Als ich letztes Wochenende 3sat sah, um mich literarisch weiterzubilden, war ich einigermaßen überrascht: Von Manien war da die Rede, von Zwangsneurosen und Phobien, auch Sigmund Freud wurde dezent eingeflochten. Da gab es Diskussionen über Entspannungsmethoden und Empfehlungen für Fachliteratur wie “Oliver Sacks”. Da wurde auch konstatiert, dass jemand infolge übermäßigen Drogenkonsums wohl seinen Stoffwechsel nicht mehr im Griff habe. Die sprechen ja alle meine Sprache, diese Bachmannpreis-Juroren und Jurorinnen, dachte ich: Wunderbar! Ich habe als Psychiaterin also die richtige Ausbildung und werde mich nächstes Jahr als Jurorin bewerben. Um mir die literarische Terminologie wirklich zu eigen zu machen, habe ich zunächst einmal eine Zusammenfassung des diesjährigen Wettbewerbs verfasst:
Gleich ums Eingemachte geht es in der Diskussion über Heike Geißlers Text “Das luftige Leben”: Ob ein Engel nun ein Engel sei oder ein psychologisches Phänomen in Form einer “pathologischen Halluzination”, gilt es hier zu klären. Das betrifft natürlich die Grundfesten der Psychiatrie: Wie sehen wir die Welt, was wird als normal betrachtet, was nicht mehr, wer setzt die Normen und mit welcher Konsequenz? Entsprechend widersprüchlich ist die Diskussion: “Es sei ein Versuch einer zeitgenössichen Verrücktheit, die so intelligent ist, dass sie sich selbst schon wieder quasi Hemmschuhe anlegen kann”, meint Burkhard Spinnen. Vor hundert Jahren wäre das ein “Weg in die Stringenz der Katastrophe des Wahnsinns” gewesen, aber der Protagonist dieser Geschichte sei “zu intelligent, um verrückt zu werden”. Klaus Nüchtern vermutet den Wahnsinn dagegen nicht im Inhalt des Textes, sondern gleich in der Sprache: Er findet ein “zartes konjunktivisches Zittern, das bis zum Wahnsinn korrekt eingesetzt wird”. “Engel sind eine Kunstfigur”, er liebe Engel, verortet André Vladimir Heiz den Engel ganz selbstverständlich außerhalb des Wahnsinns. Ijoma Mangold dagegen probiert es mit Konstruktivismus. Er verteidigt die Existenz des Engels, indem er deutlich macht, dass alle Religionsstiftung ein Benennungsakt sei. Damit sei der Engel, sobald der Name gefunden sei, und der Name sei eben “Engel”, auch erschaffen als Realität. Realität oder Wahnsinn, Wahnsinn oder Realität, das ist hier die Frage. Doch Ursula März demonstriert an einem berühmten Vorbild, dass es weder Realität noch Wahnsinn sein müsse: “Er ist nicht verrückt, der Meister Eder, er ist ein Tagträumer”, erläutert März. Gemeint ist, so möchte ich ergänzen, jener Meister Eder, der ständig von einem Kobold namens Pumuckl heimgesucht wird. Dr. Freud habe das Tagträumen “vorbewusstes Fantasieren” genannt, führt Ursula März weiter aus, der Traum verbinde sich mit der Wirklichkeit. Da möchte ich mich jetzt einmal einmischen und dezidiert feststellen, dass Pumuckl natürlich kein Tagtraum des Meister Eder ist, sondern real, ich habe ihn mit eigenen Augen im Fernsehn gesehen
Noch viel schwieriger wird es bei Patrick Findeis, hier wird sich die Jury nicht einmal einig, ob der Text “Kein schöner Land” überhaupt in Kategorien der Psychologie zu beschreiben sei. Von einem “psychologischen Klischee der bäuerlichen Physiognomie” spricht Ijoma Mangold, André Vladimir Heiz dagegen sieht einen absolut “unpsychischen Text, der das Reden durch Paralellhandlungen ersetzt”. Die Frage des Verhältnisses dieses Textes zur Psychologie oder auch nur zur Psyche wird leider nicht geklärt, das finde ich ein wenig unbefriedigend. Insbesonders, da ich mir zwar ein psychologisches Klischee vorstellen kann, nicht aber einen “unpsychischen Text”, beziehungsweise das Gegenteil: Was ein “psychischer Text” ist, hätte mich doch näher interessiert.
Beim Text “Scherbenpark” von Alina Bronsky mangelt es der Jury ganz deutlich an Konzentration. Es handle sich um ein “posttraumatisches Belastungssyndrom” vermutet Daniela Strigl schon ganz zu Beginn, die Protagonistin des Textes wehre sich jedoch gegen die Zumutungen der modernen Psychologie. Ursula März hat wohl nicht zugehört, wenig später stellt sie fest, sie brauche Psychologen, um den Text zu verstehen. Burkhard Spinnen meint kurz darauf, er sei auch nicht der Psychologe, der es erklären kann. Was ist hier los? Frau Strigl hat es doch schon zu Beginn erklärt
Um das Thema “Trauma” geht es auch im Text “Im roten Meer” von Sudafeh Mohafez, in der die Ich-Erzählerin einen Brand erlebt. Diagnostische Unklarheiten scheint es hier nicht zu geben und so vertiefen sich die Diskutanden gleich in verschiedenen Aspekte des Themas. Ijoma Mangold bringt eine psychoanalytische Perspektive ein: Der Feuerwehrmann mit seinem Schlauch sei ein übertriebener phallischer Entwurf meint er. Burkhard Spinnen dagegen fokussiert eher auf die praktischen Aspekte der klinischen Versorgung: Brandopfer bringe man nicht in ein Obdachlosenheim, reklamiert er, er habe sich extra bei der Feuerwehr erkundigt; man bringe sie in ein Hotel. Auch sonst ist er mit der Versorgung der Brandopfer in Mohafez’ Text nicht zufrieden und kritisiert vehement die Tatortbegehung: “Ein schwer traumatisiertes, unmittelbar betroffenes Brandopfer über eingestürzte Treppen in ein Haus zu führen, in dem ganze Zimmer weggebrochen sind, kostet den Mann seinen Job, das kann man nicht machen.”
Es gebe bei jedem Wettbewerb einen Verrückten, meint Klaus Nüchtern, als er zur Besprechung des Textes “die Waage” von Clemens J. Setz anhebt. Er meine damit aber nicht den Autoren, sondern die Figur, beeilt er sich hinzuzufügen und stellt sodann die Diagnose einer Zwangsneurose. Jean Claude Sulzer versucht die “Verrücktheit” zu quantifizieren, der Protagonist sei immerhin weniger verrückt als das Umfeld. Mit der Differenzialdiagnose Nüchterns ist er aber gar nicht einverstanden, er feiert die “Einführung einer neuen Phobie”, nämlich die “Waagephobie”. Das ist nun allerdings gar nicht daselbe, wir hoffen, dass André Vladimir Heiz etwas zur Klärung beitragen kann. Doch Herr Heiz kann sich nicht einmal der anfangs getroffenen Feststellung anschließen, dass die Verrücktheit der literarischen Figur zu besprechen sei und nicht die des Autors. Er verstehe nicht, ruft er aus, warum “junge, putzige Männer” neurotische Ehepaare beschreiben. “Die haben doch ein Trauma!”, tut er kund und meint damit keineswegs die literarische Figur. Zum Glück haben wir noch Daniela Strigl. Zwar bringt auch sie noch eine Differenzialdiagnose ein, es gehe hier um Angst meint sie, doch bevor es zum Expertenstreit kommt, welche der Differenzialdiagnosen nun die Richtige sei, eröffnet sie einen neuen Zugang. Die Antwort sei bereits im Text: “Rohrschach-Flecken auf dem Asphalt”. Der Text sei ein umgedeuteter Rohrschach-Fleck, bringt sie die Diskussion der Fachleute zu einem gütlichen Ende.
Maximale diagnostische Unsicherheit herrscht auch über “Das Zimmermädchen” des Markus Orths, da ist von “Voyeurismus” die Rede, von “Putzsucht” und “zwangsneurotischer Fixierung”, von “neurotischen Verkrampfungen”, sogar etwas Manisches wurde diagnostiziert. Wieder ist es Ijoma Mangold, der die psychoanalytische Sicht einführt: Aus der Perspektive von Lynn unter dem Bett nehme man von Menschen nur noch Teile bzw. einzelne Organe wahr und diese fügten sich nicht mehr zu einem Ganzen. Freud habe dies “Partialobjekte” genannt und Partialobjekte seien immer Träger des Unheimlichen. André Vladimir Heiz dagegen mag hier gar keine psychoanalytischen Überlegungen anstellen: Der Autor baue eine Paralellwelt auf, die nicht psychologisierend oder moralisierend interpretiert werden müsse, meint er. Ach, denken wir da, waren jetzt all diese geschickten Winkelzüge der Differenzialdiagnostik umsonst? Das Manische des Textes müsse aber unbedingt erhalten bleiben, setzt Heiz jedoch fort. Das ist zwar keine psychologisierende Interpretation, aber den ganzen Text unter dem Gesichtspunkt der Manie zu betrachten, ist nun auch ein psychiatrisches Statement. Ursula März fehlt dagegen jeder Bezug zur Psychopathologie, sie findet völlig normal, was das Zimmermädchen Lynn da macht. Lynn putze, was ihre professionelle Aufgabe sei und dass sie herumgucke und sich für die Angelegenheiten der Leute interessiere, das fänden wir alle doch ganz normal. Und wenn sie sich jeden Dienstag unter das Bett lege - man sei knapp davor, zu denken, es gehöre dazu. Frau März muss es wissen, sie habe früher als Zimmermächen in einem Sporthotel gearbeitet, und unter anderem Zimmer für Ajax Amsterdam gereinigt. Da vertrauen wir doch am besten ihrer Berufserfahrung.
Eine “Neigung zum Psychogramm” attestiert André Vladimir Heiz Tilman Ramstedts schwungvollen Text “Der Kaiser von China” über einen Großvater, der nicht sterben will und einen Enkel, der unter eben jenem Großvater leidet. Heiz liefert auch eine psychoanalytische Deutung: Es sei ein Text, den er mit “das überklebte Über-Ich” überschrieben habe, und zwar, weil im Text von Sigmund Freud über den Humor ja immer gesagt werde, es gehe uns besser, wenn das Über-Ich sich liebevoll auf unsere Schulter setzt und wir darüber lachen können. André Vladimir Heiz hält ein flammendes Plädoyer für den Humor: “Also hier wirkt Humor als … Therapie, ich nehme jetzt das Wort um der Jury zu gefallen, ich brauche keine Therapie, denn wenn wir schon auch das Jüdische ansprechen möchten, dann kann man natürlich sagen, dass Humor überhaupt die beste Methode ist, jemanden los zu werden.” Im Übrigen sei sich Heiz gar nicht sicher, dass der Großvater schon tot ist, sondern es sei das Über-Ich, das da ständig ununterbrochen schwatze. Ganz nebenbei erfahren wir in Heiz’ Vortrag, warum es überhaupt Psychoanalyse gibt: Psychoanalyse sei überhaupt die Methode, um Klischees loszuwerden, man habe ja keine Ahnung von seinem Vater und seiner Mutter, sondern reihe dort ein Klischee nach dem anderen auf. Aber nun zurück zum Text: Der Text treibe den Teufel mit dem Teufel aus, es sei der Triumph des Humors in einer inzestuösen Enkel-Großvater-Beziehung. Das klingt ja wirklich sehr verheißungsvoll, Humor als Therapie und als Methode um Teufel auszutreiben. Die Jury scheint dem Humor jedoch zu misstrauen und “schürft” immer wieder nach dem Ernsten, wie es Daniela Strigl ausdrückt. Nebenbei diskutiert die Jury die Frage, ob man den Text gar einfach lustig finden darf oder ob diese Unterhaltsamkeit verdächtig sei. Da fallen schon einmal grauenvolle Schimpfwörter wie “Elfenbeinturm”, da werden “gelbe Karten” verteilt und Herr Heiz schweigt an dieser Stelle, dabei könnte er hier trefflich etwas zum Thema “Über-Ich” beitragen. Ich würde diesen roten Faden, der sich durch die Diskussion zieht, ja so zusammenfassen: “Ist ein humorvoller Text überhaupt ein Text?” Aber jetzt habe ich mich ungebührlich eingemischt, ich sehe Herrn Spinnen schon mit der gelben Karte wacheln, wenn nicht gleich mit der roten. Jedenfalls hilft Alain Claude Sulzer aus dem Dilemma, er diagnostiziert manisch-depressive Episoden bei Rammstedts Großvater-Figur. Da muss sich dann also keiner mehr Sorgen machen, dass der Text eventuell zu leicht sei könnte, “depressiv” ist doch um einiges gewichtiger als “ernst”.
Auch die beste Jury braucht irgendwann Regeneration und findet sie schließlich im Text von Anette Selg. Unter der Anleitung von Anette Selg entspannt sich die Jurorenschaft und räsoniert von “Entspannung in der Sonne” und “Yoga”. Daniela Strigl unterstreicht die entspannende Wirkung dieses Textes gar mit eigenen physiologischen Reaktionen. Wichtig bei Entspannungstechniken ist auch immer, die eigene Mitte zu finden. Von einer “Person Mitte dreißig” lässt sich Burkhard Spinnen sich zu folgendem Mantra inspirieren: “Irgendwo Mitte, irgendwo Mitte, alles Mitte.” Besser könnte man die potenziell hypnotische und suggestive Wirkung von Sprache nicht mehr demonstrieren.
Quelle: →Bachmannpreis.orf.at
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