials.

    Man kann das doch weiterspinnen. So weit ich weiß, kann man Suchttypen (Dein Fachgebiet) so langsam auch seitens gewisser Rezeptoren/Neurotransmitter eingrenzen. Nun denn, also können die armen Menschen auch nichts dafür. Sollte also jemand Haus und Hof verspielen, kann der Gewinner das wegen der Unzurechnungsfähigkeit nicht durchsetzten, usw.

    Das hat alles auch mit dem heutigen Primat des Individuums vor der Gesellschaft zu tun (glaube ich, noch ‚mal nachdenken).

  10. 10 krimi.krimi Mai 7, 2008 um 20:28

    Hallo!

    Ach, Philipp Kerr muss ich auch noch auf eine Liste setzen. Meine Listen sind langsam unübersichtlich, ich brauche drei Leben, um alles zu lesen, was ich unbedingt lesen will.

    Das mit dem Primat des Individdums vor der Gesellschaft, das weiß ich nicht. Auf der anderen Seite gibt es ja eine „Kein Risiko für die Gesellschaft-Strömung“, die auf die Idee kommt, Leute schon aufgrund ihres Potenzials aus dem Verkehr zu ziehen, vor etwas passiert. Ich finde beides bedrohlich und verrückt, alles zu entschuldigen und alles prophylaktisch wegzusperren. Ich bin gespannt, was da noch auf uns zu kommt.

    lg
    Margit

  11. 11 thewritingfranz Mai 7, 2008 um 20:40

    Prophylaxe (Vorbeugung für den Laien) im Sinne des Primats der (konservativen) Gesellschaft vor dem Individuum (ICH für Laien) findet bei uns schon in der Schule statt. Jeden brechen, der individuelle Züge hat. etc. etc. (usw. für den Laien).

  12. 12 Stephan Schleim Mai 9, 2008 um 13:54

    Liebe Frau Breuss,

    wie eloquent und elaboriert Sie über die Fragen des Neurorechts schreiben und dann auch noch solch wichtige Schlussfolgerungen ziehen, ein Hirnscan sei eben kein Foto und daher dürften wir es auch nicht so für bare Münze nehmen wie eines (mal davon abgesehen, dass schon im Dritten Reich Fotos montiert wurden).

    Ein paar Punkte möchte ich aber doch berichtigen oder vielmehr ergänzen, da sie meines erachtens so nicht stehen bleiben sollten:

    Da ist natürlich diese Diskussion, inwiefern wissenschaftliche Daten der Ent-schuldigung (Exkulpierung) vor Gericht dienen können. Sie sprechen oft von Verantwortlichkeit, dann wieder davon, verurteilt zu werden. Wenn nun manche Hirnforscher vermuten, man sei für seine Taten nicht verantwortlich, da sein Gehirn diese steuere, dann sind damit noch lange nicht die juristischen Konsequenzen vom Tisch. Insofern ist es verwirrend, von einem „Freibrief“ zu sprechen. Das hört sich oft so an, als dürften Menschen, die Verbrechen begehen, dann auf freiem Fuß bleiben. Wer das behauptet – und Sie zitieren da ja einige „Experten“ – der besticht vor allem durch eines: juristische Unkenntnis.

    Beispielsweise gibt es in Deutschland verschiedenste Psychisch-Kranken-, Unterbringungs- oder Freiheitsentziehungsgesetze, die natürlich regeln, dass Menschen, die für sich oder das Leben anderer eine Gefahr darstellen, nicht mehr frei herum laufen. Wir machen diesen Menschen (als Gesellschaft) keinen Schuldvorwurf aber wir erteilen ihnen deshalb ganz sicher keinen Freibrief.

    Das kann sogar ganz schnell nach hinten los gehen, wenn man meint, sich durch neurowissenschaftliche (oder meinetwegen auch neurologische, psychiatrische, psychologische) Gutachten für Schuldunfähig erklären zu lassen. Nehmen wir an, ein Mann mit weißer Weste erwischt seine Frau mit einem Liebhaber auf frischer Tat bei sich zuhause, geht in die Küche, und ersticht den Kerl mit einem Messer. Er bekäme aufgrund mildernder Umstände vielleicht fünf bis zehn Jahre Gefängnis für diese Affekttat und könnte bei guter Führung schon früher auf Bewährung heraus kommen. Wenn jetzt aber Gutachten belegen, dass er nicht einsichts- und steuerungfähig (in den USA: minimal rational) ist, dann mag er zwar (in Deutschland nach § 20 StGB „Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“ ) schuldunfähig sein, landet dafür aber in einer forensischen Psychiatrie — und das kann im Extremfall heißen, dass er sein Leben lang nicht mehr auf freien Fuß kommt. Eine Unterbringung in diesem Sinne gilt unbefristet, bis die Unbedenklichkeit einer Person vermutet wird!

