Archiv für 14. Juli 2008

Zielgruppengerechtes Schreiben, Teil 1

→Herr Wörtche (hier steckt der Originalartikel!) schrieb letzte Woche einen →viel →beachteten →Artikel →über →zielgruppengerechtes →Verlagsmarketing. Krimis, so stellt er fest, werden heute häufig für Zielgruppen geschrieben und als korrekt definierte Zielgruppe nennt er zum Beispiel: „Frauen, die Fortsetzungskrimis mit einer wiederkehrenden Hauptfigur und psychologischen Aspekten lesen.“ Die hohe Zahl von Kriminalromanen, die für Zielgruppen kalkuliert sind, schreibt er unter anderem Leuten wie mir zu: Autorinnen und Autoren aus dem Regionalsektor.

Genau, Herr Wörtche, aber glauben Sie mir, das ist eine Kunst. Denn wir schreiben nicht für eine Zielgruppe, sondern zumeist für mehrere. Da Reinhard gemeint hat, dass ich ausschließlich als Bloggerin auftrete und überhaupt nicht als Autorin, finde ich, dass es an der Zeit ist, einmal meine Schreibwerkstatt zu öffnen und zu zeigen wie das geht mit dem zielgruppengerechten Schreiben. Wie hier schon mehfach erwähnt, schreibe ich einen Regiokrimi über die Regio Salzkammergut. Der Krimi spielt im Vogelfängermilieu, Gegenspieler der Vogelfänger sind die Tierschützer.

Der erste Schritt ist die genaue Definition der Zielgruppen. Meine Zielgruppen sind:

Vogelfänger des hinteren Salzkammerguts, die →kein Viagra mehr nehmen, weil sie die Bäume nicht mehr verlassen, die sie zum Behufe des Vogelfangs erklommen haben, während ihre Gattinnen niemals Bäume erklimmen. Auf diese Zielgruppe muss schon bei der Ausstattung des Buches Rücksicht genommen werden: Wasserfester Schutzumschlag, rucksacktaugliches Format. Von Vorteil ist auch ein Lesebändchen, mit dem das Buch notfalls an Ästen befestigt werden kann, auch Give-Aways wie Trillerpfeifen der Klangnote „Fichenkreuzschnabel“ sind von Vorteil.

Gattinnen der Vogelfänger, die sich derweil der Aufzucht der Kinder und der Pflege ihrer Liebschaften widmen. Die Bedienung dieser Zielgruppe basiert auf dem „Huch-Effekt“. Das sind die Leute, die zart erröten und „Huch“ rufen, wenn auf einer Unterhaltung →Gstanzln zum Besten gegeben werden. Denn es sind anständige Leute, die nicht düpiert werden dürfen durch allzu derbes Vokabular, auf der anderen Seite suchen sie moralische Entlastung durch literarische Vorbilder. Sie sehen, Herr Wörtche, die Bedienung der Zielgruppen setzt ein profundes psychologisches Wissen voraus. Die unbewussten Wünsche der Zielgruppe gilt es zu identifizieren und zu treffen. Die Unbewussten! Keine dieser Damen würde zugeben, dass sie Zweideutigkeiten lesen will. Aber fehlen diese – zack, sind die Verkaufszahlen im Keller. Das muss man wissen.

Die dritte Zielgruppe sind natürlich die Tierschützer, Regiokrimis werden ja bekanntlich deshalb verkauft, weil die Leute sich selber im Buch sehen wollen. Jetzt gibt es das Problem, dass die österreichischen Tierschützer grad in →Untersuchungshaft sitzen. Da muss ich mir noch etwas überlegen und wahrscheinlich das ganze Buch umschreiben. Sind die Tierschützer bis jetzt heldenhaft mit Kameras bewaffnet in die Berge gestiegen, um das Unwesen der Vogelfänger zu dokumentieren, haben sie die Hunde der Vogelfänger heimlich mit veganem Futter gefüttert, bis sich die Vogelfänger über deren grünen Stuhl gewundert haben und horrende Tierearztkosten angefallen sind, taugt das alles jetzt nicht mehr zur Identifikation. Jetzt brauche ich einen Gefängnisplot mit korrupten Richtern und bestechlichen Gefängniswärtern. Und das gibt es natürlich alles nicht im Salzkammergut, ich muss also noch eine zweite Regio einbauen. Eine wirkliche Herausforderung.

Die vierte Zielgruppe sind die Wildererinnen, das sind die salzkammerguterischen Feministinnen. Diese Zielgruppe darf niemals vergessen werden, erlauben sie doch schließlich, dass das Buch auch in feministischen Buchhandlungen außerhalb des Salzkammerguts verkauft werden kann. Feministinnen, die nicht wildern und in Wien leben, werden sich mit dieser speziellen Spielart des Feminismus beschäftigen, ins Salzkammergut reisen und das Buch kaufen. Die Wildererinnen selbst tragen Lederhosen und Gamsbart und werden deshalb im Morgengrauen selten als Frauen identifiziert, denn die übliche weibliche Silhouette einer Person in Dirndlgwand unterscheidet sich sehr von der einer Person in Lederhose. Aus diesem Grund meinen viele Leute, dass es nur Wilderer gibt, das stimmt aber nicht. Ihr Geheimnis teilen die Wildererinnen mit den Vogelfängern, denn diese Personengruppen teilen sich den Wald um vier Uhr in der Früh. Das zentrale Agens dieser Gruppe ist also das Geheimnis und das spiegelt sich auch in ihren Lesevorlieben: Das Geheimnisvolle muss gut herausgearbeitet sein, es darf auch ruhig nebelverhangen und dämmerig sein, Sagengestalten sind kein Fehler. Außerdem sind die Wildererinnen Waffenfanatikerinnen, lange Schilderungen der technischen Möglichkeiten der Tatwaffen sind erwünscht.

