Die Alchemie des Wortes

Die alten Alchemisten wollten ja immer Materie transformieren, am liebsten zu Gold. PsychotherapeutInnen sind momentan ganz entzückt, dass es gelungen ist, Sprache in Materie zu transformieren. Endlich. Denn vor nicht allzu langer Zeit wurden PsychotherapeutInnen noch als „unwissenschaftlich“ belächelt und innerhalb der Medizin haben sie bisweilen immer noch den Ruf, dass sie ja nur herumreden, während die richtigen Doktorn eben richtige Medizin machen. Insofern ist es auch fast wie Gold, wenn man die Effekte des „Herumredens“ jetzt endlich messen kann, abwiegen, darstellen, die ChirurgInnen könnten sogar hineinschneiden, aber das wäre nicht so gut für die PatientInnen. Es soll hier nur einmal gesagt werden, denn keiner käme wohl auf die Idee, etwas als Hirngespinst abzuqualifizieren, das man herausschneiden kann. Insofern ist das eine Art wissenschaftliches Kriterium: Was man herausschneiden kann, ist sicherlich echt und wahrhaftig.

KennerInnen der Szene haben es längst bemerkt: Ich rede vom Verhältnis der „normalen“ Medizin zu den Psychofächern (Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie) einerseits und von den modernen Neurowissenschaften andererseits. Es ist nämlich so, dass man inzwischen nachweisen kann, welche Hirnareale in einem Menschen gerade aktiviert sind. Das sieht →sehr schön aus.

Jetzt kann man derartige Fotos von einem Gehirn eines Menschen machen, der an einer psychischen Krankheit, zum Beispiel einer Depression leidet und man findet Veränderungen zum Gehirn eines gesunden Menschen: Bestimmte Areale sind weniger aktiv, aber auch das Volumen dieser Areale ist reduziert. Andere Areale sind überaktiviert. Dann macht man Psychotherapie, wiederholt die Untersuchung und siehe da: Das Muster normalisiert sich. Und noch besser: Es geht nicht nur um Funktionen, es entstehen neue Nervenverbindungen und das Volumen nimmt zu. Es entsteht Substanz, Materie. PsychotherapeutInnen haben endlich etwas Konkretes in der Hand und müssen sich nicht mehr bemühen, Leuten das Konstrukt von Panik zu erklären, wenn jene Leute gar nicht wissen wollen, was ein Konstrukt ist. Das hat natürlich Charme. Einen übersichtlichen Artikel über derartige hochkomplexe Vorgänge im Gehirn hat →Konrad Michel geschrieben.

Doch dieser moderne Forschungszweig hat massive Implikationen für die Konzepte von Schuld und Verbrechen. Wenn wir letztlich Depression oder Panik eine einfache Dysbalance im Gehirn wären, wie steht es dann mit der Aggression und Gewalt? Kann dann jemand, der an entsprechender Stelle eine Über- oder Unterfunktion im Gehirn aufweist, überhaupt sein Verhalten steuern, was nach gängiger forensischer Praxis Voraussetzung dafür ist, dass man für ein Verbrechen verantwortlich gemacht wird? Oder wäre das ein Freibrief: Ich kann ja nix dafür, mein Hirn kann einfach nicht anders als jemanden umzubringen, das ist mir quasi einprogrammiert. Die Diskussion über den freien Willen ist keinesfalls neu, jetzt wird sie aber biologischer geführt und Materie und messbare Durchblutungsänderungen haben in unserer Gesellschaft anscheinend mehr Gewicht als Verhaltensbeschreibungen und Konzepte. Dies wurde auch auf dem Kongress diskutiert, den ich letzte Woche besucht habe, und weil diese Dinge für KrimischriftstellerInnen nicht ganz uninteressant sind, werde ich demnächst ein paar Fakten und Gedanken zusammenschreiben.