    Davon abgesehen sind Hirnscans vor Gericht überhaupt nichts Neues; spätestens seit den 1970er Jahren versuchen Verteidiger mit PET-Bildern, ihre Klienten zu entlasten. Das heißt aber nicht, dass PET-Bilder aussagekräftig sind, sondern Verteidiger eben alles versuchen (wenn sie gute sind). Gleiches gilt für Röntgen- und CT-Bilder ebenso wie für strukturelle MRT-Bilder.

    Die wenigen Versuche, die mir bekannt sind, auch funktionelle Bilder („Hirnaktivierung“ ) vor Gericht vorzulegen, sind meines Wissens gescheitert (mal von diesem Einzelfall Markowitschs abgesehen, wo es um das Gedächtnis einer mit einem Knüppel niedergeschlagenen Frau ging und den man sicher noch mal genauer unter die Lupe nehmen sollte).

    In einem Artikel von mir, der wohl in der übernächsten Gehirn&Geist als Titel erscheinen wird, zeige ich auch, dass solche Versuche schnell nach hinten los gehen können; im Blick auf die forensische Psychiatrie haben wir das schon gesehen, in den USA geht’s aber oft um Kopf und Kragen, wenn nämlich der Staatsanwalt plötzlich die Daten der Verteidigung aufgreift und es nicht als mindernden, sondern erschwerenden (aggravating instead of mitigating) Faktor ansieht, dass diese Person eine Störung der Hirnfunktion hat. Je nach Bundesstaat werden solche Angeklagten besonders gern exekutiert. So genannte „psychopaths“ (nicht mit dem deutschen „Psychopath“ zu verwechseln) landen beispielsweise besonders häufig in der Todeszelle.

    Sie zitieren Joshua Greene; Josh wird meines Wissnes in den USA nicht von vielen ernst genommen. Kürzlich haben Moralphilosophen aus Oxford belegt, dass Greene, der ursprünglich Philosoph aus Princeton ist und über Utilitarismus geforscht hat, in seinen neurowissenschaftlichen Arbeiten noch nicht einmal klare Fallgeschichten definieren konnte, in denen es um utilitaristische Entscheidungen ging — seine experimentellen Ergebnisse aber immer so interpretiert hat (Literaturangaben gerne auf Anfrage). Seine Aussagen zu den rechtlichen Konsequenzen dienen meines Erachtens vor allem der Provokation; welche Motive er haben möge, darüber darf jeder selbst spekulieren.

    Sie zitieren Henry Greely; Hank wird ganz sicher nicht behaupten, man könne die Gehirne von Terroristen von denen „Normaler“ unterscheiden. Dafür kennt er die Forschung zu gut. Er arbeitet ganz im Gegenteil daran, die Verwendung von Hirnscannern zu Lügendetektion geseztlich zu regulieren. Das Zitat aus der NYT (ist der Artikel übrigens nicht schon im Februar 2007 erschienen?) ist meines Erachtens ein gutes Beispiel dafür, wie manche Journalisten Aufmerksamkeit erzeugen. Mehr dazu z.B. in meinem Blogbeitrag:

    http://www.brainlogs.de/blogs/blog/menschen-bilder/2008-04-23/medienschelte-die-zweite

    Ebenso halte ich es für ein Gerücht, dass es „Neurolaw“ als eigene Disziplin gebe; wissen Sie, wie oft ich das in den letzten Jahren schon über „Neuroethik“ oder „Social Cognitive and Affective Neuroscience“ gehört habe? Dennoch ist mir keine einzige Uni bekannt, an der man diese „Disziplin“ belegen könne. Klaro kann man dazu Kursa anbieten, das habe ich hier auch schon gemacht, aber solche Statements sind entweder falsch oder einfach nur verwirrend.

    So, das war jetzt eine ganze Menge und eigentlich keine Kritik an Ihnen, Frau Breuss, sondern den Berichten in den Medien, auf die Sie sich dann berufen. Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich nach einigen wirklich schlechten Erfahrungen mit den Medien etwas überreagiere.

    Zum Wochenende sei auf eine Science Fiction-Geschichte zum Thema „terroristisches Gehirn“ verwiesen, die gerade als Gastbeitrag in meinem Blog erschienen ist:

    http://www.brainlogs.de/blogs/blog/menschen-bilder/2008-05-09/gedanken-waren-frei

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  13. 13 Stephan Schleim Mai 9, 2008 um 13:55

    P.S. Da, wo das Blogsystem jetzt Smileys eingefügt hat, standen eigentlich em-Tags, um die Wörter zu kursivieren.

