Archiv der Kategorie 'Das Psychiatriekrimiprojekt'

Das Psychiatriekrimiprojekt, Zwischenbilanz und Statistik

Wir haben bislang 15 Bücher von 12 AutorInnen berücksichtigt. In diesem Büchern arbeiten 20 PsychiaterInnen, davon sind 10 rein tiefenpsychologisch orientiert, vier rein biologisch und nur sechs können Biologie und Psychotherapie halbwegs integrieren.

Die Statistik finde ich nett, sie bildet aber das Übergewicht der TiefenpsychologInnen nur unzureichend ab. Denn alle vier Biologisten enstammen einem einzigen Krimi, nämlich “Psychiatrie” von Martin Kleen. Der Krimi spielt im Milieu der Pharmaindustrie, dass die Leute dort mit Psychopharmaka etwas am Hut haben, ergibt sich zwangsläufig. Sonst sind alle Krimi-PsychiaterInnen entweder ausschließlich oder teilweise therapeutisch orientiert. Bemerkenswert finde ich schon, dass die Hälfte der Leute ausschließlich therapeutisch unterwegs ist, dass sie dereinst einmal Medizin studiert haben und ÄrztInnen sind, spielt gar keine Rolle. Alle sind ausschließlich tiefenpsychologisch orientiert, VerhaltenstherapeutInnen, Psychodrama- tikerInnen, Systemische FamilientherapeutInnen, das alles gibt es im Krimis nicht. Das spiegelt, so denke ich, die Philosophie vieler dieser Bücher: Kriminalität aus Biographien heraus zu verstehen und den Psychiater und die Psychiaterin als Fachmann oder Fachfrau dafür zu installieren. Das jetzt einmal ganz undifferenziert und plakativ.  Auch wenn es im Detail Unterschiede geben mag, dass das ein Trend ist, wage ich zu behaupten.

Theoretische Ausrichtungen der PsychiaterInnen
Theoretische Ausrichtung der PsychiaterInnen

Sieben unserer PsychiaterInnen arbeiten in der freien Praxis, acht im Krankenhaus, drei im Umfeld der Justiz, einer in einem wechsenden Setting und Hannibal Lecter bildet die Kategorie “Sonstiges”, er war etwas schwer zuzuordnen.

Arbeitsfelder

 Literaturliste (alphabetisch): 

 Ablow, Keith (USA): Psychopath. Deutsch bei Goldmann 2003   
Ablow, Keith (USA): Ausgelöscht. Deutsch bei Goldmann 2005
Fitzek, Sebastian (D): Die Therapie. Knaur 2006
French, Nicci (GB): Das Rote Zimmer, Deutsch bei Goldmann 2007
Hochgatterer, Paulus (A): Die Süße des Lebens, Deuticke 2006
Gehring, Hansruedi (CH): Rätselhafter Tod in Zähringen, Orte 2001
Harris, Thomas (USA): Das Schweigern der Lämmer, Deutsche Ausgabe von Heyne 2006
Harris, Thomas (USA): Hannibal, Deutsche Ausgabe von Goldmann 2006
Katzenbach, John (USA): Die Anstalt, Deutsch bei Droemer/Knaur 2006
Katzenbach, John (USA): Der Patient, Deutsch bei Droemer/Knaur 2006
Kleen, Martin (D): Psychiatrie, Leda 2007
Mischke, Susanne (D): Der Tote vom Maschsee, Piper 2008
Rossmann, Eva (A): Freudsche Verbrechen, 5. Aufl. Lübbe 2003
Ruff, Matt (USA): Bad Monkeys, Deutsch bei Hanser 2008
Thomashoff, Hans-Otto (A): Die Notizen des Doktor Freud, Deuticke 2004

Sekundärliteratur ins Rampenlicht

Hinter den Kulissen, unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeiten wir weiter an unserem →Psychiatriekrimiprojekt. In der letzten Zeit ist einiges an Sekundärliteratur dazu gekommen, darunter Artikel mit klingenden Titeln: “Amm M.: Die Ignoranten und die Größenwahnsinnigen - Das Bild des Mediziners in der modernen Literatur (von Amm M., Dtsch. Med. Wschr. 2001; 126:158-160). Ich bin immer wieder überrascht, ja geradezu enzückt, was man heute schon direkt im Internet herunterladen kann. Ich kann mich noch an andere Zeiten erinnern: In die Bibliothek marschieren, mit einer mechanischen Schreibmaschine Fernleiheschein samt Durchschlag ausfüllen, vertippen, von vorne anfangen, vertippen, wieder von vorne anfangen, über die Schulter in die grantelnde Warteschlange hinter sich keifen, vertippen, von vorne anfangen, Fernleiheschein abgeben, warten, irgendwann kommt der Artikel per Post samt Rechnung. Und heutzutage stehen schon Artikel aus 1942 im Netz. Das war also wirklich vorausschauend, als sie 1942 schon pdf-Files angefertigt haben, obwohl es das Internet noch gar nicht gab! Dann erinnere ich mich an Jahre, da gab es alles im Internet, was so circa ab 2000 erschienen ist, aber nur für AbonnentInnen. Bei Abo-Preisen von etwa 200 Dollar pro Zeitschrift und Jahr leistet sich eine Privatperson nur begrenzt viele. Das heißt also praktisch, wenn ich an einem UNI-Server sitze, habe ich Zugriff auf die wichtigen Zeitschriften, sonst bleche ich 35 Dollar pro Artikel per Kreditkarte. Und jetzt? Mein Eindruck ist, dass es immer und immer mehr Fachartikel gibt, die auch ganz öffentlich zugänglich sind. Ich weiß das zu schätzen und freue mich jedes Mal, wenn ich ein öffentlich zugängliches pdf eines Fachartikels verlinken kann, das sind kleine Schätze. Und deshalb finde ich, dass diese Schätze nicht im Hintergrund verstauben sollen, sondern auch einmal etwas Licht verdient haben. Ich habe die frei zugänglichen Aritikel zum Psychiatriekrimiprojekt jetzt einmal hier aufgelistet. Die Liste wird auf der →PSY-Krimiseite natürlich weiterhin ergänzt. Es lohnt sich, hie und da hineinzuschauen.

  • Cooter M.: Whodunnit Doc? BMJ. 1990 October 27; 301(6758):994 →pdf
  • Gehring, Hansruedi: Warum Ärzte gerne Krimis lesen. Schweizerische Ärztezeitung 2004; 85:2096-2097 →pdf
  • Guthrie, D.: Sherlock Holmes and Medicine. Can Crime Assoc J. 1961; 85(18):996-1000, →pdf
  • Rapezzi C. et al.: White coats and fingerprints: diagnostic reasoning in medicine and investigative methods of fictional detectives. BMJ 2005; 24;(331):1491-1494 →pdf
  • Rose T.F.: Medical Men and Creative Writing. Can Med Assoc J. 1955; 15,72(4): 308–314 →pdf
  • Scarlett E.P.: The infernal door: Medical and literary notes on “Dr. Jekyll and Mr. Hyde”. Can Med Assoc J 1943; 48(3):243-249 →pdf
  • Selvais P.L.: A study in White. Dr. Watson in the medical press. J R Soc Med. 1996; 89(6): 329–331. →pdf
  • Wilbush J.: The Sherlock Holmes Paradigm - detectives and diagnosis: discussion paper. J R Soc Med. 1992 June; 85(6):342–345 →pdf

Finden kann man das alles übrigens über die Datenbanken des “National Center of Biotechnology Information”, also →hier. Der bekannteste Service dieser ehrenwerten Organisation ist unter MedizinerInnen schlicht als “PubMed” bekannt.

Die Psychiatriekrimiprojekt - Übersichtsliste

Unser →Psychiatriekrimiprojekt vagabundiert inzwischen derart durchs Blog, dass ich selber nicht mehr wusste, wo mir der Kopf steht. Zeit zum Aufräumen. Ich habe eine Liste erstellt, und - dass sie auf keinen Fall verloren geht - gleich oben in die Kopfzeile gepickt. Die Seite heißt jetzt →”Psy-Krimis”. Das klingt bescheuert, liegt aber daran, dass wir inzwischen nicht nur PsychiaterInnenkrimis gelistet haben, sondern auch ein paar PsychologInnen- und PsychotherapeutInnenkrimis. Und da ist mir nichts besseres eingefallen:

“PsychiaterInnenpsychologInnenpsychotherapeutInnenkrimis”

ist irgendwie keine realistische Alternative. Neu hinzugekommen ist Sekundärliteratur. Ich danke allen, die mich auf passende Bücher hingewiesen haben und freue mich auch weiterhin über jeden Tipp.

Warum Ärzte gute Krimiautoren sind

In Wirklichkeit ist das hier ein reines Bildungsblog, es steht nur “krimi.krimi” drauf, um die Leute zu täuschen und zum Lesen zu bewegen. “Motivieren” könnte man auch sagen. Aber in der letzten Zeit habe ich genug motiviert und heute widmen wir uns einem Fachartikel aus “Psychiatric News”, einer Publikation der ehrenwerten “American Psychiatric Association”.

Charles Atkins, M.D. ist Facharzt für Psychiatrie und Thrillerautor. Für “Psychiatric News” hat er einen Artikel mit dem Titel “The Novel Side of Psychiatry” verfasst. Zunächst geht er auf die Reaktionen der Patienten und Patientinnen ein, wenn sie erfahren, dass ihr Psychiater Thriller schreibt: “They get a funny look.” Jetzt weiß ich nicht, wie ich das übersetzen soll, kann mir da jemand helfen? Sehen die PatientInnen dann seltsam aus oder kriegen sie nur ein “seltsames Gschau”, wie man hierzulande sagt? Wie muss ich mir das vorstellen?

Gut, obwohl es die PatientInnen zu ganz komischen Wesen verwandelt, kann er es nicht lassen, das Schreiben. Er fühlt sich in einer langen Tradition schreibender Ärzte: Somerset Maugham, Arthur Conan Doyle, Robin Cook, F. Paul Wilson und Michael Crichton.

Atkins findet, dass es im Publikationsbusiness ein bisschen hilfreich sei, wenn man Arzt ist: Ärzte seien es gewohnt, hart zu arbeiten, denn sonst hätten sie es nie durch die Examina und die postpromotionelle Ausbildung geschafft und er zieht folgenden Vergleich zwischen seiner Arbeit als Autor und als Arzt:

It’s not uncommon for me to get a manuscript to proof and have about a week to make it through 400 pages. Hey, piece of cake—Remember being an intern and having to work up a patient at 3 a.m., research their condition, pull an article, and be prepared to present with all the lab work by 7 that morning?

Das werde ich mir merken: Um drei Uhr Nachts einen Patienten zu sehen und bis um sieben Uhr in der Früh mit ihm beschäftigt zu sein, um ihn dann in der Frühbesprechung komplett mit Labor und Pipapo zu präsentieren, qualifiziert ungemein dafür, 400 Seiten Manuskript in einer Woche durchzuackern.

Nachzulesen ist das alles →hier.

Eva Rossmann - Freudsche Verbrechen

Das ist wieder einmal ein Buch, bei dem ich gar nicht sicher bin, ob es zu unserem Psychiatriekrimiprojekt passt. Wir erinnern uns an die Vorgaben: Krimi oder Thriller, Psychiater in einer tragenden Rolle und es muss vor dem Hintergrund einer modernen Psychiatrie spielen, also nach der letzten großen Psychiatriereform der 70er Jahre.

weiterlesen ‘Eva Rossmann - Freudsche Verbrechen’

Matt Ruff - Bad Monkeys

Jane Charlotte erzählt uns einen Thriller. Einen selbsterlebten Thriller, wohlgemerkt. Doch in diesem Thriller gibt es NT-Waffen, die einen “natürlichen Tod” durch Herzinfarkt oder Hirnschlag erzeugen, es gibt Pavianbomben und X-Drogen. Es gibt eine “böse Jane”, die sich dematerialisieren kann und es gibt “Grusel-Clowns”. Jane Charlotte gehört einer Organisation an, die Untereinheiten namens “Malefiz”, “Catering”, “Panoptikon” oder eben “Bad Monkeys” beschäftigt. Jane Charlotte gehört zu den Bad Monkeys, der “Einheit für die finale Ausschaltung nicht zu rettender Personen” Ziel der Einheit: Menschen zu töten, bei denen die Einheit “Kosten-Nutzen” zum Ergebnis kommt, dass sie mehr Schaden anrichten als nützen.

weiterlesen ‘Matt Ruff - Bad Monkeys’

Ein Ziegelstein von einem Buch …

muss “die Hannibal Lecter-Romane” von Thomas Harris sein. 1376 Seiten, 5,8 cm dick bei einer schlappen Länge von 18,6 cm, broschiert, was für Ottomanin Normalverbraucherin so viel heißt wie “Taschenbuch”. Das Werk umfasst drei Hannibal Lecter-Romane (”der Rote Drache”, “das Schweigen der Lämmer” und “Hannibal”) und kostet schlappe 10 Euro.

Und das Beste. Es ist bei Amazon →sofort lieferbar! Und das, obwohl es erst im Mai erscheint! Vielleicht sollten wir sofort anfangen, Rezensionen zu schreiben.

Susanne Mischke - der Tote vom Maschsee

Eine Zunge wird auf einem Denkmal für die Opfer eines Serienmörders gefunden, wenig später die dazugehörige Leiche: Es ist ein namhafter Psychiater, ein forensischer Gutachter, der sich mit seinem Wissen über Mörder in der Öffentlichkeit profiliert. Ein vierköpfiges Ermittlerteam beginnt seine Arbeit: Es handelt sich um einen klassischen Whodunnit, Sinn und Zweck der Geschichte ist, den Täter zu finden und zu verhaften. Wer jetzt auf eine ordentliche Renzension wartet, die das Buch in die Rezeptionsgeschichte des abendländischen →Kanons einordnet, wird wieder einmal enttäucht. Wir rücken hier nur den Figuren auf den Leib, Kanon singen wir nicht. Ein paar Rezensionen habe ich unten angeführt. Wer Rezensionen sucht, möge alles zuerst einmal durchlesen, die Rezensionen kommen dann als Belohnung am Schluss.

weiterlesen ‘Susanne Mischke - der Tote vom Maschsee’

Die Psychiatriekrimi - Longlist

→Henny Hidden hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es für den Leser anschaulicher wäre, wenn es hier eine Liste der Krimis gäbe, die wir für unser →Psychiatriekrimiprojekt in die engere Wahl gezogen haben und wo sie Recht hat, hat sie Recht. Hier also die Longlist:

weiterlesen ‘Die Psychiatriekrimi - Longlist’

Psychologinnen

Krimis mit Psychologinnen (häufig Frauen) interessieren mich nicht weniger als Krimis mit Psychiatern (die häufig Männer sind) und Psychiaterinnen (wenn Frauen, dann schön). Dass ich sie im Moment nicht lese, liegt allein daran, dass die Zeit drängt und mir schon die PsychiaterInnen zuviel sind. Wir wollen die Psychiaterkrimis schließlich Ende April auf einem Psychiatriekongress vorstellen. Deshalb verweise ich gerne auf die geschätzte Kollegin Krimilady, die →Eisblut von Marina Heib renzensiert. Zum Ermittlerteam gehört eine Psychologin mit der wichtigen Charaktereigenschaft: Attraktiv.

Wir merken uns also, auch für kommende Artikel des Psychiatriekrimiprojekts*: Frauen, deren Beruf mit “Psych-” anfängt, sind entweder schön, attraktiv oder sexy.

* für →Georg: Ich hatte Besuch eines gestrengen Herrn von der Liga →”Rettet dem Genitiv”. Der korrekte Austriazismus wäre natürlich: “Artikel von diesem Psychiatriekrimiprojekt”

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