Verknüpfte Artikel:

→Die Alchemie des Wortes

→Das Gehirn vor Gericht – Teil 1

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16 Responses to “Die Alchemie des Wortes”


  1. 1 Georg April 29, 2008 um 7:58

    Das ist doch Unsinn. Nicht dein Beitrag, den finde ich interessant. Aber die These, dass, wenn es etwas gibt, das sich im Hirn abspielt, dann zu sagen, dass es das war. Nur Hirntätigkeit.

    Ich kann doch genausogut sagen, dass meine Depression diese Hirntätigkeit ausgelöst hat. Oder dass beides zusammengehört, innen zeigt sich Depression durch rote Hirntätigkeit im Areal links unten, und außen zeigt sie sich durch eine zusammengefaltete Körpersprache und eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit. Und insgesamt durch düstere Gedanken.

    Aber diese Biologen kennen nun wieder den Menschen nicht, sondern nur das Hirn. Und sie interessieren sich auch nicht für den Menschen, sondern nur für die Messbarkeit.

    Aber noch einmal: die Beobachtungen der Hirntätigkeit finde ich gut.

  2. 2 krimileser April 29, 2008 um 13:10

    Ja, mach das mal (einen Beitrag schreiben).

    Da ich selber schon im letzten Jahr an dem Thema ‚rumgeschrieben hatte, interessiert es mich, was Du zu schreiben hast.

    @ Georg,

    wo soll den innerhalb unseres wissenschaftlichen Weltbildes die Depression anders lokalisiert sein als primär im Gehirn ? Solange die Untersuchungen diese Grundannahme nicht falsifizieren, ist sie zulässig. Mit dem behaupteten Desinteresse der Forscher am Menschen hat das ja nun gar nichts zu tun.

    Beste Grüße

    bernd

  3. 3 Georg April 29, 2008 um 14:33

    Doch, hat es, lieber Bernd. Man kann sich ja als Wissenschaftler ja auch mal ein anderes Menschenbild oder Weltbild aussuchen. Schlagwort: ganzheitlich. Aber daran sind sie eben nicht interessiert. Sondern sie stürzen sich nur aufs Biologische und tun dann so, als wäre das alles und die Grundlage und das Abendgebet, Amen. Wo ist nur die schöne Erfahrungswissenenschaft hin?

  4. 4 krimi.krimi April 29, 2008 um 15:38

    Hallo,

    @Bernd: Wo ist Dein Beitrag? Der interessiert mich natürlich sehr.

    @beide: Ich sehe die Sache ähnlich wie Georg, dass Erleben und Hirnstoffwechsel zusammengehört, in vielen Fällen wohl zwei Seiten derselben Medaille ist. Wenn man natürlich ein Loch ins Hirn geschossen bekommt und dann völlig enthemmt ist, dann ist die Richtung recht eindeutig. Also, dass das Hirn das Verhalten bestimmt. Aber wir sind ja in der Lage, durch Gespräche, durch Imaginationen, durch Gefühle den Hirnstoffwechsel zu beeinflussen, das kann man genauso nachweisen wie die umgekehrte Richtung.

    Diese hirnbiologischen Dinge sind natürlich faszinierend, auch für mich, das mag ich gar nicht abstreiten. Kern der Sache ist für mich jedoch, dass wir etwas ganz Entscheidendes noch nie beobachtet haben (und das ist jetzt nicht meine Idee, da zitiere ich den →Herrn Schiepek: Nämlich das Bindeglied zwischen Psyche und Materie. Wo und wie das zuammenhängt, das wissen wir nicht. Wir können die Effekte von Sprache auf das Gehirn messen, super, wir können psychometrische Messungen vornehmen, auch super. Aber wo in der Zelle die Psyche entsteht und das Menschsein, das haben wir nicht gefunden.

