Eva Rossmann – Freudsche Verbrechen

Das ist wieder einmal ein Buch, bei dem ich gar nicht sicher bin, ob es zu unserem Psychiatriekrimiprojekt passt. Wir erinnern uns an die Vorgaben: Krimi oder Thriller, Psychiater in einer tragenden Rolle und es muss vor dem Hintergrund einer modernen Psychiatrie spielen, also nach der letzten großen Psychiatriereform der 70er Jahre.

Wir haben hier einen Whodunnit vorliegen, also zweifelsfrei einen Krimi: Eine junge Amerikanerin wird im Freud-Museum in Wien ermordet aufgefunden. Die Hauptfigur, die Journalistin Mira Valensky beginnt zu ermitteln, unterstützt von ihrer Putzfrau Vesna Krajner. Im Zuge dieser Ermittlungen trifft Frau Valensky auch auf den überaus attraktiven, jünger aussehenden, blauäugigen Psychiater Dr. Zimmermann. Sie gibt sich als seine Patientin aus, um an Informationen zu kommen, was ihr aber nicht gelingt. Am nächsten Tag wird auch der Psychiater tot aufgefunden.

Derart kurz gefasst, scheint die Sachlage eigentlich klar zu sein: Ein toter Psychiater, der mutmaßlich zuviel wusste. Bei zwei Toten ist der Psychiater immerhin die Hälfte der Toten und das kann man ohne weiteres als tragende Rolle durchgehen lassen. Nur: Es spielt absolut keine Rolle, dass der Mann Psychiater ist. Er hat die junge Amerikanerin privat und zufällig im Sigmund-Freud Museum getroffen, ist mit ihr durch die Gegend gestrolcht und hat dadurch Dinge erfahren, die er nicht hätte wissen sollen. Nun passt ein Psychiater besonders gut in das Ambiente des Freud-Museums und vielleicht sind Psychiater Leute, denen man besonders gerne etwas erzählt. Letzteres trifft aber in gleichem Maße auf TaxifahrerInnen und FriseurInnen zu. Machen wir die Probe aufs Exempel: Die junge Amerikanerin möchte sich nach den brisanten Entdeckungen, die sie gemacht hat, etwas Gutes tun und sucht einen Friseur auf. Der Friseur ist nett und blauäugig, die Amerikanerin attraktiv und einsam, also verabreden sich die beiden nach Feierabend. Die Amerikanerin schüttet dem Mann sein Herz aus. Die Ermittlerin findet seine Spur und möchte ihn unter dem Vorwand, sich die Haare machen zu lassen, aushorchen. Das gelingt ihr aber nicht. Am nächsten Tag ist der fesche Figaro tot.

Was lernen wir daraus? Der Psychiater ist absolut austauschbar, die Geschichte funktioniert auch mit einer beliebigen anderen Person, in seiner Eigenschaft als Psychiater spielt der Mann keine Rolle.

Warum ich den Krimi trotzdem berücksichtigt habe: Weil er eine Fundgrube aller Klischees ist, die man jemals über Psychiater gehört hat. Die Klischees werden dann wieder relativiert, klar, Frau Valensky ist ja keine dumme Trutschn, die alles nachplappert, was die Leute sagen. So lässt Frau Rossmann sie reflektieren:

… niemandem, der einen Psychotherapeuten braucht, sollte das peinlich sein, natürlich nicht. Zumindest theoretisch war mir das klar, praktisch war eben auch ich durch diverse Witze geprägt.

Mira Valensky kommentiert sogar die Befindlichkeit des Landes zu diesem Thema:

Die Masse und die Massenmedien hielten nicht viel von Seelenklempnern und der Analyse der Psyche, wahrscheinlich hatten sie Angst, was bei ihnen selber zu Tage treten könnte.

Doch trotz dieser Einlassungen: Dass es kein Zufall sei, „dass man Verrückte und ihre Ärzte nicht immer auseinander halten könne“, dass die meisten Psychiater einen „Dachschaden“ hätten, und dass die Sicherheitsdirektion auf einen „Geistesgestörten“ als Täter tippt, das muss doch einmal gesagt sein.

Eva Rossmann: Freudsche Verbrechen, Lübbe 2003 (5. Aufl.), ISBN: 978-3404150496

Weiterführende Links:

Die →Homepage der Autorin, Rezensionen zum Buch finden sich →hier und →hier und →hier.

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12 Responses to “Eva Rossmann – Freudsche Verbrechen”


  1. 1 Georg April 20, 2008 um 14:43

    Differenziert ihr eigentlich nach Psychiater, Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Psychologe? in eurem Projekt? In den Zitaten ist ja von allem, nur nicht von Psychiatern die Rede.

  2. 2 krimi.krimi April 20, 2008 um 15:11

    Hallo Georg,

    wir differenzieren schon, aber die Bücher differenzieren schlecht. Die meisten der Krimi-PsychiaterInnen sind in allererster Linie PsychoanalytikerInnen oder tiefenpsychologische orientierte PsychotherapeutInnen. Das schließt sich ja mit dem Psychiater-Dasein nicht aus, bloß wird das Mediziner-Dasein der Psychiater in den Büchern kaum thematisiert. Wir nehmen nur Bücher, in denen irgendwo explizit steht, dass die PsychotherapeutInnen auch PsychiaterInnen sind. Uns ist ganz bewusst, dass das ein blöder Kunstgriff ist, denn wenn es um einen Psychoanalytiker geht, der einmal irgendwo im Buch als Psychiater bezeichnet wird, ist diese Psychiater-Identität eigentlich völlig unwichtig. In Extrem-Form haben wir das Bei Hans-Otto Thomashoff. Seine ProtagonistInnen sind AnalytikerInnen und irgendwo im Buch wird einmal erwähnt, dass einer davon auch Psychiater ist. Das Problem: Hans-Otto Thomashoff ist selber Psychiater und Analytiker. Jetzt können wir ihm schlecht vorwerfen, dass er schlecht recherchiert habe oder nicht wisse, was ein Psychiater sei. Er zeichnet eben ein Bild eines ganz bestimmten Psychiaters in einer ganz bestimmten beruflichen Identität. Aber da diese Identität im Buch ausschließlich analytisch ist, könnte ich mit gleichem Recht Bücher mit AnalytikerInnen berücksichtigen, die vom Grundberuf her PsychologInnen sind. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum wir das nicht machen: Dass wir sonst in Literatur ersaufen würden und es sich um ein kleines Projekt handelt, das zwar auf einem Psychiatrie-Konress präsentiert wird, aber doch mäßig viel Zeit verschlingen soll, denn hauptberuflich tun wir immer noch Patienten behandeln und nicht Krimis lesen. Von ihrer Funktion und ihren Aufgaben her lassen sich PsychiaterInnen/TherapeutInnen/PsychologInnen in Krimis tatsächlich nicht stringent unterscheiden, wir machen das pragmatisch über die mindestens einmalige, korrekte Bezeichung „Psychiater“. Korrekt bedeutet, dass es schon plausibel sein muss, dass es sich um PsychiaterInnen handelt. Ein Satz wie: „Nach Abschluss des Psychologiestudiums arbeitete der Psychiater Mr. X zwei Jahre in den Bronx“ wäre nicht korrekt.

    Damit kommen wir zum nächsten Problem: Psychologe und Psychiater schließt sich in den meisten Fällen doch aus. Ich meine, nicht generell, aber es sind zwei Studienrichtungen und dass jemand beides studiert hat, ist selten und müsste dann schon eigens thematisiert werden. Wenn die Berufe einfach vice versa verwendet werden, fliegt das Buch eher raus. Wenn jemand nicht einmal weiß, worüber er schreibt, ist uns das zu blöd. Eine Ausnahme sind die Katzenbach-Bücher: Hier werden Psychologen und Psychiater nicht sauber getrennt, auf der anderen Seite sind das Bücher, die den Beruf des Psychiaters differenzierter darstellen, als wir es gewohnt sind: Hier gibt es Medikamente, Psychotherapie und sogar Sozialpsychiatrie und das durchaus sinnvoll. Das ist natürlich hochgradig irritierend und wir wissen auch nicht, wodurch diese Widersprüchlichkeit zustande kommt: Dürfen Psychologen in den USA Medikamente verschreiben, ist es einfach schlecht übersetzt oder was ist da passiert?

    Wir thematisieren diese Dinge in unserer Arbeit einfach: Wie werden Psychiater dargestellt, wie arbeiten sie, wo arbeiten sie, welches sind ihre theoretischen Konzepte? Um es vorweg zu nehmen: Die Hälfte arbeitet ausschließlich tiefenpsychologisch und dass die Pharmakologie doch noch zu ihrem Recht kommt, liegt hauptsächlich an einem Ausreißer: Martin Kleens „Psychiatrie“ spielt in der Pharmaindustrie und da treten gleich ganze Teams einseitig pharmakologisch orientierter Psychiater auf.

