Archiv der Kategorie 'Dies und das...'

Georges Simenon - ein Mann der Superlative

Er habe Groschenromane unter 23 Pseudonymen geschrieben, bis zu 80 Seiten an einem Tag geschafft und sechs bis elf Tage für einen 200-Seiten-Roman gebraucht. Er habe der Nachwelt 200 Trivialromane und 1500 Erzählungen und Reportagen, dazu weitere 200 Romane unter seinem richtigen Namen hinterlassen. Die Gesamtauflage seiner Bücher werde auf eine halbe Milliarde* geschätzt, sein Werk sei in mehr als 60 Sprachen übersetzt worden. Auch privat mochte er Extreme: Er habe 29 Häuser besessen und wieder verkauft, zuletzt habe er einen Haushalt in der Schweiz mit fünf Limousinen, einem eigenen Privatspital mit Operationssaal und dem größten privaten Swimmingpool Europas geführt.

Das alles steht im aktuellen →Profil, Wolfgang Paterno hat den Artikel anläßlich der Neuedition von 75 Maigret-Romanen bei Diogenes verfasst. Der Artikel ist leider nicht online.

* korrigiert, vorher fälschlich: Million

Neue Einnahmequelle für Verlage

Kleine Verlage haben es nicht leicht und müssen oft mit kargen Budgets wirtschaften, was sich der Innsbrucker →Berenkamp-Verlag einfallen hat lassen, ist aber auch für einen kleinen Verlag recht →originell:

Wenn Sie uns ein fertiges Buch- oder Theatermanuskript zukommen lassen wollen, bitten wir Sie um das vollständige Manuskript in ausgedruckter Form …

… Unangeforderte Manuskripte, die Berenkamp nicht in sein Verlagsprogramm aufnimmt, senden wir grundsätzlich nicht zurück. Legen Sie daher kein Retourporto bei. Fordern Sie dennoch die Rücksendung Ihres Manuskripts, berechnet Berenkamp eine Bearbeitungsgebühr von € 120 (einhundertzwanzig Euro) inklusive Mehrwertsteuer je Manuskript; es handelt sich dabei um das Entgelt für die Bewertung des Manuskripts sowie um die Porto- und Verpackungsspesen. Die Rücksendung des Manuskripts erfolgt nur gegen Vorauskassa. Unangeforderte Manuskripte, die Berenkamp nicht in sein Verlagsprogramm aufnimmt und die der Autor nicht zurückfordert, werden drei Monate nach Einreichung entsorgt, ohne dass der Autor verständigt wird.

Also, dass kleine Verlage Rückporto oder besser noch ein frankiertes Kuvert verlangen, wenn jemand sein Manuskript zurück haben will, das ist ja normal und in Ordnung. Aber 120 Euro dafür, ein Manuskript zurückzusenden, das ist schon eine Zumutung. Bitte, dass das Manuskript gelesen wird, ist im Interesse des Verlags oder auch nicht, dann soll er es ganz einfach bleiben lassen. Niemand zwingt einen Verlag dazu, ein Manuskript zu lesen. Keiner hindert ihn daran, auf Seite drei abzubrechen, wenn es Schrott ist. Aber davon, dass der Verlag das Manuskript liest und es dann ablehnt, hat der Autor rein gar nichts, warum soll er bitte für keine Leistung ihm gegenüber bezahlen? Oder stellt Berenkamp seine ausführliche Bewertung den AutorInnen zur Verfügung? Dann wäre es aber gut, auch zu deklarieren, was die Leute für ihr Geld kriegen. In Ordnung wäre es aber selbst dann nicht, denn das ist ja keine Dienstleistung, die der Autor beim Verlag in Auftrag gibt. Er bietet das Manuskript dem Verlag zu Veröffentlichung an, wenn dieser interessiert ist, wird er es in Gottes Namen lesen müssen, aber dass es zu diesem Zeitpunkt einen Vertrag zwischen Autor und Verlag über die Dienstleistung “Bewertung des Manuskripts” gäbe, wäre mir neu. Sonst könnte der Verlag die Manuskripte auch nicht nach drei Monaten ohne jede Rückmeldung kübeln. Oder müsste auch dafür Geld verlangen, bewertet ist bewertet.

So wie es dasteht, denkt man sich jedenfalls: Die wollen 120 Euro rein dafür, dass sie das Manuskript in ein Kuvert stecken, eine Briefmarke draufkleben und es zurückschicken, was sie damit getan haben, bleibt ihr Geheimnis.

Dass man nicht einmal antwortet, wenn man an einem Manuskript nicht interessiert ist, ist zwar vielleicht üblich, aber nicht grad die feine englische Art. Bei Berenkamp ist das aber sicher besser, für eine Standardabsage per Mail müssten sie vermutlich 70 Euro Bearbeitungsgebühr verrechnen. Für diesen einzigartigen und kreativen Umgang mit AutorInnen verleihen wir dem Berenkamp-Verlag den güldenen Eulenspiegel zweiter Klasse mit Band und wünschen weiterhin viel Erfolg.

Kriminachrichten aus Österreich

Einen irischen Krimi bespricht dieses Mal der Standard: Das Debut der in Dublin lebenden Autorin →Tana French. 600 Seiten ohne Durchhänger, meint die Rezensentin Ingeborg Sperl und das ist in der Tat beachtlich.

Im Literaturhaus rezensiert Barbara Angelberger →”Kreuzigers Tod” von Peter Oberndorfer: “Ungewöhnlich und wohltuend an Oberdorfers Erstling ist, dass er im Gegensatz zur sonst übliche Autro Krimi Produktion keinen lustig-flapsigen Ton anschlägt, sondern sich um Ernsthaftigkeit bemüht. Da frage ich mich jetzt schon, ob das nicht eine Generalsierung ist. Was ist denn zum Beispiel lustig-flapsig am Polt? Ist Slupetzky so flapsig? Oder Thomashoff? Aber vielleicht haben Haas und Raab viel überstrahlt. Jedenfalls gelte hier: der Krimi-Plot und die psychologische Zeichnung der HandlungsträgerInnen (sic! gendergerecht!) stehe im Vordergrund und nicht die Pointe. Trotz mancher Unstimmigkeiten sei Oberdorfer ein Debut gelungen, das Lust auf mehr macht, fasst die Rezensentin zusammen.

Die Wienerzeitung würdigt in aller Kürze →Janwillem van de Wetering.

Und die KollegInnen von den Eselsohren schreiben und schreiben und →schreiben. Dieses Mal über “Dr. Siri und seine Toten” von Colin Cotteril unter der sehr österreichischen Überschrift “An was für Haaren herbei gezogen” und über “Nasses Grab” von Helena Reich unter dem international verständlichen Titel “Nicht mein Fall”. Außerdem über “Im Namen des Mörders” von Giorgio Faletti.

Nachgereicht und nur um nicht den Eindruck zu erwecken, dass in Österreich praktisch niemand über den Tod von Janwillem van de Wetering schreibt: Auch der →Standard schreibt und der →ORF. Und der →Hauptverband des Österreichischen Buchhandels. Besonders ergiebig ist das aber alles nicht.

Autoren ziehen gegen das Feuilleton los

… schreibt der →Standard. Der Autor Dante Andrea Fanzetti, verlegt übrigens in Tirol bei Haymon, räsnoniert in seinem Artikel über Feuilletons, die eine Seite lang über Autoren mit Baseballkappen schreiben, um dann in einem winzigen Kasten auf eine Lesung - ein Event - hinzweisen. Dort werde auch der Autor gezeigt, mit Baseballkappe. Das Buch, vielleicht die Arbeit von fünf Jahren sei nicht das Thema, eine Kränkung für Autoren: “Kulturredakteure sind zu People Redakteuren geworden.”

Einige können es sich aber leisten zu rebellieren, meint er und nennt Philipp Roths Roman “Exit Ghost”: Ein Literaturwissenschaftler wolle das vergessene Werk eines Autors in die Öffentlichkeit bringen und bediene sich dafür der Methoden des Boulevards. Darüber sei die Witwe vergessenen Autors entsetzt. Sie schreibe einen langen Brief an die Times, in dem sie den Kulturjournalismus der Zeitung als “Boulevardgeschwätz” kritisiert. Auch Peter Handke treffe Feststellungen über die Journalisten. Den ganzen Artikel über Boulevard-Literatur-Journalismus und mögliche Gegenstrategien gibt es →hier zu lesen.

Österreichisch für Fortgeschrittene

Und weil ich schon soooo lange nichts mehr auf Österreichisch →geschrieben habe, verlinke ich jetzt auf den Bloggerkollegen Nömix, der Nachhilfe in →österreichischer Kultur gibt, besonders empfehlenswert ist sein Einblick in eine →Chorprobe.

Gefunden habe ich Herrn Nömix bei Anobella, wo er mit einer Engelsgeduld die →Sprosskonsonanten erklärt.

Krimifunde in Österreich

Österreichs Medien stehen derzeit unter dem Motto “True Crime”, die Urteile im BAWAG-Prozess wurden gesprochen und Helmut Elsner vermutet eine →Verschwörung.

Krimi, wohin man schaut, dazu passt Thomas Schlossers Glosse in der Wiener-Zeitung. Unter dem Titel →”die Welt- ein einziger Krimi” stellt er fest, dass der Begriff ziemlich inflationär gebraucht werde, vom “Elfmeterkrimi” bis zum “Wahlkrimi”. Dieser sprachlichen Inflation entspriche die kulturelle: Zu den wenigen literarischen Genres, die zurzeit boomen, gehöre der Kriminalroman.

“Krimiwochen” gibt es anscheinend bei den Eselsohren. Hat es Anfang Juni dort eine kleine Krimipause gegeben, sind jetzt gleich sechs Krimi-Rezensionen in zwei Wochen erschienen: Über “die 6. Geisel” von James Patterson, “der Retuscheur” von Dimitri Stachow, “Skandal in Olympia” von Christa Holtei, “Finnischer Tango” von Taavi Soininvaara, “Teuflisches Genie” von Catherine Jinks und “Dark River” von John Twelve Hawks. →Hier geht es zur einschlägigen Abteilung. “Retuscheur” tut allerdings weh, jedenfalls Menschen, die noch mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen sind.

Der Standard rezensiert →”das Dilemma des Maresciallo”, den 14 Florenz-Krimi der gebürtigen Engländerin Magdalen Nabb. Leider sei Frau Nabb 2007 gestorben, erfahren wir beim Standard. Sonst hätte ich gesagt, Konkurrenz belebt das Geschäft, man kann den Italien-Markt doch nicht einer Venedig-Krimis schreibenden Amerikanerin überlassen. Ich finde, es wäre auch einmal Zeit für eine Toscana-Krimis schreibenden Bulgarin. Von Magdalen Nabb habe ich übrigens noch nie zuvor gehört, sie lebte seit 1975 in Florenz uns soll eine Brieffreundschaft mit Georges Simenon unterhalten haben, erfahren wir bei der →Wikipedia.

Einen “Buchtipp der Woche” haben die “Oberösterreichischen Nachrichten” parat. →”Mensch ohne Hund” von Hakan Nesser. “Ein echter Schwede”, stellen die “Oberösterreichischen Nachrichten” fest und damit ist ja alles klar, dann macht es auch nichts, wennd die Rezension ein bisschen kurz ist. Etwas mehr erfahren wir bei den “Oberösterreichischen Nachrichten” über →”der letzte Weynfeld” von Martin Suter, das mag daran liegen, dass er vor kurzem erst in Linz gelesen hat. Das Buch sei “etwas anderes als der übliche Krimi von der Stange”, meinen die Rezensenten, er sei “Gesellschaftssatire und Charakterstudie”, und so nebenher erfahre man allerhand über Kunst und den Betrieb, der Kunst zu Geld mache. “Und nicht zuletzt erweist sich das Buch als Bekenntnis zum guten Leben auf gehobenem Niveau”, schließt die Rezension. Da wird mir allerdings immer ein bisschen schwummerig, wenn man Bekenntnisse in Krimis hineinliest. Wenn ich jetzt einen Vogelfängerkrimi schreibe, ist das dann ein Bekenntnis zum Vogelfang? Bitte, ein Krimi ist doch kein Beichtstuhl! Aber solange den Autoren keine Bekenntnisse zu Mord und Totschlag untergejubelt werden, ist es ja nicht so tragisch.

Bachmannpreis - ein Kongressbericht

Als ich letztes Wochenende 3sat sah, um mich literarisch weiterzubilden, war ich einigermaßen überrascht: Von Manien war da die Rede, von Zwangsneurosen und Phobien, auch Sigmund Freud wurde dezent eingeflochten. Da gab es Diskussionen über Entspannungsmethoden und Empfehlungen für Fachliteratur wie “Oliver Sacks”. Da wurde auch konstatiert, dass jemand infolge übermäßigen Drogenkonsums wohl seinen Stoffwechsel nicht mehr im Griff habe. Die sprechen ja alle meine Sprache, diese Bachmannpreis-Juroren und Jurorinnen, dachte ich: Wunderbar! Ich habe als Psychiaterin also die richtige Ausbildung und werde mich nächstes Jahr als Jurorin bewerben. Um mir die literarische Terminologie wirklich zu eigen zu machen, habe ich zunächst einmal eine Zusammenfassung des diesjährigen Wettbewerbs verfasst:

Gleich ums Eingemachte geht es in der Diskussion über Heike Geißlers Text “Das luftige Leben”: Ob ein Engel nun ein Engel sei oder ein psychologisches Phänomen in Form einer “pathologischen Halluzination”, gilt es hier zu klären. Das betrifft natürlich die Grundfesten der Psychiatrie: Wie sehen wir die Welt, was wird als normal betrachtet, was nicht mehr, wer setzt die Normen und mit welcher Konsequenz? Entsprechend widersprüchlich ist die Diskussion: “Es sei ein Versuch einer zeitgenössichen Verrücktheit, die so intelligent ist, dass sie sich selbst schon wieder quasi Hemmschuhe anlegen kann”, meint Burkhard Spinnen. Vor hundert Jahren wäre das ein “Weg in die Stringenz der Katastrophe des Wahnsinns” gewesen, aber der Protagonist dieser Geschichte sei “zu intelligent, um verrückt zu werden”. Klaus Nüchtern vermutet den Wahnsinn dagegen nicht im Inhalt des Textes, sondern gleich in der Sprache: Er findet ein “zartes konjunktivisches Zittern, das bis zum Wahnsinn korrekt eingesetzt wird”. “Engel sind eine Kunstfigur”, er liebe Engel, verortet André Vladimir Heiz den Engel ganz selbstverständlich außerhalb des Wahnsinns. Ijoma Mangold dagegen probiert es mit Konstruktivismus. Er verteidigt die Existenz des Engels, indem er deutlich macht, dass alle Religionsstiftung ein Benennungsakt sei. Damit sei der Engel, sobald der Name gefunden sei, und der Name sei eben “Engel”, auch erschaffen als Realität. Realität oder Wahnsinn, Wahnsinn oder Realität, das ist hier die Frage. Doch Ursula März demonstriert an einem berühmten Vorbild, dass es weder Realität noch Wahnsinn sein müsse: “Er ist nicht verrückt, der Meister Eder, er ist ein Tagträumer”, erläutert März. Gemeint ist, so möchte ich ergänzen, jener Meister Eder, der ständig von einem Kobold namens Pumuckl heimgesucht wird. Dr. Freud habe das Tagträumen “vorbewusstes Fantasieren” genannt, führt Ursula März weiter aus, der Traum verbinde sich mit der Wirklichkeit. Da möchte ich mich jetzt einmal einmischen und dezidiert feststellen, dass Pumuckl natürlich kein Tagtraum des Meister Eder ist, sondern real, ich habe ihn mit eigenen Augen im Fernsehn gesehen

Noch viel schwieriger wird es bei Patrick Findeis, hier wird sich die Jury nicht einmal einig, ob der Text “Kein schöner Land” überhaupt in Kategorien der Psychologie zu beschreiben sei. Von einem “psychologischen Klischee der bäuerlichen Physiognomie” spricht Ijoma Mangold, André Vladimir Heiz dagegen sieht einen absolut “unpsychischen Text, der das Reden durch Paralellhandlungen ersetzt”. Die Frage des Verhältnisses dieses Textes zur Psychologie oder auch nur zur Psyche wird leider nicht geklärt, das finde ich ein wenig unbefriedigend. Insbesonders, da ich mir zwar ein psychologisches Klischee vorstellen kann, nicht aber einen “unpsychischen Text”, beziehungsweise das Gegenteil: Was ein “psychischer Text” ist, hätte mich doch näher interessiert.

Beim Text “Scherbenpark” von Alina Bronsky mangelt es der Jury ganz deutlich an Konzentration. Es handle sich um ein “posttraumatisches Belastungssyndrom” vermutet Daniela Strigl schon ganz zu Beginn, die Protagonistin des Textes wehre sich jedoch gegen die Zumutungen der modernen Psychologie. Ursula März hat wohl nicht zugehört, wenig später stellt sie fest, sie brauche Psychologen, um den Text zu verstehen. Burkhard Spinnen meint kurz darauf, er sei auch nicht der Psychologe, der es erklären kann. Was ist hier los? Frau Strigl hat es doch schon zu Beginn erklärt

Um das Thema “Trauma” geht es auch im Text “Im roten Meer” von Sudafeh Mohafez, in der die Ich-Erzählerin einen Brand erlebt. Diagnostische Unklarheiten scheint es hier nicht zu geben und so vertiefen sich die Diskutanden gleich in verschiedenen Aspekte des Themas. Ijoma Mangold bringt eine psychoanalytische Perspektive ein: Der Feuerwehrmann mit seinem Schlauch sei ein übertriebener phallischer Entwurf meint er. Burkhard Spinnen dagegen fokussiert eher auf die praktischen Aspekte der klinischen Versorgung: Brandopfer bringe man nicht in ein Obdachlosenheim, reklamiert er, er habe sich extra bei der Feuerwehr erkundigt; man bringe sie in ein Hotel. Auch sonst ist er mit der Versorgung der Brandopfer in Mohafez’ Text nicht zufrieden und kritisiert vehement die Tatortbegehung: “Ein schwer traumatisiertes, unmittelbar betroffenes Brandopfer über eingestürzte Treppen in ein Haus zu führen, in dem ganze Zimmer weggebrochen sind, kostet den Mann seinen Job, das kann man nicht machen.”

Es gebe bei jedem Wettbewerb einen Verrückten, meint Klaus Nüchtern, als er zur Besprechung des Textes “die Waage” von Clemens J. Setz anhebt. Er meine damit aber nicht den Autoren, sondern die Figur, beeilt er sich hinzuzufügen und stellt sodann die Diagnose einer Zwangsneurose. Jean Claude Sulzer versucht die “Verrücktheit” zu quantifizieren, der Protagonist sei immerhin weniger verrückt als das Umfeld. Mit der Differenzialdiagnose Nüchterns ist er aber gar nicht einverstanden, er feiert die “Einführung einer neuen Phobie”, nämlich die “Waagephobie”. Das ist nun allerdings gar nicht daselbe, wir hoffen, dass André Vladimir Heiz etwas zur Klärung beitragen kann. Doch Herr Heiz kann sich nicht einmal der anfangs getroffenen Feststellung anschließen, dass die Verrücktheit der literarischen Figur zu besprechen sei und nicht die des Autors. Er verstehe nicht, ruft er aus, warum “junge, putzige Männer” neurotische Ehepaare beschreiben. “Die haben doch ein Trauma!”, tut er kund und meint damit keineswegs die literarische Figur. Zum Glück haben wir noch Daniela Strigl. Zwar bringt auch sie noch eine Differenzialdiagnose ein, es gehe hier um Angst meint sie, doch bevor es zum Expertenstreit kommt, welche der Differenzialdiagnosen nun die Richtige sei, eröffnet sie einen neuen Zugang. Die Antwort sei bereits im Text: “Rohrschach-Flecken auf dem Asphalt”. Der Text sei ein umgedeuteter Rohrschach-Fleck, bringt sie die Diskussion der Fachleute zu einem gütlichen Ende.

Maximale diagnostische Unsicherheit herrscht auch über “Das Zimmermädchen” des Markus Orths, da ist von “Voyeurismus” die Rede, von “Putzsucht” und “zwangsneurotischer Fixierung”, von “neurotischen Verkrampfungen”, sogar etwas Manisches wurde diagnostiziert. Wieder ist es Ijoma Mangold, der die psychoanalytische Sicht einführt: Aus der Perspektive von Lynn unter dem Bett nehme man von Menschen nur noch Teile bzw. einzelne Organe wahr und diese fügten sich nicht mehr zu einem Ganzen. Freud habe dies “Partialobjekte” genannt und Partialobjekte seien immer Träger des Unheimlichen. André Vladimir Heiz dagegen mag hier gar keine psychoanalytischen Überlegungen anstellen: Der Autor baue eine Paralellwelt auf, die nicht psychologisierend oder moralisierend interpretiert werden müsse, meint er. Ach, denken wir da, waren jetzt all diese geschickten Winkelzüge der Differenzialdiagnostik umsonst? Das Manische des Textes müsse aber unbedingt erhalten bleiben, setzt Heiz jedoch fort. Das ist zwar keine psychologisierende Interpretation, aber den ganzen Text unter dem Gesichtspunkt der Manie zu betrachten, ist nun auch ein psychiatrisches Statement. Ursula März fehlt dagegen jeder Bezug zur Psychopathologie, sie findet völlig normal, was das Zimmermädchen Lynn da macht. Lynn putze, was ihre professionelle Aufgabe sei und dass sie herumgucke und sich für die Angelegenheiten der Leute interessiere, das fänden wir alle doch ganz normal. Und wenn sie sich jeden Dienstag unter das Bett lege - man sei knapp davor, zu denken, es gehöre dazu. Frau März muss es wissen, sie habe früher als Zimmermächen in einem Sporthotel gearbeitet, und unter anderem Zimmer für Ajax Amsterdam gereinigt. Da vertrauen wir doch am besten ihrer Berufserfahrung.

Eine “Neigung zum Psychogramm” attestiert André Vladimir Heiz Tilman Ramstedts schwungvollen Text “Der Kaiser von China” über einen Großvater, der nicht sterben will und einen Enkel, der unter eben jenem Großvater leidet. Heiz liefert auch eine psychoanalytische Deutung: Es sei ein Text, den er mit “das überklebte Über-Ich” überschrieben habe, und zwar, weil im Text von Sigmund Freud über den Humor ja immer gesagt werde, es gehe uns besser, wenn das Über-Ich sich liebevoll auf unsere Schulter setzt und wir darüber lachen können. André Vladimir Heiz hält ein flammendes Plädoyer für den Humor: “Also hier wirkt Humor als … Therapie, ich nehme jetzt das Wort um der Jury zu gefallen, ich brauche keine Therapie, denn wenn wir schon auch das Jüdische ansprechen möchten, dann kann man natürlich sagen, dass Humor überhaupt die beste Methode ist, jemanden los zu werden.” Im Übrigen sei sich Heiz gar nicht sicher, dass der Großvater schon tot ist, sondern es sei das Über-Ich, das da ständig ununterbrochen schwatze. Ganz nebenbei erfahren wir in Heiz’ Vortrag, warum es überhaupt Psychoanalyse gibt: Psychoanalyse sei überhaupt die Methode, um Klischees loszuwerden, man habe ja keine Ahnung von seinem Vater und seiner Mutter, sondern reihe dort ein Klischee nach dem anderen auf. Aber nun zurück zum Text: Der Text treibe den Teufel mit dem Teufel aus, es sei der Triumph des Humors in einer inzestuösen Enkel-Großvater-Beziehung. Das klingt ja wirklich sehr verheißungsvoll, Humor als Therapie und als Methode um Teufel auszutreiben. Die Jury scheint dem Humor jedoch zu misstrauen und “schürft” immer wieder nach dem Ernsten, wie es Daniela Strigl ausdrückt. Nebenbei diskutiert die Jury die Frage, ob man den Text gar einfach lustig finden darf oder ob diese Unterhaltsamkeit verdächtig sei. Da fallen schon einmal grauenvolle Schimpfwörter wie “Elfenbeinturm”, da werden “gelbe Karten” verteilt und Herr Heiz schweigt an dieser Stelle, dabei könnte er hier trefflich etwas zum Thema “Über-Ich” beitragen. Ich würde diesen roten Faden, der sich durch die Diskussion zieht, ja so zusammenfassen: “Ist ein humorvoller Text überhaupt ein Text?” Aber jetzt habe ich mich ungebührlich eingemischt, ich sehe Herrn Spinnen schon mit der gelben Karte wacheln, wenn nicht gleich mit der roten. Jedenfalls hilft Alain Claude Sulzer aus dem Dilemma, er diagnostiziert manisch-depressive Episoden bei Rammstedts Großvater-Figur. Da muss sich dann also keiner mehr Sorgen machen, dass der Text eventuell zu leicht sei könnte, “depressiv” ist doch um einiges gewichtiger als “ernst”.

Auch die beste Jury braucht irgendwann Regeneration und findet sie schließlich im Text von Anette Selg. Unter der Anleitung von Anette Selg entspannt sich die Jurorenschaft und räsoniert von “Entspannung in der Sonne” und “Yoga”. Daniela Strigl unterstreicht die entspannende Wirkung dieses Textes gar mit eigenen physiologischen Reaktionen. Wichtig bei Entspannungstechniken ist auch immer, die eigene Mitte zu finden. Von einer “Person Mitte dreißig” lässt sich Burkhard Spinnen sich zu folgendem Mantra inspirieren: “Irgendwo Mitte, irgendwo Mitte, alles Mitte.” Besser könnte man die potenziell hypnotische und suggestive Wirkung von Sprache nicht mehr demonstrieren.

Quelle: →Bachmannpreis.orf.at

Lesestoff für Eilige

Wer an so einem wunderbaren Sommersamstag vielleicht etwas lesen will, das keine 800 Seiten hat, findet derzeit im Standard sein Fastfood:

Im Standard gibt es einen Text von Krimiautor Thomas Raab zu lesen. Thema: →Meine Seite. Der Text handelt von zwei Karlis, viel Tixo und die Doppeldeutigkeit des Begriffs “Seite”. Typisch Raab halt, alles zweideutig. Der Text gehört zur Standardserie “Grenzerfahrungen”, wie auch →”Manga, Manga, Manga” von Clemens Berger: Ein Mann steigt in Kreta in einen Mini-Pickup und gerät in Gefahr: ”Ich wiederhole, er brüllt, ich sehe den Wahnsinn in seinen Augen, den ich kenne, wenn ein Mann mir zeigt, daß er mir gleich etwas antun wird. ”

Internetprobleme und ein Fernseh-Krimi-Tipp

Ich habe im Moment kein Internet zu Hause, deshalb blogge ich so kurz angebunden und bis es wieder geht, wird das auch so bleiben. Fast →anobellesk schon.

Deshalb verweise ich hier auch nur ganz kurz darauf, dass am Mittwoch, dem 3.7. um 22:20 →”Komm Süßer Tod” von Wolf Haas auf ORF1 läuft. Muss man gesehen haben, so zwei bis drei Mal.

Herzlichen Glückwunsch, Tilmann Rammstedt

Ich gratuliere Tilmann Rammstedt herzlich zum Bachmannpreis und zum Publikumspreis. Ich habe auf dieser →Zockerseite, nebenbei der →beste Bachmannblog, den es gibt, auf ihn gesetzt und gewonnen. Ich freue mich. In Tilmann Rammstedts Text geht es um einen Großvater, der nach China fahren will, nicht aber nach Österreich. Überhaupt war er sein Leben lang noch nie in Österreich. Andererseits war es ein sehr flotter Großvater, denn er war immerhin mit drei Frauen verheiratet. Das hat die Jury zur bemerkenswerten Diskussion veranlasst, ob es möglich sei, dass ein Großvater, der noch nicht einmal in Österreich war, in der Lage sei, drei Frauen zu finden. Schließlich wurde der Konsens gefunden, dass es sehr wohl möglich sei, drei Frauen in Deutschland zu finden. Das wäre dann also geklärt.

Die anderen Preisträger sind:

Markus Orths: Telekom-Preis

Patrick Findeis: 3sat-Preis

Clemens J. Setz: Willner-Preis

Ich gratuliere allen Preisträgern!

Quelle: →kaernten.orf.at

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