Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

Wie →hier versprochen, kommt nun der Beitrag über neue neurobiologische Erkenntnisse und die Konsequenzen für die Rechtssprechung, unabdingbares Wissen für heutige KrimiautorInnen. Inspiration ist ein Vortrag, den von Prof. Kenneth Thau von der Unikklinik Wien letzte Woche auf dem ÖGPP*-Kongress in Gmunden gehalten hat. Titel des Vortrags: „Von der Wut zur Aggression“. Leider musste ich feststellen, dass das Thema jegliche Bloggerkapazitäten sprengt und so wird es eine Fortsetzungsgeschichte.

Unter anderem beschäftigte sich der Vortrag mit der Frage: „Verändern bildgebende Verfahren die Rechtssprechung?“, und auf diesen Aspekt möchte ich mich hier beschränken. Voraussetzung, für eine Straftat verurteilt zu werden – der Jurist, der sich hier umtut, möge mich berichtigen, wenn es nicht stimmt – ist in den meisten westlichen Ländern die Fähigkeit, die Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln, kurz: Diskretions- und Dispositionsfähigkeit. Wenn ich also psychotisch bin und glaube, die Ärztin, die in mein Zimmer kommt, ist ein Ottifant mit einer gräßlichen Visage (das ist aus dem Leben gegriffen) und ich fühle mich bedroht und werfe der Ärztin in meiner Not eine Blumevase an den Kopf, dann kann ich nicht dafür verurteilt werden. Ich habe subjektiv in einer Notlage gehandelt und bin nicht in der Lage, die Situation richtig einzuschätzen. Nun ist die Sachlage aber selten so eindeutig, denn meist wird der Täter oder die Täterin erst nach der Straftat gefasst und das Geschehen muss rekonstruiert werden. Die Frage nach der Diskretions- und Dispositionsfähigkeit war bislang Sache von Gutachtern, die stundenlange Gespräche geführt haben und eine Vielzahl medizinischer, biographischer und sozialer Faktoren berücksichtigen mussten.

Nun gibt es aber Veränderungen im Gehirn, die mit einem Kontrollverlust einhergehen und diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Prof. Thau hat auf das Beispiel des →Phineas Gage verwiesen, dem am 13. September 1848 bei einer Sprengung eine Eisenstange durch den Kopf schoss. Der Mann überlebte den Unfall, doch bestimmte Hirnareale (im orbitofrontalen und präfrontalen Cortex) wurden zerstört. Das hat man damals natürlich noch nicht so genau sagen können, doch Phineas Gage wurde exhumiert und in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde sein Gehirn rekonstruiert. Dazu gibt es unglaublich schöne →Fotos im Netz. Aber merke: Das sind Bilder eines Gehirns, das zum Zeitpunkt der Aufnahmen schon über 100 Jahre tot war und natürlich nicht mehr vorhanden. Die Rekonstruktion wurde mit Hilfe der Schädelverletzungen vorgenommen. Zwar hatte Gage keine Einbußen im Bereich der Wahrnehmung, Gedächtnisleistung, Intelligenz oder Sprachfähigkeit, doch er erlitt eine massive Persönlichkeitsveränderung. Aus dem freundlichen Mann war ein ungeduldiger und launischer Mensch gworden, der nicht mehr in der Lage war, seine Zukunft zu planen und vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Wenn es nun gelingt, bei Straftätern ein derartiges biologisches Korrelat für den Kontrollverlust wie bei Herrn Gage zu finden, würde das vieles klären und umfangreiche Verfahren abkürzen. Prof. Thau hat zu diesen Fragen einen Artikel der →New York Times vom März 2007 zitiert. In den USA hat sich inzwischen ein eigener Forschungszweig etabliert: „Neurolaw“.

Im Hintergrund stehen Bemühungen, Befunde des Gehirns als Beweise vor Gericht zu verwenden, dass die betreffende Person für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden kann. Da das Gehirn komplex und ein Wirrwarr von Schaltkreisen ist, reicht es jedoch meist nicht, einfach eine Veränderung an einem Punkt festzustellen. Vielmehr werden komplizierte Versuchs- anordnungen geprüft, die Menschen, die ihr Handeln nicht kontrollieren können, identifizieren sollen. Aus Europäischer Sicht hat diese Diskussion auch schon Gutes gebracht: Nach der New York Times bringen Rechtsanwälte routinemäßig MR-Bilder des Gehirns der Angeklagten in Verfahren ein, um zu argumentieren, dass sie aufgrund einer Gehirnveränderungen keine Kontrolle mehr über sich hatten. Die Staatsanwaltschaft weigere sich, diese Bilder als Beweise anzuerkennen, doch wenn es um Strafminderung in Verfahren über die Todesstrafe gehe, würden sie anerkannt. In Florida sei die fehlende Anerkennung neurologischer Befunde von einem Gericht als Grund für eine Revision in einem Prozess für ein Todesurteil anerkannt worden. Die New York Times zitiert dazu die Meinung des forensischen Psychologen Daniel Martell:

Martell remains skeptical about the worth of the brain scans, but he observes that they’ve “revolutionized the law.”

