Archiv für 16. September 2008

Neu im Schaufenster: „Der Mann aus dem Fegefeuer – das Doppelleben des Jack Unterweger“ von John Leake

Ich habe mir jetzt diesen Schinken von Buch gekauft, das interessiert mich sehr. Ich bin immer vorsichtig bei solchen Büchern, denn Autoren dieser Serienmörder-Sachbücher sind oft einmal nicht mit falscher Bescheidenheit gesegnet, versprechen vollmundig „alle Antworten“ und stolpern dann nur über ihre eigenen Interpretationen, die ein bisschen banal wirken, weil es die gleichen sind, die eh in der Gesellschaft kursieren.

Das Spannende an Unterweger ist gar nicht, dass er ein (mutmaßlicher*) Serienmörder ist, sondern das Wechselspiel zwischen Unterweger und den ÖsterreicherInnen, die ihn gefeiert und gefördert haben. Die Wiener Stadtzeitung →Falter zeichnet seinen Werdegang nach: Unterberger war schon 1974*** zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er eine Prostituierte mit einem BH erdrosselt hatte. Dass er schon nach wenigen Jahren wieder auf freiem Fuß war, verdankt er seiner Ausstrahlung und seiner schriftstellerischen Tätigkeit: Er schrieb u.a. Gedichte, Beiträge für die ORF-Kindersendung „Traummännlein“** und eine Autobiographie. Zuerst sei die freie Journalistin Sonja Eisenstein auf ihn aufmerksam geworden, nur – ein Gedicht, das er ihr geschickt hatte, stammt von Hermann Hesse. Viele Intellektuelle ließen sich beeindrucken und forderten seine vorzeitige Entlassung: Elfriede Jelinek, Barbara Frischmuth, Günther Nenning, Milo Dor. Unterweger kam schließlich frei, galt als resozialisiert und wurde ein Star: Er wurde zu einer Club-2 Sendung eingeladen und als die Prostituiertenmorde begannen, von Journalisten als Berater engagiert. In dieser Funktion holte er auch Informationen bei der Polizei ein. Als die ersten Ermittlungen begannen, flüchtete Unterweger mit seiner 18-jährigen Freundin in die USA, dort gab es plötzlich – welch ein Zufall – weitere Morde nach dem gleichen Muster. 1992 wurden Unterweger und seine Freundin festgenommen, 1994 wurde Unterweger verurteilt, er erhängte sich am Tag darauf in seiner Zelle.

Noch heute sind viele von seiner Unschuld überzeugt. Wie Franz schon in einem Kommentar sagte, war es ein Indizienprozess: Unter anderem fanden die Morde immer dort statt, wo Unterweger sich gerade aufhielt. Das für Österreicherinnen postitivste Indiz ist jedenfalls, dass die Morde aufgehört haben, als Unterweger im Gefängnis saß. Allerdings wurden auch ein Haar und eine Stoffaser einer Frau, die später tot aufgefunden wurde, in seinem Auto gefunden. Was mich aber am meisten interessiert, ist nicht die Frage des Serienmörders, es gibt ja viele auf der Welt, sondern die Frage, wie es Unterweger gelingen konnte, die Menschen bis heute so von sich einzunehmen. Was Österreich jedenfalls lernen musste: Serienmörder tragen kein Schildl um den Hals auf dem steht: „Ich bin ein Serienmörder“ und Traummännleinautoren sind nicht zwangsläufig gute Menschen.

Es gibt zwei Referenzen, die mich bewegen, das Buch für seriös zu halten, obwohl ich es noch nicht gelesen habe: Prof Reinhard Haller, der das Nachwort geschrieben hat. ich kenne und schätze ihn. Und die New York Times, die eine Rezension über die englische Ausgabe geschrieben hat. Es ist ja so, dass die österreichischen Medien irgendwie befangen sind, weil sie sich alle irgendwie wegen ihrer Berichterstattung aus den Achzigern und Neunzigern genieren. Lieber gleich ins Ausland schauen. Die →New York Times bezeichnet Leakes Buch als “ tructural and archival, rather than stylistic.“ Er sei in der Lage, Unterweger Täuschungen Schicht für Schicht wegzufuzzeln und Unterwegers Charme dringe nicht zu ihm durch. Ich weiß nicht, ob so etwas vollständig gelingen kann, denn ich meine, man wird umso eher manipuliert, umso mehr man glaubt, dass man es nicht wird. Aber gut, das sagt die New York Times, wir wissen nicht, wie er es selber sieht und ein Buch eines Außenstehenden, der einfach versucht, die Fakten zu rekonstruieren, das will ich wirklich gerne lesen.

John Leake: „Der Mann aus dem Fegefeuer – Das Doppelleben des Jack Unterweger“, übersetzt von Clemens J. Setz, Residenz 2008.

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* Er hat sich einen Tag nachdem er wegen neunfachen Mordes verurteilt wurde, erhängt, sodass das Urteil nicht mehr rechtskräftig wurde

** Das Traummännlein war eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder. Natürlich ganz sanft und ruhig, die Kinder sollen sich sicher fühlen und nachher schlafen gehn. Meine Generation wurde also sozusagen von einem späteren Serienmörder in den Schlaf gelullt.

*** korrigiert: zuerst fälschlich: 1950


 

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