Matt Ruff – Bad Monkeys

Jane Charlotte erzählt uns einen Thriller. Einen selbsterlebten Thriller, wohlgemerkt. Doch in diesem Thriller gibt es NT-Waffen, die einen „natürlichen Tod“ durch Herzinfarkt oder Hirnschlag erzeugen, es gibt Pavianbomben und X-Drogen. Es gibt eine „böse Jane“, die sich dematerialisieren kann und es gibt „Grusel-Clowns“. Jane Charlotte gehört einer Organisation an, die Untereinheiten namens „Malefiz“, „Catering“, „Panoptikon“ oder eben „Bad Monkeys“ beschäftigt. Jane Charlotte gehört zu den Bad Monkeys, der „Einheit für die finale Ausschaltung nicht zu rettender Personen“ Ziel der Einheit: Menschen zu töten, bei denen die Einheit „Kosten-Nutzen“ zum Ergebnis kommt, dass sie mehr Schaden anrichten als nützen.

Jane Charlotte erzählt ihre Geschichte in einem weißen Zimmer und sie erzählt sie einem Mann mit einem weißen Mantel. Das Zimmer ist in einem Gefängnis, der Mann ein Psychiater.

Würde Jane Charlotte die Geschichte nicht einem Psychiater erzählen, würden wir möglicherweise glauben, wir haben das falsche Buch gekauft, erwarten wir doch von einem Thriller landläufig ein Buch, das in einer Welt spielt, die wir theoretisch auch erleben könnten. So theoretisch wie wir eben FBI-Agenten und kannibalistische Serienmörder erleben können. Die Welt ist „echt“ in einem ordentlichen Thriller, und da ist es etwas ungehörig, wenn das Ziel, auf das man schießt, sich einfach in Luft auflöst. Aber da Jane Charlotte die Geschichte einem Psychiater erzählt, dürfen wir uns beruhigen. Wir können immerhin annehmen, dass sie verrückt ist. Es könnte auch sein, dass sie lügt, denn immerhin wird ihr ein Mord zur Last gelegt.

Jane Charlotte beginnt also zu erzählen und ihr erster Mord ist noch nicht sehr ungewöhnlich, ein Mord, wie ihn Du und ich theoretisch auch begehen könnten. Er wäre nicht ungewöhnlich, würde der Psychiater nicht Aktenberge anschleppen, die Beweise enthalten, dass die Geschichte nicht stimmen kann. Das Ringen um die „Wirklichkeit“ der Geschichte beginnt.

Doch wer nun glaubt, dass der Arzt einfach mittels unumstößlicher Fakten die Geschichte widerlegen kann und damit beweist, dass Jane Charlotte entweder lügt oder verrückt ist, täuscht sich: Jane Charlotte führt gegen „Beweise“ an, dass es die Organisation ist, die Spuren verschwinden lässt. Außerdem lässt sich Jane Charlotte nicht einfach die Logik des Psychiaters aufdiktieren, scheinbare Unstimmigkeiten, werden von Jane Charlotte schlicht zu „Nod-Problemen“ erkärt, logische Probleme, die bis in die Bibel zurückverfolgen lassen. Die Definition der Logik, die Zulässigkeit von Denkschritten entscheidet schließlich, was möglich ist und was nicht und hier liefern sich Jane Charlotte und der Doktor ein hartes Match. Mit Beweismaterial allein kann man jedenfalls nicht gegen die Logik der „Organisation“ ankommen, und auch der Doktor hat noch andere Methoden im Köcher.

Neben einer spannenden und skurrilen Geschichte handelt es sich hier um ein vergnügliches Spiel mit der Logik, mit Facetten von „Verrücktheit“ und „Normalität“. Dies betrifft eine ganz wesentlichen Aspekt der psychiatrischen Rolle, nämlich Abweichungen von Wirklichkeiten festzustellen. Der Psychiater dieser Geschichte wird darin sowohl gefordert als auch in Frage gestellt: Er begegnet uns zunächst als Vertreter einer Institution mit dem Auftrag, eine Geschichte zu erfahren und auf ihre Realität hin zu überprüfen. Damit entscheidet er indirekt auch über die Art der Geschichte, die wir lesen: Entscheidet er, dass die ganze Geschichte gelogen und erfunden ist, oder dass Jane Charlotte verrückt ist, haben wir es wohl mit einem Thriller zu tun.

Haben wir aber nur den Funken eines Zweifels, ob Jane Charlottes Geschichte stimmen könnte, müssen wir uns erstens einmal fragen, welches Buch wir eigentlich lesen. Mystery? Und zweitens müssen wir uns fragen, was der Psychiater da eigentlich macht. Qua Definitionen ist es doch der Job eines Psychiaters, die Grenze zur realen Welt zu bewachen und allzu abweichende Vorstellungen mit einer Diagnose zu belegen. Wenn er nun aber selber Teil einer surrealen Welt wäre, kann er dann dieser Aufgabe noch gerecht werden?

Matt Ruff: Bad Monkeys, übesetzt von Giovanni und Ditte Bandini. Deutsch bei Hanser 2008

Weiterführende Links:

Die →Homepage des Autors und sein →Blog.

Rezensionen, die nicht nur den Psychiater im Auge haben:

Englisch bei der →New York Times.

Hier gibt es eine →ausführliche deutsche Rezension, die allerdings das Ende verrät. Auf Bücher.de gibt es eine leicht genervte →FAZ-Besprechung von Peter Körte.

Und last noch least die nagelneue Rezension des dpr beim →Titel-Magazin.

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4 Responses to “Matt Ruff – Bad Monkeys”


  1. 1 dpr April 19, 2008 um 17:23

    Ich stimme dir zu, dass die Rolle des Psychiaters über weite Strecken die des „Wahrheitssuchenden“ ist, der uns Janes Geschichte durch Fakten immer wieder relativiert und als „Verrücktheit“ identifiziert. Sobald wir aber erfahren, WARUM Jane diese verrückte Geschichte erzählt (uns also das Krankheitsbild klar wird), verschwindet der Psychiater selbst in der Geschichte. Und damit, du sagst es, wird die Geschichte selbst wahr, denn die bewertende äußere Instanz des Psychiaters ist nicht mehr existent. Könnte man seitenlang weiter auseinandernehmen…

    bye
    dpr

  2. 2 krimi0krimi April 20, 2008 um 9:45

    Ja, man könnte den seitenlang auseinandernehmen. Aber man sollte es wahrscheinlich nicht. Ich finde das Buch absolut schwer zu besprechen, ohne dass man zuviel verrät. In einem normalen Whodunnit ist das leicht, man kann eigentlich alles verraten bis auf den Täter und der wird ohnehin weit hinten im Buch gefunden. Aber hier fürchte ich, dass man eigentlich schon zuviel gesagt hat, wenn man nur erwähnt, was das Buch so bemerkenswert macht, weil man es dann von der ersten Zeile an anders liest.

    Von der Psychiaterrolle her ist es jedenfalls weit spannender als der klassische „Mann, der zuviel wusste“ oder der „scharfsinnige Ermittler, der den Leuten in die Köpfe schaut“ oder die „Sexy-Intellektuelle“, die die Polizei verführt.

  3. 3 thewrutingfranz April 23, 2008 um 21:38

    wieder einmal weiss ich nicht, wie ich mit krimi in kontakt treten soll. Aber hier ist der Beweis: Ich habe Internetanschluss. Holladrio. Aber leider sehr laaaaaaaaaannnnnnnnnnnnnngsaaaaaam.

  4. 4 krimi0krimi April 28, 2008 um 18:27

    Ich freue mich sehr über Deinen Internetanschluss!


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