  14. 14 krimi0krimi Mai 9, 2008 um 23:40

    Sehr geehrter Herr Schleim,

    ich freue mich, dass Sie auf diesem Blog als einer, der an der Quelle sitzt, mitdiskutieren. Ich selber habe mich ja nur auf Medienberichte berufen und sie mit – hoffentlich ausreichend kenntlich gemachten – eigenen Meinungen versehen. Wie die Erkenntnisse der einzelnen Wissenschaftler in der Scientific Community gewichtet werden, kann ich daraus natürlich nicht schließen und das sind wirklich wertvolle Ergänzungen.

    Dass Leute, die Verbrechen begehen, derzeit in irgendeiner Art in der Forensik behandelt werden (natürlich auch hier in Österreich) und keineswegs auf freiem Fuß bleiben, ist mir völlig klar. Vielleicht ist mir das so selbstverständlich, dass ich versäumt habe, das eindeutig kenntlich zu machen. Insofern ist es gut, wenn sie vehement darauf hinweisen. Welche Experten ich zitiert habe, die von einem „Freibrief“ reden, habe ich allerdings nicht gefunden, insofern bin ich auch ein bisschen irritiert.

    Die Smilies habe ich umgewandelt.

    Noch einmal Vielen Dank für den langen, langen Beitrag

    M.B.

  15. 15 Stephan Schleim Mai 10, 2008 um 15:46

    Hallo Frau Breuss,

    entschuldigen Sie, das mit dem „Freibrief“ haben Sie in der Tat nicht geschrieben, das ziehe ich zurück. Sie lassen die Konsequenzen allerdings offen mit dem Verweis, das könne sich jeder selbst ausmalen; und da sind mir leider vor allem die Befürchtungen gegenwärtig, man dürfe die Leute dann nicht mehr einsperren, ohne von Schuld zu sprechen, müsse sie ergo frei herumlaufen lassen. Was wären denn Ihrer Meinung nach die Konsequenzen?

    Führt man sich die gesetzlichen Unterbringungsmöglichkeiten vor Augen, dann mögen die Neurowissenschaften hier schon etwas ändern; die große „Neurorevolution“, mit der manche gerne Provozieren, wäre das aber nicht…

    …so lange man nicht von Prävention spricht. Kürzlich las ich von der beängstigenden Situation in GB, wo man schon für Kavaliersdelikte um eine DNA-Probe gebeten werden kann:

    <>

    Genprofile von Schulkindern zur Prävention
    16.03.2008 von Florian Rötzer auf Telepolis

    Wenn Sie sich dafür, für Lombroso und für Krimis interessieren, dann ist der Roman „Das Wittgenstein-Projekt“ ein Geheimtipp für Sie; das englische Original heißt glaube ich „A Philosophical Investigation“, nach dem Hauptwerk Ihres philosophischen Landsmannes.

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  16. 16 Stephan Schleim Mai 10, 2008 um 15:47

    P.S. Irgendwie hat’s Ihr Blogsystem nicht so mit mir — oder ich nicht mit ihm. Erst die Smileys, jetzt frisst es mein Zitat zur Prävention. :-)

    Gary Pugh, Direktor der Forensikabteilung bei Scotland Yard und „DNA-Sprecher“ der Association of Chief Police Officers (Acpo), schlug nun erneut eine Möglichkeit vor, wie der Observer berichtet, wie man den Personenkreis erweitern könnte. So sagte er, man könne doch die Genprofile von Schulkindern (ab 5 Jahren) erfassen, deren Verhalten darauf hinweist, dass sie später einmal Kriminelle werden könnten. Zumindest müsse man eine Debatte über den Vorschlag anstoßen, „Personen zu identifizieren, bevor sie eine Straftat begehen“. Wenn man das will, dann wäre es besser, so früh wie möglich damit zu beginnen, die Vorteile, schon die Genprofile von Kinder zu erfassen, seien „extrem groß“. Noch sei es allerdings nicht möglich, von allen Personen aufgrund der Kosten und der logistischen Probleme Genprofile anzulegen.

