Keith Ablow – der Psychopath

Der Autor →Keith Ablow ist Psychiater. Sein Serienheld Frank Clevenger ist auch Psychiater. Der Massenmörder Jonah Wrens ist auch Psychiater. Clevengers FBI-Kollegin Whithney McCormick ist Psychiaterin. Und die Leserin (ich) ist auch Psychiaterin. Es wimmelt also vor PsychiaterInnen vor und hinter den Buchdeckeln. Grund genug, das Buch für unser Psychiatriekrimiprojekt näher zu betrachten.

Der Plot in allerkürzester Kürze: Ein Psychiater namens Jonah Wrens tingelt als Vertretungsarzt durch die USA, er arbeitet jeweils für ein paar Wochen in psychiatrischen Krankenhäusern, denen es gerade an Personal fehlt. Nirgends bleibt er lange und das hat einen guten Grund: Auf seinem Weg durch die Staaten lässt er Leichen zurück, Leute, die er zufällig trifft und denen er die Kehle durchschneidet. Er ist der vom FBI vergeblich gesuchte „Highwaykiller“. Frank Clevenger ist forensischer Psychiater und durch einen medienwirksamen früheren Fall berühmt. Deshalb wird er vom FBI um Hilfe gebeten. Das FBI besteht in erster Linie aus einem autoritären und nicht besonders hellen Chef und der unglaublich erotischen Psychiaterin Whithney McCormick, mit der Frank Clevenger unverzüglich eine Affäre beginnt. Der Highwaykiller liest in der Zeitung, dass Clevenger vom FBI befasst wurde, ihn zu fassen und nimmt über die New-York-Times Kontakt mit Clevenger auf: Er schildert sein Leben, seine alten Verletzungen, warum er morden muss und wie er darunter leidet und er bittet Clevenger, ihn über einen öffentlichen Briefwechsel in der New York Times zu therapieren. Soweit, so wenig. Aber das hier ist keine „richtige“ Rezension. Hier geht es um die Psychiater: Was tun die da eigentlich und warum? Eine richtige Rezension gibt es →hier, wenngleich ich mit dem Rezensenten nicht einer Meinung bin, aber dazu später.

Was für Menschen sind nun diese Psychiater und die Psychiaterin? Alle drei sind überdurchschnittlich intelligent, fast genial. Und Whitney zusätzlich überdurchschnittlich schön. Frank Clevenger und der Highwaykiller haben etwas gemeinsam: Beide wurden als Kind misshandelt. Beide sind in ihren Biographien gefangen. Auch Clevenger hat seine Leichen im Keller, er hat eine Drogenvergangenheit, die genaugenommen erst endet, als er Billy, einen Jugendlichen mit ebenfalls traumatischer Vergangenheit, adoptiert. Was auch immer Clevenger und der Highwaykiller tun, sie tun es, um ihre Vergangenheit zu bewältigen: Der Highwaykiller mordet, Clevenger adoptiert einen traumatisierten jungen Mann, der ebenfalls immer wieder ins Kriminelle abzugleiten droht und er jagt Verbrecher. Beide sind Psychiater, beide reflektieren ihre Beweggründe aus professioneller Sicht. Das heißt aber nicht, dass sie ihr Verhalten damit zwangsläufig kontrollieren könnten. Auch McCormick wird durch ihre Biographie ins Geschehen verwoben. Sie ist die Tochter eines Senators, der die Dinge immer Kraft seiner Wichtigkeit für sie „gerichtet“ hat. Sie weiß nicht einmal, ob sie ihren Job aufgrund ihrer Leistungen bekommen hat oder aufgrund ihres Vaters und steht damit ständig unter dem Druck, sich zu beweisen.

„Sie sind ein Meister darin, Leuten in den Kopf zu schauen“ lässt Ablow auf Seite 218 einen Reporter zu Clevenger sagen und fasst damit das Prinzip zusammen, mit dem Clevenger den Kriminalfall löst: Er tritt in Kontakt mit dem Täter, versteht ihn und versetzt sich damit in die Lage, seine weiteren Schritte vorherzusagen. Daselbe macht Whitney McCormick, aber sie ist eine Frau und bringt sich dabei selbst in Gefahr. Soweit, so banal. In fast jedem Krimi oder Thriller, in dem sich Psychiater tummeln, ist es ihr Job, den Fall zu lösen, indem sie praktisch Gedanken lesen können und tausend Mal intelligenter sind als die Polizei. Und in vielen Krimis oder Thrillern ist es der Job einer schönen und gescheiten Frau, sich in Gefahr zu bringen.