Die fünfte Zielgruppe ist der Fremdenverkehrsverband Salzkammergut. Diese Leute kontrollieren alle Regiomedien, man muss sich also schon wegen der einzuplanenden Vermarktung gut mit ihnen stellen. Diese Leute stehen sich drauf, dass in Regiokrimis Leuten namens Hake vorkommen, die beim Moserwirtn nächtigen und zoologische Vergleiche zwischen Hirschen und Elchen anstellen. Oder Bayern. Der Fremdenverkehrsverband will sogar, dass diese Leute in Büchern größere Gamsbärte tragen als die Einheimischen, was natürlich im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Zielgruppen eins und vier steht, andererseits wieder die Zielgruppe zwei anspricht. Oder Leute, die Lung Hoi heißen und ins Salzkammergut gereist sind, um die Gesänge der Eingeborenen zu studieren. Dann auch Leute aus dem Ruhrgebiet, die die gute Luft loben und Schriftsteller und andere Kunstschaffende aus Wien, die sogenannten Landwiener, aber das darf man nicht schreiben. Die Landwiener, hier kann ich es ja schreiben, hier sieht es niemand, kaufen beim Loden-Herbst einen Janker, essen bei der Sepplwirtin eine Gamswurst und werden auf einem Felsvorsprung nahe der Haller Alm von der Muse geküsst, worauf der Sonnenuntergang über dem Hallstättersee Eingang in die nächste Burgtheaterproduktion findet.

Wir fassen also zusammen: Dieses zielgruppengerechte Schreiben ist eine Kunst, die großes kuturelles Know How voraussetzt, psychologisches Verständnis, Sensibilität für die Bedürfnisse der Menschen, Hausverstand und Recherche. Wie man das macht, werde ich an Beispielen aus meiner laufenden Arbeit demonstrieren. Fortsetzung folgt!

Neue Einnahmequelle für Verlage

Kleine Verlage haben es nicht leicht und müssen oft mit kargen Budgets wirtschaften, was sich der Innsbrucker →Berenkamp-Verlag einfallen hat lassen, ist aber auch für einen kleinen Verlag recht →originell:

Wenn Sie uns ein fertiges Buch- oder Theatermanuskript zukommen lassen wollen, bitten wir Sie um das vollständige Manuskript in ausgedruckter Form …

… Unangeforderte Manuskripte, die Berenkamp nicht in sein Verlagsprogramm aufnimmt, senden wir grundsätzlich nicht zurück. Legen Sie daher kein Retourporto bei. Fordern Sie dennoch die Rücksendung Ihres Manuskripts, berechnet Berenkamp eine Bearbeitungsgebühr von € 120 (einhundertzwanzig Euro) inklusive Mehrwertsteuer je Manuskript; es handelt sich dabei um das Entgelt für die Bewertung des Manuskripts sowie um die Porto- und Verpackungsspesen. Die Rücksendung des Manuskripts erfolgt nur gegen Vorauskassa. Unangeforderte Manuskripte, die Berenkamp nicht in sein Verlagsprogramm aufnimmt und die der Autor nicht zurückfordert, werden drei Monate nach Einreichung entsorgt, ohne dass der Autor verständigt wird.

Also, dass kleine Verlage Rückporto oder besser noch ein frankiertes Kuvert verlangen, wenn jemand sein Manuskript zurück haben will, das ist ja normal und in Ordnung. Aber 120 Euro dafür, ein Manuskript zurückzusenden, das ist schon eine Zumutung. Bitte, dass das Manuskript gelesen wird, ist im Interesse des Verlags oder auch nicht, dann soll er es ganz einfach bleiben lassen. Niemand zwingt einen Verlag dazu, ein Manuskript zu lesen. Keiner hindert ihn daran, auf Seite drei abzubrechen, wenn es Schrott ist. Aber davon, dass der Verlag das Manuskript liest und es dann ablehnt, hat der Autor rein gar nichts, warum soll er bitte für keine Leistung ihm gegenüber bezahlen? Oder stellt Berenkamp seine ausführliche Bewertung den AutorInnen zur Verfügung? Dann wäre es aber gut, auch zu deklarieren, was die Leute für ihr Geld kriegen. In Ordnung wäre es aber selbst dann nicht, denn das ist ja keine Dienstleistung, die der Autor beim Verlag in Auftrag gibt. Er bietet das Manuskript dem Verlag zu Veröffentlichung an, wenn dieser interessiert ist, wird er es in Gottes Namen lesen müssen, aber dass es zu diesem Zeitpunkt einen Vertrag zwischen Autor und Verlag über die Dienstleistung „Bewertung des Manuskripts“ gäbe, wäre mir neu. Sonst könnte der Verlag die Manuskripte auch nicht nach drei Monaten ohne jede Rückmeldung kübeln. Oder müsste auch dafür Geld verlangen, bewertet ist bewertet.

So wie es dasteht, denkt man sich jedenfalls: Die wollen 120 Euro rein dafür, dass sie das Manuskript in ein Kuvert stecken, eine Briefmarke draufkleben und es zurückschicken, was sie damit getan haben, bleibt ihr Geheimnis.

Dass man nicht einmal antwortet, wenn man an einem Manuskript nicht interessiert ist, ist zwar vielleicht üblich, aber nicht grad die feine englische Art. Bei Berenkamp ist das aber sicher besser, für eine Standardabsage per Mail müssten sie vermutlich 70 Euro Bearbeitungsgebühr verrechnen. Für diesen einzigartigen und kreativen Umgang mit AutorInnen verleihen wir dem Berenkamp-Verlag den güldenen Eulenspiegel zweiter Klasse mit Band und wünschen weiterhin viel Erfolg.


 

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