Ist das Buch erst rezensiert …

Bernd und Georg diskutieren gerade, ob es Selbstbewusstsein oder Mut oder gar beides braucht, um eine negative Rezension zu schreiben, insbesonders dann, wenn die eigene Meinung von allen anderen wie FAZ, Süddeutsche usw. abweicht.

„Ist das Buch erst rezensiert, wirst Du attackiert ganz ungeniert“ möchte ich dazu fröhlich reimend trällern, denn das ist meine Erfahrung und damals hat’s mir die Fröhlichkeit zunächst einmal verschlagen.

Die Geschichte ist Folgende: Ich habe einmal ein Fachbuch über das Diagnostikschema ICD-10 in einer Fachzeitschrift besprochen. Sehr wohlwollend meine ich, aber das Buch hat wirklich ein paar inhaltliche Schwachstellen und darauf habe ich hingewiesen. Und was war die Folge? In der nächsten Ausgabe dieser Zeitschrift durfte der Autor des rezensierten Buchs höchstpersönlich texten: „Frau Dr. Breuss hat wohl das Wesen des ICD-10 nicht verstanden.“ Man merke: Wenn man glaubt, ein Buch habe Schwächen, kann das nur einzig und allein daran liegen, dass einem selber die ganz grundsätzlichen Kenntnisse abgehen, das beurteilen zu können. Blöderweise sind diese Kenntnisse in meinem Beruf ganz zentral, es ist grundlegendes Handwerk. Man könnte genauso über einen Malermeister sagen: „Der Mann hat wohl das Wesen des Pinselstrichs nicht verstanden.“ Was ich nicht berücksichtigt habe: Das Buch wurde vom gleichen Verlag herausgegeben wie die Zeitschrift, in der ich rezensiert habe. Da haben wohl im Vorfeld die Zensoren versagt. Wie ich später festgestellt habe, haben alle anderen Rezensoren nur den Klappentext abgeschrieben. Vielleicht ist das im Fachbuchbereich ja üblich, was weiß ich. Was ich daraus lerne: Man achte auf den neutralen Boden.

Und dieser neutrale Boden kann auch bedeuten, keine engen KollegInnen zu rezensieren. Da ich ja vorhabe, eine im ganzen Salzkammergut berühmte Regiokrimiautorin zu werden, werde ich mich hüten, RegiokrimiautorInnen des Salzkammerguts zu rezensieren. Da kann man nichts richtig machen: Ist die Rezension gut, wird einem Dünkelei zwischen KollegInnen vorgeworfen, ist sie schlecht, Neidhammelei. Natürlich muss ich die Konkurrenz schon im Vorfeld mies machen, könnte man dann glauben.

Man merkt schon: Ich finde, dass es auf jeden Fall Mut und Selbstbewusstsein braucht, ein Buch zu rezensieren, unabhängig davon, ob die Rezension gut oder schlecht ist. Eine Rezension sagt ja oft genau so viel über KritikerInnen aus als über den Gegenstand der Kritik. Und wenn ich ein Buch bejuble, muss ich genauso dafür einstehen wie für eine schlechte Kritik. Aus diesem Grund schreibe ich auch keine Rezensionen, um die ich gebeten werde, was im Fachbuchbereich dann und wann vorkommt. Denn da schaut mir jemand erwartungsvoll in die Augen und erwartet natürlich eine positive Rezension. Wenn ich dem nicht entspreche, wird er mir nicht mehr so freundlich in die Augen schauen. Und je nach Höhe der Hierarchie, von der diese Augen herunter blicken, konveniert mir das gar nicht. Aber von vornherein eine positive Rezension schreiben, egal was drinnen steht? Meinen Namen unter ein wohlwollendes Blabla setzen, wenn das Buch nichts als Schrott ist? Nein, auch dazu fehlt mir der Mut. Man achte auf den neutralen Boden.

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