Das Spezielle bei Ablow aber ist die enge Verknüpfung der Schicksale des Täters und des Ermittlers: Im öffentlichen Briefwechsel zwischen Jonah Wrens und Frank Clevenger verwischen sich die Grenzen zwischen Therapeut und Patient gleichermaßen wie die Grenzen zwischen Therapeut und Ermittler. So fordert Wrens Clevenger auf, auch seine biographischen Wunden zu veröffentlichen und bringt Clevenger in arge Bedrängnis, als dieser der Welt per New York Times seine Drogenvergangenheit gesteht, was dem Jugendamt, das den jungen Billy im Auge behält, gar nicht konveniert. Auch stellt sich permanent die Frage, ob Clevenger jetzt therapiert oder Interventionen trifft, die darauf zielen, den Täter zu stellen. Und hier will ich Peter Kümmel, der das Buch auf der Krimi-Couch bespricht (→hier noch einmal der Link zum nachlesen) vehement widersprechen: Kümmel meint, dass Clevenger seine Aufgabe nicht darin sieht, den Mörder dingfest zu machen, sondern ihn von seinen Zwängen zu heilen. Ich kann das nicht nachvollziehen und meine, während zu Beginn Therapie und Verfolgung noch nahe beisammen liegen, zielt Clevenger mit der Zeit immer mehr darauf ab, den Täter in den psychotischen Realitätsverlust zu treiben und damit dingfest zu machen.

Das Reizvolle an dieser Konstruktion ist das Spiel mit „gut“ und „böse“, mit „gesund“ und „krank“. Man hat den Eindruck, dass nur ein kleiner Zufall, eine Haaresbreite entscheidet, wer auf welcher Seite des Gesetzes steht. Auch der Killer hat eine „gute“ Seite, er heilt als Psychiater Kinder und kann sich aufgrund seiner eigenen Biographie besonders gut in deren verletzte Seelen einfühlen. Und auch Clevenger hat seine Abgründe, seine Aggressionen und Schwierigkeiten. Jonah Wrens fühlt sich ihm so nahe, dass er ihn über die New York Times frägt: „Bemühen Sie sich so sehr, Mörder zu verstehen, um sich selber zu verstehen?“

Das Unangenehme an der Sache ist, dass das Buch sich für eine Psychiaterin ungefähr so liest wie ein Regionalkrimi aus München, in dem Currywurst statt Weißwurst serviert wird. Clevenger und McCormick handeln aus professioneller Sicht äußerst unprofessionell, gehört es doch zur Profession unbedingt dazu, eigene Grenzen zu wahren. Das muss die meisten LeserInnen nicht kümmern, als Kollegin knibbelt man aber ständig an der Glaubwürdigkeit. Amüsant wird diese Entgrenzung jedoch dann, wenn die fiktiven KollegInnen auch in intimen Situationen, in denen andere Menschen einfach zu Mann und Frau werden, in erster Linie Psychiater und Psychiaterin sind. So kommen sich Clevenger und McCormick näher, indem sie sich gegenseitig analysieren.

Aus professioneller Sicht ärgerlich wird die Sache für mich jedoch am Ende, erwarte ich mir von einem schreibenden Kollegen, der – wie man seiner Homepage entnehmen kann – sich weiterhin massiv als Psychiater profiliert, doch zumindest fachliche Korrektheit. Wenn er aus Jonah Wrens einen Schizophrenen macht, vermisse ich diese aber schmerzlich. Deshalb, weil Jonah Wrens über dreihundert Seiten nicht die Symptome einer Schizophrenie aufweist. Schizophrenie scheint hier im landläufigen Sinne einer „Persönlichkeitsspaltung“ verwendet zu werden. Ein Psychiater sollte es aber besser wissen. Schmerzlich ist diese Schnoddrigkeit deshalb, weil Schizophrene ohnehin zu den beststigmatisierten PatientInnen gehören, die es gibt. Um dieses Klischee zu bedienen, bräuchte es keinen Fachmann. Dass der verrückte Mörder am Ende schizophren ist: Da hat es sich Dr. Ablow doch ein bisschen zu einfach gemacht.