  3. 3 krimi0krimi April 20, 2008 um 16:09

    Ups, da ist jetzt wohl die Naturwissenschaftlerin mit mir durchgegangen. Definition und Beschreibung der Testgruppe und so weiter. Im Blog liest das ja kein Mensch, so eine Buchstabenwurst. Aber ich kann es gleich verwenden, wenn ich den Artikel für „Psychiatric Recources of fictive Serial Killer Analysis“ einreiche.

  4. 4 krimileser April 20, 2008 um 17:45

    Ach so,

    dann schon fast Pflichtlektüre: Stephen White, klinischer Psychologe im wahren Leben ebenso wie dessen Held im Buch, ähnlich also wie Kellerman.

    Dürfen Psychologen in den USA Medikamente verschreiben, ist es einfach schlecht übersetzt oder was ist da passiert?

    White schrieb, soweit ich mich erinnere, dass klinische Psychologen in den USA nicht medikamentös behandeln [ich glaube, dazu sind sie auch dort nicht lizensiert]. Ich würde es für literarische Freiheit halten, dass Katzenbach da zwei Berufsbilder verschmilzt.

  5. 5 Georg April 21, 2008 um 16:21

    Macht mich ganz wuschig, dein ständiges Innen hier Innen dort. Kannst du das mal bitte vielleicht eventuell lassen? Weiß eh jeder, was gemeint ist. Ist doch eh rum, der verkrampfte Quotenfeminismus. Nicht, dass man da nicht noch viel tun müsste, in der Realität, aber deswegen die Sprache so verhunzen, das geht doch zu weit.

  6. 6 Georg April 21, 2008 um 16:25

    Schade, dass ihr nur Krimis lest dafür. Eines meiner Lieblingsbücher ist Ernst Augustins „Raumlicht. Der Fall Evelyn B.“ Von einem Psychiater geschrieben, über die Behandlung einer Schizophrenen. In einer Sprache, die man nur bestaunen kann. Wunderbarstenst! Und der Schluss! Der Schluss! Mannomann!

  7. 7 krimi0krimi April 21, 2008 um 17:55

    Hallo Krimileser, hallo Georg,

    danke für die Buchtipps. Dass wir die Bücher jetzt nicht für dieses eine Projekt verwenden, heißt ja nicht, dass uns nichts Anderes interessiert und wir nichts Anderes lesen. Die klingen beide sehr interessant.

    Das -Innen hier, -Innen finde ich leider nach wie vor angebracht. Bei diversen Frauenquoten in meinem Umfeld muss man wirklich kennzeichnen, wenn Frauen gemeint sind, sonst kann man ruhig davon ausgehen, dass keine Frauen gemeint sind. Meine UNI fordert in allen offiziellen Dokumenten gendergerechte Sprache und so ist es mir halbwegs zur Selbstverständlichkeit geworden. Gut, mein Blog ist nicht UNI, aber ich habe es mir angewöhnt und stehe auch dazu.

  8. 8 Georg April 21, 2008 um 19:19

    Gendergerechte Sprache? Ach ich armer Don Quichotte. Ich fordere korrekte Sprache. Einen Großbuchstaben mitten im Wort gibt es nicht.

    Ist doch gequirlter Quark. Gibt genug anderes zu tun.

  9. 9 krimi0krimi April 21, 2008 um 19:57

    Was soll ich dazu sagen? Auf diesem Blog herrscht (beinahe) Meinungsfreiheit. Suus cuique mos.

  10. 10 krimi0krimi April 21, 2008 um 20:01

    Du bist wohl ein Mann. Oder gibst vor, ein Mann zu sein. Im Netz kann man ja nie genau wissen, wer hinter Namen steckt.

  11. 11 Georg April 21, 2008 um 21:33

    Ach ja, ein Mann. Das schon. Ich hab auch Zeugen dafür. Was hat das mit korrekter Sprache zu tun?

    Nein, ich weiß schon, ich bin ziemlich allein mit meiner Meinung. Müssen wir auch nicht weiterverfolgen.

  12. 12 krimi0krimi April 21, 2008 um 23:21

    Ich glaube nicht, dass Du allein bist, genauso wenig wie ich. Das ist eben sehr kontroversiell und ich glaube eher nicht, dass wir uns einigen werden oder müssen. Insofern bin ich ganz froh, wenn wir uns die Freiheit nehmen, das nicht weiter zu verfolgen.


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