Krimis und das reale Leben

Während wir hier an unserem Psychiatriekrimiprojekt basteln und uns an Psychiatern als Mörder, Opfer und Ermittler erfreuen, ist in Linz tatsächlich ein Psychiater →Opfer eines Mordanschlags geworden. Da schluckt man erst einmal. Dass es in der Wirklichkeit fast einen Kollegen erwischt, das trifft. Und dann merkt man, womit man sich eigentlich beschäftigt: mit dem Töten von Menschen.

Dass die ganze Freude am morden und ermordet werden, der man eben so nachgeht, wenn man sich mit Krimis beschäftigt, abrupt ein Ende hat, wenn der Mord nicht mehr Krimi ist, sondern Leben. Da merkt man, dass es beim Krimi eben gerade nicht darum geht, jemanden zu ermorden, sondern Gefühle zu erleben, für die man im richtigen Leben keinen oder wenig Platz findet, sei es Wut, Hass, Ekel, Grauen, Neugier, Hinterlist oder die Lust an der Angst. Wir sind keine Mörder. Und Opfer wollen wir schon gar nicht sein. Das wollen wir alle nicht.

Nun kommt es aber immer wieder vor, dass Leute die Grenze zwischen Krimi und Realität überspringen. Zum Beispiel sich Krimis als Vorlage für ihre Straftaten nehmen: So soll der →Mordversuch am Spitzer Bürgermeister Hirzberger mit einer durch Strychnin vergifteten Praline einer Folge des „Bullen von Tölz“ nachempfunden sein. Und umgekehrt ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass Schriftsteller Reales als Vorbild nehmen – es fragt sich nur, bis zu welchem Ausmaß.

Bücher und Wirklichkeit sind eben nicht unabhängig voneinander. Das Leben geht in die Bücher ein und die Bücher wirken wieder in den Köpfen von Menschen. Wenn es aber um Verbrechen geht, scheint es mir wichtig, zu deklarieren, wovon wir reden. Davon, einen Menschen zu ermorden, oder darüber, über den Mord eines Menschen zu schreiben. Das ist ein Riesenunterschied. Genau genommen ein Menschenleben. Im ersteren Fall ist jemand tot, im zweiten hat im besten Fall ein Mensch ein paar schöne Stunden. Ich denke, wir Krimimenschen – SchreiberInnen und LeserInnen und Menschen, die über Krimis schreiben, haben die Verantwortung, das strikt zu unterscheiden und das auch in der Sprache sichtbar zu machen. Das gebietet der Respekt vor den Opfern realer Verbrechen. Da wird man gerne einmal schludrig – ich selber auch, wie meine BlogleserInnen vielleicht anmerken mögen. Ich streue Asche auf mein Haupt und verspreche, mich am Riemen zu reißen.

Warum ich mich über etwas auslasse, das eigentlich so selbstverständlich und banal ist? Weil da offensichtlich mancherorts wenig Gedanken daran verwendet werden. BlogleserInnen ist sicherlich die von Ludger Menke angezettelte →Diskussion über den „Ripper Award“ nicht entgangen: Im Kern der Sache steht die Frage, warum ein Krimipreis nach einem historischen Massenmörder benannt wird. Nicht nach einem Krimischriftsteller, nicht nach einer Krimifigur – nein, nach einem Massenmörder. Die Diskussion ist nicht so banal, wie sie hier klingt: Es wird dagegen angeführt, dass es sich beim „Ripper“ längst nicht mehr um den Massenmörder handle, sondern um eine metaphorische Figur (→bei Bernd, in der Diskussion). Das kann man natürlich so sehen, aber ich frage mich ganz pragmatisch – muss das sein? Die Mehrzahl der Menschen düfte sich kaum mit der Metaphorik des Namens eines Massenmörders beschäftigen und ich finde es befremdlich, einen Preis – der überdies auf einer Veranstaltung verliehen wird, die Massen anlockt – so zu benennen, dass er erst nach einigen philosophischen Überlegungen akzeptabel wird. Ich meine jedenfalls, hier ist auch der Kontext wichtig. Es handelt sich nicht um einen Preis für WissenschaftlicherInnen der Kriminalliteratur, sondern um einen Teil eines →pulikumswirksamen Spektakels mit Gruselwanderungen, fröhlichen Krimirätseln und Veranstaltungen mit dem Titel „Morden im Norden“. Es ist schön, wenn viele Menschen sich treffen, um Freude an der Kriminalliteratur haben, aber ich finde, dass die Reflexion über die Sprache in diesem Fall eindeutig in den Köpfen der Veranstalter zu passieren hat und nicht an die kognitive Verarbeitung der BesucherInnen delegiert werden kann. Jedenfalls wette ich eine Kiste Bier, dass die BesucherInnen dieses Festivals auf die Frage, wer „Jack the Ripper“ ist, sagen würden: „Ein Massenmörder in London“ und nicht „die metaphorische Umsetzung einer historischen, nie gefundenen Krimifigur, die heute für Grauen, die Leere und Ohnmacht steht“ (kein Zitat, so habe ich die Diskussion verstanden).

Aber mit der Sprache scheinen es die VeranstalterInnen ohnehin nicht so genau zu nehmen. Wie könnte es sonst sein, dass unter anderem eine Veranstaltung angeboten wird, bei der zahlreiche Methoden demonstriert werden, „wie man jemanden um die Ecke bringen kann: gängige wie Würgen, Erstechen oder Erschießen, einige ausgefallene mit Giftspinnen, Schlangen oder Fröschen oder absolut skurrile Methoden mit Hilfe von fleischfressenden Pflanzen, Bartstoppeln und Eiswürfeln.”

Wird da jetzt tatsächlich jemand ermordet?

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2 Responses to “Krimis und das reale Leben”


  1. 1 krimileser März 16, 2008 um 18:45

    In der Tat wäre es doch einmal interessant länger über die zulässigen Grenzen der Darstellung nachzudenken. Gerne wird ja angeführt, dass Computerspiele, Thriller u.A. den Menschen zur Gewalt verführten, aber umgekehrt kann doch die Lektüre für Gewalt auch sensibilisieren.

    Ich glaube ja nicht, dass erwachsene Menschen, wenn sie sich mit Farbe aus Wasserpistolen beschießen (insbesondere bei den männlichen Teil ja beliebt), den mentalen Weg zum Mörder beschreiten. Demzufolge sollen sie meinetwegen auch Methoden demonstrieren, mit denen man um die Ecke bringen kann. Aber entlarvend finde ich diese Sprache und das Event schon.

    Mit Literatur hat das ja nun wirklich nichts zu tun; am meisten ärgert mich deshalb, dass ich meine die Literatur gegen solche Ausfälle in Schutz nehmen zu müssen. [Selbst Autorinnen wie Tess Gerritsen gehen da ernsthafter zu Werke].


  1. 1 Massenmord (Wagner 1913) - NuT Trackback zu März 15, 2008 um 16:57

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