Da schau her: Ganze vier Tage ist die englische Version von Andrea Maria Schenkels “Tannöd” jetzt schon auf dem Markt. Und wir können feststellen: Erstens, es ist schon ein “internationaler Bestseller”. Das steht nämlich auf dem →Cover. Ergo muss es schon ein internationaler Bestseller gewesen sein, als sie es gedruckt haben. Da es vorher nur deutsch war, nehme ich an, dass sich “international” auf Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein sowie Auslandsdeutsche, AuslandsösterreicherInnen, Auslands schweizer- Innen und AuslandsliechtensteinerInnen bezieht. Da gibt es also wirklich keinen Grund zu jammern für all die deutschschreibenden AutorInnen, die nicht übersetzt werden. Ein “internationaler Bestseller” kann ein Buch also auch auf Deutsch werden.
Zweitens: Bei Amazon ist es schon verbilligt. Liegt das jetzt dran, dass für englische Bücher die Buchpreisbindung nicht gilt oder wollen sie es schon verramschen? Drittens: Amazon.de behauptet, sie hätten nur noch ein letztes Exemplar. Wers glaubt. Das ist sicher nur eine Finte, schnell zuzuschlagen vor man in eine Buchhandlung spaziert und es dortn kauft.
Rezensionen sind noch rar. Eine gibt es schon auf →Eurocrime. Es sei ein “creepy little book” aber auch “a rhythmic, ritualised poem conveying the seething emotions involved.” Das hört sich ja gut an.
Schneller als der Rest der Welt war wieder einmal die →Times, die hat das Buch schon im Mai rezensiert. Es sei eine “remarkable, sparse, chilling novella” meint die Times, Frau Schenkel, da gratulieren wir aber. Es wäre aber nicht die “Times”, wenn sie nicht bestimmte Aspekte heraus arbeiten würde: Schenkel nehme ein Ereignis und untersuche es “forensisch”, wird da ausgeführt. Aber nicht - wie so viele moderne “Detective Stories” -, indem sie die Indizien in allen Einzelheiten zusammentrage, sondern ähnlich wie es ein Journalist tun könnte: Sie spreche mit den Zeugen.
Doch diese Zeugen seien mehr “Nicht-Zeugen”, Menschen, die sagen, sie wüssten von nichts, aber in Wirklichkeit alles wissen: Die Psychologie, die schmutzigen Familiengeheimisse, das verzerrte Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen. Es seien Menschen wie die drei weisen Auffen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen, aber unter der Oberfläche alles wissen.
Schenkels Zugang zu dem psychologischen und versteckten, fast kühlen und profanen Horror mache die Geschichte zu einem europäischen literarischen Äquivalent des “Blair Whitch Projekts”, meint die Times weiter. Nun muss man freilich wissen, was das “Blair Whitch Projekt” ist. Das verrät uns die →Wikipedia. Es handle sich um einem 1999 gedrehten Horrofilm in Form einer Pseudo-Doku. Der Film täusche dokumentarischen Charakter vor und habe zu anhaltenden Diskussionen geführt, ob es sich nun um eine Dokumentation oder einen Spielfilm handelt.
Schenkels Geschichte sei, so die Times, nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich ganz stark im Deutschland Mitte der 50er Jahre verhaftet, als “Was hast Du im Krieg gemacht, Papa?” die große unausgesprochene Frage gewesen sei. Dennoch sei “Murder Farm” keine abgedroschene Geschichte über Nazis oder Neo-Nazis, sondern eine Geschichte über eine Gesellschaft in der zugelassen wurde, dass eine bestimmte Krankheit andauere und schwäre. Außerdem sei dies nicht notwendig deutsch. Es sei leicht, sich ein entsprechendes Szenario in der Provinz der Appalachen vorzustellen: eine geschlossene Ecke der Welt, wo Inzucht die anerkannte aber unausgesprochene Norm sei.
Es sei weiters schwierig, dieses Buch zu lesen, ohne in den finsteren Schatten der österreichischen Familie zu geraten, die ein halbes Leben in einer Zelle verbracht hat. Wie dieses Buch betone, sei dies eine Welt in der Gnade oder deren Abwesenheit von der Menschlichkeit der menschlichen Wesen abhänge.
It is hard to read this book without coming under the sinister shadow of the Austrian family incarcerated in the cellar for half a lifetime. As this book emphasises, this is a world in which grace, and its absence, depend on the humanity of human beings.
Noja. Der letzte Satz ist mir jetzt ehrlich gesagt, schon etwas zu allgemein. Vielleicht ist es schlecht übersetzt und sie wollen eigentlich die Willkür (als Abwesenheit von Gnade?) betonen. Die Willkür mit der manche Leute Verbrechen an anderen begehen. Aber das ist hineininterpretiert und steht im Prinzip nicht da. Und wörtlich genommen könnte man unter diesem Satz trefflich Äpfel mit Birnen vergleichen, denn die Sichtweise, dass Gnade von der Menschlichkeit der menschlichen Wesen abhängt, kann man wohl auf sehr unterschiedliche Situationen anwenden.

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