  17. 17 krimi.krimi Mai 10, 2008 um 20:05

    Sehr geehrter Herr Schleim,

    das Zitat im Zusammenhang ist:

    “In anderen Worten: Man läuft Gefahr, nicht mehr für das verurteilt zu werden, was man getan hat, sondern für das, was man im Gehirn trägt – ein folgerichtiger Gedanke, wenn wir davon ausgehen, dass unser Handeln nur das Produkt unserer Hirnstruktur und dessen Stoffwechsels ist. Da wir hier auf einem Krimiblog sind, gehe ich davon aus, dass sich hier kreative Leute tummeln, die sich die Konsequenzen ausmalen können.”

    Es geht hier also darum, was mit Menschen passierte (ich hoffe, das ist derzeit nur eine Denkmöglichkeit, deshalb der Konjunktiv), bei denen eine Disposition für ein Verbrechen festgestellt wird. Das geht natürlich in Richtung Prävention und könnte alles mögliche heißen bis zum prophylaktischen Einsperren von Leuten. Das male ich mir aus und es ist natürlich ein Horroszenario. Gut, hier befinden wir uns im Bereich der Spekulation. Ausgangspunkt für die Spekulation ist aber das Zitat einer Denkschule, die es durchaus zu geben scheint und mit Schrecken lese Ihren Hinweis auf die DNA-Profile in GB. Das sind demnach nicht nur Fantasien von KrimiautorInnen, die ständig Plots suchen. Meine Sorge ist die, dass fast alles, was machbar ist, irgendwann gemacht wird, auch wenn es jetzt noch utopisch klingt. Ich bin auch nicht damit einverstanden, dass jetzt Fingerabdrücke für EU-Pässe genommen werden. Im Moment scheint mir das Sicherheitsbedürfnis der Menschen so überdimensional, dass das Recht darauf, gewisse Dinge nicht in Datenbanken zu finden, nicht einmal mehr diskutiert wird. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass in Österreich jemals diskutiert wurde, was das für das Individuum bedeutet, wenn jedem und jeder Fingerabdrücke abgeommen werden. Jetzt ist es so. Gut, das ist ein anderes Thema, man dürfte wohl kaum aus Fingerabdrücken auf die Gefährlichkeit von Menschen schließen können. Ich habe das jetzt eingeworfen, um meine Sorge zu untermauern, dass derzeit fast alles möglich und erlaubt wird, wenn damit der erhöhte Schutz der Bevölkerung (vor allem der USA) argumentiert wird.

    Sie haben ganz Recht, die Konsequenzen für Leute, die ein Verbrechen begangen haben und zurechnungsunfähig sind, habe ich überhaupt nicht thematisiert und ich räume ein, dass das ein Versäumnis ist, weil man falsche Schlüsse ziehen kann. Ich weiß nicht, ob Sie hier irgendwo gelesen haben, dass ich Psychiaterin bin, die Gesetzeslage ist mir also sehr wohl geläufig, zumindest hier in Österreich und in Deutschland wird sie nicht so sehr anders sein, ich habe auch durchaus schon einmal eine Unterbringungsstation von innen gesehen. Ich habe es nicht zum Thema gemacht, weil ich diesbezüglich offenbar betriebsblind bin. Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass so mancher Leser und so manche Leserin aus meinen Ausführungen schließen könnte, dass die Leute dann frei herum laufen, der forensich-psychiatrische Bereich ist mir zu selbstverständlich. Das mag auch daran liegen, dass ich nur die Leser und Leserinnen „kenne“, die auch kommentieren und diese Leute sind sehr informiert. Aber das ist natürlich ein Fehler und ich kann nur daraus lernen.

    Sie schreiben:

    „Führt man sich die gesetzlichen Unterbringungsmöglichkeiten vor Augen, dann mögen die Neurowissenschaften hier schon etwas ändern;”

    Das interessiert mich jetzt aber sehr: Was glauben Sie, dass sich ändern wird?

    Vielen Dank für den Buchtipp. Da habe ich eine Frage: Schreiben Sie selber Krimis? Bei mir sind heute Leute gelandet, die nach “Stephan Schleim” und “Krimi” gegoogelt haben. Wie kommen die drauf?

    Mit meinem Blogsystem werde ich reden müssen.

    Mit freundlichen Grüßen

    M.B.

  18. 18 Stephan Schleim Mai 11, 2008 um 13:56

    Hallo Frau Breuss,

    ich weiß nicht, ob das den Leuten wirklich alles so recht ist, bloß weil sie sich nich dagegen wehren. Man hört hier in Deutschland auch von der Unzufriedenheit vieler, die für den Reisepass ihre Fingerabdrücke abgeben müssen. Zu sehr erinnert das an Verbrecher, bei denen man das normalerweise macht. Außerdem gibt es in der praktischen Durchführung große Probleme. Beispielsweise sind bei vielen älteren Menschen die Linien nicht mehr stark ausgeprägt und es müssen oft viele Versuche gemacht werden, bis das Muster richtig gescanned werden kann. Das Problem wird dann nicht nur bei der Speicherung, sondern auch der Erkennung an der Grenzkontrolle auftreten.

