Archiv für 6. Juli 2008

Krimifunde in Österreich

Österreichs Medien stehen derzeit unter dem Motto „True Crime“, die Urteile im BAWAG-Prozess wurden gesprochen und Helmut Elsner vermutet eine →Verschwörung.

Krimi, wohin man schaut, dazu passt Thomas Schlossers Glosse in der Wiener-Zeitung. Unter dem Titel →“die Welt- ein einziger Krimi“ stellt er fest, dass der Begriff ziemlich inflationär gebraucht werde, vom „Elfmeterkrimi“ bis zum „Wahlkrimi“. Dieser sprachlichen Inflation entspriche die kulturelle: Zu den wenigen literarischen Genres, die zurzeit boomen, gehöre der Kriminalroman.

„Krimiwochen“ gibt es anscheinend bei den Eselsohren. Hat es Anfang Juni dort eine kleine Krimipause gegeben, sind jetzt gleich sechs Krimi-Rezensionen in zwei Wochen erschienen: Über „die 6. Geisel“ von James Patterson, „der Retuscheur“ von Dimitri Stachow, „Skandal in Olympia“ von Christa Holtei, „Finnischer Tango“ von Taavi Soininvaara, „Teuflisches Genie“ von Catherine Jinks und „Dark River“ von John Twelve Hawks. →Hier geht es zur einschlägigen Abteilung. „Retuscheur“ tut allerdings weh, jedenfalls Menschen, die noch mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen sind.

Der Standard rezensiert →“das Dilemma des Maresciallo“, den 14 Florenz-Krimi der gebürtigen Engländerin Magdalen Nabb. Leider sei Frau Nabb 2007 gestorben, erfahren wir beim Standard. Sonst hätte ich gesagt, Konkurrenz belebt das Geschäft, man kann den Italien-Markt doch nicht einer Venedig-Krimis schreibenden Amerikanerin überlassen. Ich finde, es wäre auch einmal Zeit für eine Toscana-Krimis schreibenden Bulgarin. Von Magdalen Nabb habe ich übrigens noch nie zuvor gehört, sie lebte seit 1975 in Florenz uns soll eine Brieffreundschaft mit Georges Simenon unterhalten haben, erfahren wir bei der →Wikipedia.

Einen „Buchtipp der Woche“ haben die „Oberösterreichischen Nachrichten“ parat. →“Mensch ohne Hund“ von Hakan Nesser. „Ein echter Schwede“, stellen die „Oberösterreichischen Nachrichten“ fest und damit ist ja alles klar, dann macht es auch nichts, wennd die Rezension ein bisschen kurz ist. Etwas mehr erfahren wir bei den „Oberösterreichischen Nachrichten“ über →“der letzte Weynfeld“ von Martin Suter, das mag daran liegen, dass er vor kurzem erst in Linz gelesen hat. Das Buch sei „etwas anderes als der übliche Krimi von der Stange“, meinen die Rezensenten, er sei „Gesellschaftssatire und Charakterstudie“, und so nebenher erfahre man allerhand über Kunst und den Betrieb, der Kunst zu Geld mache. „Und nicht zuletzt erweist sich das Buch als Bekenntnis zum guten Leben auf gehobenem Niveau“, schließt die Rezension. Da wird mir allerdings immer ein bisschen schwummerig, wenn man Bekenntnisse in Krimis hineinliest. Wenn ich jetzt einen Vogelfängerkrimi schreibe, ist das dann ein Bekenntnis zum Vogelfang? Bitte, ein Krimi ist doch kein Beichtstuhl! Aber solange den Autoren keine Bekenntnisse zu Mord und Totschlag untergejubelt werden, ist es ja nicht so tragisch.


 

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