Archiv für 22. August 2008

Neu im Schaufenster – Paulus Hochgatterer – Die Süße des Lebens

2006 erschienen, ist es ja schon fast ein alter Hadern, respektive →Klassiker des österreichischen Psychiaterkrimigenres, respektive ein prospektiver Klassiker, soweit man das jetzt schon sagen kann. Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, so einfach einmal durchgelesen, hat es mir gar nicht so gefallen, es ist ein bisschen umständlich, ein bisschen kompliziert, manchmal ein wenig langsam, springt zwischen Schauplätzen und Erzählperspektiven. Die Leute, die da herumgeistern, sind ein bisschen normal und ein bisschen schräg zugleich. Alltäglich, aber nicht ganz. Nichts, das man gut zwischen Tür und Angel liest. Wenn ich das will, dachte ich damals, brauch ich keinen Krimi lesen, da tut es auch ein gewöhnlicher Roman.

Jetzt habe ich das Buch aber mit mehr Aufmerksamkeit und Muße gelesen und es schätzen gelernt. Es ist einfach ein Buch, das wunderschöne und weise Sätze enthält. Einen habe ich ja →bereits zitiert:

Vielleicht wird man als Mediziner Psychiater, dachte er, wenn man den Geruch von Fußschweiß nicht verträgt.“

Es gibt da auch Déjà-vu Erlebnisse, was die Zusammenarbeit mit KollegInnen anderer Fachrichtungen anbelangt:

Im Stiegenhaus sah Horn die Zuweisungszettel durch. Er ordnete sie nach Stockwerken, von oben nach unten, wie immer. Sieben Stück, drei davon von der Orthopädie, der kleinsten Abteilung des Hauses. Köhler hatte Dienst gehabt, das erklärte die Sache. Er war erstens ein Angstneurotiker wie aus dem Lehrbuch und zweitens psychiatrisch eindeutig überinteressiert. Anfangs hatte ihn Horn mehrmals gehänselt – die Hammerzehe sei wahrhaftig ein komplexes psychosomatisches Phänomen und so in der Art, doch das hatte augenblicklich zu einer Vervielfachung der Konsiliarzuweisungen geführt, und Horn hatte es lieber wieder bleiben lassen.

Dann erfährt man auch einiges über die Welt außerhalb der Psychiatrie, zum Beispiel sind Literaturkritken gängiger populärwissenschaftlicher Werke in diesem Werk enthalten:

Am liebsten ereiferten sich die beiden über die Aufgeblasenheit gewisser selbsternannter Kapazitäten der Kriminalpsychologie, die großspurig behaupteten, sie seien „Profiler“ und Bücher mit Titeln wie „Monster Mensch“ oder „Was mich Geoffrey Dahmer lehrte“ schreiben. Dieser Schrott wird dann an Leute mit Aggressionshemmung und niedrigem Intelligenzquotienten verkauft“, pflegt Demski zu sagen und Bitterle nickte mit glühenden Wangen. Er ist klug und bescheiden, dachte Kovacs – wesentich ist, dass sie sich gegenseitig für gescheit halten, das erzeugt offenbar Vertrautheit.

Das Buch beantwortet übrigens teilweise die Frage, →warum →ich Krimis lese Weil sie mir – im besten Fall - meinen Job und ein bisschen mehr erklären.


 

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Robert Pucher: Katerfrühstück, Prolibris 2006

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