    Vielleicht ist das Problem, dass unsere Gesellschaft überhaupt nicht mehr politisch ist und sich viele Menschen zu viel gefallen lassen, weil sie sich denken: Nunja, es könnte ja noch schlimmer kommen; eigentlich geht’s mir doch noch ganz gut. Viele haben sich womöglich von der Geschichte der Sachzwänge überzeugen lassen und denen kommt es am Ende noch gelegen, dass jetzt Forscher behaupten, es gebe keine Willensfreiheit. Für mich gehört zum Menschsein dazu, sich seine Gesellschaft auch zu gestalten aber eigentlich ist mir das politische Spiel mit seinen Machtkämpfen und Unwahrheiten zuwider. Ist es in der Wissenschaft besser? Ha! Und dann sind da noch die Leute, die von dem System profitieren und behaupten, wer nichts zu verbergen habe, der dürfte ja auch nichts gegen die Speicherung und Überwachung haben. Wer von ihnen würde aber gern im Glashaus sitzen?

    Ebenso wie es die Sonntagschristen gibt, die (wenn überhaupt) einmal in der Woche in die Kirche gehen und die restliche Zeit vom Christentum nichts wissen wollen, so gibt es doch auch die Vierjahresdemokraten, die einmal alle vier Jahre ihr Kreuzchen setzen und denken, das wäre alles in Sachen gesellschaftliche Gestaltung, was sie tun müssten.

    Werde ich jetzt zu pessimistisch? Sorry, also zurück zum Kernthema:

    Was sich durch die Neurowissenschaften ändert? Na, ich denke, die Art und Weise wie wir §20 StGB anwenden, das Einfallstor der Schuldunfähigkeit. Wenn wir einmal ein wirklich gutes Verständnis davon haben sollten, wie im Gehirn bestimmte Wesenszüge verankert sind, dann werden wir vielleicht auch solche Gutachten haben: Herr X ist aufgrund seiner frontalen Dysfunktion nicht dazu in der Lage, nach seinen Einsichten zu handeln; oder umgekehrt: Herr V weist keine Abnormalität in Hirnstruktur oder -funktion auf und daher ist davon auszugehen, dass er sowohl Einsichts- als auch Steuerungsfähig ist. Im Zivilrecht: Der Volumenverlust der grauen Substanz in Bereich Z von von Frau Y sowie die Verkalkung in Region W lassen darauf schließen, dass sie nicht mehr vertragsfähig ist.

    Interessant ist übrigens, dass im Fall von Herrn X und Frau Y schon auf der Verhaltensebene genügend Beobachtungen vorhanden sein müssten, um zu diesen Schlussfolgerungen zu gelangen (beispielsweise durch psychiatrische und psychologische Gutachten). Der Hirnforscher könnte die Situation mit weiteren Daten stützen. Das hat aber nichts damit zu tun, Richter durch Gutachter zu ersetzen, wie es Hans Markowitsch einmal leichtfertig im Spiegel-Interview behauptete.

    Interessant wäre aber doch vor allem Herr V: Vielleicht spielt er nur den Verrückten, um nicht am grausamen Verbrechen an seiner Tochter für schuldig befunden zu werden; vielleicht hofft er, nach ein paar Jahren in der Psychiatrie wieder raus zu kommen; vielleicht hat er Angst davor, Lebenslänglich (bei besonderer Schwere der Schuld also mit ziemlicher Sicherheit für 25 Jahre) im Gefängnis zu sitzen und das über sich ergehen zu lassen, was die Insassen von einem „Kinderschänder“ halten; vielleicht hat er Psychiater und Psychologen überzeugt aber jetzt kommt der Neurowissenschaftler und sagt, mit seinem Gehirn scheine alles in Ordnung zu sein. Wohlbemerkt, wir befinden uns hier nur im Raum der Spekulation und ich behaupte weder, dass wir schon dazu in der Lage sind, solche Entscheidungen zu treffen, noch jemals dazu in der Lage sein werden.

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

    P.S. Nein, mit Krimis habe ich nichts am Hut; ich habe mal versucht, welche zu lesen, aber es ist nicht mein Genre.

  19. 19 thewritingfranz Mai 11, 2008 um 19:57

    Als Jurist und med. Laie muss ich dazu sagen, dass ich als Verteidiger ein „Gehirnfoto“ verlangen würde, wenn der Psychiater meinem Mandanten nichts geholfen hat, weil vielleicht gibt es doch noch eine kleine Chance. Wenn der Psychiater überhaupt meinem Mandanten geschadet hat, wegen der kleinen Chance und drittens, wenn ich schon im Vorhinein davon überzeugt bin, mein Mandant habe einen Schuld-vernichtenden „Fleck“ im Hirn. Es kommt aber auf die Umstände an, welches Verbrechen mit welcher Strafdrohung hat er begangen, und ist es nicht besser, ein Jahr ins Gefängnis zu gehen, als für ungewisse Zeit in eine Massnahme? So ein Verteidiger hat es nicht leicht.

  20. 20 Stephan Schleim Mai 12, 2008 um 11:44

    Ganz genau; und jetzt stellen Sie sich mal vor, es geht nicht nur um’s Jahr, sondern um die Giftspritze.

    Wenn Sie einen Befund anfordern und der Staatsanwalt macht daraus einen erschwerenden Umstand, was ihm die Geschworenen abkaufen („besondere Gefahr für die Gesellschaft“), dann kriegen Sie den Vorwurf.

    Wenn Sie keinen Befund anfordern und er wird wegen besonderer Schwere der Tat zum Tode verurteilt, dann kriegen Sie auch den Vorwurf.

    Ich glaube, so als Verteidiger bekommt man immer einen Vorwurf, so lange man den Angeklagten nicht frei bekommt; oder wenigstens eine besonders milde Strafe für ihn heraus holt. Wie gut, dass ich mich nur mit Daten herumschlagen muss, nicht mit Mandanten. :-)

  21. 21 thewritingfranz Mai 12, 2008 um 17:06

    Sie haben recht mit der Beschreibung der Probleme des Verteidigers. Da muss man schon eine dicke Haut haben. ansonsten fällt einem nach der Verurteilung immer ein, was man noch alles hätte tun oder sagen können und man hat schlaflose Nächte. Den superschlauen Anwalt aber, der mit Tricks und überlegenem Wissen einen tatsächlich schuldigen Mandanten herausboxt, den gibt es in Österreich nicht. Wohl aber kann ein Anwalt sorgfältig und gewissenhaft arbeiten oder schlampig und formale Fehler begehen, die seinem Mandanten Jahre kosten. Jeder Anwalt ist so gut oder so schlecht, wie sein Fall. Ein Problem ist es aber dennoch, wenn dem Mandanten wegen einem leichteren Verbrechen nur wenige Jahre oder Monate drohen. Dann muss man taktieren und überlegen. Soll ich das Gericht durch zahllose Anträge verärgern oder die Anträge nicht stellen und dem Gericht Arbeit ersparen und es so gutmütig stimmen? Wenn dem Mandanten lebenslänglich oder , wie in den USA möglich, gar die Todesstrafe droht, werde ich alles in die Waage werfen, was ich habe, vielleicht habe ich Glück und irgendwas kommt heraus, was meinem Mandanten hilft, der vielleicht schon bei der Polizei gestanden hat. Da würde ich eben auch mit dem Punkt im Hirn argumentieren. Denn es gibt in Österreich keine Deals mit der Staatsanwaltschaft, wie man sie aus den amerikanischen Fernsehserien kennt. Aber auch bei eindeutiger Beweislage gegen den Mandanten wird oft ein erfahrener Verteidiger laut kämpfen, weil er sich dann nicht nachsagen lassen muss, er hätte kampflos aufgegeben und die ganze Zeit geschwiegen, wie es auch vorkommt. Das spricht sich herum, schneller als man glaubt. Und wenn Medien dabei sind, wie in Amstetten, dann ist das beste Werbung, auch wenn das laute Schreien nichts nützt. Ich würde aber dennoch gerne einmal bei Gericht vorbringen, mein Mandant sei so und so konditioniert und hätte wegen des „Fleckes“ im Gehirn gar nicht anders handeln können, als das Kasino zu berauben. Die Antwort der Gerichte in den verschiedenen Instanzen wäre interessant.

  22. 22 krimi0krimi Mai 12, 2008 um 20:15

    Sehr geehrter Herr Schleim,

    meinen Sie mit Herrn V. den Herrn F. aus Amstetten?