Advertisements

5 Responses to “Keith Ablow – der Psychopath”


  1. 1 krimi0krimi April 1, 2008 um 20:33

    Auweia, das hört ja gar nicht mehr auf hier. Da war ich wohl ein bisschen zu geschwätzig für ein Blog. Ist mir gar nicht so lang vorgekommen.

  2. 2 dpr April 2, 2008 um 8:50

    Sag mal, liebe Frau Krimi, wo du schon die Schizophrenie erwähnst: Was hat es eigentlich mit einer „multiplen Persönlichkeit“ auf sich? Eine liebe und teure Kollegin et moi halten das für ziemlichen Humbug, einen Modebegriff. Gibt es das wirklich, mehrere „Personen“ in einer, und keine hat von der/den anderen eine Ahnung? Ich erinnere mich an einen Krimi von Mischa Bach, in dem das Thema ziemlich ausgewalzt wird. Oder gibt es das doch, wird aber in Krimis reichlich spektakulär-falsch eingesetzt?

    bye
    dpr

  3. 3 krimi0krimi April 2, 2008 um 14:38

    Hallo dpr,

    da streitet sich auch die Fachwelt drüber. In den offiziellen Diagnosemanualen gibt es das schon, da heißt es dann „dissoziative Identitätsstörung“. Das Problem ist nur, dass derartige Diagnosen keine harten Fakten sind sondern Konstrukte, die man erschließen und erfragen muss. Da hängt sich gleich die Kritik ein: Suggestible Personen können sich mit so manchem identifizieren, was man in ihnen sucht. Hardcore-KritikerInnen meinen, das sei eine Erfindung der PsychiaterInnen, die das ihren PatientInnen einreden. Aber davon distanzieren wir uns natürlich. Wir reden niemandem nix ein.

    Schwierig bleibt es trotzdem: „Persönlichkeit“ ist ohnehin schon so ein komisches Konstrukt, über das man sich schwer einig wird, und wenn es dann gleich mehrere sein sollen, wird es wirklich haarig: Kann eine Persönlichkeit allein nicht auch ganz widersprüchliche Verhaltensweisen zeigen? Ab wann muss man sagen, dass sind jetzt mehrere Persönlichkeiten, die dieses Verhalten hervorbringen? Wo ist die Grenze?

    Nichts desto trotz, es gibt die Diagnose in der Fachwelt, sie ist umstritten und wird wohl zu häufig diagnostiziert. Persönlich habe ich das nur einmal eventuell erlebt, was seltsam ist, wenn 0,5% der Bevölkerung davon betroffen sein sollen. „Eventuell“ heißt, dass die Kriterien nicht genau zugetroffen haben, sondern nur ungefähr. Für Krimis eignet sich das prima, es ist ja die Dr. Jekyll und Mr.Hyde Situation par Excellence. Dass man da spektakuläre Sachen damit veranstalten kann, kann ich mir gut vorstellen.

    lg
    Margit

  4. 4 dpr April 2, 2008 um 15:53

    Mein Dank geht nach Österreich. Möget ihr bei der Fußball-EM wenigstens ein halbes Tor schießen.Also auch hier, in einem Wort, Interpretationssache, Konstrukt. Hm. Wenn ich meinen nächsten Psychiaterkrimi schreibe, konsultiere ich dich als Fachberatung…

    bye
    dpr

  5. 5 krimi.krimi April 2, 2008 um 16:28

    Hallo,

    solange Deutschland gar kein Tor schießt, soll mir das mit dem halben Tor Recht sein. Aber letzthin haben wir sogar drei geschossen. In einem Spiel, nicht in einem halben Jahr! Die habens echt drauf, die Jungs. Leider hat der Gegner vier geschossen.

    lg
    Margit


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




April 2008
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Archive

Im Schaufenster

Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

→Journal of Medical Internet Research

→medicalblogs.de

→Alblog aus Zams


%d Bloggern gefällt das: