Ausgelesen: John Leaks neues Buch über Jack Unterweger, Österreichs bislang einzigen mutmaßlichen Serienmörder nach dem Muster amerikanischer Spielfilm-Psychopathen. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde gerade zur Zeit der Unterweger zugeschriebenen Prostituiertenmordserie populär und Unterweger war belegt ein großer Fan. Was der Film für Unterweger bedeutet hat, sei dahingestellt, darauf geht das Buch nicht näher ein. Das mag vielleicht daran liegen, dass es dafür keine Quellen gibt und das eine Stärke dieses Buches: Aussagen auch zu belegen.
Und so erkannte Jack, dass er, indem er seine Geschichte, seine Fassungen der Wirklichkeit, an einflussreiche Personen richtete, sogar mit Mord davon kommen konnte (Seite 245).
Das scheint mir eine ganz zentrale Aussage zu sein. Und – das erscheint mir wichtig zu erwähnen -, sie bezieht sich auf den einen einzigen Mord, der Unterweger nachgewiesen werden konnte und der ihn fünfzehn Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Nur fünfzehn Jahre von „lebenslänglich“. Jack Unterweger konnte Österreichs Intellektuelle und wichtige Personen in Justiz und Strafvollzug so für sich einnehmen, dass er nach 15 Jahren ohne ordentliches psychiatrisches Gutachten begnadigt wurde, „eine Gesellschafts- und Justizgroteske, die ihresgleichen sucht“, wie Prof. Reinhard Haller in seinem Nachwort meint.
Wie soll man aber jemanden, dessen Suggestivkraft und Gabe zur Manipulation legendär ist, beschreiben? Was ist Manipulation, was ist Lüge, was ist passiert? Schon das Gericht hatte mit seiner Suche nach der „Wahrheit“ die größten Schwierigkeiten: Es handelte sich um einen Indizienprozess und noch heute hat Unterweger viele Fans, die von seiner Unschuld überzeugt sind, wie man vor kurzem anlässlich der Berichterstattung des ORF über die Buchpräsentation sehen konnte. Und auch die Unsicherheit, wieviele Morde es jetzt waren, der ich hier auf dem Blog auch schon unterlegen bin, kommt wohl daraus: Nix Sicheres weiß man nicht. Wenigstens das weiß ich jetzt nach der Lektüre des Buches:
- Unterweger wurde 1994 wegen neun Morden schuldig gesprochen, wegen zweien im Zweifel freigesprochen. Das Urteil wurde wegen seinem Suizid in der Nacht darauf nicht rechtskräftig. Das ist wohl der Grund, warum man einmal von neun und einmal von elf Morden liest. Wer glaubt, dass er es war, glaubt natürlich, dass es elf waren. Rechtskräftig verurteilt ist er genau genommen wegen keinem aus den Jahren 1991 und 1992.
- Rechtskräftig verurteilt wurde er 1974 wegen einem Mord für den es eine Zeugin gibt. Dafür war er 15 Jahre im Gefängnis.
- Und dann gibt es noch einen Mord aus dieser Zeit, der in sein späteres Muster passt und bei dem ebenfalls viele Indizien für Unterweger sprechen. Für diesen Mord wurde er aber nie angeklagt.
- Es sind also bis zu 13 Morde, rechtskräftig verurteilt ist er wegen einem, nicht rechtskräftig verurteilt für neun.
Soweit die Fakten und Zahlen. Aber interessanter ist: Was hat Unterweger mit den ÖsterreicherInnen gemacht und was haben die ÖsterreicherInnen mit ihm gemacht? John Leake nähert sich dem Thema, indem er sammelt: Akten, Meinungen, Gutachten, Medienbeiträge, Unterwegers Tagebücher. Er hat allein 50 Interviews geführt von seinen Freundinnen bis zu Angehörigen der Opfer bis zu ErmittlerInnen. Er trägt verschiedene Perspektiven zusammen, stellt sie einander gegenüber und strickt daraus eine Geschichte. Und das ist das Bemerkenswerte daran: Was wie ein großer Flickenteppich wirkt, wird wirklich zur Geschichte, die sich flüssig und kurzweilig liest: Mit Widersprüchen, mit Leerstellen und mit offenen Fragen, aber es wird zur Geschichte. Und wer sich fragt: „Woher weiß der Kerl das denn?“, der kann zum Ende des Buches blättern, denn dort sind seine Aussagen anhand der Quellen belegt. Was ist das nun? Eine wahre Geschichte? Zumindest eine, die ihre vielen Wahrheiten transparent macht, indem sie ihre Herkunft nachvollzieht. Ich habe wirklich Respekt vor dieser Arbeit und vor dem schönen und gut zu lesenden Buch, das daraus entstanden ist.
Wohltuend ist auch der sachliche Ton und eine gewisse Distanz zum Thema. Leake ist ja US-Amerikaner, der jahrelang in Wien gelebt hat. Dass auch die USA sich für Unterweger interessiert mag unter anderen daran liegen, dass ihm auch drei Morde in Los Angeles zugeschrieben werden. Das Buch ist zuerst auf Englisch erschienen und dass es nicht unbedingt gleich für das Wiener Publikum geschrieben wurde, das merkt man. Vor allem an Erklärungen über Wien im Allgemeinen und über österreichischen Sitten im Besonderen. Ich denke, kein einheimischer Autor käme auf die Idee, seinen Publikum zu erklären, dass die ÖsterreicherInnen am Heiligabend „Stille Nacht“ singen. Man merkt es auch an liebenswerten kleinen Hoppalas, indem zum Beispiel eine armseelige Almhütte plötzlich zum zweistöcken Bauwerk wird. Da wurde bei der Übersetzung wohl übersehen, dass in den USA der erste Stock dort ist, wo sich bei uns das Erdgeschoss befindet. Doch all das schafft ganz klar den Blick eines Außenstehenden und wenn man die ganzen Verstrickungen von Politik, High Society und Presse liest, scheint das auch wichtig. Man glaubt sich zumindest sicher, dass der Autor aus Texas all diesen Leuten nichts schuldig ist und das ist gut so.
Umso mehr wundert es, dass der Verlag diese kompetent-sachliche Attitüde mit den Werbesprüchen auf dem Cover konterkariert: „John Leake hat das ultimative Buch zu diesem Thema geschrieben – nüchtern und bewundernswert detailliert“, wird hier die New York Times zitiert und das kann ich nachvollziehen, auch der Superlativ sei Autor und Verlag von Herzem gegönnt. Aber: „Unglaublich spannend, hemmungslos direkt und genau. Ein verdammt guter Krimi, den man als Leser nicht so schnell vergisst“, aus Publishers Weekly. Hmmm, Krimi? Wollen sie das ernsthaft als Krimi verkaufen? Und dann das: „Ein Psychopath, der einer Patricia Highsmith würdig wäre – ein talentierter Mr. Ripley“. aus dem Playboy. Mr. Ripley! Derart seltsame Vergleiche hat Herr Leake dann doch nicht verdient.
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John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer – Das Doppelleben des Jack Unterweger, übersetzt von Clemens J. Setz, 455 Seiten, Residenz 2008

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