    Als Ärztin und juristischer Laiin fällt mir Folgendes dazu ein: Wenn ich den Herrn F. vor Gericht verteidigen muss, will ich natürlich das Beste für Ihn, das ist mein Job. Herr F. ist 77 Jahre alt und in den Medien wird ein Strafrahmen von 15 Jahren kolportiert, wenn er nicht auch noch des Mordes angeklagt wird (wegen des im Keller verstorbenen Kindes), dann wäre es mehr. Dann wäre Herr F. bei seiner Entlassung also 92 Jahre alt, es ist die Frage, ob er das noch erlebt. Und selbst wenn er entlassen wird, welche Perspektiven hat er? Insofern würde ich mich fragen, wie Herr F. am besten seinen Lebensabend verbringen kann. Ich kenne jetzt nicht jede Forensik von innen und vor allem nicht die größte in Österreich und ich kenne nur eine einzige Strafanstalt von innen. Aber was ich so gesehen habe, würde ich meinen Mandanten lieber in der Forensik sterben sehen als in der Strafanstalt. Ich würde andererseits auch nicht wollen, dass er mit 92 einfach vor die Tür gesetzt wird und in der Forensik passiert das sicher nicht. Da würde ich alles dran setzen, dass er in eine Forensik-Abteilung kommt, egal was ich wirklich glaube. Die Bevölkerung ist sowieso geneigt, alles, was man nicht ohne Weiteres verstehen kann, als “geisteskrank” zu etikettieren, der Common Sense würde mein Plädoyer für “Unzurechnungsfähigkeit” wohl verstehen. Was die Gutachter sagen, ist eine andere Frage. So, ich hoffe, ich bekomme jetzt keine Drohungen wegen diesem Gedankenspiel zugunsten des Herrn F. Das soll ja schnell gehen dieser Tage.

    Lieber Franz, vielen, vielen Dank für die juristischen Gedanken und Erfahrungen, die Du hier einbringst. Ich lese sie mit großem Interesse.

    lg
    M.B.

  23. 23 Stephan Schleim Mai 12, 2008 um 20:19

    Gab es das noch nicht, das Argument mit dem Nicht-anders-Hadeln-Können?

    Dabei fällt mir die Anekdote aus der griechischen Antike ein, in der ein Richter auf die Entschuldigung des Angeklagten, er habe nicht anders gekonnt als das Verbrechen zu begehen, antwortete, er könne nun auch nicht anders als ihn zu mehrjähriger Haft zu verurteilen.

    Also Strafverteidiger wäre kein Job für mich; zu allen weiteren Fragen darf ich Sie vielleicht auf meine Titelgeschichte in der übernächsten Gehirn&Geist vertrösten, an deren letzten Zeilen ich gerade feile?

    Dort geht es gerade um die Frage, wie die Hirnforschung das Recht verändert.

  24. 24 Stephan Schleim Mai 12, 2008 um 20:28

    Hallo Frau Breuss,

    ich hatte mit Herrn V. keinen wirklichen Fall im Sinn, sondern einfach nur die Buchstaben vom Ende des Alphabets her aufgerollt. Über den aktuellen Fall habe ich nur oberflächliches Wissen aus den Medien.

    Jetzt mal unabhängig von ihrem Mitleid oder Verständnis als Psychiatrin, wären Sie nicht der Meinung, dass jemand wie Herr V. eine gerechte Strafe erfahren sollte?

    Ich will Sie gar nicht persönlich angehen; ich denke mir nur, wenn man das, was Sie sagen, verallgemeinert, dann müsste man wirklich die Gefängnisse durch psychiatrische Kliniken ersetzen. Sehen Sie das so?

    Dann gebe ich Ihnen aber auch Recht, dass man sich bei manchen Verbrechen wirklich fragen muss, ob ein gesunder Mensch zu so etwas in der Lage sein kann. Im Hinblick darauf finde ich ja auch die Überschneidung der antisozialen Persönlichkeitsstörung mit unserem Alltagsverständnis eines Kriminellen nicht uninteressant; vielleicht sind das die Risse im Damm der Strafanstalten?

    Dann habe ich auch von Psychiatern aus den USA gehört, die im Falle eines kapitalen Verbrechen alles dafür tun würden, den Angeklagten vor der Todesstrafe zu bewahren. So sehr ich die Todesstrafe ablehne, denke ich aber doch, dass solche Gutachter ihre Rolle falsch verstanden haben, die ihnen ja schließlich von der Gesellschaft so vorgegeben wird; wer sie nicht gewissenhaft erfüllen kann, beispielsweise weil er einem Todeskandidaten alles zu attestieren bereit ist, der müsste meines Erachtens als befangen zurücktreten.

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  25. 25 Stephan Schleim Mai 12, 2008 um 20:29

    Entschuldigung, jetzt haben sich die Nachrichten überschnitten; mit meiner ersten habe ich jedenfalls thewritingfranz adressiert.

