Archiv für 14. September 2008

Kriminachrichten aus Österreich

Jack Unterweger, Österreichs berühmtester mutmaßlicher* Serienmörder ist wieder in den Medien: Einerseits hat der US-Journalist →John Leake gerade die deutsche Übersetzung seines Buchs über Jack Unterweger vorgestellt, zweitens wurde gerade sein →Mustang um 65200 Euro bei Ebay verscherbelt. Unterwegers Mustang wohlgemerkt, nicht Leakes. Aber wir wollen uns hier mehr mit Büchern beschäftigen: Leaks Buch heißt: „The Vienna Woods Killer. A Writer’s Double Life“ und ist letzte Woche in einer Übersetzung von Clemens J. Setz als „Der Mann aus dem Fegefeuer – das Doppelleben des Jack Unterweger“ bei →Residenz erschienen. Besprochen wird es z.B →beim ORF, dort wird auch das Nachwort von Prof. Reinhard Haller zitiert: „So steht der Fall Jack Unterweger nicht nur für eines der größten Verbrechen Österreichs und für den sexuellen Serienmord schlechthin, sondern für eine Gesellschafts- und Jusitzgroteske, die ihresgleichen sucht.“ Um die Karten offen zu legen: Das bisschen forensische Psychiatrie, das ich im Rahmen meiner Ausbildung gelernt habe, stammt von Haller. Ich schätze ihn sehr, weil er bei allem Bewusstsein für die Popularität seines Fachs am Boden geblieben ist und diese Tatsache mit entsprechender Ironie würdigt. Wenn Haller das Nachwort schreibt, muss das Buch also gut sein. Auch die →“Kleine Zeitung“ schreibt über dieses Buch und die „→Presse“ und die „→New York Times“.**

Roberto Saviano hat das Buch „→Gomorrha“ geschrieben, derzeit läuft der dazugehörige Film in Österreichs Kinos an, eine Filmkritik gibt es beim →Kurier. Die Mafia aber sei gar nicht erfreut und Saviano lebe versteckt und gut bewacht, so versteckt, dass er →Cannes abseits des roten Teppichs betreten musste. Regisseur Gatteo Garrone habe aber keine Angst, erfahren wir im →Interview des Kurier und das, obwohl er Mafiosi in Unterhosen zeige. Weitere Interviews mit Garrone präsentieren der „→Falter“ und die „→Presse“.

Der Standard bringt diese Woche Nachrufe über den österreichischen Literaturwissenschaftler →Wendelin Schmidt Dengler und den US-amerikanischen Schriftsteller →David Foster Wallace. Und Ingeborg Sperl rezensiert einen Krimi des „famosen Michael Collins“: „→Tödliche Schlagzeilen“, deutsch von Eva Bonne, erschienen bei btb. Frau Sperl ist begeistert.

Nach längerer Krimipause wird →beim Literaturhaus auch wieder einmal ein Krimi rezensiert: „Tote Augen lügen nicht“ von Christian Klinger. „Krimis sind mir wichtig. Hätte ich nicht den öden Beruf eines Literaturwissenschaftlers und müsste ich nicht dauernd Langweiliges lesen, bliebe ich tagsüber im Bett und zöge mir einen Krimi nach dem anderen hinein“, beginnt Walter Fanta seine Rezension und das wirft schon einmal viele Fragen auf: Sind denn Krimis als Teilmenge der Literatur kein Gegenstand der Literaturwissenschaft? Ist nur Literatur was langweilig ist? Und muss man aufstehen, um Langweiliges zu lesen, während man Spannendes ohne weiteres im Bett konsumieren kann? Die Rezension bleibt jedenfalls außergewöhnlich. Wir erfahren zuerst allgemein etwas über Krimis und manches über Klingers letzten Roman und dass der Autor aus Fantas letzter Rezension gelernt habe. Ab Absatz drei beschäftigt sich die Rezension dann zumindest theoretisch mit dem aktuellen Buch: „Klingers Krimi gehört zu den europäischen Ethnokrimis. Es gibt sie wahrscheinlich in jeder europäischen Sprache und in jeder europäischen Nation, nur wissen wir darüber wenig, weil der Großteil (aus dem Katalanischen, Estnischen oder Bulgarischen beispielsweise) nicht übersetzt ist. Kennzeichen der europäischen Ethnokrimis ist, dass sie viel weniger globalistisch, viel weniger soziologisch detailreich, viel weniger flott geschrieben sind als die angelsächsischen Krimis, die in alle Sprachen übersetzbar sind und übersetzt werden; die europäischen Ethnokrimis laborieren an den nationalen Eigentümlichkeiten und Schwerfälligkeiten, die Sprache ist mitunter kaum zu übersetzen, man denke nur an Wolf Haas.“ Jetzt bräuchte ich jemanden, der mir erklären könnte, wie er das meint. Dass europäische Ethnokrimis gleichzeitig weniger globalistisch und weniger soziologisch detailreich sind? Und dann bräuchte ich noch jemanden, der mir erklärt, warum Haas nicht soziologisch detailreich ist. Und kann der Rezensent wirklich katalanisch, estnisch und bulgarisch, um die unübersetzten Krimis jener Sprachen im Hinblick auf die oben genannten Kriterien beurteilen zu können? Jedenfalls meint der Rezensent, dass Klingers Kommissar „Seidenbast“ wahrscheinlich der österreichische Wallander sei. Das ist einerseits kein Kompliment, andererseits aber doch. Wenn der Rezensent Klinger soviel Erfolg zutraut, kann es ihm ja nur Recht sein.

Auch ein europäischer Ethnokrimi dürfte – wiewohl aus dem englischen übersetzt – wohl „→So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz“ von Ian Sansom sein. Glaubt man Werner Schuster „hängt der Schwanz“ trotz irischen Lokalkolorits am Ende recht schlapp herunter: „zu lose, unbedacht und nicht überzeugend aneinandergefügt, und der Krimi-Fall ist äußerst schwach“. Mehr Anklang gefunden hat bei Herrn Schuster „→Shooting Star“ von Peter Temple mit seiner „obsidianschwarzen und -scharfen“ Sprache. Beide Rezensionen finden sich bei den Eselsohren.

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* Wenn man Leute, die nicht rechtskräftig verurteilt sind, als „mutmaßlich“ bezeichnen muss, ist er ein mutmaßlicher Serienmörder: Er erhängte sich 1994, nachdem er wegen neunfachen Mordes verurteilt worden war. Das Urteil wurde nicht mehr rechtskräftig.

** Vielleicht doch keine österreichische Zeitung

Jäger verwechselte Auto mit Wildschwein

Alle paar Jahre ballern hierzulande Jäger auf Menschen oder Autos, weil sie glauben, ein Wildschwein vor sich zu haben. Während 2002 ein Präsenzdiener bei Pinkafeld durch einen Schuss auf ein vermeintliches Wildschwein getötet wurde, hatten zwei junge Männer dieses Wochenende Glück: Sie saßen nicht im Auto, als ein Jäger dieses für ein Wildschwein hielt und durchlöcherte.

Also man fragt sich ja wirklich wie wir Österreicher und -Innen dazu kommen, ständig beschossen zu werden. Kann bitte einmal jemand der Jägerschaft erklären wie ein Wildschwein ausschaut?

via →Standard, und →Kleiner Zeitung


 

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