    Ob die Biologen nur das Hirn sehen – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie „die Biologen“ (da wird es auch Unterschiede geben) den Menschen sehen. Ich habe es vorwiegend mit MedizinerInnen zu tun und manche von denen wirken bei aller Begeisterung recht bescheiden, was die Erklärung komplexer (die Betonung liegt auf komplexer) menschlicher Verhaltensweisen durch diese neuen Erkenntnisse angeht. Bei einfachen Problemen wie „Violine spielen“ (da kenne ich zufällig eine Arbeit drüber) ist das nicht schwierig, aber bei „Liebe“, „Eifersucht“, „Kränkung“, „Schuld“ oder „Krimi schreiben“ wird es schon schwieriger.

    Was mich im Moment aber am meisten interessiert, ist die soziale Tragweite dieser Erkenntnisse und das sind Fragen jenseits der Biologie und Medizin. Eben, wie schon angedeutet: Kann man durch rote Flecken im Hirn entschuldigt werden, wenn man jemanden umgebracht hat? Das sind schließlich Fragen, die durch Konventionen innerhalb sozialer Gemeinschaften bestimmt werden und nicht durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse per se.

  5. 5 krimileser April 29, 2008 um 16:20

    Links: Es ist eine kleine Serie mit drei Beiträgen -> hier beginnt und über die Kommentare verbunden ist.

    @ Beide: Ich bin natürlich „Materialist“: Verhalten und Seele oder wie man es auch immer nennen mag, sind Folge zellulärer Tätigkeit. Voraussetzung ist vermutlich, dass die Tätigkeit im neuronalen Netzwerk eine kritische Stärke erreicht. Das bedeutet aber nicht, dass Erleben nicht auch den Hirnstoffwechsel/neuronale Aktivität in Form einer Rückkoppelung beeinflussen kann.

    Das ist natürlich jetzt mutig von mir: Aber ich habe im Studium gelernt, dass Psychosen durch nicht-medikamentöse Ansätze moduliert aber nur durch Medikamente kontrolliert werden können (ich lass mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen). Und das ist für mich ein ziemlich starkes Argument. Ein weiterer Punkt: Als jungerwachsenes Großmaul war ich Behaviorist, eines haben meine Söhne mir gezeigt: Verhalten usw. ist überwiegend genetisch determiniert. Und dass es das ist, liegt m.E. am Primat der Materie.

    Zum letzten Absatz: Ja, ja, ja. Es scheint so, als wenn da ein Paradigmenwechsel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

  6. 6 krimi.krimi April 29, 2008 um 19:30

    Hallo,

    das ist gut, dass Du Materialist bist. Ich bin das nicht und so eine Gegenposition ist allemal spannend.

    Was die Psychosen anbelangt, hat sich nicht viel geändert. Zumindest nicht in der Mainstream-Psychiatrie und andere Dinge habe ich diesbezüglich nicht gelernt und will sie auch nicht lernen. Wobei die Mainstream-Psychiatrie heutzutage schon auch psychotherapeutische Ansätze berücksichtigt. Aber ohne Medikamene geht es auch heute noch nicht.

    Allerdings sagt das nur etwas über Psychosen und nicht über das Funktionieren von Menschen im Allgemeinen. Es gibt auch Störungen, die lassen sich durch Medikamente sehr schlecht beeinflussen, durch Therapie aber sehr wohl.

    Behaviorismus und Materialismus passen aber gut zusammen, man kann ja sogar das Immunsystem konditionieren. Ich vermute einmal, Deine Söhne haben Dich gut konditioniert.

    Deine Artikel muss ich in aller Ruhe studieren.

    lg
    Margit

  7. 7 krimileser April 29, 2008 um 22:19

    Nein, meine Söhne sind nur so wie sie sind, obwohl die Erziehung ihnen manchmal andere Dinge näher legen würde.

  8. 8 thewritingfranz April 30, 2008 um 19:36

    Und wo bitte bleiben Seele und Herz? Wenn ich Liebeskummer, der ja auch eine Art Depression ist, habe, brennt mir das Herz. Seit es Literatur gibt, brennen die Herzen, krümmen sie sich zusammen und schmerzen. Nie das Hirn! Wie würde sich das lesen: „Als er sie wiedersah, begann seine Stirn zu klopfen, seine Schläfen schwollen an“. Mit Euren Theorien vernichtet ihr 90% der Weltliteratur. Auch könnte man fast keine Krimis mehr schreiben. Viele Krimis handeln von seelischen Verletzungen, die schlussendlich zur Tat führen, von verletzten Herzen, die zur Tat führen und von Enttäuschungen, die zur Tat führt und von Ehrgeiz, Neid und Wohllust, die zur Tat führen. Diese Motive wollt ihr ersetzen durch: „Am linken hinteren Hirnende hatte er einen braunen Fleck. Raus mit den Ausländern! liess ihn dieser rufen, raus mit den Ausländern! Wegen dieses Fleckes wurde er später, nachdem er ein Asylantenheim angezündet hatte und es zum Prozess kam, freigesprochen.“ Viel Spass beim neuen Schreiben. Ich bleibe bei Jeremias Baumwolle. Franz

  9. 10 krimikrimi April 30, 2008 um 19:58

    Herr Franz, die Juristen fahren drauf ab auf die Flecken im Hirn, sie werdens schon noch sehen, sobald ich mich sortiert habe.

  10. 11 thewritingfranz April 30, 2008 um 23:16

    Das wird für Gerichtssachverständige ein Riesengeschäft, das Fleckensuchen im Verbrecherhirn. „Unschuldig, HerrIN Rat, der MannIn hat einen Flecken im Lichtensteinerhyposondumstiftoris“ oder „Unschuldig, HerrIn Rat, der MannIn hat einen Flecken im Mulierumnitkochorium, daher die Agression gegen seine Frau, die nicht beherrschbar war, die Agression, nicht die Frau. Die Dispositionsfähigkeit wurde durch diesen Flecken verunmöglicht, auch wenn die Diskretionsfähigkeit partiell existierte. Hätte sie halt gekocht. Wie schon der Dichter sagte: Willst du leben, koche eben, hahaha.“

  11. 12 krimi0krimi Mai 1, 2008 um 8:56

    Das fasst es auf den Punkt zusammen. Mein eigener Beitrag vielfach angekündigter Beitrag hat sich damit schon fast erübrigt. :D

    Ich danke übrigens für die Unterstützung in der korrekten Verwendung des Binnen-Is. Unterstützung kommt auch vom „Standard“, der für ein Programm, dass Binnen-Is von Webseiten entfernt, die güldene →“Zitrone“ verliehen hat. Wie man hört, funktioniert es ohnehin nicht, sondern produziert Blue-Screens.

  12. 13 thewritingfranz Mai 1, 2008 um 10:35

    Ich weigere mich, ich weigere mich, ich weigere mich, anzuerkennen, daß mein „I miss you“ nicht aus meinem Herzen kommt, sondern von einem Fleck im Hirn. Und auch mein Kuss kommt von Herzen.

  13. 14 krimi0krimi Mai 1, 2008 um 12:30

    Ach, das ist nur eine Frage der Gewohnheit. In ein paar Jahren wirst Du sagen, „mein limbisches System verzehrt sich nach Dir“.

  14. 15 krimileser Mai 2, 2008 um 11:56

    Dear thewritingfranz,

    spätestens wenn, was ich Dir keinesfalls wünsche, Deine Pumpe etwas müde wäre und Du eine neue bräuchtest, wärst Du vielleicht ganz froh, der alten und nicht einer zutransplantierten Liebe nachhängen zu dürfen.

    Und stelle Dir nur vor, wie viele ältere Frauen nicht mehr melancholisch den Jahren nachhängen könnten, als sie noch eine junge glatte Bauchhaut hatten ohne die Narbe von der Gallenentfernung.


  1. 1 Das Gehirn vor Gericht « krimi.krimi Trackback zu Mai 2, 2008 um 18:50

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