  26. 26 thewritingfranz Mai 12, 2008 um 20:54

    Zu Todesstrafe und Psychiater: Hier überschneidet sich das Wissenschaftersein mit dem Menschsein. Die Problematik des Könnens überschneidet sich mit der des Müssens. In erster Linie sollte auch der Gutachter Mensch sein. Und wenn er ein Menschenleben retten kann, dann hat er das meiner Meinung nach zu tun, als Mensch, auch auf Kosten der Wissenschaft. Und wenn er es nur einmal tut in seinem Leben und dann als Gutachter gefeuert wird. Mit Ihrer Argumentation würde die Treue zu Wissenschaft, die Wissenschaft selbst über den Wert eines Menschenlebens gestellt. Das geht nicht an, wenn man wie ich gegen die Todesstrafe ist. Zur Beruhigung: Der Mörder muss ja nicht deswegen freigesprochen sondern wird wahrscheinlich zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Soweit sollte ein Fachmann sein Gutachten schon steuern können, denkt der med. Laie. U.U. muss man aber sogar in Kauf nehmen, dass ein Straftäter freigeht, bevor er hingerichtet wird. Hier kommt auch das Argument von häufig unschuldigen Verurteilten und Hingerichteten zu tragen, das wäre aber auf einer anderen Ebene als hier.

  27. 27 krimi0krimi Mai 12, 2008 um 21:01

    Sehr geehrter Herr Schleim,

    das war nicht mein Mitleid oder mein Verständnis als Psychiaterin, sondern ein Rollenspiel. Wie würde ich agieren, wenn es mein Job als Strafverteidigern (nicht als Gutachterin!) wäre, das Beste für den Mandanten heraus zu holen? Ich kenne Herrn F. nicht, kann also auch kein Mitleid oder Verständnis haben, weder als Privatperson noch als Psychiaterin. Ich denke, Verständnis für Täter kann man am ehesten entwickeln, wenn man sie kennt und andere Seiten an ihnen findet als die Täterseiten. Für mich ist Herr F. aber eine abstrakte, über die Medien vermittelte Figur: Also, kein Mitleid und natürlich will ich generell, dass Straftäter bestraft werden.

    Viele Grüße
    M.B.

  28. 28 Stephan Schleim Mai 12, 2008 um 21:52

    Hallo Writingfranz,

    ich sehe das anders; es geht hier ja gar nicht um Wissenschaft vs. Menschenleben, sondern darum, eine normative Rolle zu übernehmen, welche die Gesellschaft an mich heran trägt.

    Wenn ich wegen Befangenheit nicht dazu in der Lage bin, diese Rolle den Erwartungen entsprechend durchzuführen, das heißt, nach bestem Wissen und Gewissen ein Gutachten zu erstellen, dann bin ich nicht der richtige für den Job.

    Schließlich ist zum Zeitpunkt, zu dem ich das Gutachten erstelle, ja noch gar nicht klar, wie das Verfahren ausgeht. Erst einmal gibt es die Anhörungen mit den Gutachten, dann die Frage der Schuld und erst zum Schluss diejenige des Strafmaßes.

    Und am schlimmsten trifft es mich doch, wenn ich wider bestes Wissen und Gewissen dem Angeklagten eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziere in der Hoffnung, ihn damit vor der Todesspritze zu bewahren, und er dann aber hingerichtet wird, weil man das aufgrund seiner besonderen Gefährlichkeit für die Gesellschaft plötzlich als einen erschwerenden Umstand auslegt.

    Wie will ich das dann mit meinem Gewissen vereinbaren? Ihn retten zu wollen aber ihm damit sein Grab geschaufelt zu haben und dabei auch noch gelogen zu haben?

    Vielleicht wissen Sie ja einen Ausweg

    Stephan Schleim

  29. 29 Stephan Schleim Mai 14, 2008 um 13:40

    Vielleicht lässt sich die Diskussion noch mit einem Verweis auf einen aktuellen Essay zum Thema aus der NZZ abschließen:

    Im Zweifel gegen das Gehirn

    http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/im_zweifel_gegen_das_gehirn_1.731101.html

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  30. 30 krimi.krimi Mai 14, 2008 um 21:46

    Vielen Dank für den Link. Ich meine, dass der Artikel die Diskussion schön abrundet.


  1. 1 Wiedereinstieg mit reißerischer Werbung « krimi.krimi Trackback zu Juli 3, 2008 um 21:52

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Mai 2008
M D M D F S S
« Apr   Jun »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Archive

Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

→Journal of Medical Internet Research

→medicalblogs.de

→Alblog aus Zams


%d Bloggern gefällt das: