Reinhard Haller – Die Seele des Verbrechers

Wenn man Krimis schreibt, schadet es auf keinen Fall, sich ein wenig mit der Psychologie des Verbrechens zu beschäftigen. Motive wie Neid, Habgier, Eifersucht sind uns allen aus der einschlägigen Literatur bekannt. Aber wir alle sind dann und wann neidisch, habgierig und eifersüchtig und bringen deshalb noch lange niemanden um. Zumindest nicht in der Wirklichkeit und Phantasien sind frei.

Was aber bringt nun Menschen dazu, die Grenze zur Tat zu überschreiten? Sind sie alle geisteskrank? Oder wie sonst könnte man sich die grausigen Taten eines Serienmörders erklären? Und was bringt uns dazu, Mitgefühl mit der gehörnten Ehefrau zu haben, die ihren Mann in Flagranti erwischt und im Affekt erschlägt, während ein Kannibale nur kaltes Schaudern in uns hervorruft? Bleibt Mord nicht Mord? Was lässt uns mit Mördern mitfühlen? Diese Frage ist – nebenbei bemerkt – für Schreiber von fiktionaler Literatur besonders interessant. Warum zittern wir alle mit James Bond, wo er doch ein vielfacher Mörder ist? Tragen wir alle kleine Mörder in uns, die sich gegebenenfalls mit den Mördern der Literatur- und Filmwirtschaft solidarisieren?

Auf die Frage nach den Motiven und Hintergründen für Verbrechen gibt es sicherlich keine allgemeingültigen Antworten. Was es aber gibt, ist das Buch „Die Seele des Verbrechers“ von Reinhard Haller. Reinhard Haller ist Gerichtspsychiater und hat in dieser Funktion zahllose Gespräche mit Verbrechern geführt, unter anderm mit Jack Unterweger und Franz Fuchs, die im ausgehenden 20. Jahrhunder die wohl spektakulärsten Verbrechen Österreichs begangen haben.

Was man aus dem Buch lernt: Kein Verbrechen ist wie das andere, kein Täter ist wie der andere. Vom „Overkill“ über den Mord aus Liebe, dem Giftmord, dem Amoklauf oder dem Sexualverbrechen, auch die Rolle von Alkohol kommt zur Sprache – es gibt Gemeinsamkeiten, letztlich stehen aber immer individuelle Schicksale dahinter. Berührend ist die Geschichte des jungen Marcus B., der etwas naiv und tollpatischig binnen Minuten in einer Verbrechen verwickelt und zum Mörder wird. An dieser Stelle hofft man nur, selber nie in diese Lage zu kommen. Anders wieder sind die Geschichten sexueller Gewalt, wo man sich wünschen mag, diesen Leute nie zu begegnen. Der Autor zeichnet in seinem Buch die Lebensgeschichten der Täter nach und beleuchtet die Tat aus psychologischer Sicht. Wohltuend ist die unspektakuläre Sprache, handelt es sich doch nicht um fiktive Taten, sondern um reale und das Grauen braucht hier in der Tat keine Zuspitzung durch besondere Stilmittel. Wohltuend ist auch die Bescheidenheit, die Grenzen des eigenen Faches aufzuzeigen und nicht alles erklären zu wollen.

Doch lassen wir den Autor selber zu Wort kommen: In seinem Vorwort schreibt Haller:

Immer bleiben verschiedene Möglichkeiten offen und Fragen unbeantwortet. Den Leserinnen und Lesern dieses Buches bleibt daher eine wichtige Arbeit nicht erspart: Sie sollen sich aus den kriminologischen Fakten und den strafrechtlichen Beurteilungen, den psychologischen Analysen und den wissenschaftlichen Erklärungen, aus dem Vergleich mit anderen Fällen und dem eigenen Nachfühlen ein Bild machen. Ein Bild, das erschreckend und faszinierend sein kann, ein Bild, das Mitleid oder Abscheu erzeugt, das eigenes Vertrautsein oder völliges Befremden, oft auch Angst und Grauen auslöst, ein Bild, das immer unvollkommen sein wird.“

und an anderer Stelle:

… – man vergesse dies nicht – ist die Seele des Verbrechers nichts anderes als ein unbewusstes, oft zugespitzes Abbild der Psyche des Menschen schlechthin.

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4 Responses to “Reinhard Haller – Die Seele des Verbrechers”


  1. 1 Ernst Klugbeidler Februar 2, 2008 um 21:23

    Mag auch jeder Mord verschieden sein. Am Ende eines solchen Verbrechens steht aber doch stehts das Gleiche: Der Tod!

  2. 2 Johanna E. Klugbeidler Februar 2, 2008 um 21:26

    Welches Bild soll man sich machen? Was kann dieses Bild zeigen? Hier hat der Artikel eine Schwachstelle.

  3. 3 nike Januar 16, 2009 um 21:45

    ich hätt ne bitte ob jemand vieelleicht eine kurze zusammenfassung von diesem Franz Fuchs hat.. halt von den themen im buch .. würds dringend brauchen .. bitte hieer meldeen dankee :D ur lieeb

  4. 4 thewritingfranz Januar 26, 2009 um 18:47

    Kühn gar wohl ist die Behauptung, James Bond sei ein Mörder. Entging es Dir, dass er ständig die Welt rettet und er deswegen Schurken erledigen muß? Quasi in einer Generalnotwehr für das Wohl der ganzen Menschheit.Ohne James wären wir schon alle lang erledigt. Sei es durch den Mann mit dem goldenen Colt, sei es durch Goldfinger, durch das Golden Eye, Niemals-Nie -sagen oder durch die Oktopussy oder gar durch Dr. No.


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