Archiv für 25. Juli 2008

Jeder Tourist ein Detektiv

Tobias Gohlis unterstützt meine Hypothese. Da steht in einem Interview auf →Handlungsreisen.de, das Ludger dankenswerterweise zu →Georg verlinkt hat:

Ja, dabei ist der Tourist dem Detektiv sehr ähnlich. Beide sind Schnüffler, die sich Räume erschließen, die ihnen zum Teil nicht vertraut sind. Der Detektiv kennt seine Stadt, aber kleinräumig betrachtet, muss er das Umfeld des Tatortes ganz genau beobachten und lesen. Genauso deutet und interpretiert auch der Tourist in der Fremde Zeichen, wie bspw. Sprache und Hinweisschilder.

→Das sage ich doch die ganze Zeit. Dass dieses Beobachten, Sammeln von Hinweisen, Interpretieren und Rückschließen, das in der Medizin mit „Sherlock Holmes Prinzip“ umschrieben wird, nicht spezifisch für DekektivInnen und MedizinerInnen ist, sondern überall vorkommt. Und was ich am Beispiel der nicht sehr großen Population der KfZ-TechnikerInnen erläutern wollte, beschreibt Herr Gohlis hier viel effektiver an TouristInnen. Und das sind wir nun einmal fast alle dann und wann.

Jetzt brauche ich nur noch diesen sehr schwer aufzutreibenden Artikel:

Riegelmann R.K.: Dethroning the detective theory of diagnosis. Postgrad Med. 1981; 70(5):239-241

Hat den zufällig jemand im Bücherregal stehen? Ich wäre sehr verbunden, wenn ich ihn ausleihen könnte. Wenn es mir gelingt, wissenschaftlich unanfechtbar das Sherlock-Holmes-Paradigma zu stürzen, kann ich mich vielleicht auch ohne Exhumierung →habilitieren. Das wäre mir lieber, da geruchsneutraler.

Der „Holmesianische Zirkel“

Meine Skepsis gegenüber den Implikationen des „Sherlock-Holmes Paradigma“ in der Medizin habe ich ja bereits →kundgetan.

Umso mehr überrascht mich jetzt, wie stark Sherlock Holmes und Dr. Watson in der medizinischen Literatur verankert sind. So gebe es einen „Holmesianischen Zirkel“, lese ich gerade im „Journal of the Royal Society of Medicine“. Bin ich hier auf einen medizinischen Geheimbund gestoßen? (1)

Jedenfalls waren die Anhänger und Erforscher der „Holmesianischen Methode“ (2) fleißig. Es gebe mehr als 100 Artikel über unseren „berühmten Kollegen“ (3) John H. Watson allein in medizinischen Fachzeitschriften, unter anderem in „The Lancet“ (4). Weiters gebe es im Katalog der „Library of Congress“ in Washington 334 Titel über Sherlock Holmes, neun davon mit einem medizinischen Interesse. Die medizinische Datenbank Medline zeige für die Jahre 1966-1995 allein 262 Artikel zu Dr. Watson, 186 Artikel zu Sherlock Holmes und 53 Artikel zu Conan Doyle an. Das alles hat Ph.L. Selvais (1) schon 1996 zusammengetragen.

Diskutiert würden in der Fachliteratur unter anderem Themen wie der vermeintliche Drogenmissbrauch des großen Detektives oder ob Dr. Watson eine oder zwei Kriegsverletzungen hatte.

________________________________

(1) Selvais P.L.: A study in White. Dr. Watson in the medical press. J R Soc Med. 1996; 89(6): 329–331. →pdf

(2) Wilbush J.: The Sherlock Holmes Paradigm – detectives and diagnosis: discussion paper. J R Soc Med. 1992 June; 85(6):342–345 →pdf

(3) im Original: „distinguished colleague John H. Watson“

(4) Im „Lancet“ zu publizieren ist praktisch der Olymp der medizinischen Publikationstätigkeit. Mit 1,4 Veröffentlichungen im Lancet hat man praktische die Punkte für eine Habiliation. Vielleicht sollte ich mich wirklich auf „Holmesianologie“ verlegen, wenn man mit diesem Themen im Lancet punkten kann.

Blogparade – was lese ich im Urlaub?

Jochen Mai ruft zu einer →Blogparade unter dem Motto „Lesen!- Was lese ich im Urlaub?“ auf. Ich habe erst im September Urlaub und nehme diese Blogparade als Anlass, mich mit einem kühlen Bier unter eine Zimmerpalme zu legen, mich in Urlaubsstimmung zu versetzen und zu sinnieren, was ich Ende September so lesen werde.

Da wäre also →Menschenfreunde von Dieter Paul Rudolph, frisch erschienen bei Shayol und - wie man hört - voll sexuell anregender Fußballphilosophien. Das Buch hat schon Karlsruhe erreicht und wird bis Ende September sicher auch in Österreich einlangen.

Dann muss ich endlich →Matto regiert von Glauser lesen. Ein Klassiker des Psychiatriekrimigenres. Für Leute, die sich für →Krimis mit PsychiaterInnen interessieren, also eine echte Bildungslücke, die dringend geschlossen werden muss.

Nachher muss ich auch bei den Österreichern halbwegs auf Stand bleiben. Der neue Steinfest steht an, er heißt →“Mariaschwarz“ und erscheint im August bei Piper, gerade noch rechtzeitig vor meinem Urlaub. Das Cover ist jedenfalls sehr vielversprechend.

Auf dem Wunschstapel liegt auch noch „Der letzte Weynfeld“ von Suter, hier gibt es keinen Link zum Verlag, da mir bei Diogenes regelmäßig der PC abstürzt. Das macht man zweimal und dann nicht mehr. Ich muss es lesen, weil es eine Freundin empfiehlt. Ich mag zwar keine Liebesgeschichten, die sind mir zu kitschig, aber diese hier sei nicht kitschig, sondern skurril und meine Freundin versichert mir, dass ich sie mag. Jetzt höre ich schon wieder →Georg mosern, dass das kein Krimiblog sei, ich deklarierte ja in aller Öffentlichkeit die Absicht, einen Liebesorman zu lesen. Insofern möchte ich betonen, dass es dort fast eine Tote gibt, es handelt sich also fast um einen Krimi.

Wie lange ist eigentlich mein Urlaub? Eigentlich müsste sich doch noch ein Afrika-Krimi ausgehen. Einerseits weil mich dem Kontinent verbunden fühle, seit ich dort arbeitete, andererseits weil diese Literatur in Europa gefördert und beachtet gehört, da hat →Herr Wörtche (pdf) wirklich recht. Ich nehme am besten gleich einen von →der Liste „Around the world in 80 sleuths“ des Independent, zum Beispiel →“The No 1 Ladies’ Detective Agency“ von Alexander McCall Smith.

*geändert, hier stand vorher ein missverständlicher Bezug auf Tobias Gohlis, der die Liste →hier besprochen hat.


 

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