Das Zitat des Tages stammt von Franz Schuh. „Krimis“, so wird er von der Presse →zitiert, „sind eine Großstadtgattung – außer sie spielen auf dem Land.“
Was meint der Mann damit? Kreiert er gerade das Bonmot des Jahres? Keineswegs, so erfahren wir in der Presse. Er wolle damit sagen, dass das Verbrechen Beton-Anonymität brauche oder Dorftratsch. Dazwischen gebe es wenig, in Österreich eigentlich nur eine Kulisse, die beides gut könne: Wien
Was meint der Mann damit? Das frage ich mich jetzt erst recht. Stimmt es etwa, dass Wiener den Rest der Welt nur als Land der →“Gscherten“ wahrnehmen? Gut, Innsbruck ist weit weg, da kann es schon einmal passieren, dass Krimis wie →“Bergiselschlachten“ von Lina Hofstätter oder →“Ein unerwarteter Besuch“ von Reinhard Kocznar übersehen werden. Bludenz, Hauptschauplatz von Franz Kabelkas →“Letzte Herberge“ ist freilich noch weiter weg. →“Tote morden nicht“ von Beate Maxian spielt auf dem Land genauso wie in Städten wie Ingolstadt, München oder Vöcklabruck. Das ist da, wo der Herr Franzobel her ist, das ist der Mann aus dem Fernsehn, der aus dieser Fußballshow, der Fußballtexte schreibt. Früher einmal war er durch den Bachmann-Preis bekannt. Ernst Schmid lebt in Linz und seine →“Rita Lohmeyer“ – Krimis spielen auch dort. Gut versorgt ist Klagenfurt: Dort erscheint gar vier Mal jährlich ein →“Klagenfurter Kneipenkrimi“ von Roland Zingerle. Einer der wichtigsten Krimischauplätze Österreichs ist Graz: Immerhin wurde endet dort Wolf Haas’ →Brenner-Serie, und Wolf Haas dürfte sogar in Wien nicht ganz unbekannt sein. Auch Werner Kopackas und Thomas Schrems’ →“Zuadraht“ spielt in Graz. Einen Brenner-Krimi hat Wolf Haas auch Salzburg vermacht. Salzburg ist zudem Schauplatz von →“Poseidons Erben“ von Martin Sturmer. Aber gut, Salzburg ist auch schon wieder weit weg. Fast vor den Toren Wiens dagegen, in St. Pölten, ermittelt Manfred Wieningers →Marek Miert. Ebenfalls nicht weit weg wär’ das Burgenland, doch da finde ich nichts. Jedenfalls nichts, das in einer Stadt spielt und nicht in einem Zuschussverlag erschienen ist. Das mag daran liegen, dass es dem Burgenland an Städten mangelt. Wer etwas findet, möge es melden.
Und wie kommt Herr Schuh auf die Idee, dass von 50 österreichischen KrimiautorInnen 35 in Wien leben? Das wären ja nur 15 für den Rest Österreichs. Da gibt es aber unter anderem: Lina Hofstätter, Helmuth Schönauer, Beate Maxian, Franz Kabelka, Reinhard Kocznar, Ernst Schmid, Isabella Trummer, Werner Kopacka, Thomas Schrems, Martin Sturmer, Helga Weinzierl, Manfred Wieninger, Manfred Bauer, Roland Zingerle, Susanne Schubarsky, Irmgard Barta, Hans-Peter Vertacnik, es gibt sogar österreichische Krimiautoren, die so weit von Wien weg wohnen, dass es schon außerhalb von Österreich ist, zum Beispiel Gerhard Rekel in Berlin. Nicht mitgezählt sind jetzt zum Beispiel Leute aus ganz kleinen Verlagen, die man beim besten Willen noch nicht kennen muss, wie den neuen Kleinverlag →“Federfrei“, das wären allein bei Federfrei noch einmal vier oder fünf. Nicht mitgezählt sind auch die, die ich vergessen habe oder nicht kenne. Und wenn es außerhalb von Wien mehr als fünfzehn gibt, ist zu befürchten, dass es auch in Wien mehr als 35 gibt. Hat die Presse etwa nur Syndikatsleute gezählt?
Je länger ich diesen Presseartikel studiere, desto mehr komme ich zum Schluss, dass sich Herr Schuh und die Presse einfach nur über die – damals noch bevorstehende Criminale – gefreut haben, so sehr, dass sie gar nicht mehr aus Wien heraus wollten. Sonst hätten sie nicht übersehen können, dass es zwischen Großstadt und Land noch ein paar gar nicht so unbekannte Krimistädte gibt. Mit Venedig als Schauplatz solll man sogar richtig Geld verdienen können.
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