Susanne Mischke – der Tote vom Maschsee

Eine Zunge wird auf einem Denkmal für die Opfer eines Serienmörders gefunden, wenig später die dazugehörige Leiche: Es ist ein namhafter Psychiater, ein forensischer Gutachter, der sich mit seinem Wissen über Mörder in der Öffentlichkeit profiliert. Ein vierköpfiges Ermittlerteam beginnt seine Arbeit: Es handelt sich um einen klassischen Whodunnit, Sinn und Zweck der Geschichte ist, den Täter zu finden und zu verhaften. Wer jetzt auf eine ordentliche Renzension wartet, die das Buch in die Rezeptionsgeschichte des abendländischen →Kanons einordnet, wird wieder einmal enttäucht. Wir rücken hier nur den Figuren auf den Leib, Kanon singen wir nicht. Ein paar Rezensionen habe ich unten angeführt. Wer Rezensionen sucht, möge alles zuerst einmal durchlesen, die Rezensionen kommen dann als Belohnung am Schluss.

In Susanne Mischkes „der Tote vom Maschsee“ bekommen wir es mit zwei PsychiaterInnen und einer Psychologin zu tun. Der Psychiater – Dr. Offermann ist die Leiche. Da er von Anfang an tot ist, erfahren wir nur über Dritte von ihm. Die meisten Informationen bekommen wir von seiner Praxis-Partnerin, Dr. Liliane Fender, ebenfalls Psychiaterin:

Dr. Offermann habe sich ganz vorwiegend mit Gutachten beschäftigt. Er habe Prognosen für inhaftierte Sexualstraftäter erstellt. Daneben sei er ein beliebter und bekannter Vortragender gewesen – mit einer Geliebten in jeder Stadt, in die ihn seine Vortragstätigkeit führte. Menschlich sei er ein Zyniker gewesen, der zwar immer gute Laune ausstrahlte, aber die Leute deswegen noch lange nicht mochte. Wo immer er auftauchte, sei er kurz darauf im Mittelpunkt gestanden. Und eitel sei er geweesen – wie alle. „Männer. Ärzte. Psychiater. In dieser Progression“, lässt Mischke Frau Dr. Fender über ihren Kollegen sagen.

Sympathisch wirkt er nicht, aber interessant: die perfekte Leiche. Nicht zu viel Empathie, aber Interesse und ein Sammelsurium an möglichen Tatverdächtigen: Eine eifersüchtige Geliebte, Leute aus der Sexual- straftäterszene, deren Opfer und schließlich Dr. Fender selbst, die jetzt die ganze Praxis übernehmen kann und sich damit aufgrund einer früheren Vereinbarung einen Haufen Geld spart. Die abgeschnittene Zunge ist zwar voller Symbolik und passt nicht zu allen Tatverdächtigen, könnte aber schließlich auch eine falsche Fährte sein.

Eine aktivere Rolle im Geschehen, da lebend, spielt Dr. Fender. Sie entspricht zunächst einmal dem, was wir in diesem Blog schon über Psychiaterinnen gelernt haben: Sie ist von fast überirdischer Attraktivität und Erotik.

Die Frau trägt ein enges, elfenbeinfarbenes Kleid, dem Jule sofort seinen hohen Preis ansieht. Sie ist etwa eins achzig groß und sehr schlank, eine Perlenkette betont den langen Hals. Das dunkelbraune Haar fällt ihr glatt und seidig schimmernd von den Schultern. Ihr Teint erinnert an Büttenpapier, und Jule spürt in ihrer Gegenwart sofort den Pickel an ihrem Kinn.

Diese Eigenschaft versetzt Dr. Fender auch in die Lage, mit einem Herrn aus dem Ermittlerteam anzubandeln, was insofern brisant ist, da ihre Rolle zwischen Zeugin und Verdächtiger und mutmaßlichem nächsten Opfer schwankt. Fachlich hat sich Frau Dr. Fender auf Traumatherapie spezialsiert, bildet also einen Gegenpart zu Dr. Offermann. Er beschäftigt sich mit den Tätern, sie behandelt die Opfer.

Frau Dr. Fender liefert uns wichtige Informationen, indem sie die Hintergründe des Begutachtungswesens, die Umstände der Freilassung von Straftätern und deren Problematik erläutert. Und während Frau Dr. Fender sehr kompetent wirkt, wenn sie doziert, verhält sie sich völlig inkompetent, wenn es ums Handeln geht: So übernimmt sie einen Fall als Gutachterin, bei dem sie befangen ist und beginnt eine Traumatherapie mit einer Frau, mit deren Schicksal sie seit ihrer Kindheit verbunden ist, was gegen alle therapeutischen Spielregeln ist. Leider haben wir es hier wieder mit einem Plot zu tun, der ganz wesentlich darauf beruht, dass Frauen sich inkompetent verhalten und blindlings ihren Affekten und Neigungen (hier dem Wunsch nach Wiedergutmachung) folgen. Man mag hier meine persönliche Frustration heraus hören, aber bei Mischke hätte ich das nicht erwartet. Bei irgend einem Machoautoren ja, aber nicht bei Mischke. Ich vermute auch schwer, dass es sich einfach um einen Recherchefehler handelt, denn in diesem Buch wird sonst alles augiebigst kommentiert. Die Inkompetenz der Frau Dr. Fender wäre doch sicher lang und breit besprochen worden, wenn sie nur jemandem aufgefallen wäre.

Keine Psychiaterin, aber Psychologin ist die Ermittlerin Oda Kristensen. Sie soll hier erwähnt werden, weil bei Frau Mischke wie bei den meisten KrimiautorInnen die PsychiaterInnen nur sehr am Rande oder gar nicht in ihrer ärztlichen Kompetenz gefordert werden. Sie treten mehr als „Psychospezialisten“ in verschiedenen Schattierungen auf und das ist Oda Kristensen ebenfalls. Sie steht auf der ErmittlerInnenseite und versorgt uns und ihre KollegInnen mit psychologischen Hintergründen. Oda Kristensen ist eine gestandene Frauensperson: Alleinerziehende Mutter einer pubertierenden Tochter, sie raucht Zigarillos und sagt über ihre eigene Profession und die der Psychiatrie Folgendes:

Psychiater können manchmal ganz schön raffiniert und hinterhältig sein. Psychologen übrigens auch,…

Warum sie das sagt, weiß man nicht, denn keiner der drei „Psychofiguren“ ist wirklich hinterhältig. Raffiniert ja, wenn man damit beispielsweise der Verführungskünste der Frau Dr. Fender meint. Aber hinterhältig? Wahrscheinlich will Frau Krischtensen, wie der schwäbische Gerichtsmediziner zu sagen pflegt, nur ihrer jungen Kollegin damit imponieren. Hat sie das nötig?

Weiterführende Links:

Frau Mischke ist eine →Bloggerin, die Homepage der Autorin gibt es →hier.

Der Tote vom Maschsee wird gerade bei der →Büchereule besprochen und Frau Mischke diskutiert mit, leider macht sie sich bis jetzt etwas rar.

Eine kurze Rezension gibt es auf →Hannover.de, eine begeisterte bei →SabineD, eine weniger begeisterte auf dem →Hugendubel-Buchblog.

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