Doch wenn hier auch ungesicherte Erkenntnisse das Gesetz revolutionieren, befinden wir uns immer noch auf dem gesicherten Boden der Vorstellung, dass es Leute gibt, die sich eben kontrollieren können und Straftaten völlig absichtlich begehen und andere, die es aufgrund einer Störung nicht können. Dies ist natürlich inkonsequent gedacht. Wie schon in meinem letzten Beitrag ausgeführt, können wir heute viele Emotionen, Bewegungen oder Handlungen bestimmten Arealen im Gehirn zuordnen. Nun scheiden sich durchaus die Geister, was es zum Beispiel bedeutet, wenn ich wütend bin und ein Areal in meinem Hirn rot aufleuchtet: Bringen meine Emotionen das Hirn dazu, rot aufzuleuchten, oder ist meine Wut nur die Summe meiner Hirntätigkeit? Wenn es so wäre, dann wäre die Rechtssprechung in Zukunft einfach: Wenn ich die Summe meiner Hirntätigkeit bin, kann ich auf keinen Fall für meine Taten verantwortlich gemacht werden, und das hätte nun echte Konsequenzen für die Rechtssprechung. Die New York Times zitiert dazu den Harvard-Psychologen Joshua D. Green:

“To a neuroscientist, you are your brain; nothing causes your behavior other than the operations of your brain,” Greene says. “If that’s right, it radically changes the way we think about the law. The official line in the law is all that matters is whether you’re rational, but you can have someone who is totally rational but whose strings are being pulled by something beyond his control.”

Das würde bedeuten, führt die New York Times weiter aus, dass auch jemand, der glaubt, dass er eine freie Entscheidung zwischen Suppe und Salat treffe, sich täuschen kann und die Entscheidung zwischen Suppe und Salat durch die „Hardware“ in seinem Gehirn bereits vorgegeben ist.

Was dies für die Rechtssprechung bedeutet, kann sich an dieser Stelle jeder selber zusammenfantasieren, der sich nicht selber durch New York Times Artikel kämpfen will, denn ich mache hier einmal Pause. Teil 2 der Geschichte kommt irgendwann am Wochenende.

* Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Verknüpfte Artikel:

→Die Alchemie des Wortes

→Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

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9 Responses to “Das Gehirn vor Gericht – Teil 1”


  1. 1 thewritingfranz Mai 2, 2008 um 20:00

    Der Jurist der sich hier umtut, findet Deinen Artikel äusserst interessant. Das mit der Einsichtsfähigkeit und der Fähigkeit, nach dieser Einsicht zu handeln – von Fremdwortfreaks auch Diskretionsfähigkeit und Dispositionsfähigkeit genannt – hast Du richtig erkannt und beschrieben. Diskretionsunfähig in einem Doppelsinn sind z.B. die österreichischen Boulevardzeitungen bei der Berichterstattung über Amstetten. Die Frage ist nur: Kann Geldgier vielleicht doch beherrscht werden oder ist ein Punkt im Hirn dafür schuldig zu sprechen. Dann ab in die Zelle mit der Zelle. Naja, das ginge wohl zu weit. Zu den Fotos möchte der Jurist, der sich hier umtut, sagen, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Während das Hirnfoto mit dem vielen Grün noch an ein Korallenriff erinnern mag, würde ich das Foto mit dem stahlstabdurchborten Hirn eher nicht als schön bezeichnen. Ich betrachte meine Umgebung eben ein wenig anders, als jemand, der mörderische Krimis schreibt und vielleicht nachts von schönen durchbohrten Gehirnen träumt. Ich träume von schönen Frauen in Vorarlberg und ich bin nicht James Bond.

  2. 2 krimi.krimi Mai 2, 2008 um 20:04

    Ja, dann ich danke ich herzlich für die Überprüfung und Bestätigung der juristischen Behauptungen.

  3. 3 thewritingfranz Mai 2, 2008 um 20:08

    Gern geschehen. Noch Fragen?

  4. 4 krimi0krimi Mai 2, 2008 um 20:13

    Momentan nicht, danke. Dieser Artikel erschöpfte, ich werde mir jetzt ganz passiv einen langweiligen Fernsehkrimi hineinziehen.

  5. 5 thewritingfranz Mai 2, 2008 um 20:14

    Der Jurist, der sich hier umtut, hat noch eine Frage: Was kostet so eine Hirnuntersuchung, bei wem lasse ich diese machen und gibt es dann davon Fotos? Ich will nähmlich nicht, dass sich ein Reicher diese Fotos leisten kann, ein Armer aber nicht. Weil das Strafgericht wird auf seine kosten einen solchen Beweis nicht bewilligen, solange er von der Rechtssprechung oder dem Gesetz als zulässiger Beweis anerkannt wurde. Vor dem neuen Gesetz kommt fast immer die geänderte oder neue Rechtssprechung. Aber in die Rechtssprechung finde ich in unserem Fall erst Eintritt, wenn ich auf eigene Kosten einen Hirnbeweis anferigen lasse. Und dann kann einmal der erste, mutige Richter sagen, dass er diesen Beweis zulassen würde.

  6. 6 thewritingfranz Mai 2, 2008 um 20:14

    Der Jurist, der sich hier umtut, hat noch eine Frage: Was kostet so eine Hirnuntersuchung, bei wem lasse ich diese machen und gibt es dann davon Fotos? Ich will nämlich nicht, dass sich ein Reicher diese Fotos leisten kann, ein Armer aber nicht. Weil das Strafgericht wird auf seine kosten einen solchen Beweis nicht bewilligen, solange er von der Rechtssprechung oder dem Gesetz als zulässiger Beweis anerkannt wurde. Vor dem neuen Gesetz kommt fast immer die geänderte oder neue Rechtssprechung. Aber in die Rechtssprechung finde ich in unserem Fall erst Eintritt, wenn ich auf eigene Kosten einen Hirnbeweis anfertigen lasse. Und dann kann einmal der erste, mutige Richter sagen, dass er diesen Beweis zulassen würde.

  7. 7 thewritingfranz Mai 2, 2008 um 20:16

    sorry: es muss heissen „solange er NICHT

  8. 8 thewritingfranz Mai 3, 2008 um 8:42

    Gratuliere zum Leser in Louisiana und in der Türkei!


  1. 1 psychoterapia Trackback zu Juli 13, 2015 um 23:28

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