Archiv für 8. August 2008

Neu im Schaufenster: Virginie Brac – Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben

Ich mag das Buch wirklich. Nach all den Blut- und Metzelorgien, die ich mir in den letzten Tagen angetan habe, weil PsychiaterInnen drinnen vorkommen, erfüllt mich das Buch mit heiterer Leichtigkeit, denn es ist ein gewöhnlicher „Whodunnit“, nicht zu blutig, nicht zu kompliziert und unter 300 Seiten! Wenn man Bücher unter Zeitdruck liest, weil man sie bis zum 22. August in einen Artikel einbauen will, dann spielt das eine Rolle. Nicht, dass ich Blut- und Metzelorgien prinzipiell ablehne, ich hatte ja auch Daniel Kallas „Rage“ im Schaufenster, aber dann habe ich noch Ellroys „In der Tiefe der Nacht“ gelesen und mir selber die Frage beantwortet, ob Literatur sich auf die LeserInnen auswirkt: Zuviel von dem Stoff in zu kurzer Zeit schlägt sich auf meine Stimmung. Also zurück zu Virginie Brac:

„Whodunnits“ haben die Tendenz, mich zu fadisieren, man kann es mir nicht so leicht Recht machen: Zu blutig konveniert mir nicht, zu unblutig fadisiert mich. Einen „Whodunnit“ mag ich dann, wenn mich außer dem Rätsel auch noch Land und Leute interessieren, die Sprache oder wenn er ein bisschen kurios ist.

Bei Brac interessiert mich das Rätsel, es geht um eine Frau, die zehn Tage vor sie wegen “guter Führung“ aus dem Gefängnis entlassen wird, ein Baby entführt und eine Gefängniswärterin umbringt – jenseits aller Logik. Bei Brac interessiert mich die Psychiaterin, die Serienfigur „Véra Cabral“: Eine ziemlich normale Frau, intelligent, aber mit Fehlern und Schuldgefühlen und einem Privatleben. Einmal kein Genie. Einmal kein Psychopath im amerikanischen Sinn.* Und ich mag die Sprache: Sie ist wirklich simpel. Erzählt einfach und gerade eine Geschichte, die gar nicht einfach und gerade ist mit Figuren, die gar nicht einfach und gerade sind. Ich mag auch die Kulisse, ganz banal, weil ich Paris mag.

Und dann gibt es noch etwas, das man in PsychiaterInnenkrimis häufig findet und was mich langsam nervt: Die ganze Welt, jedes Verbrechen, jede Figur wird psychologisch erklärt. Zum Teil durch die PsychiaterInnen, deshalb hat sie der Autor oder die Autorin ja engagiert, zum Teil gleich durch die Erzählstimme selber, da werden sämtliche Biographien der beteiligten Personen ausgeleuchtet, weil jedes Verhalten aus der Biographie heraus erklärt werden muss. Bei Brac ist „Véra Cabral“ eine Notfallpsychiaterin, die im Rahmen ihres Jobs nach ihrer Meinung gefragt wird. Aber sie fühlt sich nicht berufen, die ganze Welt zu erklären und wir bleiben auch von einer übermäßigen Ausleuchtung von Biographien verschont. Für einen Psychiaterinnenkrimi, der von einer Psychologin geschrieben wurde, ist das Buch erstaunlich unpsychologisch. Mehr ein Krimi als eine psychologische Abhandlung mit Suspense-Elementen. Das ist auch einmal schön.

* US – Krimipsychiater tendieren dazu, sich im Verlauf der Geschichte als „Psychopathen“ zu demaskieren, sie werden auch als solche bezeichnet. Die mir bekannten US-Psychiater-Psychopathen sind übrigens ausnahmslos Männer

→Eine Rezension von Franz Schuh


 

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